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Hoffnung gegen den Krebs

Erste Erfolge machen Hoffnung Immuntherapien gegen Krebs

Die körpereigene Abwehr auf Tumore zu hetzen, anstatt den Krebs nur mit Chemotherapie und Bestrahlung zu attackieren – diese Idee verfolgen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler schon sehr lange. Doch erst jetzt zeichnet sich ab, dass die Strategie tatsächlich funktioniert.

Noch stehen viele Behandlungsansätze ganz am Anfang. Aber bei einigen Tumorarten sind die Ergebnisse schon jetzt so positiv, dass das amerikanische Forschungsmagazin "Science" die Immuntherapien gegen Krebs 2013 zum "Durchbruch des Jahres" gekürt hat. Immuntherapien wecken auch deshalb so große Hoffnungen, weil unsere körpereigenen Killerzellen von Natur aus ein Feind aller Tumore sind. Für Professor Dirk Jäger, klinischer Leiter des Nationalen Zentrums für Tumorerkrankungen, kurz NCT in Heidelberg, spielt das Immunsystem eine Schlüsselrolle im Kampf gegen Krebs, denn es ist grundlegend eigentlich gut ausgerüstet im Kampf gegen Tumorzellen.

Hilfe gegen schwarzen Hautkrebs

Für die Hautärztin und Professorin Jessica Hassel sind Immuntherapien bereits klinischer Alltag. Die Leiterin der dermato-onkologischen Ambulanz am NCT in Heidelberg kann einer Reihe von Patientinnen und Patienten inzwischen deutlich besser helfen – denn bei keiner anderen Krebsart haben sich Immuntherapien schon so bewährt wie beim Melanom, dem schwarzen Hautkrebs. Ein Mittel, Ipilimumab, wird bei Patienten mit Metastasen in anderen Organen schon von den Krankenkassen erstattet; vier Infusionen kosten rund 100.000 Euro.

Immuntherapie

Monitorbild von Melanom-Zellen, schwarzer Hautkrebs

Die Mittel, die manche Melanompatientinnen und -patienten bekommen, gehören alle zur selben Wirkstoffklasse: es sind Immuncheckpoint-Inhibitoren – der komplizierte Name beschreibt, wie diese Medikamente den Tumor austricksen: zu den raffinierten Abwehrstrategien einer Krebszelle gehört es nämlich, angreifende Immunzellen zu blockieren. Doch diese Blockade lässt sich mit bestimmten Antikörpern wieder lösen – und genau das machen die neuen Immuntherapien gegen schwarzen Hautkrebs.

Hoffnung auf die Hälfte

Allerdings wirken sie unterschiedlich gut: Ipilimumab schlägt nur bei 20 Prozent der Patienten und Patientinnen an; ein anderer Antikörper, Nivolumab, zeigt dagegen bei 40 Prozent der Behandelten einen Effekt. Nun hoffen die Ärztinnen und Ärzte, dass eine Kombitherapie aus beiden Mitteln bei rund der Hälfte der Kranken wirksam ist. Ob sich diese Erwartung bestätigt, soll eine internationale Studie zeigen.

Vielversprechende Ergebnisse

Die Überlebenszeit hat sich bei einigen Melanompatientinnen und -patienten mit Metastasen von wenigen Monaten auf mehr als drei Jahre erhöht; erstmals scheint es möglich, den besonders bösartigen schwarzen Hautkrebs langfristig zu kontrollieren. In klinischen Studien haben Immuncheckpoint-Inhibitoren auch bei Lungen- und Brustkrebs sowie Tumoren in Darm und Blase vielversprechende Ergebnisse gezeigt; für einen Einsatz auf breiter Basis ist es aber noch zu früh.

Impfung und Signets Land Baden-Württemberg und Land Rheinland-Pfalz

Therapeutische Impfungen gegen Krebs werden nicht vorbeugend, sondern wie ein Medikament zur Behandlung des Tumorleidens gegeben

Die neuen Medikamente wecken große Hoffnungen, sind aber keine Wundermittel: nur bei manchen Krebskranken reagiert das Immunsystem wie gewünscht; je nach Therapieform verlängert die Behandlung bei jedem fünften, bestenfalls bei der Hälfte der Patienten und Patientinnen die Lebenszeit. Und der Erfolg birgt auch erhebliche Risiken, warnt der Heidelberger Onkologe Dirk Jäger, denn es gibt Nebenwirkungen, sogenannte Autoimmunreaktionen, d.h. das Immunsystem richtet sich gegen den eigenen Körper.


