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ARCHIV - ILLUSTRATION - Eine Englisch-Lehrerin schreibt  in einer Grundschule an die Tafel.

Englisch erst ab Klasse 3 Fremdsprachen in der Grundschule

Ein notwendiges Opfer?

In Baden-Württemberg könnten wegen Lehrermangel in naher Zukunft die Kinder in der Grundschule erst ab der 3. Klasse mit einer Fremdsprache konfrontiert werden. Das ist gar nicht mal schlecht, denn wichtiger ist kontinuierlicher guter Deutschunterricht. Ein Kommentar von Susanne Kaufmann.

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Schon Ende letzten Jahres hatte die baden-württembergische Kultusministerin Susanne Eisenmann angekündigt, den Fremdsprachen-Unterricht in der Grundschule zu prüfen. Nun werden ihre Überlegungen konkreter, auch wenn noch keine politische Entscheidung getroffen wurde: Wie das Kultusministerium dem SWR bestätigte, könne Eisenmann sich vorstellen, in den ersten beiden Grundschulklassen auf den Fremdsprachenunterricht zu verzichten. Damit würde Baden-Württemberg dann umschwenken auf die Linie der meisten anderen Bundesländer, in denen Englisch oder in Grenznähe eben Französisch erst ab der 3. Klasse unterrichtet wird.

Zwei Flüchtlingsmädchen melden sich am 09.03.2016 während des Unterrichts im Elly-Heuss-Knapp-Gymnasium in Duisburg.

Deutschunterricht wichtiger als Fremdsprachenunterricht?

Sprachenlernen in der globalisierten Welt

Machen wir uns nichts vor: Natürlich lernen Grundschulkinder in der 1. und 2. Klasse im Englischunterricht – oder wenn sie in Grenznähe leben: eben in Französisch – nicht wirklich viel. Zumindest nicht viele Vokabeln, auch kaum Grammatik. Aber sie lernen etwas anderes: dass eine Sprache wie Englisch heute selbstverständlich zu unserer Lebenswelt dazu gehört. Gerade Englisch begegnet ihnen ohnehin überall und in der Grundschule in den ersten beiden Jahren auf eine sehr spielerische Weise. 80 Prozent der Grundschüler mögen das Fach, das ergab die bislang größte Untersuchung deutscher Bildungsforscher zum Englisch-Unterricht in der Grundschule, die BIG-Studie. Und die Begeisterung ist das, was zählt, denn früh entscheidet sich, wie gern und selbstverständlich Menschen in ihrem späteren Leben andere Sprachen sprechen werden, in einem Europa, das trotz Brexit immer mehr zusammenwächst, und in einer globalisierten Welt.

Notwendiges Opfer

Doch viele Kinder, die in Deutschland leben, suchen zu Beginn der Grundschule den Anschluss an eine andere Sprache, die für sie weit wichtiger ist als Englisch oder Französisch – Deutsch. Forscher attestieren auch in der weiterführenden Schule eklatante Defizite in Lesen, Schreiben und Rechnen.

Die Grundschüler in Baden-Württemberg gehören in den Disziplinen Lesen und Rechnen mit zu den Besten in Deutschland

Platz vier beim Rechnen, Platz fünf beim Lesen

Beheben lässt sich das nur früh. Darum steht außer Frage, dass die Grundschulen mehr Poolstunden brauchen, um die Hauptfächer zu unterrichten. Am besten würden sie natürlich zusätzlich erteilt. Doch wenn – wie aktuell in Baden-Württemberg – zu wenig Lehrer zur Verfügung stehen, dann ist es richtig, den Englisch-Unterricht in den ersten beiden Grundschuljahren zu opfern, um die nötigen Kompetenzen in Deutsch und Mathe aufzubauen.

In den großen Städten, auch im Südwesten, haben heute je nach Lage der Grundschule bis zu 90 Prozent der Kinder einen Migrationshintergrund. Alle brauchen eine gute Bildungsperspektive, das ist für unsere Gesellschaft essentiell, und was in den ersten Klassen nicht gelingt, klappt in der Regel auch später nicht. Darum: mehr Deutsch und Mathe ab der 1. Klasse, das hat oberste Priorität. Aber: Auch die erste Fremdsprache gehört definitiv in die Grundschule hinein, und das muss auch bei der Personalplanung von Lehrerstellen berücksichtigt werden. Der Mangel an Lehrern sollte niemals den Ausschlag dafür geben, was unterrichtet wird und was nicht. Da muss eine Kultusministerin schon andere Argumente bringen.

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