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Unterschätzte Gefahr  Gehirnerschütterung im Sport

Bisher wurden Gehirnerschütterungen im Sport weder von den Trainern noch von den Spielern besonders ernst genommen, denn diese Verletzung ist nicht sichtbar und scheint von alleine zu heilen. Auf einem Kongress in Würzburg im Februar dieses Jahres warnten renommierte Wissenschaftler vor den Spätfolgen von Gehirnerschütterungen.

Philipp Lahm und Yossi Benayoun beim Kopfball.

Chris Nowinski ist Mitbegründer des "Zentrums zur Studie der traumatischen Enzephalopathie" in Boston. Hier werden die Langzeitfolgen von Gehirnerschütterungen erforscht. Das Zentrum arbeitet mit der Boston University School of Medicine zusammen, wo es eine "Gehirnbank" gibt. Ehemalige Athleten haben diesem Institut nach dem Tod ihr Gehirn vermacht. Die Untersuchungen zeigen ein dramatisches Bild. 34 der 35 dieser ehemaligen Footballprofis hatten eine chronische, traumatische Enzephalopathie - eine degenerative Gehirnerkrankung. Sie bekommt man durch wiederholte Gehirnerschütterungen.

Wackelnde Kontakte

Footballspieler knallen pro Saison mehrere Hundert Male mit den Helmen gegeneinander. Das Spiel kann man kaum anders spielen. Die Helme schützen zwar den Kopf. Aber bei jedem Zusammenstoß schlägt das Gehirn gegen die Schädeldecke.

Das Gehirn setzt sich aus 100 Milliarden Nervenzellen zusammen, die über 100 Billionen Kontaktstellen miteinander verknüpft sind. Und durch die Erschütterung im Gehirn werden diese Nervenzellen gedehnt und in den Nervenbahnen kommt es zu kleinen Einreißungen. Dann treten so genannte Tauproteine aus, die sich anlagern. Dieselbe Veränderung kann man auch bei Alzheimer Patienten beobachten.

Braune und weiße Gehirne

Die Einlagerungen der Proteine sind deutlich zu erkennen, wenn man das Gehirn nach dem Tod des Spielers präpariert. Die Substanz eines gesunden Gehirns sieht schön weiß und sauber aus. Braun sind hingegen die Einlagerungen von Tauproteinen. Die Gehirne von Profi-Boxern sind fast vollständig braun, diejenigen von Footballspielern etwa zur Hälfte.

Football ist in Amerika ein riesiges Geschäft. Millionen Menschen schauen sich regelmäßig die Spiele an. Doch in den letzten Jahren wurde diese populäre Sportart durch Suizide einiger Profis erschüttert.

Ray Esterling, Dave Duerson, Junior Seau

Die beiden letzten hatten sich absichtlich ins Herz und nicht in den Kopf geschossen. Der Grund: Sie wollten, dass ihr Gehirn untersucht wird und haben es daher der Forschung vermacht.

Offenbar vermuteten sie, dass ihre gesundheitlichen und psychischen Probleme mit den Gehirnerschütterungen beim Sport zu tun hatten. Ihre Frauen hatten schon Jahre vorher darüber geklagt, dass die Exprofis an Demenz litten. Die Untersuchung des Gehirns von Junior Seau beseitigte alle Zweifel: Gehirnzellen des 43jährigen waren geschrumpft und verletzt. Ein Zeichen für eine chronische traumatische Enzephalopathie. Sein Gehirn wurde zerstört durch das Spiel, das er so liebte.

Wann sollte ein Athlet seine Karriere beenden?

Eine zweite Gehirnerschütterung, die kurz nach einer ersten passiert, ist am allergefährlichsten. Kurz nach einer Gehirnerschütterung haben die Patienten Kopfschmerzen, sind benommen, können sich schlechter etwas merken und haben weitere Symptome. Diese haben physiologische Ursachen. Das nennt man eine metabolische Krise. Normale chemische Abläufe im Gehirn sind gestört, daher kommen diese Symptome. Und wenn jetzt das Gehirn nochmals erschüttert wird, bevor es wieder geheilt ist, sind die darauf folgenden Verletzungen noch viel schwerwiegender.

