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Wer erschafft das Geld? Alternativen zur Bankenmacht

Ein paar Zahlen für einen Kredit in den Computer einer Bank getippt, schon ist mehr Geld in der Welt. Die Kreditschöpfung hat dazu geführt, dass das Geld auf dem eigenen Konto nicht mehr sicher ist vor der Bank. Wann gibt es endlich eine Alternative?

Geld regiert die Welt

Geld regiert die Welt

Vom Staat kommt nur ein kleiner Teil des Geldes, und zwar die Münzen, die etwa ein Prozent der gesamten Geldmenge ausmachen. 19 Prozent stammen von der Zentralbank in Form von Geldnoten ab. Die restlichen achtzig Prozent, die wir jeden Tag benutzen, sind Bankengeld, also Geld aus Krediten oder Spekulationen.

Unechtes Geld

Ein paar Zahlen für einen Kredit in den Computer einer Bank getippt und gebucht reichen aus, schon ist mehr Geld in der Welt. 50 Euro, 1000 Euro, 100.000 Euro, 1 Million Euro – je nach Höhe des gewährten Kredits. Dabei kommt eine Menge neues Geld zusammen.

Hand hält Kreditkarten hoch, im Hintergrund ein Computer

80 Prozent unseres Geldes existiert nur virtuell.

Auch für sich selbst schaffen die Banken Geld aus dem Nichts, beispielsweise wenn sie Immobilien kaufen und die Summe dafür auf dem Konto des Verkäufers gutschreiben. Darum heißt der Prozess auch Kreditschöpfung.

Das per Kredit geschaffene Geld ist kostenlos und wirft Zinsen ab. Die geringe Absicherung mit Zentralbankgeld schmälert diesen Gewinn kaum. Etwa ein Sechstel des Gewinns von Banken geht auf das selbst erzeugte Geld zurück. Aber nutzt das System auch der Gesellschaft? Daran mehren sich seit dem Ausbruch der weltweiten Finanzkrise die Zweifel.

Banken entscheiden über Gesellschaft

Wie kann man sicherstellen, dass die Banken die richtige Menge Geld erzeugen? Und wie kann man sicherstellen, dass das neu geschaffene Geld dorthin fließt, wo es der Gesellschaft nutzt und nicht schadet?

Dispo-Kredite

Dispo-Kredite sind teuer

Denn mit der Entscheidung über die Verteilung des Geldes entscheiden die Banken auch über die gesamte volkswirtschaftliche Landwirtschaft.

Großprojekt versus Kleinprojekt, globaler Konzern versus regionales Unternehmen, renditestarke Produkte versus renditeschwache Produkte, deutsche Staatsanleihen versus griechische – für die Banken, die private Unternehmen sind, ist das keine Frage. Sie lenken das neu geschaffene Geld vor allem dorthin, wo es hohe Gewinne verspricht.

Alles verliehen

Dass Banken mit Steuergeldern vor der Pleite gerettet wurden, verdanken sie ihrem Privileg, Geld erzeugen zu können. Ein anderes Problem liegt aus Sicht der Kritiker darin, dass die Banken prozyklisch Geld schaffen.

Alternativen zur Bankenmacht

Immobilienblase

Das heißt: wenn es gut läuft, wie zu Beginn der Immobilienblase, vergeben die Banken viele Kredite. Wenn es schlecht läuft, drosseln sie die Kreditvergabe und damit auch die Geldschöpfung. Mit dieser Praxis verstärken sie die Ausschläge nach oben oder unten. Entscheidend ist auch hier wieder, dass die Banken private Unternehmen sind und an ihre Aktionäre denken. Das Gemeinwohl haben sie nicht im Blick.

Diese extremen Hoch- und Tiefphasen heißen Boom und Bust. Im Boom kommt es zu einem Rausch und die Banken schaffen viel zu viel Geld. Im Bust folgt die Ernüchterung mit der nächsten Übertreibung: Die Banken stoppen die Kreditvergabe. Die Folge: plötzlich fehlt Geld.

Bank, Boom, Bust

Dieses Muster sehen die Kritiker der privaten Geldschöpfung auch bei der Immobilienblase und weltweiten Finanzkrise. Tatsächlich haben die Banken überall in den klassischen Industriestaaten übermäßig viel Geld geschaffen, weil die Kredite kurzfristig eine gute Rendite abwarfen. Auf diese Weise weitete sich die Geldmenge in den vergangenen Jahren gewaltig aus.

In Griechenland wurden zu viele neue Kredite vergeben.

In Griechenland wurden zu viele neue Kredite vergeben.

In manchen Ländern kam bis zu 30 Prozent neues Geld in jedem Jahr dazu, weil Privatleuten, Unternehmen und dem Staat so viele Kredite gewährt wurden. Dazu gehören auch die europäischen Krisenländer Irland, Portugal, Spanien und Griechenland. Eigentlich muss sich die Menge des neuen Geldes an den Wachstumsprognosen für die Realwirtschaft orientieren, sagt Geldtheoretiker Thomas Huth. Diese 4,5 Prozent mehr Geld oder 30 Prozent, wie es tatsächlich mancherorts geschah - das ist ein gewaltiger Unterschied.

