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Wer nicht wirbt, stirbt  Das Geschäft mit dem Tod

Feuerbestattung nur 899 Euro, inklusive Kremation, ohne Friedhof! - Die allgegenwärtige Schnäppchenkultur macht auch vor Beerdigungen nicht halt, und die Bestatterbranche muss darauf reagieren. Und so gehen manche Unternehmen in die Preis-Offensive. Auf den Internet-Seiten von Discount-Anbietern, aus Schaufenstern und von Plakaten schreien den Kunden Billigangebote entgegen.

Rosen vor weißem Sarg bei einer Beerdigung

Rosen vor weißem Sarg bei einer Beerdigung


Geiz ist geil? Da fällt der Preis in den Keller

Doch die Unternehmen reagieren mit solchen Angeboten nicht nur auf Preisbewusstsein oder gar Geiz der Kundschaft. Vielen Rentnern oder ihren Angehörigen fehlen heute schlicht die finanziellen Mittel für eine traditionelle Bestattung, die leicht mehrere tausend Euro Kosten kann – Grabpflege exklusive. Den Anteil an Gebühren, welche die Krankenkasse früher übernommen hatte, ist längst weg gefallen. Und selbst wenn das Geld vorhanden ist, halten viele Menschen eine aufwendige und kostspielige Beerdigung nicht mehr für notwendig.

Die Bestattung hat für sie als soziales Ereignis längst an Bedeutung verloren. Anders als noch im 19. Jahrhundert geben Beisetzung und Grab heute nur noch selten Auskunft über den sozialen Status des Verstorbenen. Damals nannte man die Prachtwege, an denen die prunkvollsten Grabmale standen, „Rennbahnen des Ehrgeizes“ – Prestigeobjekte eines selbstbewussten Bürgertums, dem Bankiers, Fabrikanten, Kommerzienräte angehörten.


Die Tradition der Machtdarstellung über den Tod hinaus

Das Geschäft mit dem Tod gab es schon in der Antike. Für reiche Bürger organisierten Bestattungsunternehmen aufwendige Beisetzungen mit Salbung, Aufbahrung und einem prächtigen Leichenzug. Die Gräber lagen zumeist außerhalb der Städte. Im Mittelalter hingegen versuchte man die Toten möglichst nahe um die Kirchen herum zu begraben. Sie sollten an der täglichen Gemeinschaft mit den Lebenden teilhaben. Der Kirchhof war deshalb ein begehrter Grabplatz, für den man auch bereit war, entsprechende Gebühren an Kirchen und Klöster zu zahlen. Umso mehr, wenn es dort Reliquien gab. Das konnten sich freilich nur die Reichen leisten. Für die Armen waren abgelegene Plätze vorgesehen. In der Neuzeit wurden dann in großem Umfang Friedhöfe außerhalb der Ortszentren angelegt, vor allem aus hygienischen Gründen.

Heute erscheint vielen die Investition in einen repräsentativen Grabstein, in lange Ruhezeiten und kostenträchtige Grabpflege unnötig. Und so entscheiden sich viele Menschen lieber für die preisgünstige Urne statt für einen teuren Sarg oder wählen statt des opulenten Einzelgrabs die anonyme Bestattung auf dem Gemeinschaftsfeld.


Auch die Art der Bestattung hat sich aus historischer Sicht enorm verändert. Wenn sich heutzutage über 60 Prozent der Menschen in Deutschland und über 80 Prozent in der Schweiz kremieren lassen, die Feuerbestattung als etablierte Form von keiner gesellschaftlichen Kraft und auch von den Kirchen nicht mehr in Frage gestellt wird, ist es nur schwer vorstellbar, dass noch vor hundert bis hundertfünfzig Jahren in Deutschland und in anderen europäischen Ländern ein erbitterter Kampf um die Einführung der Feuerbestattung geführt wurde. Karl der Große hatte im Jahr 785 ein Verbot der Leichenverbrennung ausgesprochen. Sie galt ihm als heidnische Sitte und wurde nur als Strafe für Hexen und Ketzer angewandt. Erst Mitte des 19. Jahrhunderts kam die Idee zur Wiedereinführung der Feuerbestattung auf, vor allem aus Gründen der „Gesundheitspflege“.


Profit oder Pietät

Heute bringt es das Bestattungsgewerbe auf historisch bislang unerreichte Umsatzzahlen. Rund 870.000 Todesfälle jährlich in Deutschland garantieren einen lukrativen Markt mit einem Volumen von etwa 15 Milliarden Euro. Doch jeder spart, wo es nur geht. Und so kommen die Särge oftmals aus Osteuropa, Grabsteine werden nicht selten aus China oder Indien importiert. Und für so manchen Bestatter lautet die Devise: mehr Profit, weniger Pietät.

