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SWR2 Aprilscherz wird Realität "Urschwäbin" entdeckt?

Archäologische Sensation an S21-Baustelle

Ein SWR2 Aprilscherz wird unverhofft Wirklichkeit: bei den Bauarbeiten für das Bahnprojekt Stuttgart 21 sind Ende Juli 2015 Jahrtausende alte Skelette ans Tageslicht gekommen - vermutlich der erste steinzeitliche Fund in der Stuttgarter Innenstadt. Die drei Gräber mit Skeletten könnten aus der Zeit zwischen 5.500 und 2.000 vor Christus stammen und damit aus der Endphase der Jungsteinzeit. Die Skelette werden nun in der Konstanzer Arbeitsstelle des Landesamtes für Denkmalpflege untersucht. Die Ergebnisse stehen noch aus. Ob und wie lange sich die Bauarbeiten zu Stuttgart 21 verzögern ist nicht klar.


Die Aprilscherzsendung zum Nachhören

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Der visionäre Aprilscherz vom 1. April 2014:

Bei Bauarbeiten am Stuttgarter Bahnhof wurde das Skelett einer Frau aus der Jungsteinzeit gefunden. Sie gehört zu einer Kultur von Menschen, die rund 5500 Jahre vor Christus nach Europa eingewandert sind. Bisher wusste man nicht, ob zu dieser Zeit auch schon Menschen im Südwesten Deutschlands ansässig waren. Die Frau könnte ein Beweis dafür sein. Verzögert sich durch den Fund der Weiterbau von Stuttgart 21 ?

April, April! Die Nesenbach-Frau war nur ein Fake!

April, April! Die Nesenbach-Frau war nur ein Fake!

Die Großbaustelle von Stuttgart 21: mehrere Hektar aufgerissenes, von Baggern zerfurchtes Gelände, wenige Hundert Meter vom Hauptbahnhof der Landeshauptstadt. Vergangenen Monat hatte ein Baggerführer hier menschliche Knochen zu Tage gefördert. Er dachte sofort an Spuren eines Gewaltverbrechens und alarmierte die Kriminalpolizei. Doch die Beamten der Mordkommission verschwanden schon nach wenigen Minuten wieder aus der Baugrube, denn es war klar: Dieses Skelett ist richtig alt. Also stiegen die Archäologen in die Baugrube von S21. Es ist die wohl spektakulärsten archäologischen Ausgrabung in Südwestdeutschland – seit Jahrzehnten.


Ein "steinalter" Fund

eine Hand nimmt eine Probe aus einem Massenspektrometer

Mit dem Massenspektrometer wird das Alter der Fundstücke bestimmt

Millimeterweise, mit Spezialspachteln und Pinseln, legten die Forscher in den vergangenen Wochen das prähistorische Skelett frei. Sie fanden es in "rechtsseitiger Hockerhaltung" bestattet, wie es in der Fachsprache heißt – in Seitenlage, mit angewinkelten Armen und Beinen. Es lag auf etwa einem Zentner Tonscherben – zerbrochenen Töpfen, Krügen und Vorratsgefäßen, umgeben von Grabbeigaben. Woran der Mensch gestorben ist, ist noch unklar, man weiß nur, dass er im wahrsten Sinne des Wortes steinalt ist – der Fund stammt aus der frühen Jungsteinzeit. Durch spezielle Analysen ist inzwischen auch klar, dass die Person weiblichen Geschlechtes gewesen sein muss. Unter Fachleuten wird sie seither die Nesenbach-Frau genannt – nach dem Rinnsal, das den Stuttgarter Talkessel entwässert. Sie starb etwa 5.480 vor Christus, plus minus 30 Jahre.

