Gefährlicher Schwund der Nervenzellen

Ursachen und Therapien von Parkinson

Von Daniela Berg; Internetfassung: Ulrike Barwanietz

Menschen mit der Krankheit Parkinson - auch als Schüttellähmung bekannt - kämpfen gegen den Verfall der motorischen Fähigkeiten. Die Wissenschaft sucht nach Ursachen und Therapien. Die Neurologin Prof. Daniela Berg vom Hertie-Institut für Hirnforschung am Universitätsklinikum Tübingen zeigt neue Forschungsansätze.

Seniorin streichelt eine Porzellanpuppe

Seniorin streichelt eine Porzellanpuppe

Die Parkinson Erkrankung betrifft in Deutschland etwa 300.000 bis 400.000 Menschen. Beschrieben wurde die Krankheit erstmals im Jahr 1817 von James Parkinson in seinem Buch „An Essay on the Shaking Palsy“ – Eine Abhandlung über die Schüttellähmung. Aber auch schon in viel früheren Werken der Literatur wird von Personen mit typischen Parkinson-Symptomen erzählt, die zittern oder steif waren. James Parkinson war jedoch der erste, der diese Symptom-Konstellation, die uns heute die Diagnose Parkinson erlaubt, zusammenfasste.

Die Kernsymptome

Kernsymptome der Parkinson Erkrankung sind: eine Steifigkeit (medizinisch: "Rigor"), eine Bewegungsverarmung und -verlangsamung („Hypokinese“ und „Bradykinese“). Sowie ein Zittern, oft auch als Ruhe-Zittern bekannt, und eine Störung der Lage-Stabilität. Das heißt, dass die Betroffenen nicht mehr sicher gehen und stehen können, vor allem wenn sie sich umdrehen, laufen sie Gefahr zu fallen und ins Tippeln zu kommen.

Parkinson schränkt die Bewegungsfähigkeit ein

Parkinson schränkt die Bewegungsfähigkeit ein

Die Symptome beginnen einseitig und sind stets auf einer Körperseite stärker ausgeprägt als auf der anderen, der Beginn der Krankheit ist in der Regel unspektakulär: Häufig treten Schmerzen auf, zum Beispiel in der Schulter oder im Rücken. Manchmal fällt den Angehörigen auf, dass ein Arm beim Gehen weniger mitgeschwungen wird, oder aber der Patient sagt selber: „Ich kann meine Schrift gar nicht mehr so gut selber lesen, ich werde immer kleiner, wenn ich anfange zu schreiben.“


Es trifft auch jüngere Menschen

Meist tritt die Krankheit zwischen dem 50. und 60. Lebensjahr auf. Ein bis zwei Prozent der 50- bis 60-Jährigen ist betroffen, bei den Älteren sind es etwas mehr. Dennoch ist Parkinson nicht nur eine Erkrankung des Alters. Es gibt auch junge Patienten, welche Parkinson bekommen. In diesen Fällen ist die Erkrankung bedingt durch Veränderungen im Erbmaterial. Diese genetische Form wurde erst vor etwa 20 Jahren entdeckt und macht nach heutigem Wissensstand ungefähr 5 bis 10 Prozent der Erkrankten aus.

Einer der zahlreichen prominenten Parkinson-Erkrankten

Einer der zahlreichen prominenten Parkinson-Erkrankten

Auch bei der so genannten sporadischen Form, das sind all jene, die nicht auf ein einziges Gen zurückzuführen sind, scheint eine gewisse erbliche Komponente eine Rolle zu spielen. Doch die Zahlen der Vererbung bleiben auch bei erkrankten Verwandten verhältnismäßig klein: Das Risiko eines 60-jährigen Menschen, an Parkinson zu erkranken, beträgt im Normalfall ein Prozent, bei einem erstgradigen Angehörigen sind es etwa zwei bis drei Prozent.

Umweltfaktoren können eine Rolle spielen

Was sonst Ursache der Erkrankung ist, ist nach wie vor Gegenstand der Forschung. Es wird viel diskutiert, welche und ob überhaupt Umweltfaktoren eine Rolle spielen. Man weiß zum Beispiel, dass in Gegenden, wo bestimmte Pflanzenschutzmittel verwendet wurden, häufiger Parkinson auftritt. Diese Pflanzenschutzmittel sind in Deutschland nicht zugelassen.
Auch andere, viel diskutierte Faktoren könnten eine Rolle spielen. Was man aber bereits weiß, ist, dass schädliche Stoffwechselprodukte im Körper und im Gehirn dazu führen, dass Nervenzellen geschädigt werden. Ein wichtiger Begriff in diesem Zusammenhang ist der „oxidative Stress“. Er bedeutet, dass durch Stoffwechselprozesse schädliche Stoffwechselprodukte anfallen, welche die Zelle schädigen und sogar zu ihrem Untergang führen können.

