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Großes Genie, Kleine Welt  Søren Kierkegaard zum 200. Geburtstag

Von Barbara Zillmann; Internetfassung: Ralf Kölbel

Vor 200 Jahren, als Sören Kierkegaard geboren wurde, gab es noch nicht ansatzweise jene moderne Medien-Massengesellschaft, deren seelen- und geistzersetzende Verfassung zu einer unserer größten Herausforderungen geworden ist. Doch der dänische Denker, ein Einzelgänger par excellence, hatte die Problematik bereits im Kern erkannt: "Die Menge ist die Unwahrheit."

Kierkegaard in Kopenhagen

"In unserer Zeit glaubt man, das Wissen gebe den Ausschlag, und wenn man nur die Wahrheit zu wissen bekomme, je kürzer und geschwinder, je besser, so sei einem geholfen. Aber Existenz ist etwas ganz anderes als Wissen."


Der Sokrates von Kopenhagen
Am 5. Mai 1813, vor 200 Jahren, kam Søren Kierkegaard als siebtes und jüngstes Kind eines frommen Kaufmanns zu Welt. Der Vater war mit der Herstellung von Wollwaren, mit Strümpfen, Handschuhen, Mützen zu Wohlstand gelangt; Søren ist ein zartes, weinerliches Kind und wird doch die meisten seiner Geschwister überleben. Als Student der Philosophie und Theologie lebt er vom Geld des Vaters, nach dessen Tod von seinem Erbe. Der Philosoph Robert Zimmer:

Søren Kierkegaard wird auch bezeichnet als der "Sokrates von Kopenhagen", weil er sein ganzes Leben in dieser Kleinstadt verbrachte - Kopenhagen war damals eine Stadt von 40.000 Einwohnern, für unsere Verhältnisse eine Kleinstadt sozusagen, in der die Bildungseliten und die höheren Stände, zu denen er ja auch zählte, sich alle gegenseitig kannten.

Sarkastischer Lebemann

Kierkegaard hat zunächst ein Leben als stadtbekannter Dandy in Kopenhagen geführt. Es gab Kneipen - heute würde man sagen Clubs - in denen man sich traf, junge Erwachsene, die ihre Freude daran hatten, sich über alles und jedes zu erheben, indem sie es lächerlich machten. Kierkegaard war ein Meister des Sarkasmus und des zynischen Spotts über alles und jeden - hat sich feiern lassen als hochintelligenten Menschen, der alles sofort durchschaut und niedermachen kann. Kierkegaard legte sich mit der Staatskirche an, mit selbstgefälligen, saturierten Bürgern, aber auch mit seiner eigenen Zunft, den Philosophen.

Und das tut er auch, weiß der Theologe und Ethikprofessor Michael Bongardt. Kierkegaard legte sich mit der Staatskirche an, mit selbstgefälligen, saturierten Bürgern, aber auch mit seiner eigenen Zunft, den Philosophen.

Ein Einzelner in der Masse
Früh schlägt Kierkegaard in kleinen "literarischen Anzeigen" sein Grundthema an: die Rolle des Einzelnen im Verhältnis zur Masse, in der sich viele auch gern verstecken. Im Kulturbetrieb werde das "Publikum" zu einem solchen Versteck, und zu einer nivellierenden Macht - und sei doch eigentlich nur ein Phantom.


Kierkegaard als Verführer

Lust, Sinnenreiz, Gut und Böse. Auch über Liebe und Erotik schreibt Kierkegaard eine freche Schrift. Sie ist Teil seines Hauptwerkes "Entweder - Oder", wird aber auch separat veröffentlicht. Michael Bongardt: Das einzige Buch, mit dem Kierkegaard Zeit seines Lebens Geld verdient hat, alles andere musste er bezahlen, weil es sich nicht verkaufte: das "Tagebuch des Verführers". Ein kleines Buch, in dem ein Mann beschreibt, wie er es genießt, eine Frau Schritt für Schritt zu verführen, und wie er dann in dem Moment, wo ihm das dann gelungen ist, er sie also ins Bett bekommen hat, sie fallenlässt, weil sein Genuss die Verführung ist und gar nicht so sehr die Sexualität und nicht das Zusammensein mit einer Frau, sondern er genießt sich als Verführer:

