Bitte warten...

Eine Schule für alle Kinder Wie Inklusion gelingen kann

Bisher ist das deutsche Schulsystem darauf ausgerichtet, die Schüler nach ihrer Leistungsfähigkeit zu unterteilen und sie in unterschiedlichen Schulen zu unterrichten. Kinder mit einer Behinderung kommen schon in der Grundschule in Förderschulen, die auf die jeweilige Beeinträchtigung ausgerichtet sind. Es gibt Schulen für blinde Kinder, für Taube, für diejenigen mit einer Lernbehinderung, mit körperlichen oder geistigen Einschränkungen. Doch inklusive Schulen gehen einen anderen Weg.

Lukas und Max lernen gemeinsam in einer Grundschule

Lukas und Max lernen gemeinsam in einer Grundschule

In einer inklusiven Schule schlagen die Kinder zunächst alle den gleichen schulischen Weg ein, egal wie leistungsfähig oder förderbedürftig sie sind. Das bedeutet, egal wie schwer behindert ein Schüler oder eine Schülerin ist, ob verhaltensauffällig oder hochbegabt, all diese Kinder lernen zusammen in gemeinsamen Klassen. Das ist der entscheidende Punkt, es spielt hier gar keine Rolle, welche Voraussetzungen die Kinder mitbringen oder welche familiären Verhältnisse im Hintergrund stehen.

Eine Frage der Menschenrechte und Anliegen der Vereinten Nationen

In den vergangenen zehn Jahren hat das Prinzip der Inklusion immer mehr Fürsprecher gefunden. Vor allem seit Deutschland im Jahr 2006 die UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen mit beschlossen und später in nationales Recht umgesetzt hat, ist der Druck auf das Schulsystem deutlich gestiegen, sich in Richtung Inklusion zu entwickeln.

Inklusion sei nicht kostenneutral zu haben (Doro Moritz)

Inklusion sei nicht kostenneutral zu haben (Doro Moritz/GEW)

In der Konvention hat sich Deutschland dazu verpflichtet, Menschen mit Behinderung nicht auszugrenzen und ihnen einen Platz in der Mitte der Gesellschaft zu ermöglichen. Neben vielen anderen Bereichen des täglichen Lebens betrifft diese Verpflichtung vor allem das Bildungssystem. Denn das bisherige Prinzip, dass behinderte Kinder nicht in Regelschulen lernen dürfen, sondern ihnen stattdessen nur Förderschulen offenstehen, widerspricht der Konvention und ist damit nach allgemeiner Auffassung rechtswidrig.

Inklusion bedeutet allerdings weit mehr, als nur die Regelschulen für Behinderte zu öffnen. Ein vollkommen inklusives Schulsystem würde niemanden ausgrenzen. In der Praxis heißt das, Kinder auch nicht nach Leistungsstärkeren und -schwächeren zu unterteilen und in unterschiedlichen Schulen zu unterrichten. Streng ausgelegt bedeutet Inklusion folglich ein eingliedriges Schulsystem von der ersten bis zur letzten Klasse.

Diskriminierung ist in Deutschland besonders stark

Die UN-Behindertenrechtskonvention geht nicht so weit, dass sie eine einzige Schule verlangen würde. Sie legt fest, dass 80 Prozent aller Kinder mit Behinderung in Regelschulen unterrichtet werden sollen. Von dieser Marke ist Deutschland jedoch noch sehr weit entfernt. Die Situation in den einzelnen Bundesländern unterscheidet sich dabei deutlich.

Inklusion

Eine Schule, die inklusiv ist, muss offen sein für alle Kinder

Hamburg hat als einziges Land vor kurzem festgeschrieben, dass jedes Kind Anrecht auf einen Platz in der Regelschule hat. In den übrigen Bundesländern steht meist ein Finanzierungsvorbehalt im Schulgesetz. Das bedeutet, dass die Schule zuerst die räumlichen und personellen Mittel vorweisen muss, die für das Förderkind notwendig sind. Dieser Vorbehalt ist die höchste Hürde für Förderkinder, auf einer Regelschule aufgenommen zu werden. Familien, die Kinder mit Behinderung haben, sind zum Teil dermaßen belastet, dass sie nicht die Zeit haben, um für weniger eingeschränkte Bildungsmöglichkeiten für ihre Kinder zu kämpfen.

Weite Sonderschulwege

Meist gibt es pro Stadt oder Landkreis eine Schule für jeden Förderschwerpunkt. In dieser werden dann alle Kinder mit ähnlichen Einschränkungen gesammelt und unterrichtet.

2012 hatte das Sozialministerium in Mainz zu einem Flashmob für Inklusion aufgerufen

2012 hatte das Sozialministerium in Mainz zu einem Flashmob für Inklusion aufgerufen

Das hat zwei Effekte: Die Schulen sind meistens relativ weit weg vom Wohnort des Kindes und in den Klassen lernen die Kinder ausschließlich mit Schülern zusammen, die eine ähnliche Behinderung, wie sie selbst haben.
Doch viele Eltern wollen, dass ihre Kinder von ihrer Behinderung unabhängige Vorbilder in ihrem Freundeskreis finden und so für ein relativ eigenständiges Leben vorbereitet sind. Oder dass sie gemeinsam mit den Kindern aus der Nachbarschaft in eine Klasse gehen und so Freunde in ihrer Umgebung finden. Doch das entscheidende Argument für Inklusion und einer der prägendsten Eindrücke, der beim Besuch einer inklusiven Schule bleibt, ist der ungezwungene und selbstverständliche Umgang zwischen behinderten und nichtbehinderten Kindern.