Mitglied einer Einwandererkultur

An den Tonscherben ihres Grabes ist abzulesen, dass sie einer Kultur angehörte, die Archäologen erst Ende der 1980er Jahre entdeckten, und die bisher weitgehend im Dunkeln lag: Die La Hoguette-Kultur, benannt nach einem Fundort in Frankreich. Die Vorfahren dieser Menschen stammten aus Anatolien und wanderten vor etwa 8.000 Jahren über Nordafrika und das westliche Mittelmeer nach Zentraleuropa ein. Sie brachten Samen von Urgetreide und erste Haustiere mit, vor allem Schafe, Ziegen und Hunde und begannen, fruchtbare Lößböden zu beackern. Die Nesenbach-Frau und ihre Zeitgenossen dürften zu den ersten sesshaften Bauern im deutschen Südwesten gezählt haben. In der Nähe ihres Grabes haben die Forscher Reste einer neolithischen Siedlung entdeckt, und Abfallgruben, die oft zu den aufschlussreichsten Fundorten zählen. Das bietet einzigartige Möglichkeiten zu Erforschung der La Hoguette-Kultur.

So schnell graben wie möglich

Da die Bauarbeiten für den Stuttgarter Tiefbahnhof bereits in vollem Gange sind, bleibt den Archäologen – nach dem Denkmalschutzgesetz – nur eine so genannte Notgrabung. Sie muss so rasch wie möglich abgeschlossen werden, damit der Deutschen Bahn kein unvertretbarer wirtschaftlicher Schaden entsteht. In der Kürze der Zeit setzen die Forscher jedes verfügbare Mittel ein: Fotografie, Film, ein 3D-Laserscanner, eine Drohne für Übersichtsaufnahmen - alle Möglichkeiten müssen genutzt werden, um eine 3D-rekonstruktion des Fundortes zu erstellen.

Eine Art Müllerin


Frau legt Skelett im Boden mit Pinsel frei

Das Skelett muss vorsichtig freigelegt werden

Was Bioarchäologen und Anthropologen bislang heraus gefunden haben, lässt die Nesenbach-Frau wie einen lebenden Menschen aus dem Nebel der Urgeschichte treten: Ihre Knochen zeigen, dass sie zwischen 46 und 50 Jahre alt war, als sie starb – und rund 1,52 Meter groß. Sie war – ähnlich wie der zweieinhalbtausend Jahre jüngere Ötzi – laktoseintolerant und litt an teils fortgeschrittener Karies und an beachtlichem Zahnfleischschwund. Ihre Sprunggelenke zeigen deutliche Arthrosen – schmerzhafte Abnutzungserscheinungen, die gewöhnlich bei Reitervölkern zu finden sind, weshalb man sie auch „Reiterfacetten“ nennt.  Doch die Nesenbach-Frau lebte rund 2.000 Jahre vor der Domestizierung des Pferdes. Die Wissenschaftler gehen deshalb davon aus, dass sie mit Getreideverarbeitung zu tun hatte und deshalb oft auf einem Mahlstein kniete - daher die Abnutzung.

Keine "Urschwäbin"

"Urschwäbin ausgegraben!" – das war die Schlagzeile einer großen deutschen Boulevard-Zeitung gestern. Die Nesenbach-Frau soll den Lesern als die Vorfahrin aller Menschen verkauft werden, die sich als Schwaben verstehen: hart arbeitend – schaffig, wie man auf Schwäbisch heute sagen würde, eine gute Hausfrau, die sich kaputt geschuftet hat. Doch solche Parallelen zur Gegenwart zu ziehen gehe zu weit, findet Diane Scherzler, die stellvertretende Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Ur- und Frühgeschichte.

Diane Scherzler

Diane Scherzler

Vor der Einwanderung der Sueben während der Zeit der Völkerwanderung könne man nicht von Schwaben sprechen, das sei unwissenschaftlich. Den Boulevard-Reportern ist offensichtlich auch entgangen, dass die Forscher bereits nachweisen konnten, dass die Nesenbach-Frau gar nicht vom Nesenbach – also aus dem Stuttgarter Talkessel – stammte. Das deutsche Grabungsteam schickte Zahnproben des Skelettes an das Labor für europäische Vorgeschichte am renommierten Centre nationale pour la recherche scientifique in Aix-en-Provence. Dort wurden sie mit dem Massenspektrometer untersucht. Es stellte sich heraus, dass die Frau vermutlich vom Bodensee in der Region um Überlingen stammt und als junge Erwachsene auf die schwäbische Alb eingewandert ist. Nur ihre Knochen, die sich ja ein Leben lang chemisch verändern, enthalten die für den Stuttgarter Kessel typischen Strontium-Isotope.


