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Homöopathie

Homöopathie auf dem Prüfstand Kritisches Netzwerk will aufklären

Homöopathie ist in Deutschland enorm beliebt; auch viele Hausärzte verordnen gerne Globuli. Kritiker dagegen sprechen von Pseudomedizin. Das ist auch die Stoßrichtung des gerade gegründeten "Netzwerks Homöopathie": 30 Gesundheitsfachleute wollen aus ihrer Sicht falsche Heilsversprechen entlarven und dafür sorgen, dass homöopathische Kügelchen ihren Sonderstatus im Arzneimittelrecht verlieren. Ist die aktuelle Offensive berechtigt, ist Homöopathie nur Hokuspokus? Dazu ein Kommentar von Axel Weiß aus der SWR Umweltredaktion.

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Naturwissenschaftlich betrachtet ist der Fall Homöopathie sonnenklar: Es gibt meines Erachtens keine ernst zu nehmenden Studien, die homöopathische Wirkmechanismen reproduzierbar und falsifizierbar beschreiben könnten, ohne in Widerspruch mit anerkannten Naturgesetzen zu geraten oder sie außen vor zu lassen.

Wenn wir eine Lösung so stark verdünnen, dass keine Moleküle des Wirkstoffes mehr enthalten sind, dann können wir so viel rühren, schütteln und rütteln wie wir wollen: Eine Heilwirkung des einstmals vorhandenen Stoffes wird sich ohne Esoterik oder Metaphysik nicht wirklich begründen lassen. Insofern ist für mich Homöopathie-Begründer Samuel Hahnemann ein Fall für die Geschichtsbücher über das 19. Jahrhundert. Nur: Auf Hahnemanns Grabstein in Paris steht: Ich habe nicht unnütz gelebt. Und da wiederum würde ich ihm zustimmen.

Arthur Lutze und Samuel Hahnemann

Die Porträts von Arthur Lutze (li), Begründer des ersten homöopathischen Krankenhauses in Deutschland, und Samuel Hahnemann (re) zieren ein Fenster des Historischen Museums in Köthen.

Zunächst aus eigener Erfahrung. Unsere Kinderärztin war Schulmedizinerin und Homöopathin, und deshalb zogen in unseren naturwissenschaftlich-skeptischen Haushalt mit den Kindern auch die Zuckerkügelchen in allerlei Potenzen ein. Und zwar erfolgreich, wie ich lernen musste. Die Einnahme von Kügelchen hat etwas bewirkt. Trotz Hahnemanns merkwürdiger Theorien.

Ich meine: Wer heilt, hat Recht. Es ist mir primär egal, ob jemand aufgrund schulmedizinisch-klinischer Expertise, spirituell begründet oder placebo-indiziert gesundet. Mich interessiert die Heilung, ihre Kosten, ihre Nebenwirkungen. Und da schneidet nach meiner Wahrnehmung die Homöopathie gar nicht schlecht ab, was sich naturgemäß aber nicht evidenzbasiert nachweisen lässt.

Vor allem aber: Was wären denn die Alternativen zu dem vermuteten Placebo-Effekt der Globuli? Warum laufen denn die Leute in Scharen zu Heilpraktikern, Wahrsagern und Homöopathen? Weil es erstens oft der letzte Ausweg scheint, erst recht bei komplexen umweltmedizinischen Krankheitsbildern. Und, zweitens, weil – bei allen wunderbaren Fortschritten – mit unserem Medizinsystem auch manches im Argen liegt.

Europäische Bibliothek für Homöopathie

Die Europäische Bibliothek für Homöopathie in Köthen (Sachsen-Anhalt) beherbergt Werke des 18. Jahrhunderts, aber auch aktuelle Publikationen.

Vergessen wir nicht: Auch evidenzbasierte Medizin ist relativ. Wie viele Studien bleiben in Schubladen liegen, weil das Ergebnis nicht den Vorstellungen der Auftraggeber entspricht? Das verzerrt aber Metaanalysen. Und manche klinische Studie ist das Papier nicht wert, auf dem sie gedruckt ist. Medizin ist eben – auch – ein milliardenschwerer Markt.

Bevor ich mich deshalb über die Abzocke mit Zuckerkügelchen aufrege, kommt für mich erst mal der ganz normale Wahnsinn des Medizinbetriebs dran, das sektorale, nicht vernetzte Denken der einzelnen Teilwissenschaften der Medizin etwa, das enorme Kosten und Leid verursacht. Und solange ich für eine ganzheitliche Behandlung eher zum Heilpraktiker und Homöopathen gehen muss als zum Schulmediziner, weil der für eine heilende, empathische Grundhaltung und Zuhören meist nicht mehr anständig bezahlt wird – solange plädiere ich für ein Patientenrecht auf Alltags-Schamanismus. Auch mit Zuckerkügelchen aus der Apotheke.

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