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Ein junges Mädchen mit einer großen Brille liest in einem Buch.

Mehr Kurzsichtige Brille dank Smartphone

Seit einiger Zeit findet man in der wissenschaftlichen Presse immer wieder Meldungen über eine deutliche Zunahme der Kurzsichtigkeit. Die Headlines sind drastisch: "Augenmedizinische Epidemie", "Sehschwäche wird zur Normalität" oder "Der Boom der Kurzsichtigkeit". Bislang war vor allem der Ferne Osten betroffen. Dort hat die Kurzsichtigkeit innerhalb der letzten Jahrzehnte drastisch zugenommen. In städtischen Regionen wie Hong Kong oder Taiwan auf bis zu 90%. Eine große europäische Studie konnte jetzt zum ersten Mal nachweisen, dass nach Fernost auch bei uns die Kurzsichtigkeit auf dem Vormarsch ist. Man geht davon aus, dass im Moment jedes zweite Kind in der Grundschule kurzsichtig werden wird. Aber man kann etwas dagegen tun.

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In einer Presseerklärung der Deutschen Ophthalmologischen Gesellschaft (DOG) heißt es: "Ganze Schulklassen voller Brillenträger? Augenärzte rechnen in Deutschland mit einem deutlichen Anstieg von Kurzsichtigkeit bei Kindern." Zu den Herausgebern gehört auch Prof. Wolf Lagréze von der Universitätsaugenklinik in Freiburg. Er erklärt, dass schon heute fast 50 % der 25-Jährigen kurzsichtig sind. "Das heißt jeder zweite junge Mensch in Deutschland ist davon betroffen. Daraus können wir schließen, dass mindestens jedes zweite Kind in Deutschland bereits während des Schulalters kurzsichtig wird."

Die Daten der Augenärzte zeigen, dass die Kurzsichtigkeit in Deutschland von Generation zu Generation deutlich zunimmt. Je jünger, umso höher soll der Anteil in der Bevölkerung sein. Ein Sehfehler, den man dann leider auch später in der Regel nicht mehr loswird. Laut den Prognosen geht man davon aus, dass bis zur Mitte des Jahrhunderts weltweit jeder zweite von der Kurzsichtigkeit betroffen sein wird.

"Kurzsichtigkeit bedeutet, dass man nur auf eine kurze Sehentfernung scharf sehen kann. Warum? Weil das Auge zu lange gewachsen ist. Dadurch stimmt der Abstand zwischen Augenlinse und Netzhaut nicht mehr und der Blick in die Ferne wird deshalb unscharf. Das ist ungefähr so, wie wenn man eine Filmleinwand zu weit weg vom Projektor schiebt."

Wie entsteht Kurzsichtigkeit?

Meist beginnt die Kurzsichtigkeit mit acht Jahren, während der Wachstumsphase. Die Frage ist nur: Warum wachsen bei Millionen von Kindern plötzlich die Augäpfel zu weit in die Länge. Was hat sich geändert?

Natürlich liegt die gibt es die Möglichkeit, Kurzsichtigkeit von den Eltern zu bekommen. Aber das ist nicht neu. "Was sich aber geändert hat in den letzten Jahrzehnten, das sind unsere Lern-, Arbeits- und Freizeitgewohnheiten," erklärt Prof. Lagréze. "Die Menschen verbringen heutzutage viel mehr Zeit in geschlossenen Räumen, wo sie Naharbeit ausführen. Zum Beispiel auf einen Computer gucken, auf Tablets und Smartphones."

Aber natürlich auch in Bücher und Zeitschriften. Und unsere Augen scheinen sich auf diese verstärkte Naharbeit einzustellen. Das belegen auch viele Umfragen: Wer mehr liest und studiert hat auch die schlechteren Augen. Aber so einleuchtend das auch klingen mag, der exakte wissenschaftliche Nachweis konnte bisher nicht erbracht werden. Irgendetwas musste man bisher übersehen haben.

Licht ist ein Faktor

Dann fand 2007 ein amerikanisches Forscherteam durch einen Zufall heraus, dass sich unter kurzsichtigen Schülern besonders viele Stubenhocker befinden. Ein zunächst merkwürdiges Ergebnis. Auch für die Wissenschaftler in einem kleinen Tübinger Forschungsinstitut der Augenheilkunde. Hier hatte man sich bereits seit den 90er Jahren mit der Kurzsichtigkeit beschäftigt - allerdings bei Hühnerküken. Ob die Resultate der amerikanischen Kollegen auch bei ihren Hühnern stimmten? Die Forscher setzten ihre Versuchstiere kurzerhand auf den Balkon. Sie vermuteten, dass sehr helles Licht die Kurzsichtigkeit bei Kindern und bei Küken verhindern würde.

Nach ein paar Tagen konnte das Team um Prof. Frank Schaeffel mit einer selbst entwickelten Infrarottechnik ausmessen, ob das Licht einen Einfluss auf das Augenwachstum gehabt hatte. Und tatsächlich: "Die Tiere, die in der hellen Arena gehalten worden sind, sind auch tatsächlich weniger kurzsichtig geworden." Durch Tageslicht halbierte sich die Kurzsichtigkeit – bei den Hühnern.

Mehr Licht, mehr Weitsicht

Ob sich diese Ergebnisse auch auf Menschen übertragen lassen, untersuchte man in Taiwan an Schulklassen. Die Kinder hielten sich deshalb mindestens zwei Stunden täglich draußen auf, denn dort ist die Helligkeit zehn- bis hundertfach höher als in den hellsten Klassenzimmern. Zusätzlich mussten die Kinder nach 30 Minuten lesen ihre Tätigkeit für 10 Minuten unterbrechen. Die Ergebnisse sind für Frank Schaeffel eindeutig. "Mit diesen zwei einfachen Maßnahmen haben sie immerhin erreicht, dass seit 2012 die Kurzsichtigkeit wieder rückläufig ist, die vorher über Jahre nur zugenommen hat."

Es gibt also eine Lösung: Die Kinder müssen - wie in Taiwan - mehr raus ans Licht. Damit ist das Rätsel gelöst - aber nicht das Problem!

Früh vorbeugen!

Prof. Wolf Lagrezé erklärt uns, dass der Verband der Augenärzte bereits dabei ist, die Zusammenarbeit mit den Kinderärzten zu intensivieren um gezielter vorzubeugen. Noch wichtiger, wäre allerdings "die Einbeziehung der Schulen, weil Kurzsichtigkeit genau im Schulalter beginnt und zunimmt. Das ist die entscheidende Zeit."

Doch bei den Schulen selbst scheint das noch nicht angekommen zu sein. Doch früher oder später werde man sich dem Thema stellen müssen, ist sich auch Dr. Carsten Rees, Vorsitzender des Elternbeirats in Baden-Württemberg, sicher. Vor allem weil die Kinder immer länger in der Schule sind: "Im Winter kommen die Kinder um 15:30 Uhr, manchmal erst um 16:00 Uhr, nach Hause. Da ist es dunkel. Das heißt die Zeit ist verpasst."

Verpasst, für eine gesunde Entwicklung der Augen unserer Kinder. Auch wenn die Lösung so einfach scheint: Diese ein bis zwei Stunden täglich draußen müssen organisiert werden. Solange wird die Zahl der Brillenträger wohl weiter steigen.