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Blick hinter die Kulissen So werden die Nobel-Preisträger gekürt

Der 65-jährige Biochemiker Gunnar von Heijne ist derzeit Sekretär des Nobelpreiskomitees für Chemie. Von 2007 bis 2009 war er auch dessen Vorsitzender. Im Gespräch mit Gábor Paál verrät er, wie das Komitee jährlich die Preisträger auswählt – und wie diese beim berühmten "Anruf aus Stockholm" reagieren.

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Wir haben heute den 19. September. Es sind jetzt noch zwei Wochen bis zur Bekanntgabe der Nobelpreisträger … Wissen Sie schon, wer den Chemie-Nobelpreis bekommt?

Wenn wir davon ausgehen, dass die Akademie unserem Vorschlag zustimmt, dann weiß ich es – aber mehr sage ich nicht.

Aber der Vorschlag des Komitees steht?

Ja. Und die Chemie-Sektion in der Akademie kennt den Vorschlag auch schon und diskutiert ihn.

Das Komitee besteht derzeit aus acht Personen – alles Schweden?

Ja oder sie haben zumindest lange in Schweden gelebt. Das ist zwar nicht vorgeschrieben. Aber es hat Vorzüge, denn so sprechen schon mal alle schwedisch. Die Diskussionen gehen schon sehr ins Detail, und das ist schwierig, wenn das nicht in der Muttersprache passiert. Und wenn Sie sich vorstellen, es kämen Leute aus Deutschland, den USA, sonst woher, diese Mitglieder könnten sich unter Druck fühlen, ihre eigenen Landsleute zu forcieren – oder sie würden im Verdacht stehen, es zu tun, schon das wäre nicht gut. Schweden ist ein kleines Land im Norden Ich glaube, es ist leichter für uns, die wir ein bisschen abseits stehen und nicht so sehr von Außenstehenden beeinflusst werden.

Sie haben jetzt das Vorgehen angedeutet: Sie in der Komitee machen einen Vorschlag, aber die endgültige Entscheidung trifft die Akademie der Wissenschaften. Das passiert in diesem Raum, in dem wir uns jetzt befinden – er sieht ein bisschen aus wie ein mittelgroßer Kinosaal. Ein Raum ohne Fenster, mit abgestuften Sitzreihen. Was passiert hier genau?

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1:20 min

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Blick hinter die Kulissen

So werden die Nobelpreis-Träger gekürt

Gabor Paal

Prof. Gunnar von Heijne führt durch die Räume des Nobelpreiskomitees

Am Tag der Bekanntgabe versammeln sich in diesem Raum morgens gegen 9:30 Uhr die Mitglieder der Akademie, die bei der Entscheidung dabei sein wollen. Der Saal ist dann in der Regel gut gefüllt. Die Türen werden geschlossen, keiner darf den Raum verlassen. Der Vorsitzende des Nobelpreiskomitees erläutert den Vorschlag des Komitees und wie er im Lauf der Monate zustande kam, wer alles zu Rate gezogen wurde, welche Alternativen diskutiert wurden. Und am Ende stimmen die Akademiemitglieder über den Vorschlag ab. Das passiert normalerweise durch Akklamation, also die Anwesenden heben eine Hand, wenn sie zustimmen. Manchmal beantragt aber auch jemand eine Auszählung mit Stimmzetteln. Nach der Abstimmung dürfen die Akademie-Mitglieder den Saal verlassen, aber natürlich niemandem was sagen.

Versammlungsraum des Nobelkomitees

In diesem Raum versammelt sich am Vormittag der Nobelpreis-Bekanntgabe die Akademie der Wissenschaften und trifft die endgültige Entscheidung.

Kam es schon vor, dass der Vorschlag des Komitees von der Akademie abgelehnt wurde?

Es gab mal einen Fall, das war noch vor dem Ersten Weltkrieg: Hier lehnte die Akademie den Kandidaten des Komitees ab und noch in der Sitzung machte jemand aus der Akademie einen Gegenvorschlag – das war ein schwedischer Wissenschaftler, der eine Technik erfunden hatte, die einen automatischen Betrieb von Leuchttürmen ermöglichte. Aber sonst ist mir kein Fall bekannt.

