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In der Kälte überleben  Tierischer Winterschlaf

Strategien, Tricks und Kniffe, wie Tiere der Winterkälte trotzen

Langsam wird’s kalt! Der Winter kommt! Gott sei Dank gibt’s dicke Jacken und gefütterte Stiefel! Und auch wenn die Energiekosten immer weiter steigen – wir können die Heizung anwerfen, um uns über den Winter zu bringen. Anders die Tierwelt! Die muss sich akribisch vorbereiten, um die kalten Monate zu überleben. Der Maulwurf entscheidet sich zum Beispiel für eine Art Frischfleischdepot, Insekten benutzen ihr inneres Frostschutzmittel. Die Strategien, Tricks und Kniffe der Tiere gegen die Winterkälte wollen wir mit dem Biologen Dr. Mario Ludwig besprechen.

Ein rotes Eichhörnchen auf einem Baum

Ein rotes Eichhörnchen auf einem Baum

Beginnen wir mit der speziellen Form der Vorratshaltung, die der Maulwurf betreibt,  wie sieht die genau aus?

Mario Ludwig: Der Maulwurf hält eine Winterruhe, kein Winterschlaf. Maulwürfe schlafen nicht so lang und fest wie die Tiere, die Winterschlaf halten, weil er zwischendurch etwas zu essen braucht. Er legt sich dann einen  Vorrat an Regenwürmern an. Damit diese Regenwürmer nicht abhauen können, beißt er ihnen vorher den Kopf ab. Das heißt die Regenwürmer leben noch. So hat der Maulwurf immer Frischfleisch. Er hat eine richtige Frischfleischspeisekammer  in seinem Bau.

Das Eichhörnchen ist da um einiges humaner, es  versteckt ja Futter unterwegs im Wald irgendwo im Boden, um es im Winter fressen zu können. Stimmt es, dass viele Tiere ihr Futter dann oft nicht mehr finden im Winter?

Ja, in der Tat, manchmal finden Eichhörnchen ihren Vorrat nicht wieder, aber sie haben so viele prall gefüllte Verstecke,  dass  ein wiedergefundenes für mehrere Mahlzeiten reicht. Sie müssen also nicht hungern. 

Ich habe es gerade schon erwähnt, es gibt auch Insekten, die ihr inneres Frostschutzmittel aktivieren. Und wie funktioniert das?

Die Insekten haben die sogenannte Winterstarre. Sie sind wechselwarme Tiere, so wie Reptilen und Amphibien auch.  Alle Lebensvorgänge werden erst mal  auf Null zurückgefahren. Zusätzlich, und das ist eine tolle Geschichte, haben sie ein körpereigenes Frostschutzmittel,  z.B. ist das die Glukose. Die verhindert, dass die Körperflüssigkeiten gefrieren. Oder der Zitronenfalter, der  macht das noch toller: Er hat gleich zwei Tricks auf Lager. Der Zitronenfalter überwintert draußen.  Zum einen hat er ein körpereigenes Frostschutzmittel, das ist in diesem Fall Glyzerin. Damit kann die Körperflüssigkeit nicht gefrieren. Der zweite Trick ist, dass der Zitronenfalter zu Beginn des Winters einen Teil seiner Körperflüssigkeit ausscheidet. Er trennt sich von allem Wasser, welches er nicht unbedingt für seine Lebensvorgänge braucht. Wo kein Wasser ist, da kann auch nichts gefrieren.   So können Zitronenfalter im Winter Temperaturen von bis zu minus 20 Grad überstehen.

Jetzt gibt’s dann noch die Tiere, die sich einfach einkuscheln – beneidenswert – und den ganzen Winter verschlafen, Haselmäuse zum Beispiel, was läuft im Haselmaus-Körper ab?

Eine ganze Menge! Zuerst mal müssen sich die Haselmäuse den Bauch vollhauen. Sie fressen sich eine fette Fettschicht an, von der sie im Winterschlaf zehren können. Dann suchen sie sich ein gemütliches Plätzchen, eine Höhle, einen unterirdischen Bau, einen hohlen Baumstamm. Dort läuft der Körper dann auf Sparflamme. Die Körpertemperatur sinkt von 39° Grad auf 7° Grad. Das Herz schlägt nur noch zwei- bis dreimal in der Minute, statt wie sonst hundert Mal. Die Atmung wird sehr schwach. Es ist komplettes Energiesparen angesagt. Die Haselmäuse leben nun von ihrem Fett und zehren während ihres Schlafs nur noch von 30-50% ihres Körpergewichts.

Woher wissen die denn dann dass sie wieder aufwachen müssen?

Das weiß man nicht genau. Man vermutet, dass Haselmäuse aufwachen, wenn eine bestimmte Umgebungstemperatur erreicht ist  oder wenn sich zu viele Stoffwechselendprodukte im Körper gelagert haben.


Vier Alpen-Murmeltiere knabbern Butterkekse

Vier Alpen-Murmeltiere knabbern Butterkekse

Welche anderen Tiere halten noch diesen langen Winterschlaf?