"Recht so, entschlossen und machtvoll, das rechte Bein vor das linke. Wie sieht sie sich kühn und keck um in der Welt. Sehe ich recht, sie hat ja einen am Arm, also verlobt. Lass sehen mein Kind, welch ein Präsent für dich an des Lebens Weihnachtsbaum gehangen hat... Das sieht nach einem soliden Bräutigam aus... sie liebt ihn - schon möglich. Jedoch ihre Liebe umflattert ihn weit und geräumig, lose, sie besitzt noch jenen Mantel der Liebe, der viele decken kann."


Persönliches Scheitern in Liebesdingen
Die flotte Beschreibung eines erotischen Draufgängers täuscht nicht darüber hinweg, dass Kierkegaard selbst in Liebesdingen unter Skrupeln litt. Die Verlobung mit einer 10 Jahre jüngeren Frau, Regine Olsen, löste er nach nur einem Jahr - er scheue sich vor einer festen Bindung und fürchte, die Geliebte unglücklich zu machen. Den tragischen Verlauf erlebt Kierkegaard als persönliches Scheitern. Nun beginnt er, die schweren Seiten seiner Existenz zu erforschen. Etwa in der Kindheit.


Religiöser Wahn des Vaters
"Hier liegt meines Lebens Schwierigkeit. Ich bin von einem Greis ungeheuer streng im Christentum erzogen worden, deshalb ist mein Leben mir furchtbar verwirrt worden. Deshalb bin ich in Kämpfe gestoßen worden, an die niemand denkt, geschweige denn darüber spricht."

Der Greis ist sein Vater Michael Pedersen Kierkegaard. Als kleiner Junge wird Søren streng religiös erzogen und erlebt, wie sein Vater unter zerstörerischen Schuldgefühlen leidet. Er habe vor Gott gesündigt, einmal zum Beispiel verfluchte er als kleiner Hüte-Junge Gott mitten auf dem Feld, und später begann er ein Verhältnis mit einer Magd. Sie wurde zwar später seine Ehefrau und die Mutter seiner Kinder, aber so etwas wie Glück kann der schwermütige Mann nicht annehmen.

1819, da ist Søren 6 Jahre alt, beginnt eine tragische Phase im Leben der Familie: bis auf einen Bruder sterben alle Geschwister und die Mutter. Der Vater weiht Søren in seine düsteren Phantasien ein: dies sei ein Fluch Gottes, keins seiner Kinder könne älter als 34 Jahre werden - wie Jesus.

Erst nach dem Tod des Vaters kann er dem religiösen Wahn entkommen. Und hat bis dahin einen hohen Preis gezahlt:

"Ich habe keine Unmittelbarkeit gehabt und habe daher, ganz menschlich betrachtet, nicht gelebt. Ich habe sofort mit der Reflexion begonnen, ich habe, als ich älter wurde, nicht "ein wenig Reflexion gesammelt", sondern eigentlich bin ich Reflexion von Anfang an."

Letzte Änderung am: 03.05.2013, 13.22 Uhr

Großes Genie, Kleine Welt

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Großes Genie, kleine Welt: Søren Kierkegaard

Von Barbara Zillmann

Der dänische Dichter und Philosoph Søren Kierkegaard, geboren am 5. Mai 1813, wächst in einer frommen, kleinbürgerlichen Familie voller Schwermut auf. In einem dandyhaften Leben sucht er zunächst die persönliche Befreiung. Doch was beflügelt die Seele in einer Welt der oberflächlichen Genüsse wirklich? Kierkegaard gilt als spielerischer und scharfzüngiger Vordenker der modernen Existenzphilosophie.

SWR2 Wissen,  3.5.2013 | 27:34 min

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