Bei dem ersten schon zugelassenen Antikörper Ipilimumab treten schwere Nebenwirkungen bei jedem zehnten Patienten auf; es hat auch schon Todesfälle gegeben. Wenn man nun zwei oder mehr Immuntherapien miteinander kombiniert, steigt mit den Erfolgschancen vermutlich auch die Häufigkeit von Nebenwirkungen. Doch mit engmaschiger Überwachung lassen sich die Risiken beherrschen, meint die Hautärztin Jessica Hassel. Insgesamt sei der Nutzen immer noch ungleich höher als die Gefahren.

Ganz anders funktioniert die therapeutische Impfung gegen Krebs. Im Gegensatz zu den üblichen Schutzimpfungen werden therapeutische Impfungen nicht vorbeugend, sondern wie ein Medikament zur Behandlung des Tumorleidens gegeben. Der Impfstoff mobilisiert Killerzellen des Immunsystems, die sich ganz gezielt nur gegen Krebszellen richten. Auch dieser Ansatz zeigt bei einigen Patienten und Patientinnen beachtliche Erfolge, freut sich Professor Arnulf Stenzl, Direktor der Urologischen Uniklinik Tübingen.

Ursache kann bisher nur vermutet werden

IMA901 heißt der therapeutische Impfstoff, den die Probandinnen und Probanden der Studie bekommen: es ist ein Cocktail aus zehn synthetisch hergestellten Eiweißsubstanzen, sogenannten Peptiden. Hersteller ist die kleine Reutlinger Biotechnologiefirma "Immatics" – doch die Idee zur Impfung gegen Nierenkrebs stammt von Professor Hans-Georg Rammensee, Leiter der Abteilung Immunologie der Universität Tübingen. Er kann nur spekulieren, warum die Behandlung bei einigen Kranken so gut funktioniert hat. Er vermutet, dass die T-Zellen, die aktiviert werden durch die Impfung, Tumorzellen, die eine Metastase bilden wollen, unterwegs umbringen und die Metastasenbildung verhindern.

Ein Infusionsständer mit mehrern Infusionen, die daran hängen

Bei einer therapeutischen Impfung wird nicht das gesamte Immunsystem gestärkt – vielmehr soll eine Immunantwort ausgelöst werden, die sich nur gegen den Tumor richtet

Diese Peptidcocktails sind nur ein möglicher Weg zu einer therapeutischen Tumorimpfung – man kann die körpereigenen Killerzellen auch über Botenstoffe der Gene, die sogenannte Messenger-RNA, mobilisieren. Auch dieses Konzept stammt aus dem Tübinger Universitätslabor von Hans-Georg Rammensee. Ganz in der Nähe des Campus haben einige ehemalige Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter das Unternehmen "Curevac" gegründet; die Firma will mit den Ergebnissen der Grundlagenforschung marktreife Arzneimittel entwickeln.

Vier Monate für hundertausend Dollar

Dafür laufen derzeit mehrere klinische Studien – auch an der Urologischen Uniklinik Tübingen. Allerdings wird bei einer therapeutischen Impfung nicht das gesamte Immunsystem gestärkt – vielmehr soll eine Immunantwort ausgelöst werden, die sich nur gegen den Tumor richtet. Es gibt sogar schon eine zugelassene Impftherapie gegen Prostatakrebs: "Provenge" heißt das Mittel in den USA; dort bekommen es vereinzelt Patienten mit metastasiertem Prostatakrebs, der auf eine Hormonbehandlung nicht anspricht.

Deutsche Ärzte verordnen den Impfstoff nur sehr selten – auch deshalb, weil "Provenge" für jeden Patienten extra hergestellt werden muss: dafür werden dem Kranken in einer aufwendigen Prozedur bestimmte Zellen aus dem Blut entnommen, aufbereitet und anschließend wieder als Infusion verabreicht. Eine Behandlung kostet knapp hunderttausend Dollar – die mittlere Überlebenszeit verlängert sich mit der teuren Therapie um vier Monate.

Genetische Veränderungen

Möglicherweise lassen sich mit einer weiteren Methode noch deutlich bessere Ergebnisse erzielen: mit genetisch veränderten T-Zellen. Weil den Immunzellen dabei ein künstlicher Rezeptor eingebaut wird, heißt das Verfahren "Chimäre Antigen-Rezeptor-Therapie"; kurz CAR-Therapie. Das klingt nach Science-Fiction, hat in frühen Studien mit wenigen Probandinnen und Probanden aber schon hervorragend gewirkt – allerdings vor allem bei Patienten mit einer bestimmten Form von Lymphdrüsenkrebs, den sogenannten B-Zell-Lymphomen.