Zum einen sind das die Igel und Siebenschläfer. Auch Murmeltiere schlafen sehr lange. Sie haben einen sozialen Winterschlaf, in dem sich die Murmeltiere aneinander kuscheln. Sie sind also Kuschelschläfer. Fledermäuse überwintern kopfunter. Für Fledermäuse ist es besonders wichtig zu überwintern, da es im Winter ja kaum Insekten gibt, von denen sie sich ernähren können.  Der Feldhamster überwintert auch. Er  erwacht allerdings immer wieder und sucht sich Nahrung, obwohl er sich vorher eine dicke Wampe angefressen hat. Einen sehr ungeschützten Winterschlaf haben Haselmäuse. Es passiert immer wieder, dass sie von Wildschweinen ausgegraben und gefressen werden.

Meine Katze lässt sich gerade vorsorglich eine Art körpereigene Winterjacke wachsen, das Winterfell. Was steckt dahinter?

Mein Kater Spiky macht das auch. Der hat jetzt schon seit 14 Tagen sein Winterfell. Das Fell wird immer dichter. Was im Fell zunimmt sind allerdings nicht die normalen Haare (Grannenhaare), sondern kleine gekräuselte Wollhaare, die ganz eng beieinander liegen. Zwischen den Wollhaaren staut sich dann eine isolierende Luftschicht. Mein Kater geht auch bei minus 10° Grad raus.

Jetzt haben wir alle bekannten Strategien abgehandelt – ist ihnen bei Ihrer biologischen Recherche auch die eine oder andere Skurrilität begegnet?

Es gibt eine „Super-Skurrilität“, und zwar ist das der nordamerikanische Waldfrosch. Er schütz sich vor der Kälte, indem er sich das Pinkeln verkneift. Das klingt relativ verrückt, und man hat sich auch gefragt, wie diese Frösche die klirrendkalten Winter in Nordamerika überleben.  Die Fröschen haben einen ganz einfachen Trick, mit dem sie verhindern, dass ihre körpereigenen Flüssigkeiten nicht gefrieren:  Indem sie sich das Pinkeln verkneifen, steigt die Konzentration an Harnstoff in den Körperzellen. Der  Harnstoff wirkt wie ein Frostschutzmittel und schützt die Frösche vor dem Kältetod. Ich glaube, die Frösche müssen dann im Frühjahr ganz gewaltig pinkeln.

Wie hält die  Froschblase es überhaupt aus monatelang gefüllt zu bleiben?

Das frage ich mich auch, ich glaube, da gibt es noch Forschungsbedarf.   

Gibt’s auch Mythen, die sich seit Jahrhunderten um die tierische Winterruhe ranken, die wir hier und heute entkräften können?

Siebenschläfer habe ich ja schon erwähnt. Jahrelang glaubte man, er heißt Siebenschläfer, weil er sieben Monate lang schläft. Das stimmt aber nicht. Manchmal schläft der Siebenschläfer sogar deutlich länger als sieben Monate. Der Name „Siebenschläfer“ stammt noch aus dem Mittelalter. Damals war der Begriff „Sieben“  ein Synonym für „lange“ oder für „viel“. Das kennen wir heute noch von den Siebenmeilenstiefeln oder den sieben Gescheiten.  

Noch so ein Mythos ist ja, dass uns die Zugvögel verlassen, weil ihnen zu kalt ist bei uns. Stimmt das?

Nein, das stimmt nicht. Die verlassen uns deshalb, weil sie kaum noch Beeren und Insekten finden. Das Nahrungsangebot ist schlecht, deswegen ziehen sie in den Süden. Das ist eine sogenannte Vermeidungsstrategie. Als Langstreckenzieher geht man nach Afrika, z.B. die Störche, Mauersegler und Schwalben.  Die Kurstreckenzieher, wie die Rotkelchen, Drossel und Stare, ziehen nach Südeuropa. 

Der Seidenschwanz, ein Wintergast aus Sibirien

Der Seidenschwanz, ein Wintergast aus Sibirien

Gibt es  auch Vögel, die zu uns nach Deutschland kommen, um hier zu überwintern?

Ja. Es gibt noch viel kältere Gegenden als Deutschland, gerade Skandinavien, Russland oder generell Osteuropa. Aus diesen kälteren Gebieten kommen Tiere her, um bei uns zu überwintern. Der Bergfink kommt im Winter aus Skandinavien nach Deutschland. Der Seidenschwanz, ein wunderbarer bunter Vogel, kommt aus der sibirischen Taiga zu uns. Er kommt jedoch nur in den Jahren, in denen es in der Taiga sehr kalt ist.

Strategien der Tierwelt,  um sich winterfit zu machen , vielen Dank an Dr. Mario Ludwig, Biologe und Buchautor.

Petra Haubner im Gespräch mir Dr. Mario Ludwig; Internetfassung: Imke Franzmeier

Letzte Änderung am: 10.01.2013, 12.58 Uhr

Siebenschläfer im Holzkasten

Tiere im Winterschlaf

Überlebensstrategien in der kalten Jahreszeit

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Im Grünen,  15.2.2011 | 4:49 min

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