Abstimmung über die Einheitsschule

Abstimmung über die Einheitsschule

Trotzdem gibt es erhebliche Widerstände gegen Inklusion. Viele Kritiker sagen, ein inklusives Schulsystem sei zu teuer. Da ist zum einen die Infrastruktur der Schulen: Sie müssen barrierefrei werden, sodass jeder Klassenraum für Kinder im Rollstuhl erreicht werden kann. Das beinhaltet vor allem den Bau von Fahrstühlen und Behindertentoiletten. Hinzu kommen Ruheräume, in denen beispielsweise Kinder mit Magensonde ernährt werden können. Dies wären Investitionen, die vor allem die Kommunen stemmen müssten.
Erheblich teurer als diese einmaligen Investitionen sei der derzeitige Zustand, der in Deutschland herrscht, sagen andere Stimmen. Denn es gibt zwei miteinander konkurrierende Systeme: Das alte Förderschul – Regelschulsystem und die inklusiven Schulen. Diese zwei Schulsysteme parallel aufrecht zu erhalten, kostet auch sehr viel zusätzliches Geld.


Neben den finanziellen Bedenken gibt es auch bei Eltern große Ängste davor, dass alle Kinder gemeinsam lernen. Das sind beispielsweise die Eltern von behinderten Kindern, die zum einen Skepsis davor haben, dass ihre Kinder in einer gemeinsamen Schule die richtige Förderung erhalten und zum anderen, dass ihre Kinder als "Behinderte" im Unterricht und von den Mitschülern ausgegrenzt werden.

Maike wird von ihrer Mitschülerin Iga begleitet

Maike wird von ihrer Mitschülerin Iga begleitet

Doch gerade Kinder sind grundsätzlich offener, was ihre Einstellungen und Wertvorstellungen angeht, als Erwachsene das sind. Und diese Chance kann man nutzen, indem man ihnen die Chance gibt, Erfahrungen zu machen. Mit Menschen die anders sind, oder die es eigentlich nicht sind.

Jedoch sind der Unterricht und das Anforderungsprofil an die Lehrer einer inklusiven Schule in Gänze anders, als es bisher an einer normalen Regelschule der Fall ist. Unterricht nach Schema F ist kaum noch möglich, denn die einzelnen Klassen unterscheiden sich sehr stark. Ein verhaltenssauffälliger Schüler in der Klasse verlangt vollkommen andere Reaktionen des Lehrers, als ein Kind mit Down-Syndrom oder eines das an Legasthenie leidet. Und die übrigen Schüler brauchen parallel dazu ebenfalls die volle Aufmerksamkeit.
Darum gibt es pro Klasse mehrere Lehrer und oft noch andere Erwachsene im Raum: Zivildienstleitende oder Pflegekräfte für Schwerbehinderte Kinder oder ein Physiotherapeut, der auch in den Unterricht für alle Kinder mit eingebunden wird. Diese Teamarbeit ist ein weiterer Kern des inklusiven Unterrichtes und kann auch für die Lehrer ein großer Gewinn sein.

Die Erfahrung besteht schon längst, dass Vielfalt kein Hindernis für Schulunterricht ist, sondern eine Chance für Gleichberechtigung

Die Erfahrung besteht schon längst, dass Vielfalt kein Hindernis für Schulunterricht ist, sondern eine Chance für Gleichberechtigung

Leistung und Lernen

Pädagogisch nutzen Gesamtschulen häufig unterschiedliche Bewertungssysteme, welche sie den Schülern und Schülerinnen im Gespräch darlegen, sowie die Arbeit in Tischgruppen, mit deren Hilfe die Herausforderung der Heterogenität bewältigt werden soll. In landesweiten zentralen Prüfungen schneiden Gesamtschulen mit diesem Konzept regelmäßig gut ab. Nur gibt es bisher noch vergleichsweise wenige weiterführende Gesamtschulen, welche die Jahrgänge von der fünften bis zur 13. Klasse betreuen und an denen der Förderschulabschluss, Haupt- oder Realschulabschluss und das Abitur erworben werden können. Die Heterogenität der Schüler als Chance zu begreifen, das ist nach der Aussage aller, die praktische Erfahrung damit haben, die große Stärke der Inklusion. Zudem entfällt bei vielen Förderkindern im Laufe der Schulzeit auf einer Gesamtschule der Förderbedarf. Manche machen sogar Abitur, was bei Förderschulen zwar theoretisch möglich ist, in der Praxis aber fast nie passiert.

Und neben diesem Wissen lernen die Schüler im inklusiven Unterricht zusätzliche soziale Fähigkeiten, die nicht durch Prüfungen abgefragt werden. Denn für ein Kind, das mit behinderten Freunden gemeinsam aufwächst, gibt es keine Grenze mehr zwischen behinderten und nicht behinderten.


Der Autor hat mit dem Feature den AWO-Mittelrhein-Journalistenpreis 2013 gewonnen.

Weitere Themen in SWR2