Im Jahr 1919 wurde herausgefunden, dass die schwarze Substanz im Hirnstamm, die Substantia Nigra, der Ort ist, an welchem Nervenzellen zugrunde gehen und die Ursache der motorischen Auffälligkeiten liegt. Die Substantia Nigra enthält einen Farbstoff, das Melanin, welches die Zellen schwarz färbt.

Darstellung von Nervenzellen und ihren Verbindungen

Darstellung von Nervenzellen und ihren Verbindungen

Und genau diese Zellverminderung kann einen großen Teil der motorischen Symptome (Bewegungsveränderung, Verlangsamung, Steifheit) erklären.
Spätere Erkenntnisse vermuten, dass die Parkinson-Erkrankung nicht in der Substantia Nigra, beginnt, sondern früher, also aufsteigend vom unteren Hirnstamm, eventuell sogar noch tiefer vom Rückenmark ausgehend.


Unbemerkte Selbsthilfe

Aber das Gehirn hat eine enorme Kapazität, diese Verluste zu kompensieren. Es scheinen Jahre bis Jahrzehnte zu vergehen, in denen die Krankheit im Körper des Patienten ist, bevor sich überhaupt die ersten Anzeichen zeigen. Bis die Diagnose Parkinson gestellt wird, sind schon bis zu 60 Prozent Nervenzellen in der schwarzen Substanz zugrunde gegangen. Wenn also ein Patient mit den typischen Symptomen Muskelsteifigkeit, Bewegungsverarmung, Zittern zum Arzt kommt und die Diagnose gestellt wird, ist über Jahre hinweg vom Gehirn selbst eine beeindruckende Leistungsübernahme durch andere Areale vorgenommen worden.
Dies zeigt eine Strategie auf, welche in der Therapie wichtig ist, nämlich die Kompensationsmöglichkeit des Gehirns zu nutzen. Es zeigt jedoch leider auch, dass die Diagnose erst spät gestellt und damit auch die Therapie erst spät begonnen werden kann.


Frühzeitige Anzeichen von Parkinson

Bei Musikern, die an Parkinson erkranken, kann man schon sehr früh motorische Auffälligkeiten in den feinmotorischen Bewegungen erkennen. Sie bemerken die Symptome recht früh, da sie viel mehr Nervenzellen brauchen als die 40 oder 50 Prozent, die in der Regel noch vorhanden sind, bis die Diagnose gestellt wird. Oft sieht man im Nachhinein anhand der weiteren Symptome, welche Parkinson mit sich bringt, den Verlauf der Krankheit. Doch sind diese leider nicht spezifisch genug, um auf Parkinson hinzuweisen, gerade bei älteren Patienten.

Arzt und Patientin

Patientengespräch

Entscheidend sind für die Patienten oft gar nicht nur die motorischen Bewegungsauffälligkeiten. Sie leiden noch unter anderen Symptomen wie Verstopfung, Probleme beim Wasserlassen, manche haben schwere Depressionen. Außerdem können die Konzentration und die Gedächtnisleistung verändert sein, bestimmte Formen der Orientierungsstörung können auftreten, die Geruchswahrnehmung kann eingeschränkt sein, auch das Sehen, besonders das räumliche Sehen, das Erkennen von Kontrasten kann verändert sein – alles Dinge, die zunächst einmal gar nichts mit den motorischen Auffälligkeiten zu tun haben.


Medizinische Therapieansätze

Aufgrund der späten Diagnose können bisher nur die Symptome der Krankheit, nicht ihre Ursachen, behandelt werden. Zum Beispiel gibt es das Medikament L-Dopa, welches das Dopamin ersetzt, welches nicht mehr so gut in der schwarzen Substanz produziert werden kann. Dieses Medikament wird im Gehirn in Dopamin umgewandelt. Allerdings kann jahrelange Einnahme von L-Dopa auch dazu führen, dass die Bewegungskontrolle abnimmt oder die Agitation der Muskeln sogar zu sehr zunimmt. Dieses Wechselspiel zwischen Eingemauertsein im eigenen Körper und andererseits sehr starker Beweglichkeit, ist für viele Patienten extrem belastend.

Als Alternativbehandlung gilt die Gabe von Dopamin-Agonisten. Andere Wirkstoffe können die Wirkdauer des Dopamins ebenso verlängern, wobei auch hier Stoffwechselprodukte anfallen können, welche schädlich sein können. Und es gibt weitere Therapieformen wie die Tiefenhirnstimulation. Das ist eine operative Maßnahme, die Patienten im Stadium der Wirkungsfluktuation vorgenommen werden kann, um diese zu lindern und zu verbessern. In diesen Fällen kann die Krankheit praktisch bis zu fünf oder sechs Jahre verschoben werden.