Wie kommt das Nobelpreiskomitee nun zu seinem Vorschlag? Wie gehen Sie vor?

Im Grunde beginnt gleich nach der Bekanntgabe eines Preises das Spiel von Neuem. Das Komitee verschickt Briefe an Experten und lädt sie ein, Vorschläge fürs nächste Jahr zu machen. Diese Briefe gehen Mitte Oktober raus. Wir stellen jedes Mal eine Liste von Universitäten aus der ganzen Welt zusammen, die wir anschreiben, jedes Jahr andere. Wenn aber eine Uni auf die Liste kommt, dann geht das Schreiben auch an alle dortigen Fachprofessoren. Daneben bekommen einige ausgewählte hochangesehene Wissenschaftler in der Welt eine persönliche Einladung, Kandidaten zu benennen. Alle Chemieprofessoren in Skandinavien werden automatisch eingeladen, und dazu die noch lebenden Nobelpreisträger. So gehen jedes Jahr ein paar tausend Einladungen heraus.

Deadline ist dann der 1. Februar. Denn Anfang Februar trifft sich das Komitee, um die Vorschläge zu sichten und sie mit denen des Vorjahrs zu vergleichen. Da können wir immer schon interessante Trends sehen. Aber die meisten Vorschläge kennen wir schon aus den Vorjahren, die meisten Preisträger wurden schon etliche Male vorher ins Spiel gebracht.

Wir treffen uns von da ein etwa einmal monatlich und diskutieren die möglichen Themengebiete, die den Preis verdient haben. Und wir bitten außenstehende Wissenschaftler um Stellungnahmen, fragen sie also: Wen auf diesem oder jenem Gebiet halten Sie für nobelpreiswürdig? Jede Preisvergabe wurde mehrmals vom Komitee und von außenstehenden Experten geprüft.

Und so wird bei jedem Treffen die Auswahl immer enger?

Ja. Im Frühjahr identifizieren wir eine möglichst  eine kleine Anzahl von Alternativen, von denen wir denken, dass sie dieses Jahr in Frage kommen. Und im Sommer kristallisiert sich dann langsam unser Vorschlag heraus.

Sind Sie sich im Komitee da immer einig?

Ja, wir versuchen einen Preisträger zu finden, hinter dem alle stehen. Manchmal gibt es vielleicht unterschiedliche Auffassungen darüber, wer die höchste Priorität hat, aber am Ende finden wir einen Konsens.

Gibt es da auch mal Deals nach dem Motto: Ok, ich stimme dieses Jahr deinem Favoriten zu, wenn du nächstes Jahr meinem zustimmst?

Nein. Ich bin seit 15 Jahren dabei und das ist nie passiert. Es ist ein fantastisches Komitee. Denn jeder arbeitet mit voller Hingabe, diese Arbeit hat für uns alle oberste Priorität. Wenn es einen Termin gibt, den man nie ausfallen lässt, dann die Treffen des Nobelpreiskomitees. Wir begreifen uns auch jedes Jahr als eine wirklich neue Runde. Also Gedanken wie: Letztes Jahr war diese Teildisziplin dran, dann muss dieses Jahr … so etwas kommt nicht vor.

Prof. Gunnar von Heijne

Prof. Gunnar von Heijne steht bei dem Telefon, mit dem die Nobelpreisgewinner angerufen werden.

Aber was genau sind die Kriterien?

Die Kriterien gehen letztlich auf den Willen von Alfred Nobel zurück. In Bezug auf Chemie sagte er, der Preis in Chemie soll an eine Entdeckung oder eine Verbesserung in der Chemie gehen. Er sagte: Eine Entdeckung. Das bedeutet im Umkehrschluss: Der Preis ist nicht für ein Lebenswerk gedacht. Sondern wir schauen nach Durchbrüchen. Manchmal kommt es vor, dass jemand als junger Wissenschaftler eine bahnbrechende Entdeckung gemacht hat, dann aber einen ganz anderen Weg eingeschlagen, vielleicht sogar die Wissenschaft verlassen hat, dann wäre er trotzdem noch preiswürdig, denn wir suchen nach den Durchbrüchen, die die Tür zu etwas Neuem geöffnet haben.

