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Reittherapie Wie Pferde heilen helfen

In immer mehr psychiatrischen und psychotherapeutischen Einrichtungen in Deutschland kommen Therapiepferde zum Einsatz. Die Patienten lernen den Umgang mit den Tieren, striegeln, streicheln und reiten sie. Durch den Körperkontakt mit den Tieren sollen sie lernen, sich selbst und ihre Bedürfnisse zu spüren, Kontakt zu einem anderen Lebewesen herzustellen und zur Ruhe zu kommen. Dabei hilft der reittherapeutische Ansatz bei ganz verschiedenen Krankheiten und Problemen.

pferd

Das Reitpferd als Heilmittel

Die Therapie mit Reitpferden wird zum Beispiel bei Patienten mit Burnout oder Angststörungen eingesetzt. Sie lernen im Umgang mit den Tieren, sich zu entspannen und ihre eigenen Bedürfnisse zu spüren. Wie fühlt sich das an, auf dem Pferderücken zu sitzen oder zu liegen? Wie bewegen sich die Muskeln des Tieres unter mir? Wie viel Druck muss ich ausüben um das Pferd zu lenken oder wie sehr kann ich mich auch auf das Pferd verlassen?

Die Patienten beschreiben die Erfahrungen als entspannend. Die Wärme des Tieres und seine Ruhe macht sie glücklich, sie können ganz bei sich sein und werden nicht abgelenkt.

Kontakt mit speziell ausgebildeten Tieren

Therapie mit einem Pferd

Die Nähe zum Tier hilft

Therapiepferde sind speziell für den Umgang mit den Patienten ausgebildet. Sie sind besonders ruhig, hören immer auf den Therapeuten und lassen sich nicht so schnell irritieren. Die Therapeuten führen die Patienten langsam an die Pferde heran: man lernt sich kennen, das Pferd wird gestriegelt, am Zügel geführt und schließlich geritten. Dabei kommt es nicht darauf an, möglichst gut reiten zu lernen, sondern vor allem darauf, dem Tier und damit auch sich selbst nahe zu kommen. Wer auf dem Pferd sitzt, kann außerdem seine Haltung verbessern, wer liegt, seinen Rücken entspannen. Das wichtigste ist, dass der Kontakt wortlos bleibt und ganz auf der körperlichen Ebene stattfindet.

Eigene Bedürfnisse spüren

In diesem Kontakt kommen oft Erinnerungen hoch, zum Beispiel aus der Kindheit. Nach den Erfahrungen der Psychologen sind es oft positive Erfahrungen, an die sich die Patienten plötzlich wieder erinnern und an die sie anknüpfen können. Manchmal lösen sich Spannungen oder durch die Nähe zum Tier können Gefühle, die bisher unterdrückt waren, zugelassen werden. Da fließen dann schon auch mal Tränen. Verdrängte Wünsche können auf einmal ausgesprochen werden.

Mädchen sitzt auf Pferd

Kinder profitieren besonders

Das liegt vor allem daran, dass die Pferde dem Patienten körperliche Nähe geben - ein Therapeut darf das nicht. So kann an frühkindliche Erfahrungen angeknüpft werden. Wenn eine Mutter ihr Kind trägt, stellen sich die Bewegungen aufeinander ein und dass Kind kann sich auch im übertragenen Sinne "getragen", also sicher, fühlen. Diese Erfahrung kann mit dem Pferd erneuert werden. So kann neues Vertrauen entstehen.

Motivation und Stärke im Austausch

Aus den Therapiesitzungen mit den Pferden kommen die Patienten oft viel gelöster und in besserer Stimmung, als sie es vorher waren. Das motiviert auch in anderen Bereichen der Therapie, zum Beispiel bei Gruppen- und Einzelsitzungen. Wichtig ist vor allem, dass die Reittherapie in andere Therapieformen integriert wird: die Patienten, die hier in einer Gruppe sind, sollten auch andere Gruppen wie Tanz- oder Gesprächstherapie zusammen belegen, damit sie sich über ihre Erfahrungen austauschen können.