Trotz dieser Erkenntnisse gibt es viele Trainer, die von ihren Fußball-, Handball-, Basketball- oder Eishockeyspielern vor allem Härte verlangen. Doch immer mehr Vereine nehmen das Thema Gehirnerschütterung mittlerweile ernst. Die Deutsche Eishockey Liga hat sogar die Regeln geändert, Strafen erhöht und eine Disziplinarkommission eingeführt, die sich auch nachträglich mit Fouls beschäftigt.

Ruhepause für die Nervenzellen

Doch eine intensive Betreuung funktioniert nur, wenn das Management und die Trainer mitmachen, wenn sie die Spieler über die Gefahren des Sports informieren und diese nicht verharmlosen. Die Spieler sind dann darauf vorbereitet, was nach einer Gehirnerschütterung auf sie zukommt: Sie absolvieren nach einer Ruhephase zunächst nur einfache kognitive Übungen am Computer und ganz leichtes Training. Geht es ihnen besser, werden auf der nächsten Stufe die Übungen und das Training gesteigert. Erst wenn alle Übungen am Computer und ein komplettes Training im Sport wieder möglich sind, ist der Sportler geheilt und darf auch wieder spielen.

Kopfbälle und Traumata

Auch im Fußball sollte man umdenken, denn die Spieler sind athletischer geworden. Vergleicht man Spiele aus den 80er Jahren mit heutigen, dann glaubt man kaum, dass das dieselbe Sportart ist: Fußballprofis grätschen, köpfen, foulen und kämpfen um jeden Zentimeter. Das hat Folgen.

Michael Krohn-Dehli und Ibrahim Afellay beim Kopfball.

Deutlich zeigt das ein Vergleich von Schwimmern und Fußballern. An der Ludwig-Maximilians-Universität in München wurden im vorletzten Jahr junge Sportler untersucht, die eine Profi-Karriere anstreben. Dort konnte man sehen, das 20jährige Sportler deutliche Veränderungen im Gehirn haben, wenn sie Fußballer sind. Die Gehirnstrukturen sind geschwächt, die weiße Substanz nimmt ab und Mikrotraumata treten auf. Alle diese Verletzungen liegen noch unterhalb der Schwelle einer Gehirnerschütterung und dennoch sieht man bereits bei jungen Spielern die Beeinträchtigungen des Gehirns.

Braune Boxergehirne

Der Sport, bei dem Kopfschläge sogar gewollt sind, ist Boxen. Dass die gesundheitlichen Langzeitschäden für die Boxer lange bekannt sind, veranschaulicht der Begriff "Boxer-Demenz", den es schon seit den 20er Jahren gibt.

Bei jedem Kampf steht ein Arzt am Ring. Sobald er den Ring verlässt, muss der Kampf unterbrochen werden. Er kann jederzeit eingreifen und den Kampf beenden. Bei einem KO wird der Boxer für zwei Monate gesperrt. Er darf nicht kämpfen, nicht einmal Sparring machen. Erst wenn der Arzt keine Einwände mehr hat, darf der Athlet wieder boxen. Allerdings drohen nun bald wieder häufiger Gehirnerschütterungen, denn beim olympischen Boxen werden die Helme abgeschafft. Bisher haben die Boxer zum Schutz Helme getragen, was den Sport allerdings fürs Fernsehen unattraktiv machte. Kritiker dieser harten Sportart verweisen häufig auf den Fall Muhammad Ali. Der dreifache Weltmeister leidet seit 1984 an einer Form von Parkinson. Doch ist bei ihm der Zusammenhang mit Boxen nicht einwandfrei belegt.

Es ist noch lange nicht hinreichend erforscht, wie sich Schäden durch mehrere Gehirnerschütterungen addieren. Aber es gibt genug Athleten - Eishockeyspieler, Footballprofis, Rugbyspieler, Wrestler, Boxer - die ihre Karriere wegen Spätfolgen beenden mussten.

Autor: Marcus Schwandner; Internetfassung: Ulrike Barwanietz

Letzte Änderung am: 02.04.2013, 16.07 Uhr

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Gehirnerschütterung durch Sport

Die unterschätzte Gefahr. Von Marcus Schwandner.

Bisher wurden Gehirnerschütterungen im Sport weder von den Trainern noch von den Spielern besonders ernst genommen. Doch eine aktuelle Studie zeigt, dass die Demenzrate bei Footballprofis im Alter von 42-44 Jahren der von 70jährigen entspricht. Und dass Boxergehirne mehr braun als weiß sind.

SWR2 Wissen,  3.4.2013 | 27:20 min

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