Geistiges Training hilft dem Gehirn

Geistiges Training hilft dem Gehirn

Entscheidend bleibt dennoch immer die Abwägung der Verträglichkeit und Nebenwirkungen der medizinischen Maßnahme mit dem Zustand des einzelnen Patienten.

Eines der wichtigen Begleitsymptome der Erkrankung, welches circa 50 Prozent der Patienten betrifft, ist die Depression, verursacht durch den Mangel an Dopamin. In dieser Situation ist es für den Patienten schwierig, oft sogar unmöglich, sich selbst „aus dem Sumpf zu ziehen“. Und dann ist es vor allem wichtig, die passenden Medikamente zu finden. Die häufige Befürchtung übrigens, dass Medikamente gegen Depressionen die Persönlichkeit verändern könnten, steht folgendem Punkt gegenüber: Wenn dem Gehirn bestimmte Überträgerstoffe fehlen, wie es bei Parkinson der Fall ist, so hat ohne diese Wirkstoffe der betroffene Patient nicht die Möglichkeit, er oder sie selbst zu sein.


Unterstützende Therapien

Wenn es dem erkrankten Menschen gelingt, ihr Gehirn zu trainieren, dann helfen sie auch mit, den Verlauf der Symptome günstig zu beeinflussen.

Physiotherapie im Wasser

Physiotherapie im Wasser

Das Gehirn kann auf diese Weise neue Bereiche aktivieren, welche die Funktion der abgestorbenen Nervenzellen übernehmen. Wenn Parkinson-Patienten sich körperlich trainieren, zum Beispiel mit Hilfe von Krankengymnastik, oder durch Logotherapie – diese ist vor allem wichtig, weil das Sprechen im Verlauf der Erkrankung häufig leise und undeutlich wird –, und Ergotherapie, in welcher die Patienten lernen, bestimmte feine Bewegungen wieder besser auszuführen – so halten diese Therapien den Verlauf der Krankheit auf und helfen dem Gehirn, die fehlende Leistung bestimmter Areale zu kompensieren.


Mit der Krankheit leben lernen

Sind ein Mensch und seine Angehörigen von einer chronischen Erkrankung betroffen, welche sie das ganze Leben begleitet, so ist es nicht nur wichtig, die Krankheit zu akzeptieren, sondern auch zu lernen, mit dieser Krankheit tatsächlich zu leben. Patienten, welche versuchen, ein ausgewogenes, sinn- und freudvolles Leben zu führen, therapieren sich in vielerlei Hinsicht ein Stück weit selbst. Denn positive Emotionen aktivieren das Gehirn besonders.
Wenn Patienten im Moment der Diagnose große Angst bekommen, so haben sie oft Bilder vor Augen von Anderen, welche schon lange erkrankt sind. Diese Eindrücke entsprechen jedoch nicht mehr dem medizinischen Zustand der Gegenwart. Parkinson ist zwar und leider immer noch eine lebensverändernde Krankheit, doch mittlerweile wird das Gehirn mit seinen eigenen kompensatorischen Fähigkeiten in der Forschung besser verstanden und die Symptome können über einen langen Zeitraum gut mit Medikamenten und Therapien behandelt werden.

Dirigent Kurt Masur ist seit Jahren an Parkinson erkrankt

Dirigent Kurt Masur ist seit Jahren an Parkinson erkrankt

Forschung zur früheren Erkennung

Es bleibt die große Hoffnung, dass in Zukunft die Krankheit rechtzeitig erkannt werden kann, um in einem früheren Stadium eingreifen zu können, um nicht nur ihre Symptome zu behandeln, sondern ihre Ursachen. Es gibt Studien, wie zum Beispiel die Tübinger „Trendstudie“, in der Menschen in einem Alter über 50 Jahre regelmäßig alle zwei Jahre untersucht werden, wenn sie bestimmte Auffälligkeiten haben, die einer Parkinson Erkrankung vorangehen können – aber nicht unbedingt müssen. Wenn dies in Zukunft zu einer normalen Untersuchung werden könnte, welche die Menschen ab einem gewissen Alter bekommen, so könnte man Therapien zu einem früheren Zeitpunkt einsetzen, welche die Nervenzellen schützen. Diese Therapien werden aktuell jedoch erst entwickelt. Viele Firmen arbeiten an hoffnungsvollen Ansätzen, die Therapie der Parkinson Erkrankung nicht nur symptomatisch zu beeinflussen, sondern tatsächlich nervenzellschützend zu gestalten.

Stand: 03.12.2012, 14.45 Uhr

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