In der Situation eines Todesfalls sind die Familien und Angehörigen des Verstorbenen leichte Beute für Bestatter. Viele Hinterbliebene befinden sich in dem Moment, wo sie Bestattungsgüter kaufen, in einer labilen psychischen Situation und sind emotional sehr geschwächt. In dieser Weise sind die Kunden keine äquivalenten Marktteilnehmer, welche den Bestattern auf Augenhöhe entgegen blicken könnten.

Der Phantasie scheinen hier oft keine Grenzen gesetzt, wenn es darum geht, Kosten zu kreieren und Dienstleistungen überteuert abzurechnen. Jeden Handgriff für die Trauerfeier lassen sich manche Unternehmer da vergolden: 85 Euro für ein Lied vom CD-Player, 135 Euro für vier Leihvasen, 500 Euro für einen Sarg, der gar nicht bestellt wurde. Schnell kommen da Kosten von 6, 7 oder gar 10.000 Euro zusammen.


Mit dem Tod gewinnen auch die Kommunen

Doch nicht alles, was auf diesem Markt umgesetzt wird, landet am Ende in den Kassen der Bestatter. Auch andere verdienen kräftig mit. Denn einige Kommunen verhalten sich inzwischen selbst wie profitorientierte Marktteilnehmer. Mitunter werden städtische Großfriedhöfe nach betriebswirtschaftlichen Kriterien geführt, PR-Mitarbeiter eingestellt, um das Image zu verbessern und den „Auftragseingang“ zu steigern. Über die Preisgestaltung entscheiden die Kommunen.

Mit bisweilen erstaunlichen Unterschieden für ein und dieselbe Leistung. In Lüdenscheid beispielsweise kostet die Bestattungsgebühr an die Kommunen 209 Euro, in Köln sogar 1400 Euro. Erstaunlich auch, wenn man etwa das holländische Geleen zugrunde legt. Die Beisetzung für 57 Euro ist dort preiswerter als im Vergleich zu den meisten deutschen Kommunen.
Eine Bestattung im Ausland muss jedoch immer über einen deutschen Bestatter organisiert werden. Dennoch sind hier die Kosten im Allgemeinen immer noch niedriger als in Deutschland.

Die hierfür veranstalteten Kaffeefahrten zu ausländischen Krematorien führen nicht nur nach Holland, sondern auch nach Tschechien oder in die Schweiz. Krematorien gelten allgemein als Orte, die man eher meidet und nicht freiwillig aufsucht. Doch durch Medienberichte und Verbraucherorganisationen bröckelt allmählich das Tabu, über das Geschäft mit dem Tod zu sprechen. Was kostet eine Bestattung? Welche Möglichkeiten gibt es überhaupt? Was will ich investieren, wie aufwändig soll die Beerdigung sein?

Der Grund für diese Reisen liegt jedoch neben dem finanziellen Anreiz in einem ganz anderen Wunsch der Gäste.


Friedhofsmüdigkeit oder das Grab im Garten

Der größte Wettbewerbsvorteil gegenüber Deutschland ist, dass es der gesetzlich geregelte Friedhofszwang es auch gegen Geld und gute Worte nicht erlaubt, die Urne mit nach Hause zu nehmen. Die Kommunen führen dafür meist hygienische Gründe an. Doch das überzeugt nicht alle. In der Schweiz und in den Niederlanden sind bislang keine Krankheitsfälle oder gar Epidemien aufgetreten, weil dort den Hinterbliebenen die Asche ihrer Angehörigen ausgehändigt wird. Das deutsche Gesetz stammt aus dem Jahr 1935 und es bleibt vielen nebulös, weshalb es noch nicht abgeschafft wurde.
Hier zeigt sich, dass sich immer weniger Menschen mit dem Christentum identifizieren können. Sie haben begonnen, außerhalb des durch die Religion vorgegebenen Modells nach Alternativen zu suchen. Dies gilt auch für die Wahl des Bestattungsortes.

Der Traum von einem Grab im Garten beispielsweise zieht sich seit der frühen Neuzeit bis in die Gegenwart wie ein unsichtbarer roter Faden durch die Sehnsuchtsvorstellungen eines Grabes. Bis ins 20. Jahrhundert waren jedoch Beisetzungen in weitläufigen Garten- und Parklandschaften nur einer adligen oder großbürgerlichen Elite vorbehalten. Die anderen mussten sich mit den ordentlichen Reihen der Friedhofsgräber begnügen.


