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Zwischen Hoffnung und Verzweiflung Die psychische Seite von Krebs

Professionelle Hilfen für Patienten und Angehörige

Die Diagnose "Krebs" ist für die meisten Betroffenen ein Schock, der das Leben abrupt verändert. Ängste und Sorgen mischen sich mit dem Gefühl von Hilflosigkeit, oft auch Trauer oder Wut. Hinzu kommen die körperlichen Beschwerden. Wie stark Patientinnen und Patienten darunter leiden und wie ihnen gezielt geholfen werden kann, mit diesen Fragen befasst sich die Psychoonkologie. Doch davon gibt es bislang viel zu wenig Angebote.

Erschöpfter Mann hält seine Hand vor die Augen

Wie umgehen mit der Krankheit?

Die Psychoonkologie ist noch zu wenig bekannt. Davon ist der Freiburger Professor Joachim Weis überzeugt. An den großen Tumorzentren etwa finden psychologische Gespräche statt. Sie können jedoch auch dort oft nur im Gesamtpaket mit anderen ergänzenden Leistungen für eine Krebstherapie abgerechnet werden. Daher ist diese Hilfe bislang doch eher dem Zufall überlassen, kritisiert Weis. Denn bisher bekamen nur die Patientinnen und Patienten, die dies selbstbewusst eingefordert haben, auch psychosoziale Unterstützung.

Richtlinien für Hilfe

Auf der Karteikarte eines Patienten einer Arztpraxis in Berlin klebt ein Zettel «Neu/Ohne Termin Depression!

An den großen Tumorzentren finden psychologische Gespräche statt

Anfang 2014 veröffentlichten die Bürgerbewegung Deutsche Krebshilfe, die onkologische Fachgesellschaft Deutsche Krebsgesellschaft und über 50 weitere wissenschaftlich-medizinische Fachgesellschaften dafür einen Richtlinienkatalog. Diese so genannte "S3-Leitline" benennt die Standards psychoonkologischer Arbeit. Sie beginnt mit der Empfehlung, alle Krebserkrankten schriftlich zu ihrem Beratungsbedarf zu befragen, in einem so genannten Screening. Wann dafür der beste Zeitpunkt ist, wird momentan noch diskutiert.

Krebspatientinnen und -patienten reagieren unterschiedlich, und sie empfinden die verschiedenen Belastungen auf ihre ganz eigene Weise. Sie können die Last oft gar nicht im Detail ansprechen oder wollen dies nicht, um nicht zusätzlich zu leiden. Onkologen und Therapeutinnen sollten jedoch möglichst früh erkennen, wem dies "alles zu viel" wird. Krebskranke, denen es nicht gelingt, all das Schreckliche ganz individuell Schritt für Schritt zu verarbeiten, laufen Gefahr, eine Depression zu entwickeln.

Ärztin hört Patienten ab

Krebskranken droht eine weitere Gefahr

Und Untersuchungen haben gezeigt, dass eine frühzeitige psychologische Hilfe dies durchaus verhindern kann. Die Betroffenen müssen sich dazu allerdings ihren Problemen stellen. Die 13 Onkologischen Spitzenzentren in Deutschland setzen deshalb seit ein paar Jahren ein so genanntes Distress-Thermometer ein, einen Fragebogen, auf dem die Patienten und Patientinnen selbst einschätzen, wie stark sie überlastet oder überfordert sind.

Die Angehörigen im Hintergrund

Angehörige, so zeigen Befragungen, sind ähnlich stark belastet wie die Erkrankten selbst. Viele geben an, vor allem Angst zu haben. Die Klinik für Allgemeine Innere Medizin und Psychosomatik am Universitätsklinikum Heidelberg hat die spezifischen Probleme der Angehörigen nun genauer untersucht: 189 Krebskranke nahmen mit ihren Ehepartnerinnen und Ehepartnern und einigen erwachsenen Kindern an der Erhebung teil. Die Patientinnen und Patienten befanden sich gerade zur Behandlung oder Nachsorge am Tumorzentrum der Uniklinik Heidelberg. Auch hier zeigten 36 Prozent der Angehörigen erhöhte Angstwerte.

Komapatient mit Angehöriger

Für Angehörige ist eine Diagnose besonders schwer

Jeder sechste Angehörige gab als Belastung ebenfalls an, dass die Partner und Partnerinnen nicht über ihre Erkrankung und die Beschwerden sprechen wollen. Kommt das Gespräch über die Erkrankung ins Stocken oder findet sogar überhaupt nicht mehr statt – leiden die Angehörigen genau darunter besonders.

Eine offene Kommunikation sei immer besser als Schweigen, betonen die Heidelberger Forscherinnen und Forscher. Unausgesprochenes gibt Ängsten und Fantasien Raum. Konkretes Wissen kann dagegen den Umgang mit Krebs erleichtern. Am Nationalen Tumorzentrum in Heidelberg sind bei 30 Prozent der Beratungen in der psychoonkologischen Ambulanz die Angehörigen mit dabei.

Positive Wechselwirkung

Wie wichtig es ist, sowohl den Krebspatientinnen und -patienten als auch ihren Angehörigen psychische Lasten zu nehmen, wird schnell offensichtlich.

