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Krise im Wikipedia-Schiedsgericht Interview mit „MAGISTER“

Das Wikipedia-Schiedsgericht ist derzeit handlungsunfähig. Seit eines seiner Mitglieder (der Wikipedia-Benutzer „MAGISTER“) sich als aktives AfD-Mitglied zu erkennen gab, sind so viele Schiedsrichter von ihrem Amt zurück getreten, dass das Gremium nicht mehr beschlussfähig ist. Vor dem Hintergrund dieser Ereignisse wird derzeit zugleich in Wikipedia über die Identität des Autors André Jortzik mit dem gleichnamigen AfD-Vorstandsmitglied in Wismar diskutiert. Zwischen beiden Vorfängen gibt es einen erkennbaren Zusammenhang, das zu dem folgenden Interview führte.

Wikipedia-Benutzerseite von Magister

Wikipedia-Benutzerseite von Magister

Skype-Interview mit Benutzer:MAGISTER
Mitglied des Wikipedia-Schiedsgerichts, bekennendes aktives AfD-Mitglied.

Gábor Paál: Hallo - ich melde mich als Journalist, nicht als Wikipedianer

MAGISTER: Hi, ich weiß, wurde bereits vororientiert.

Gábor Paál: Gut. Dann wissen Sie ja auch, dass mich zunächst zwei Fragen interessieren. Zum einen: Sind Sie identisch mit André Jortzik, dem Vorstandsmitglied der AfD Nordwestmecklenburg?

MAGISTER: Dazu kann ich Ihnen aus Gründen Schutz Privatsphäre ebenfalls keine Auskunft erteilen. Ich stehe Ihnen gerne als User MAGISTER für Fragen zur Verfügung, da unser Kontakt auch auch Problematiken die deutschsprachige Wikipedia betreffend resultiert. Ich hoffe, Sie verstehen diesen Standpunkt.

Gábor Paál: Der Form halber schließe ich dennoch die zweite Frage an, ob Sie - nachdem Sie ja mit Jortzik zumindest in Kontakt stehen - aus Ihrer Kenntnis die Identität des gleichnamigen Buchautors mit dem AfD-Vorstandsmitglied bestätigen können.

MAGISTER: Darf ich Ihnen eine persönliche Frage stellen?

Gábor Paál: Im Anschluss an das Interview gerne. Aber es ist nun mal so: In einem Interview stellen die Journalisten die Fragen.

MAGISTER: Gut, ich realisierte diesen Schriftwechsel nicht als Interview. Sorry. Ich weiß nicht, inwieweit eine Querverbindung vom Buchautor zum AfD-Funktionär die brennenden Fragen der deutschsprachigen Wikipedia tangiert.

Gábor Paál: Sie berührt sie insofern, als es viele Wikipedianer und Nutzer interessiert, wer sich hinter dem Schiedsgerichtsmitglied MAGISTER verbirgt und Sie sich ja selbst als in der AfD aktiv zu erkennen gaben. Wenn Sie schon so weit gegangen sind, was spricht aus Ihrer Sicht dagegen, Ihre Identität ganz preiszugeben?

MAGISTER: Weil meine Tätigkeit im Rahmen der de:WP unter dem Pseudonym Magister/MAGISTER präsent ist und ich kein Interesse an public-relation unter dem Namen meiner Person erkennen lasse. Auch meine Familie sollte von diesem „Sturm im Wasserglas“ verschont bleiben.  Meine WP-Tätigkeit [WP = Wikipedia, Anm. d. Red.] ist eine umfangreiche Freizeitbeschäftigung unter für mich sehr ernsten Aspekten der Bearbeitung von Artikeln sowie im Rahmen SG [= Schiedsgericht, Anm. d. Red.] im Meta-Bereich.

Gábor Paál: In Ordnung. Dann würde ich gerne wissen: Warum haben Sie sich überhaupt als in der AfD aktiv zu erkennen geben?

MAGISTER: Eigentlich aus dem Affekt heraus. Ich konnte als realistisch denkender Mensch nicht im Vorfeld erkennen, inwieweit eine solche Polarisierung innerhalb einer kollegialen Gemeinschaft fortgeschritten ist. Ich persönlich glaube, mit der Mitgliedschaft in der AfD das Richtige zu tun, billige aber gleichzeitig meinen Mitmenschen ihre persönliche Meinung zu. Eine Mitgliedschaft eines Kollegen in einer antagonistischen politischen Vereinigung wäre für mich persönlich kein Grund, sinngemäß die Flinte ins Korn zu werfen.

Gábor Paál: Einer Ihrer ehemaligen Kollegen im Schiedsgericht begründete seinen Rücktritt auch nicht damit, dass er nicht mit einem AfD-Mitglied zusammen arbeiten wolle, sondern damit, dass - indem das nun öffentlich wurde - das Schiedsgericht nicht mehr unbefangen arbeiten könne, sondern von nun an fortwährend unter Beobachtung stünde. Unabhängig davon, dass das Schiedsgericht derzeit ohnehin nicht beschlussfähig ist - ist diese grundsätzliche Sorge nicht berechtigt?

MAGISTER: Wie genannter Kollege denkt, ist mit seinem Rücktritt irrelevant. Er hat mit diesem Schritt sein Verständnis zu Toleranz und politischem Pluralismus unterstrichen. Das SG stand immer im kritischen Focus der Community. In der Vergangenheit haben viele Kollegen, so auch ich, stets nach bestem Gewissen im Sinne der Community zu entscheiden gesucht. Manche Entscheidungen sind uns gelungen, andere erwiesen sich als nicht so optimal.  Druck ist das Gremium gewohnt, da es bis 12/16 als Einheit handelte. Mit den politisch motivierten Rücktritten ist das vorerst vorbei. Aber ich denke, die Instanz Schiedsgericht wird sich auch von dieser Zäsur erholen, so die Community eine solche Instanz weiterhin für zweckmäßig erachtet.