Saubere und schmutzige Kredite in einer Bilanz

Solange bei den Verlusten nur das Spekulationsgeld verloren ist, wäre es nicht schlimm. Doch die Banken schreiben „saubere Kredite“ und Spekulationsgeldkredite zusammen in ihre Bilanzen. Und damit gerät die Bank insgesamt in Schieflage. An diesem Punkt war die Welt 2008. Ging es erst steil bergauf, ging es plötzlich steil bergab. Boom und Bust.

Die Folgen dieser sogenannten Kreditklemme sind nicht nur fehlendes Wachstum. Auch wenn Unternehmen nicht wachsen wollen, brauchen sie immer wieder Kredite. Beispielsweise weil ein Auftraggeber nicht pünktlich zahlt, sie aber Material kaufen müssen, um produzieren zu können.

Wem gehört die Wirtschaft?

Und natürlich sind auch die Staaten auf neues Geld angewiesen – schon allein um die Zinsen der aufgenommenen Kredite zu bedienen. Ohne neues Geld bricht also sehr schnell alles zusammen: die Wirtschaft, der Staat, die Gesellschaft. Aber warum hat man so eine überlebenswichtige Aufgabe wie die Schaffung von Geld dann überhaupt privaten Unternehmen übertragen?

Skyline von Frankfurt

Blick auf die Bankentürme von Frankfurt am Main

Für die Wirtschaft im 16. Jahrhundert war die Geldschöpfung der Banken ein Segen. Die Herrscher, die den Händlern oft nicht sehr wohlgesonnen waren, blieben außen vor und das Geld landete dort, wo es gebraucht wurde und die Wirtschaft wachsen ließ.
Dieses Argument wird von den Befürwortern der privaten Geldschöpfung auch heute ins Feld geführt: Wenn die Banken das Geld schaffen, landet es an den richtigen Stellen. Der Markt wird es richten. Diese Haltung herrschte vor der Finanzkrise auch bei den Zentralbanken vor. Eine Lenkung des Geldflusses wurde vermieden.

Leitzins ohne Faden

Auch der Leitzins, das eigentliche Instrument zur Steuerung der Geldmenge, scheint ein zunehmend stumpfes Schwert zu sein. Die Volkswirtschaftslehre geht davon aus, dass sich die Banken und Kreditnehmer durch den Leitzins lenken lassen. Ist der Leitzins hoch, sind die Kredite teuer. Die Nachfrage sinkt und die Menge des neu geschaffenen Geldes verringert sich.

Ist der Leitzins niedrig, werden Kredite preiswerter, die Nachfrage steigt und damit gibt es mehr neues Geld. In der Praxis hat das Modell jedoch ein paar Haken. Denn eine Inflation kann mit dem Leitzins gestoppt werden, aber dieser eignet sich kaum, um das Wirtschaftswachstum zu fördern.

Das Geld ist halbvoll

Goldbindung

Seit 1976 ist die Goldbindung der Währungen aufgehoben.

Eine Reformidee ist das sogenannte Vollgeld. Beim Vollgeld erzeugt der Staat das Geld. Dazu müsste, so die Idee, eine vierte staatliche Gewalt eingerichtet werden, die Monetative, eine Art Zentralbank mit erweiterten Kompetenzen. Die Monetative legt fest, wie viel Geld zusätzlich zur bisherigen Menge neu geschöpft wird und bringt es über die Banken in Umlauf.

Wie die Judikative müsste sie unabhängig von der Regierung sein. Läge die Geldhoheit beim Staat, müssten sich die Banken das Geld bei der Monetative leihen und nach einer vereinbarten Zeit zusammen mit den Zinsen zurückzahlen. So wie es heute die Kreditnehmer bei den Banken machen müssen. Auf diese Weise wäre das Geld wieder stärker durch reale Werte gedeckt, meint Geldtheoretiker Thomas Huth.

Bewährtes oder entwertendes System

"Minutenscheine" des Kunstwerks "Time/Bank" auf der documenta

Kunstwerk auf der documenta: "Time/Bank" mit "Minutenscheine"

Die Monetative kommt der Vorstellung, die die meisten Menschen von der Schaffung neuen Geldes haben, sehr nahe. Außerdem, so argumentieren ihre Befürworter, wären die Guthaben auf den Konten in vollem Umfang geschützt, wenn der Staat das Geld erzeugt. Das ist heute anders. Wenn jedoch nur der Staat das Geld schöpfen würde, wie es die Verfechter der Monetative propagieren, wären die Guthaben auf den Girokonten genauso gesetzlich geschützt wie heute das Bargeld.

Die Banken, soviel ist sicher, werden das Privileg sicher nicht freiwillig hergeben. In der Schweiz, wo ein Verein die Monetative per Volksabstimmung einführen möchte, hat sich die Schweizerische Bankiersvereinigung bereits in Stellung gebracht. Sie lehnt die Monetative entschieden ab. Das heutige System, so argumentiert sie, habe sich bewährt. Für die Banken stimmt das sicher.

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