Mikroskopbild Krebszelle

Querschnitt einer Krebszelle

Der Münchner Immunologe Professor Dirk Busch, Direktor des Instituts für Mikrobiologie der TU München, denkt sogar schon weiter: er forscht an Stammzellen des Immunsystems, den T-Gedächtniszellen – mit ihnen könnten sich die besten Resultate erzielen lassen, so seine Vermutung. Die jüngsten Ergebnisse mit Lymphom-Patienten und -Patientinnen am Fred Hutchinson Cancer Research Center in Seattle sind aus seiner Sicht ein entscheidender Fortschritt.

Killerzellen gegen alles

Solche experimentellen Ansätze haben allerdings einen entscheidenden Haken: die Killerzellen attackieren die gewählte Zielstruktur überall, wo sie im Körper auftaucht. Weil die genetisch aufgerüstete Form besonders schlagkräftig ist, müssen die Ärzte und Ärztinnen noch vorsichtiger sein als zum Beispiel bei einer therapeutischen Impfung. Bei den Patienten mit B-Zell-Lymphomen etwa verschwand im Erfolgsfall nicht nur der Tumor – sondern auch alle gesunden B-Zellen. Dieser Zelltyp ist zwar nicht lebenswichtig, spielt aber eine Rolle bei der Abwehr von Infekten. Der Onkologe und Krebsforscher Dirk Jäger warnt deshalb vor unerwünschten Folgen einer Therapie mit genmanipulierten T-Zellen.

Bei einer maßgeschneiderten Immuntherapie für jeden einzelnen Patienten und jede einzelne Patientin wären die Risiken vermutlich geringer: dann könnte man die Killerzellen ausschließlich auf individuelle Veränderungen des jeweiligen Tumors abrichten – genau das will Dirk Jäger in seiner Klinischen Kooperationseinheit am Deutschen Krebsforschungszentrum in Heidelberg demnächst versuchen. Geplant ist eine Studie mit zehn Patientinnen und Patienten, bei denen sonst keine Therapie mehr wirkt – der Aufwand ist dabei extrem hoch. Dass die Idee an den hohen Kosten scheitern könnte, glaubt Dirk Jäger nicht – ganz im Gegenteil, denn einen Patienten oder eine Patientin komplett zu heilen kann günstiger sein als langwährende Therapien.

Zeit und Hoffnung

Was aber ist, wenn keine Heilung erreicht wird? Wenn die Immuntherapie den Patienten nur einige Monate mehr Lebenszeit schenkt? Noch ist die Behandlung auf wenige Kranke mit weit fortgeschrittenem Krebsleiden beschränkt. Es gibt aber Hinweise, dass zum Beispiel beim Melanom auch Patientinnen und Patienten profitieren könnten, bei denen der Krebs noch nicht im ganzen Körper gestreut hat. Doch die derzeit rund 100.000 Euro teure Therapie würde wohl höchstens jedem zweiten Patienten helfen.

Eine Frau bei einem CT. Ein Doktor steht daneben.

Bei vielen Tumoren bleiben die bisherigen Standardtherapien weiter nötig, doch die Immuntherapien sollten in irgendeiner Form in bestehende Therapien eingebaut werden

Bei manchen Krebsformen werden sich auf lange Sicht Immuncheckpoint-Inhibitoren als besonders wirksam erweisen; bei anderen werden Onkologen und Onkologinnen eher auf therapeutische Impfungen oder Infusionen mit genetisch veränderten Killerzellen setzen. Und bei vielen Tumoren bleiben die bisherigen Standardtherapien auch weiter nötig, so die Bilanz des Tübinger Urologen Arnulf Stenzl, der die Immuntherapien in irgendeiner Form in bestehende Therapien einbauen möchte.

Trotz rasanter Fortschritte bei der Entwicklung von Immuntherapien gegen Krebs – nur wenige Patientinnen und Patienten, die derzeit erkrankt sind, werden von den neuen Ansätzen profitieren. Der Weg in den klinischen Alltag ist immer noch weit, warnt Philipp Beckhove vom Deutschen Krebsforschungszentrum, er glaubt, es wird noch einige Jahre dauern, bis die Forschungsergebnisse in der Breite auch tatsächlich in der Krankenversorgung ankommen.

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