Gábor Paál: Die nächsten Wahlen sind, wenn ich es richtig sehe, im Mai - rechnen Sie damit, dass das SG bis dahin noch etwas entscheiden kann?

MAGISTER: Die Community ist dabei, einen modus vivendi zu erarbeiten. Sollte der derzeitige Sachstand bestehen bleiben, ist das SG bis 05/17 numerisch nicht beschlussfähig, kann also auch keine Entscheidung bezüglich Kontroversen in der Community treffen.

Gábor Paál: Werden Sie nochmal kandidieren?

MAGISTER: Darüber machte ich mir noch keinerlei Gedanken.

Gábor Paál: Sie gehörten dem SG an, bevor es die AfD gab. Wann sind Sie eingetreten und was hat Sie dazu bewogen?

MAGISTER: Ich bin Mitglied seit Herbst 2015. Grund für diesen Schritt war eine mehr als skeptische Beurteilung der gegenwärtigen politischen Lage, insbesondere die Euro-Rettung erscheint mir nach wie vor als Fiasko. Aber auch eine Politik, die einen unbeschränkten Zuzug unter dem Deckmantel des Asylrechtes billigt, stellte einen wesentlicher Grund dar. Ich betone, ich lehne nicht die Menschen ab, die zu uns kommen, aber vehement eine Politik, welche eine Masseneinwanderung aus Nahost/Nordafrika impliziert. Außerdem glaube ich, dass internationale Verträge eingehalten werden sollten. Um meiner Stimme ein bissl Gewicht verleihen, bin also im genannten Zeitraum erstmalig in meinem Leben einer politischen Vereinigung beigetreten.

Gábor Paál: Zum Verständnis: An welche internationalen Verträge denken Sie da?

MAGISTER: Die Verträge der Europäischen Union direkt oder indirekt Personenverkehr aus Nicht-EU-Staaten betreffend: Dublin III oder Schengen.

Gábor Paál: In der Wikipedia steht im Artikel "Alternative für Deutschland": "Verschiedene Wissenschaftler erkennen seither bei Teilen oder bestimmten Führungspersonen der AfD auch rechtsextreme beziehungsweise völkisch-nationalistische, so zum Beispiel antisemitische Tendenzen und Argumentationsmuster." Sehen Sie diese Tendenzen in Ihrer Partei auch?

MAGISTER: Diesbezüglich stellt sich die Frage, wie man genannte Begrifflichkeiten definiert. Ist eine Rückbesinnung auf deutsche Traditionen völkisch? Was ich generell verneine, ist unterschwellig implizierter Antisemitismus und im Besonderen eine Homophobie innerhalb der AfD. Die Mitglieder in meinem nahen Umfeld machen sich in erster Linie Sorgen, vor allem um die Zukunft ihrer Kinder.

Gábor Paál: Das hängt dann wieder davon ab, was man mit deutscher Tradition meint. Bei Ihnen selbst fällt auf, dass Sie ein besonderes Interesse an Artikeln über Panzer der Wehrmacht zeigen. Das erweckt den Eindruck einer gewissen Faszination. Ist das die Art von Tradition, die Sie meinen, wenn Sie von Rückbesinnung sprechen?

MAGISTER: Lach, sicher nicht. Mein Interesse zur den WWII-Panzern bei Wikipedia galt stilistischer Unterstützung der Hauptautoren. Ich verfüge nicht über entsprechende Literatur, in diesen Themengebieten inhaltlich tätig zu werden. Deutsche Tradition besteht aus meiner Sicht nicht aus Panzertechnik. Aber mal Heinrich Heine zu lesen oder die Selbstfindung in den Befreiungskriegen zu ergründen, das hat schon etwas. Ich schreibe gern über das Mittelalter, dort gab einen deutschen Staat im heutigen Sinne auch nicht, dennoch gehört diese Epoche zu unserer Vergangenheit.

Gábor Paál: Ein Vorwurf gegen Sie lautete auch, Sie hätten sich lange schützend vor den inzwischen gesperrten Benutzer PimboliDD gestellt, der nicht nur durch Vandalismus auffiel, sondern u.a. auch durch einen eher unkritischen Umgang mit Nazi-Literatur und einer Tendenz zur Glorifizierung von NS-Funktionären. PimboliDD hat sich bei Ihnen mit einer persönlichen Auszeichnung "Held der Wikipedia" bedankt, die noch heute auf Ihrer Benutzerseite prangt. Wie stehen Sie zu dem Vorwurf?

MAGISTER: Für mich war PimboliDD ein Autor, der mich als Mentor um Hilfestellung ersuchte und dem ich mit einer ganze Reihe von Ratschlägen zur Seite stand. Manche hat er beherzigt andere nicht. Ein unglaublich produktiver Autor, dem leider die Quantität stets näher als die Qualität lag.  Insbesondere mit der Referenzierung seiner Artikel gab es Probleme. Mit der Zeit „erarbeitete“ sich PimboliDD seinen Ruf, was mit Accountsperre endete. Ich hätte ihm aus heutiger Sicht vielleicht mehr helfen sollen, aber bei Beratungsresistenz endet in einem kollaborativen Projekt eben auch Hilfsbereitschaft. PimboliDD war hingegen kein „rechtsradikaler“ oder als ähnlich zu bezeichnender Autor.

Gábor Paál:
Letzte Bemerkung: Ihr Skype-Profilbild ähnelt auffallend dem Facebook-Profilbild von André U. Jortzik ...

MAGISTER: Das ist manchmal so.

Gábor Paál: Vielen Dank für das Interview.

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