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Spinne

Spinnenphobie Kann man seine Angst mit einer Pille vergessen?

Viele sind betroffen: Arachnophobie. Die Angst vor Spinnen wird bisweilen mit Konfrontation therapiert. Neuste Forschungsergebnisse zeigen einen neuen Ansatz mit Medikamenten.

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Kleines Tier, große Wirkung

Mit ihren acht haarigen Beinen sind Spinnen vielen Menschen nicht geheuer. Manchen sogar so sehr, dass ihre Lebensqualität massiv leidet. Um die Arachnophobie – die Angst vor Spinnen – zu behandeln, kommt meistens die so genannte Konfrontationstherapie zum Einsatz. Dabei wird der Patient in mehreren Sitzungen mit der Spinne konfrontiert und lernt, wie die Angst gelindert werden kann.

Konfrontationstherapie – ein Lernprozess

Wie Prof. Dr. Armin Zlomuzica, der an der Ruhr-Universität Bochum Lern- und Gedächtnisprozesse sowie Emotionsverarbeitung erforscht, erklärt, lernt der Patient während der Konfrontationstherapie "sich den furchtauslösenden Situationen mit der Spinne aktiv gegenüberzustellen", so dass "er letztlich seine Vermeidungsverhalten aufgeben" kann. "Und der zweite Wirkmechanismus bei der Konfrontationsbehandlung ist, dass der Patient lernt, dass er seine Furcht tatsächlich aktiv hemmen kann und damit auch kontrollieren kann – und das ist was ganz wichtiges: diese Fähigkeit die Angst oder Furcht vor Spinnen selbst kontrollieren zu können."


Das Resultat? Der Patient macht die Erfahrung, dass das, was er tut, eine Wirkung hat. Der Patient merkt, dass er aktiv etwas an der Situation verändern kann und lindert dadurch seine Angst. Man nennt das "Selbstwirksamkeitserleben".

Schnellere Therapie mit Medikament?

Eine Studie der Universität Amsterdam hat versucht, diese Verhaltenstherapie mit der Gabe des Medikaments Propranolol zu verkürzen. Propranolol ist ein Betablocker und wird eigentlich gegen Bluthochdruck eingesetzt.

An der Untersuchung haben sich 45 spinnenängstliche Personen beteiligt. Die Hälfte der Teilnehmer bekam eine Dosis Propranolol verabreicht, die andere Hälfte ein Medikament ohne Wirkung – ein Placebo. Danach wurden alle Probanden zwei Minuten mit einer Spinne konfrontiert.

Tatsächlich reagierten die Personen, denen das Propranolol verabreicht wurde, mit weniger Angst auf die Spinne und konnten sich ihr sogar nähern.



Das Ende der Konfrontation

Ist die zeitaufwendige Konfrontationstherapie also nicht mehr notwendig? Bei den Versuchen zeigten die an der Studie beteiligten Psychologen, dass allein die Gabe des Medikaments Propranolol genügte, um die Spinnenangst zu verringern. Auch Prof. Andreas Mügge, Leiter der Kardiologie im Universitätsklinikum Bergmannsheil und im St. Joseph Hospital in Bochum, hält diese Ergebnisse für schlüssig: "Wenn sie ein ängstliches Erlebnis haben, erleben ja alle Menschen etwas Gleiches bei der Angst. Und zwar: das Herz schlägt bis zum Halse, man ist kreideweiß, man schwitzt dabei und fühlt sich schlecht." Und eben diese körperlichen Symptome der Angst werden durch die Einnahme des Medikaments gelindert.

Können negative Erinnerungen gelöscht werden?

Die Forscherinnen aus Amsterdam gehen aber noch einen Schritt weiter. Sie beziehen sich in ihrer Studie auf die Gedächtnisforschung und gehen davon aus, dass bestimmte Erinnerungen veränderbar und korrigierbar sind. Ebenso wie wir beim Berichten von persönlichen Erfahrungen dazu neigen, die Erinnerung jedes Mal anders zu erzählen, soll auch das Propranolol neben den körperlichen Veränderungen eine Veränderung im Gedächtnisses bewirken können.

psychologie

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Voraussetzung dafür ist, dass die Angst vor Spinnen mit einem persönlichen Ereignis in Verbindung steht und der Patient eine unangenehme Situation mit der Spinne verbindet. Dann, so die Annahme des Forscherteam, könne durch die einmalige Zugabe des Medikaments negative Erinnerungen, in diesem Fall die Spinnenangst, aus dem Gedächtnis gelöscht werden.

Begegnung mit Spinne bleibt notwendig

Prof. Dr. Mügge hält diese Annahme für unwahrscheinlich. Für ihn bleibt es ganz klar eine körperliche Reaktion: "Die Angst im Kopf wird mit dem Betablocker meines Wissens nicht zu beeinträchtigen sein. Es ist nur die Reaktion des Kreislaufes ... die damit behandelt wird." Seine These wird auch aus psychologischer Sicht gestützt. Denn trotz Medikament ist eine Begegnung mit der Spinne nötig, um den Angstzustand zu lindern. Deswegen führt das Propranolol auch nur in Verbindung mit der Konfrontationstherapie zu einer Symptomverbesserung.

Neuer Ansatz für die Angstforschung

Trotzdem haben die Amsterdamer Forscher mit ihrer These zur Deaktivierung von Spinnenangst einen Nerv getroffen. Auch Prof. Dr. Zlomuzica findet es sehr erstaunlich, dass tatsächlich nur die Spinnenangst verändert wurde. Aber auch er weißt darauf hin, dass die "Ereignisse nicht als eine Amnesie oder eine Löschung von Gedächtnisinhalt interpretiert werden" dürfen, weil "im Anschluss an diese Behandlung die Probanden zwar weniger Spinnenangst zeigten, ... aber keineswegs eine Art Präferenz für Spinnen oder überhaupt keine Spinnenangst".

Würde das Propranolol die "Spinnenangst" komplett aus dem Gedächtnis löschen, dann hätten die Teilnehmer überhaupt keine Angst mehr vor den Tieren. Deswegen spricht Prof. Dr. Zlomuzica von einer Veränderung statt einer Löschung der Angst.

Die Studienergebnisse der Forschergruppe aus Amsterdam geben neue Erkenntnisse über die Behandlung mit dem Betablocker Propranolol. Auch die Angstlinderung ist ein positives Ergebnis der Studie – aber ob es sich tatsächlich um eine komplette Löschung der Angst aus dem Gedächtnis handelt und ob man das Verfahren auch auf andere Angststörungen anwenden kann, muss noch weiter erforscht werden.