Nähe schafft Geborgenheit

Partner sollten in die Behandlungsplanung einbezogen werden

Im besten Fall entsteht eine positive Wechselwirkung im gesamten Verlauf der Krebsbehandlung: Kommen Partner und Partnerinnen von Anfang an mit ins Arztzimmer und werden am Gespräch und an der Behandlungsplanung beteiligt, kann dies auch für Mediziner und Medizinerinnen erleichternd sein. Die Patientinnen und Patienten wollen mitbestimmen, sind damit aber oft überfordert. Angehörige haben sich meist besser informiert. – Sie sind aber zu zehn Prozent auch anderer Meinung bei der Frage, wie jetzt behandelt werden soll. Grundsätzlich trifft eine solche Entscheidung immer der Betroffene, raten die Psychologen. Die Partner und Partnerinnen müssen diese allerdings mittragen. Also gilt es, einen Konsens zu finden. Da gibt es unter den Paaren sehr unterschiedliche Methoden.

Viele Krebsbiografien verlaufen ähnlich: Nach Operation, Therapie und Reha-Aufenthalt scheint niemand mehr für die Patientinnen und Patienten zuständig zu sein. Die Nachfrage nach einer ambulanten psychoonkologischen Betreuung auch außerhalb der Kliniken nehme stetig zu, registrieren die Expertinnen und Experten. Es gibt derzeit etwa 160 Krebsberatungsstellen in Deutschland.

Eher chronisch als tödlich

Angelina Jolie während einer Pressekonferenz auf dem 62. Berliner Internationalem Film Festival, in Berlin, 11.02.2012 / Brustkrebserkennung auf einem Monitor

Angelina Jolie hat etwas bewirkt

2013 suchten 500 Patientinnen und Patienten bei der Berliner Krebsgesellschaft medizinischen, psychologischen und sozialen Rat. Noch sind es überwiegend Frauen ab 60 Jahren – doch dies verändert sich gerade: Es kommen mehr Männer und auch jüngere Menschen. Das Krankheitsbild "Krebs" hat sich in den letzten Jahren stark verändert: Die akuten Krankheitsverläufe, die schnellen Todesfälle sind zurückgegangen, viele Erkrankungen verlaufen jetzt eher chronisch. Chronische Krankheiten beeinträchtigen dauerhaft das Leben von Patientinnen und Patienten, damit kommen viele nicht aus eigener Kraft zurecht.

Die Beratungsstelle der Berliner Krebsgesellschaft wendet sich an beide Gruppen: Sie kommen im Verhältnis von 60 Prozent Krebskranke zu 40 Prozent Angehörige. Untersuchungen der Berliner Charité zu diesem Angebot haben ergeben, dass alle Ratsuchenden ähnlich hoch belastet sind. Mit Alltagseinschränkungen, psychosomatischen Beschwerden oder finanziellen und beruflichen Schwierigkeiten. Der einzige Unterschied war auch hier: Angehörige haben mehr Angst.

Eine Kinderzeichnung von einer Familie vor einem Haus.

Eltern wissen oft nicht, wie sie es ihren Kindern sagen sollen

In der Berliner Beratungsstelle können Ratsuchende auch Termine mit einer Kinder- und Jugendpsychologin vereinbaren – denn Eltern wissen oft nicht, wie sie es ihren Kindern sagen sollen. Die Psychoonkologen und Psychoonkologinnen empfehlen, die Kinder nicht zu belasten, aber sachlich zu informieren und zwar immer so weit, wie die Kinder das durch Nachfragen vorgeben.
Verhaltensveränderungen der Kinder seien am Anfang ganz normal, erst wenn diese sich verstärkten, sollten Eltern auch mit dem Kind eine Beratung aufsuchen. Kostenlose Unterstützung gibt es hier für alle Beteiligten zu jeder Zeit.

Beratungslücke auf dem Land

Dies ist in größeren deutschen Städten sicher möglich – jedoch nicht auf dem Land. Ein Heidelberger Team um Mechthild Hartmann hat gerade die psychoonkologische Versorgung in ländlichen Regionen Nord-Baden-Württembergs und der Südpfalz geprüft. 245 Psychotherapiepraxen und 68 Beratungsstellen gaben an: Krebspatienten und Angehörige seien auf dem Land definitiv unterversorgt. Und die freien Träger der Therapieangebote haben oft Stiftungen als Geldgeber oder sind auf Spenden angewiesen. Andere tragen das Geld aus Zuschüssen, Fördergeldern oder Projektmitteln zusammen.

Arzt überreicht Patientin ein Rezeptschein

Die freien Träger der Therapieangebote sind auf Spenden angewiesen

Martin Wickert vertritt die Arbeitsgemeinschaft aller ambulanten psychosozialen Krebsberatungen in Deutschland. Er sagt, man müsse klar trennen zwischen Therapie und Beratung: Patienten und Patientinnen mit einer klassischen psychischen Störung sollten zu einem niedergelassenen Psychotherapeuten oder Psychotherapeuten gehen. Die anderen nur Belasteten, ängstlich oder depressiv verstimmt, kämen mit ambulanter Beratung zurecht. – Psychoonkologie ist eine professionelle Unterstützung, die Krankheit Krebs auf ganz persönliche Weise zu verarbeiten. Psychologische und soziale Hilfe zur Selbsthilfe, die alle Beteiligten mit einbezieht und mit ihren persönlichen Bedürfnissen berücksichtigt. Nicht jeder, so betonen die Expertinnen und Experten brauche eine psychoonkologische Beratung. Es soll jedoch garantiert sein, dass alle Krebspatientinnen und -patienten das Angebot erhalten und diejenigen herausgefiltert werden, die diese Hilfestellung ernsthaft benötigen. Auch sollen sie wissen, dass sie sich jederzeit – selbst Jahre später – an die Berater und Beraterinnen wenden können.

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