Sorge vor dem Ordnungsamt

Deutschland ist mit der Regelung des Friedhofszwanges eine Insel unter seinen Nachbarn. Und das bringt Bewegung ins Geschäft. Ganz wörtlich, denn so blüht der Leichentourismus, wenn aus Deutschland die Verstorbenen in Krematorien jenseits der Grenze gefahren werden, vor allem in die Niederlande und in die Schweiz.
Es gibt sogar inzwischen kaum ein deutsches Beerdigungsinstitut, das diese Dienstleistung nicht anbietet. Anonymisiert per Post oder von den Hinterbliebenen selbst abgeholt, gelangt die Asche dann wieder nach Deutschland – heimlich natürlich und mit einem gewissen Risiko, denn immerhin handelt es sich um eine Ordnungswidrigkeit. Wird man entdeckt, muss man mit einer Verwarnung rechnen oder gar mit einem Ordnungsgeld. Auf jeden Fall ist man die Urne wieder los.


Unter Bäumen

Dennoch bietet auch der deutsche Markt einen legalen Ort für Bestattungen in der Natur. Die Idee von heute, biologisch abbaubare Urnen unterhalb einer Baumwurzel im Wald zu begraben stammt von dem Schweizer Ueli Sauter. 1999 entwickelt er eine naturverbundene und ökologisch korrekte Form der Bestattung – und traf damit den Nerv der Zeit. Sauter ließ seine Idee gleich patentieren, und die FriedWald GmbH wurde so erfolgreich, dass er 2001 sein Marken- und Patentrecht auch nach Deutschland verkaufte. Inzwischen verzeichnet er auf seiner Homepage bereits 44 Standorte zwischen Rügen und dem Bodenseekreis.

Die FriedWald GmbH blieb nicht lange konkurrenzlos, das Geschäft scheint sich zu lohnen. Und leere Stadtkassen und sinkende Holzpreise regten auch manchen Gemeinderat dazu an, den kommunalen Wald als Freiland-Friedhof anzubieten. Wie die sprichwörtlichen Pilze schießen nun immer neue Bestattungswälder und „natürliche“ Areale für Urnenbeisetzungen aus dem Boden, mit sprechenden Namen wie „Oase der Ewigkeit“, „Ruheforst“, „Trauerwald“ oder „Urnenbiotop“.


Das letzte Wort hat der Tod

Trotz Waldbestattungen, farbenfroher Särge oder Diamanten aus der Asche Verstorbener – das Kerngeschäft der deutschen Bestatter sind nach wie vor die traditionellen Erd-und Feuerbestattungen auf kommunalen und kirchlichen Friedhöfen. Zwar versuchen manche, mit Krimilesungen im Sarglager, mit knackigen Poster-Kampagnen oder Eventmarketing auf ihr Geschäft aufmerksam zu machen. Doch das bringt meist nur einen kurzen Wettbewerbsvorteil. Wer als Bestatter überleben will, gerade in einem sich ständig wandelnden Markt, der darf den Menschen nicht auf den Konsumenten reduzieren. Das ehrliche Interesse am Verstorbenen und an den Hinterbliebenen hat letztlich immer Vorrang. Denn Pietät kommt vor dem Profit.

Von Joachim Meißner; Internetfassung: Ulrike Barwanietz

Letzte Änderung am: 21.11.2012, 10.09 Uhr

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Das Geschäft mit dem Tod

ARD Themenwoche "Leben mit dem Tod". Von Joachim Meißner

Schon in der Antike wurden mit dem Tod Geschäfte gemacht: Bestattungsunternehmen organisierten für reiche Bürger aufwendige Beisetzungen. Die Schnäppchenkultur macht auch vor der Beerdigung nicht halt: Verbraucher stöbern im Internet nach Discountangeboten, fragen nach billigen Grabsteinen "Made in China" und buchen Kaffeefahrten zu den günstigsten Krematorien. Preisvergleiche und Kostenvoranschläge - bislang ein Tabu, das nun endgültig fällt. Um weiterhin Milliardenumsätze zu machen, muss die Branche in neue Produkte und Werbung investieren. So wurden bei einem Plakatwettbewerb für Beerdigungsvorsorge auffallende und doch subtile Reklamevorschläge gesucht. Das Motto: "Wer nicht wirbt, stirbt".

SWR2 Wissen,  22.11.2012 | 26:43 min

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