Und auch Verbesserungen sind nach dem Willen von Nobel preiswürdig. Und wir interpretieren das so, dass der Preis auch für die Entwicklung von neuen Methoden vergeben werden kann. Aber das Wort Verbesserung erwähnte Nobel nur beim Chemienobelpreis, bei den anderen nicht. Für Physik sagen die Statuten, es müssen Entdeckungen oder Erfindungen sein. Aber ein Kriterium hat Nobel für alle Fachgebiete festgelegt: Der Preis soll die Leistung belohnen, die der Menschheit den größten Nutzen brachte. Es kann also eine sehr grundlegende Entdeckung sein mit großen Auswirkungen für alle möglichen Forschungsfelder. Oder etwas sehr Praktisches, was im Alltag wichtig ist.

Manche Chemie-Nobelpreisträger sind oft nahe an der Medizin – stimmen Sie sich da mit den Komitees der anderen Preise ab, damit nicht zufällig ein Preisträger in einem Jahr zwei Preise bekommt?

Ja, bei Chemie besteht die Gefahr am stärksten. Wir haben mal Überschneidungen mit Physik, vor allem dann, wenn es um Methoden geht. Und wir haben Überschneidungen mit Physiologie und Medizin, etwa bei biochemischen Entdeckungen, die medizinisch relevant sind. Deshalb treffen wir uns mit diesen beiden anderen Komitees einmal im Jahr und prüfen, ob wir gleiche Kandidaten im Auge haben. Das ist gar nicht so abwegig, deshalb müssen wir das frühzeitig abklären.

Nachdem die endgültige Entscheidung getroffen wurde, gehen Sie in diesen Raum hinüber, wie geht es dann weiter?

Das ist ein Besprechungsraum, wo in der Regel auch die Treffen des Komitees stattfinden. Aber am Verkündungstag passiert hier etwas noch Wichtigeres. Nachdem die Akademie abgestimmt hat, geht eine kleine Gruppe hier herüber, der Generalsekretär der Akademie, der Vorsitzende des Nobelpreiskomitees und der Sekretär des Nobelkomitees und ein paar mehr Mitglieder. Und dann erfolgt der berühmte Anruf aus Stockholm von diesem Telefon dort. Der Generalsekretär der Akademie versucht alle Preisträger anzurufen. Wir haben in den Wochen vorher schon versucht, alle relevanten Telefonnummern zusammenzutragen und herauszufinden, wo die Personen zum betreffenden Zeitpunkt sein werden.

Wie machen Sie das?

Wir gehen da natürlich sehr diskret vor, nutzen Kontakte und manches findet man auch im Internet. Wir sind auch nicht immer erfolgreich. Ungefähr ein Drittel der Preisträger erreichen wir vor der offiziellen Verkündigung nicht. Manche sind im Urlaub und offline oder haben alle Telefone abgestellt oder sitzen in einem Flugzeug. Es gibt also viele Gründe. Aber die meiste Zeit gelingt es uns und es ist dann schon lustig, bei diesen Anrufen dabei zu sein.

Telefon

Mit diesem Telefon werden die künftigen Nobelpreisträger informiert.

Sind die anderen Akademiemitglieder beim Anruf dabei?

Nein, nur ein paar, vor allem diejenigen, die die Preisträger persönlich kennen oder aus dem Fachgebiet sind. Denn manchmal passiert es auch, dass wir die Preisträger anrufen und sie es erst nicht glauben. Und dann ist es gut, jemanden dabei zu haben, der die Person kennt und ihm versichern kann, dass es kein Scherz ist.

Können die anderen im Raum das Gespräch mithören?

Ja, der Anruf erfolgt bei eingeschalteter Freisprechanlage, alle im Raum hören mit.

Was ist die typische erste Reaktion?

Meist werden die Angerufenen erst ganz still. Und nach einer Weile sagen sie: "Wow" – das ist die übliche erste Reaktion. Aber manche lassen auch durchblicken, dass sie den Preis eigentlich schon Jahre früher erwartet hätten.

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