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Der Marsch der Wissenschaftler Auf die Straße gehen reicht nicht!

Weltweit demonstrieren am Samstag Wissenschaftler für ihre Werte. Es gibt aber auch Bedenken gegen den "March for Science" - und Anlass zur Selbstkritik. Ein Kommentar von Martin Schneider.

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Nein, amerikanische Verhältnisse haben wir in Deutschland glücklicherweise nicht. Zumindest von den herrschenden politischen Kräften werden wissenschaftliche Fakten in der Regel nicht in Frage gestellt, und man kann sicher auch nicht sagen, dass die Freiheit der Wissenschaft bei uns bedroht ist.

Wenn dennoch auch bei uns Wissenschaftler und Freunde der Wissenschaft auf die Straße gehen, hat das vor allem mit Solidarität zu tun. Mit den Kollegen in den USA, wo ein Präsident neben gesicherten "alternative Fakten" präsentiert, den Klimawandel leugnet und sein Vize biblische Schöpfungslehre und Evolutionstheorie für gleichberechtigt hält. Mit den Kollegen in Ungarn, wo ein Präsident mal eben so eine private Uni schließt, und gar nicht zu reden von den Kollegen in der Türkei, wo ein despotischer Präsident Hunderte von Wissenschaftler, die ihm nicht passen, entlässt.

Vertrauensverlust der Wissenschaft

Allerdings belegen Umfragen auch bei uns ein schwindendes Vertrauen  in die Wissenschaft. Ein Drittel der Deutschen ist der Ansicht, die Menschen vertrauten „zu sehr der Wissenschaft“ und „zu wenig ihren Gefühlen und dem Glauben“. Nur 40 Prozent vertrauen Wissenschaftlern beim Klimawandel, 17 Prozent bei der Gentechnik  Und, besonders bizarr: nur 46 Prozent der Befragten glauben Wissenschaftlern, wenn es um die Entstehung des Universums geht.

Viele der Science-Marschierer wollen auch gegen diese Tendenzen ein Signal setzen: Wissenschaft scheint einem großen Teil der Bevölkerung nur ein beliebiges Erklärmodell von vielen zu sein – und nicht die Methode, die unsere Welt am besten erklärt und unser Leben am effektivsten verbessert.  

Besonders deutlich zeigt sich die Wissenschaftsskepsis in der Medizin, wo  neben evidenzbasierten Therapien immer mehr Methoden angeboten werden, denen jegliche Plausibilität und jeglicher Wirksamkeitsnachweis fehlen.

Zweifel am Sinn des "Science March"

Kann es vor diesem Hintergrund überhaupt einen Zweifel daran geben, dass es geradezu überfällig ist, dass Wissenschaftler endlich ihren Elfenbeinturm verlassen und auf die Straße gehen?

Ja, solche Zweifel gibt es. Der amerikanische Geologe Robert Young etwa hält den weltweiten Marsch für eine sehr schlechte Idee. Seine Sorge: All die Kreise, die der Wissenschaft skeptisch gegenüberstehen, könnten sich durch die Kundgebungen in ihrer Ansicht bestärkt sehen, dass Wissenschaftler einfach nur eine gesellschaftliche Interessengruppe neben anderen sind, denen es  nur um ihre Pfründe und eigenen Interessen geht. Ein „March for Science“, so Youngs Befürchtung, könnte eher neue Gräben aufreißen statt sie zu überbrücken.

Wissenschaftler als Aktivisten?

Es stimmt schon: Bei den meisten Demos und Kundgebungen geht es um die Eigeninteressen der Demonstranten. Arbeitnehmer und Gewerkschaften wollen höhere Tarifabschlüsse, Landwirte mehr Subventionen, Frauen mehr Rechte oder bessere Bezahlung, deshalb ist Robert Youngs Sorge berechtigt, dass "die Wissenschaft" durch den March of Science wie eine von vielen Lobbygruppen wirkt.

Allerdings gibt es ja durchaus auch Kundgebungen, die nicht Eigeninteressen verfolgen, sondern ein "Statement für" etwas sein wollen - etwa die derzeit populären Europa-Kundgebungen. Und die Wissenschaftsmärsche wollen genau dies sein: ein klares Bekenntnis für die Wissenschaft. 

Daher ist das Statement "Pro Science" zwar wichtig. Allerdings dürfen die Kundgebungen nur der Anfang sein einer offeneren und ehrlichen Kommunikation über Forschung und Wissenschaft. Will die Wissenschaft wieder mehr Vertrauen gewinnen, muss sie den Ursachen der Wissenschafts-Skepsis in unserer Gesellschaft begegnen.

Auch Wissenschaft hat Fehler gemacht

Und hier müssen sich Wissenschaftler – und, nebenbei bemerkt, auch Wissenschaftsjournalisten – selbstkritisch die Frage stellen, ob da bisher alles richtig lief. Denn die Skepsis gegenüber der Wissenschaft rührt zu einem erheblichen Teil daher daher, dass es in der Bevölkerung  nur sehr rudimentäre Kenntnisse darüber gibt, wie Wissenschaft eigentlich funktioniert.

Viele Menschen nehmen die Existenz widerstreitender Hypothesen – ob beim Klimawandel, den Folgen der Gentechnik oder eben auch bei der Entstehung des Universums - als Beleg dafür, dass sich "die Wissenschaftler ja eh nicht einig" sind und man ihnen daher nicht trauen kann.

Dass wissenschaftlicher Fortschritt aber gerade über widerstreitende Hypothesen funktioniert, von denen sich nach strengen Methoden am Ende die bessere durchsetzt, das dringt kaum nach draußen. Auch wenn Forschern, die einfache Wahrheiten präsentieren, die Aufmerksamkeit sicher ist: Das Vertrauen in die Wissenschaft wird nur dann zunehmen, wenn es gelingt, die nicht ganz so einfachen Methoden und Mechanismen der Wissenschaft mit zu erklären.

Wenn daher Wissenschaftler nicht nur heute auf die Straßen gehen, sondern den March of Science als Startsignal für eine intensivere, offene und realistische  Kommunikation über ihre Forschungen begreifen, sind sie auf dem richtigen Weg.

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