"Guide4Blind" - App (nicht nur) für Blinde

Elektronische Navigation hilft auch Sehenden

Von Michael Engel ; Internetfassung: Ralf Kölbel

Sind Sie schon mal mit geschlossenen Augen auch nur ein Stück weit durch ihr vertrautes Viertel gegangen? Vorbei an Bordsteinen, Straßenlaternen und Verteilerkästen? Dann wissen Sie: Für blinde Menschen ist das immer ein Balanceakt. In Soest wurde jetzt eine elektronische Navigationshilfe per Handy entwickelt, die Menschen mit Sehbehinderungen den Weg durch die Stadt erleichtern soll: der sogenannte "Guide4Blind"- geeignet nicht nur für Blinde.

Guide4Blind - Navigation (nicht nur) für Blinde

Guide4Blind - Navigation (nicht nur) für Blinde

"Guide4Blind" führt die blinden Menschen auf virtuellen Korridoren – frei von Hindernissen. Sucht man ein bestimmtes Ziel, kann man das ins Smartphone einsprechen - zum Beispiel "Osthofentor". Man kann auswählen, ob man per Sprache navigiert werden will, per Vibration oder per Geiger. Der "Geiger" ist ein Klick-Geräusch, das langsamer wird, wenn man sich von der gewählten Route entfernt.


Navigation über Korridore

Die App zeigt und sagt, wo es lang geht

Die App zeigt und sagt, wo es lang geht

Die im Smartphone gespeicherten Korridore erstrecken sich über Zebrastreifen, natürlich auch Gehwege, und sie führen bis zur Haustür. Liegen "Stolperfallen" wie Straßenpoller, Blumenkübel oder Parkuhren am Wegesrand, weist auch noch eine Stimme auf das Gefährdungspotential hin. Mit einem Zusatzgerät, das drahtlos mit dem Handy verbunden ist, kann bis auf wenige Zentimeter genau navigiert werden. Möglich wird dies durch die gleichzeitige Nutzung mehrerer komplementärer Satellitensysteme: das amerikanische Satellitensystem GPS, das russische Glonass und das zukünftige europäische Galileo. Damit erreicht man bis zu 25 Zentimeter Genauigkeit.


Ohne Blindenstock geht es nicht

Ganz ohne Blindenstock geht es auch mit dem "Guide4Blind" nicht

Ganz ohne Blindenstock geht es auch mit dem "Guide4Blind" nicht

Ohne Blindenstock geht es aber auch mit dem "Guide4Blind" nicht: Mülltonnen, zur Leerung bereitgestellt, angeschlossene Fahrräder an Pfählen oder wild parkende Autos, die kurzzeitig den Weg blockieren, müssen auch weiterhin ertastet werden. Gibt es Gefahrenstellen wie Straßenverkehrszeichen oder Treppenaufgänge, werden diese vorher angesagt.


Warnsystem für Hindernisse

Navigationssystem Galileo

Mehr Genauigkeit mit mehreren GPS-Systemen

Um auf den Zentimeter genau an Hindernissen vorbei geführt zu werden, benötigt das Handy nicht nur eine präzise Satellitenortung. Auch der Stadtplan spielt dabei eine wichtige Rolle. Herkömmliche Karten – auch die des Katasteramtes – enthalten keine Informationen z.B. über abgesenkte Bordsteine, Poller oder Parkuhren am Wegesrand. Um auch diese Hindernisse berücksichtigen zu können, musste ein spezielles Kamera-Fahrzeug wochenlang durch Soest fahren. Diese Bilddaten wurden zu Kartendaten aufbereitet, in die Karten integriert und als Grundlage für die Fußgängernavigation blinder Menschen zur Verfügung gestellt.


Virtueller Touristenführer integriert

Guide4Blind

Guide4Blind-Benutzermenü

Der elektronische Führer weiß natürlich auch über den Dom und alle anderen rund 600 Sehenswürdigkeiten der Soester Altstadt bestens Bescheid. Und deswegen sollen ab März diesen Jahres 50 solcher iPhones als virtuelle Touristenführer bereit liegen. Für Blinde, aber auch Sehende dürfen sich die Handys ausleihen. Neben Denkmälern sind Apotheken und Ärzte, Cafes, Kneipen und Geschäfte - sogar mit Öffnungszeiten und Artikeln gespeichert.

Auch für Touristen geeignet
Wer ein eigenes iPhone oder auch ein Smartphone mit Android-Betriebssystem besitzt, kann sich den Guide für 1,79 Euro auch als App herunterladen. Dann fehlen zwar die Zusatzgeräte für den Satellitenempfang und auch der externe Akku für die längere Stromversorgung ist dann nicht dabei, doch alles andere – die Karten, Infos über Denkmäler und vieles andere mehr – entsprechen der Vollversion.

Andere Städte stehen schon in den Startlöchern. In Berlin-Mitte werden derzeit die Straßen kartografisch neu vermessen. Frankfurt und auch Stuttgart haben Interesse bekundet. Der "Guide4Blind" ist für Blinde und Sehende – Touristen wie Einheimische – ein echtes Plus.

Stand: 21.01.2013, 14.25 Uhr