Reittherapie gibt es in Deutschland seit etwa 40 Jahren. Zunächst wurden neurologische Patienten behandelt, seit etwa zehn Jahren auch psychiatrische. Das Problem: Die meisten Krankenkassen bezahlen diese Therapieform nicht. Wenn ein Patient in einer Klinik ist, muss diese entscheiden, für welche Patienten sie selbst die Reittherapie trägt oder für wen mögliche Sponsorengelder reichen. Auch die Forschung steht noch am Anfang, bisher gibt es keine Universität, die sich mit diesem Ansatz beschäftigt.

Die Interaktion fördern

Deshalb gibt es bisher auch keine standardisierte Ausbildung - weder für die Therapeuten, noch für die Pferde. Und das, obwohl es so viele Möglichkeiten gibt, mit der Reittherapie Menschen zu helfen. Zum Beispiel bei Mutter-Kind-Therapien. Wenn Kinder entweder schon verhaltensauffällig sind oder aber die Mütter aus einer Hochrisikogruppe stammen, kann der Ansatz helfen. Besonders gefährdet sind Mutter-Kind-Beziehungen, wenn die Mütter selbst psychisch krank sind oder aber aus sehr schlechten sozialen Verhältnissen kommen: oft können sie keine echte Beziehung zu ihrem Kind aufbauen, verstehen seine Bedürfnisse und Signale nicht.

Mutter und lachendes Kind auf Übungsmatte

Die Beziehung zwischen Mutter und Kind wird gestärkt

Die Therapie mit den Pferden kann helfen: Die Kinder erfahren eine körperliche Nähe und große Ruhe durch die Tiere, die Mütter dürfen sich einmal selbst tragen lassen und lernen, Signale eines anderen Lebewesens zu deuten. Durch die Situation können sie sich besser entspannen und auf den Therapieprozess einlassen als in einer klassischen Sitzung - es sieht einfach nicht so sehr nach Therapie aus. Die Pferdetherapie verbessert das Fürsorgeverhalten den Kindern gegenüber.

Und auch für bereits verhaltensauffällige Kinder bringt die Pferdetherapie etwas: sie werden emotional offener und sind eher bereit, mit ihren Therapeuten über schwierige Themen zu reden. Außerdem werden sie direkt im Anschluss an die Therapiestunde anderen Kindern gegenüber oft ruhiger und fürsorglicher, anstatt auf Konfrontationskurs zu gehen.

Eine Chance für autistische Kinder

Eine weitere Patientengruppe, die gut auf Pferdetherapie ansprechen, sind Kinder mit autistischen Störungsbildern. Sie können im Umgang mit den Tieren Kontaktschwierigkeiten abbauen. Da autistische Kinder oft erst spät sprechen lernen, ist für sie die nonverbale Kommunikation mit den Pferden besonders geeignet.

Wie und wem die Pferdetherapie helfen kann, untersucht GREAT (German Research Center for Equine Assisted Therapy), eine private Gesellschaft zur Forschung und Evaluierung pferdegestützter Therapie in Konstanz. Hier werden beispielsweise auch die Auswirkungen der Pferdetherapie auf autistische Kleinkinder untersucht. Die Forscher dokumentieren, ob sich zwanghaftes Verhalten und stereotype Bewegungen verbessern oder die Kinder ruhiger bleiben können.

Auch in der Traumatherapie

Studien haben gezeigt, dass die Pferdetherapie auch traumatisierten Menschen hilft, zum Beispiel Kindern aus Kriegsgebieten oder Soldaten, die aus einem Einsatz nach Hause kommen.

Bundeswehrsoldaten im Einsatz

Hilfe auch für traumatisierte Soldaten

In der Traumatherapie muss zunächst eine gewisse psychische Stabilisierung stattfinden, bevor sich die Patienten damit auseinandersetzen können, was ihnen widerfahren ist. Die Pferde können dabei Stärke und Selbstbewusstsein geben, auch während der eigentlichen Traumabewältigung. So bleiben die Patienten bei der schweren psychischen Arbeit am Ball.


Erwartungen werden erfüllt

Besonders ist, dass die Therapie mit Pferden umso besser wirkt, je mehr die Patienten vorher von der Therapie erwarten. In einer Studie wurden schwer traumatisierte Patientinnen vor Beginn der Therapie nach ihren Erwartungen gefragt und hinterher, in welchem Maße diese Erwartungen erfüllt wurden. Die Erwartungen an die pferdegestützte Therapie war höher als an andere Formen und wurden dennoch erfüllt. Für Therapeuten ist das ein Zeichen dafür, wie gut sie funktioniert.

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