Ein ganzes Dorf unter dem Bahnhof

ziegenherde

Ziegen wurden schon damals als Nutztiere gehalten

Die Grube um das Grab der Nesenbach-Frau ist inzwischen fast zwei Hektar groß. Es werden die Reste der steinzeitlichen Siedlung freigelegt, erkennbar an schwarz verfärbten Stellen im Boden, die zeigen, wo einst Stützpfosten neolithischer Behausungen gestanden hatten. Jeden Tag rechnen die Forscher damit, dass sie weitere Gräber entdecken. Sie arbeiten mittlerweile in drei Schichten rund um die Uhr, nachts im grellen Schein von Flutlichtmasten. Was sie da Millimeter um Millimeter freilegen, war im sechsten Jahrtausend vor Christus ein Dorf mit mehreren Dutzend Bewohnern und frühen Haustieren: vor allem Hunde, Schafe und Ziegen.

Haushaltsgeräte als Grabbeigaben

Die Forscher bargen aus dem Grab der Nesenbach-Frau insgesamt zwölf neolithische Haushaltsgerätschaften, die der Toten an die Seite gelegt worden waren: einen Mahlstein aus rotem Sandstein, an dem Spuren der Urgetreidearten Emmer, Kamut und Einkorn nachgewiesen wurden, verschiedene Knochenschaber und Messer mit Feuersteinklingen aus der Region um das heutige Bad Urach. Der bei weitem wertvollste dieser Funde wurde sofort ins  gut verschlossene, vollklimatisierte Magazin des Landesmuseums Württemberg gebracht: Ein auf den ersten Blick eher unscheinbarer, von Feuern geschwärzter, noch weitgehend erhaltener Tontopf, der unter den Scherben im Grab der Nesenbach-Frau verborgen lag. Er zeigt die typischen Verzierungen der La Hoguette-Kultur: in den Ton geritzte und gestochene Wellenlinien.

Steinzeitrezepte rekonstruiert

spätzle in schüssel

Ein Klassiker der schwäbischen Küche

In dem Gefäß finden sich schwarze Reste, vermutlich von einer Art Getreidebrei. Im Auftrag des Museums wurde eine Probe der in den Topf gebrannten Masse in einem Spezial-Labor analysiert. Und parallel dazu wurde das ganze Gefäß samt Getreidebrei in einem High-Tech Computer-Tomografen durchleuchtet. Die Befunde sind auch für die Archäologen überraschend: Der Teig bestand aus Wasser, Ei und Mehl - also eine frühe Version des Spätzleteiges. Eine Sensation. Im dreidimensionalen Röntgenbild des Computer-Tomografen sind tatsächlich kurze, zusammengebackene Nudeln zu erkennen, die an Spätzle erinnern. Selbst das "Rezept", wenn man so will, konnte im Labor rekonstruiert werden: Neben den Urgetreiden Einkorn und Emmer verwendeten die frühen Bauern – die noch keine Hühner kannten – Vogeleier, wahrscheinlich von Wildgänsen. Dazu Steinsalz aus den Solequellen beim heutigen Schwäbisch Hall, und Wasser. Die neolithischen Nudeln wurden nach den Daten des Computer-Tomografen mit einem 3D-Drucker nachgebildet, bis auf Tausendstel Millimeter genau. So ließ sich belegen, dass sie bereits "geschabt" wurden, wie heutige Schwaben sagen würden.

Ungewisse Zukunft

Damit sind die Urspätzle deutlich älter als die bisher ältesten Nudelfunde aus China. Ob die Erfindung aber tatsächlich im Stuttgarter Talkessel gemacht oder von den Menschen dorthin importiert wurde, ist noch unklar. Ob nun die Notgrabung wegen des Tiefbahnhofbaus schnell zu Ende geführt werden muss oder ob die Tragweite der Entdeckung dazu führt, dass der Bau zu Gunsten der Archäologie verschoben wird, muss jetzt geklärt werden.