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Grafik einer Krebs-Zelle

Weltkrebstag Neue Krebs-Therapien für viel Geld

Die Krebstherapie hat in den vergangenen Jahren entscheidende Fortschritte gemacht; einige Tumorarten lassen sich mit neuen Immuntherapien und zielgerichteten Medikamenten deutlich besser behandeln. Eigentlich eine rundum positive Entwicklung. Aber so einfach ist es nicht: die neuen Mittel schlagen nur bei einigen Patienten an und verursachen teils heftige Nebenwirkungen. Und sie sind extrem teuer – oft um die 100.000 Euro pro Behandlungsjahr. Jetzt werden immer mehr dieser neuen Substanzen im Eilverfahren zugelassen. Fragen an unsere Medizinexpertin Ulrike Till:

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Wie groß ist das Problem, steht unser Gesundheitssystem demnächst vor dem Kollaps?

Wenn die Entwicklung so weitergeht wie im Moment, dann steuern wir glaube ich tatsächlich auf eine Krise zu; bisher wird das öffentlich aber noch kaum diskutiert. Dabei sind die Zahlen wirklich beunruhigend: die neuen Medikamente kosten im Schnitt zehn- bis 40mal soviel wie herkömmliche Chemotherapeutika. Besonders rasant steigt derzeit der Einsatz von Immuntherapien, Vorreiter ist hier das Medikament Nivolumab. Das Mittel hat bei fortgeschrittenem schwarzem Hautkrebs in einigen Fällen verblüffende Erfolge erzielt und ist jetzt auch für die meisten Arten von Lungenkrebs zugelassen; wahrscheinlich dürfen Ärzte den Antikörper bald auch gegen bestimmte Nierentumore verordnen. Ein Jahr Behandlung kostet rund 100.000 Euro. Wenn Onkologen das Medikament nun zehntausenden von Patienten verschreiben, werden die Kosten explodieren. Und Nivolumab ist ja nur eines von vielen neuen Mitteln, die anderen Substanzen sind mindestens genauso teuer.

Ein Mann mit Mundschutz hält eine Probe mit blauer Flüssigkeit vor sich und betrachtet sie.

Die Erforschung neuer Krebs-Medikamente ist teuer.

Aber wenn die Patienten damit geheilt werden, lohnt sich doch die Investition…?

Das ist genau der Punkt; in den allermeisten Fällen sind die Kranken nicht geheilt, sondern gewinnen nur einige Monate Lebenszeit. Bei manchen Betroffenen sind es auch Jahre, aber das weiß man eben leider nicht vorher. Außerdem schlagen die neuen Mittel längst nicht bei jedem Patienten an, die ersten Immuntherapien haben im Schnitt nur bei jedem fünften Krebskranken Wirkung gezeigt; inzwischen sind es immerhin schon rund vierzig Prozent. Häufig ist die teure Behandlung also umsonst. Jetzt will man mehrere Mittel kombinieren und so bessere Ergebnisse erzielen – das treibt den Preis der Behandlung aber noch weiter nach oben. Und es führt oft zu noch mehr Nebenwirkungen: die Patienten leben dann zwar länger, müssen in ihren letzten Wochen und Monaten aber leiden.

Warum sind diese neuen Krebsmittel denn überhaupt so extrem teuer?

Das hat einige Gründe, der wichtigste sind die enorm hohen Entwicklungskosten: die meisten Experten schätzen, dass es rund 2,5 Milliarden Dollar kostet, ein neues Medikament zu entwickeln. Das liegt nicht etwa daran, dass die Ausgangsstoffe oder die Herstellung so teuer wären. Nein, es liegt daran, dass es nur ein Bruchteil aller vielversprechenden Substanz bis zur Marktreife schafft; die meisten scheitern schon während der klinischen Tests – weil sie entweder doch nicht den gewünschten Erfolg zeigen oder die Nebenwirkungen zu gefährlich sind. Und bei Krebsmitteln floppen noch mehr Wirkstoffkandidaten als in anderen Bereichen: nur 5 Prozent der Substanzen schafft es nach ersten Tests am Menschen bis zur Zulassung; bei Herz-Kreislauf-Mitteln sind es viel mehr, nämlich rund 20 Prozent. Wegen der vielen Misserfolge sind Kosten und Risiko so hoch, das holen die Pharmafirmen dann über hohe Preise bei den wenigen Neuzulassungen wieder herein.

Auf diversen Geldscheinen liegen Medikamente ausgebreitet.

Neuere Therapien gegen Krebs sind oft sehr teuer. Verkraftet das unser Gesundheitssystem?

Welche Rolle spielt denn dabei der Patentschutz für neue Wirkstoffe – der läuft ja nach zwanzig Jahren aus, danach dürfen dann auch billige Nachahmerprodukte verkauft werden…

Stimmt genau, aber genau das sorgt eben vorher für möglicherweise übertrieben hohe Preise: weil es bis zur Marktreife oft rund 15 Jahre dauert, bleiben dann nur noch ein paar Jahre übrig, in denen die Hersteller ihre Kosten wieder einspielen können. In Deutschland dürfen sie im ersten Jahr nach der Einführung eines neuen Mittels den Preis komplett selbst bestimmen, erst danach beginnen die Preisverhandlungen mit den Kassen; das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen IQWIG spielt mit seinen Nutzenbewertungen dabei eine Schlüsselrolle. Bei einem neuen, sehr teuren Diabetesmittel haben Hersteller und Kassen sich letztes Jahr nicht einigen können – daraufhin hat das Pharmaunternehmen das Medikament in Deutschland einfach vom Markt genommen. Das könnte auch mit neuen Krebsmitteln passieren, wenn das IQWIG den Nutzen bezweifelt und die Kassen die Erstattung verweigern.

Gibt es denn Lösungsansätze – wie könnte man rechtzeitig gegensteuern?

Da gibt es verschiedene Modelle: die Schweden haben zum Beispiel schon vor Jahren entschieden, welche Gesundheitsleistungen am wichtigsten sind – in ihrer Prioritätenliste steht Prävention vor der Linderung chronischer Krankheiten. Und England hat eine knallharte ökonomische Formel, die entscheidende Masseinheit ist ein "QUALI": das ist ein Lebensjahr bei guter Lebensqualität – und das darf 40.000 Euro kosten, mehr wird nicht erstattet. Bei uns wäre dieses Modell wohl nicht durchsetzbar, das will im Moment auch niemand. Einen ganz anderen Weg schlagen manche Krebsärzte vor, die selbst an neuen Wirkstoffen forschen: nämlich mehr öffentliche Förderung für frühe Medikamententests an Unikliniken. Was wir im Moment vor allem brauchen, ist eine breite öffentliche Diskussion des Themas – sonst werden wir von den Kosten der neuen Mittel schlicht überrollt.

Eine Frau bei einem CT. Ein Doktor steht daneben.

Wie viel Geld darf ein Stückchen mehr Hoffnung für die Patienten wirklich kosten?

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