Macht Facebook einsam?

Wissenschaftler erkunden soziale Netzwerke

Von Martin Huber; Internetfassung: Ulrike Barwanietz

Ob sie nun Facebook, Xing, Ming, Schüler VZ oder Google plus heißen: Die neuen sozialen Netzwerke haben sich als eigenständige Kommunikationsmedien fest im Leben der Menschen etabliert. Inzwischen gehen auch immer mehr Forscher den Fragen nach, die diese neuen Kommunikationsmedien aufwerfen. Denn seit es sie gibt, streitet man darüber, ob ihre Folgen positiv oder negativ zu bewerten sind.

Einiges von dem, was wir heute mit dem Handy, Pad oder Laptop machen, hätten wir vor ein paar Jahren noch als merkwürdig oder störend empfunden. Um ein paar Beispiele zu nennen: Leute senden SMS oder E-Mails während Vorstandsitzungen. Sie schreiben SMS und besuchen Facebook während der Schulstunde, während Vorträgen, eigentlich während aller Besprechungen. Eltern schreiben SMS und E-Mails beim Frühstück und Abendbrot, während ihre Kinder sich beschweren, dass sie nicht die volle Aufmerksamkeit ihrer Eltern bekommen. Aber die Kinder machen genau dasselbe. Und selbst auf Beerdigungen schreiben wir SMS. Entfernen wir uns damit von uns selbst und tauchen ab in unsere Mobiltelefone?

Sind wir auf neue Art gemeinsam allein?

Neue Suchfunktion, zum Beispiel: "Fotos meiner Freunde vor 1999" im sozialen Netzwerk Facebook

Neue Bildsuchfunktionen, zum Beispiel: "Fotos meiner Freunde vor 1999" auf Facebook

Harte Thesen. Manche werden einwenden: Ist es denn so schlimm, wenn man nicht zuhört, solange einem etwas bei einer Besprechung nicht wichtig ist? Andere fragen: Stimmt das überhaupt so? Denn es gab schon immer Rituale, Gebote und Verbote, die die menschliche Kommunikation mal stärker und mal schwächer regelten: zwischen den Geschlechtern, zwischen Vorgesetzten und Untergebenen oder auch in verschiedenen Situationen: auf einer Party spricht man anders mit Kollegen als am Arbeitsplatz. Die sozialen Netzwerke könnte man auch als Fortsetzung dieser Regularien auf einer anderen, technischen Ebene sehen. Und beobachten, was die Menschen daraus machen.


Welcher Kontakt ist wirklich?

Soziologen haben ziemlich übereinstimmend herausgefunden: Je mehr Menschen sich digital miteinander austauschen, desto stärker sind sie auch im realen Leben miteinander in Kontakt. Es gab einen schönem Spruch in England, „Forget emails, go back meeting females“: „Vergiss deine Emails, triff dich lieber mit Mädels“. Aber der dahinter steckende Verdacht, dass digitaler Kontakt den realen Kontakt stört und ersetzt, wird empirisch nicht gestützt. Es gibt einen engen statistischen Zusammenhang zwischen der Anzahl der Freunde, die jemand im wirklichen Leben besitzt und der Anzahl, die jemand online hat. Sind Menschen also im realen Leben gesellig, dann sind sie es auch auf Facebook. Sind sie im realen Leben eher zurückhaltend, dann auch online. Facebook wäre also keine Störung oder kein Ersatz für reale Kommunikation, sondern nur ihre Fortsetzung mit anderen Mitteln.

Screenshot von Facebook

Freunde können das Profil eines verstorbenen Freundes in den Gedenkzustand versetzen lassen

Das Gehirn fühlt nicht, aber sieht mehr

Mit Hilfe eines bildgebenden Verfahrens wurden auch nach Unterschieden in der Hirnstruktur in Studien mit Versuchspersonen gesucht. Es wurde verglichen, wie stark Hirnareale ausgeprägt waren, wenn Menschen viel mit online-Freunden und viel mit realen Freunden in Kontakt standen. Bei manchen Hirnarealen war das völlig egal. Andere jedoch, die mit der Erinnerung an Namen, Gesichter und dem Erkennen emotionaler Gesichtsausdrücke zu tun haben sind, reagierten unterschiedlich.

Die Veränderungen dieser Hirnregionen standen nur mit der Anzahl der Facebook-Freunde in Zusammenhang, aber nicht mit der Zahl der Freunde im realen Leben. Die These wäre hier also: wer in den sozialen Netzwerken aktiv ist, trainiert und verstärkt seine Hirnareale für Gesichts-und Namenserkennung.

Darüber hinaus fand man bei den online-Netzwerkern aber keine erhöhte Aktivität von Arealen, die mit tieferem sozialen Verstehen zu tun haben, etwa mit Empathie oder mit der Fähigkeit, sich in die Perspektive eines Anderen zu versetzen. Doch vielleicht beginnt sich das Gehirn des Menschen ja erst allmählich und in kleinen Schritten auf Facebook einzustellen, die schwer messbar sind?

Screenshot neues Facebook-Dienst Messages

Eine Studie stellte an 4 Millionen Twitter-Nutzern fest: Wenn sie sich mit mehr als 150 anderen Nutzern austauschen, können sie ihre Kontakte nicht mehr alle richtig pflegen

Facebook und Einsamkeit

Wenn man zum Beispiel Einsamkeitsmaße erhebt über Leute, wie einsam sie sich gerade fühlen, und dann danach die Leute die Möglichkeit haben, Facebook zu nutzen, lässt sich zeigen, dass diese Einsamkeit auch reduziert werden kann. Und das geschieht vor allen Dingen bei Leuten, die interagieren, also die mit Leuten schreiben und Aktionen machen. Leute, die auf Facebook nur lesen, können nicht wirklich ihre Einsamkeit reduzieren.

Wenn man Menschen dann fragt, inwieweit Facebook ihr Lebenszufriedenheit insgesamt beeinflusst, zeigt sich ein interessanter Unterschied. Man kann in Untersuchungen zeigen, dass Menschen, die online-Unterstützung bekommen, durchaus zufriedener mit ihrer Unterstützung sind. Aber wenn es darum geht, ein zufriedener Mensch zu werden, also Lebenszufriedenheit in größerem Maße, dann spielt die online Unterstützung, die man dort erfährt, keine große Rolle, sondern dann spielt die offline-Unterstützung die entscheidende Rolle.

Facebook-Startseite auf Bildschirm

Den nervenden Nachbarn vergessen, mit wildfremden Menschen Schach spielen, ..

Virtuelle Freiheit in realer Enge

Facebook und andere soziale Netzwerke im Internet können aber auch Kommunikation in Situationen herstellen, wo sie sonst nicht möglich ist. Bei Menschen, die stark unter dem sozialen Druck ihrer Umgebung leiden, kann Facebook oder andere Medien des Internets ein Tor in eine andere Welt bedeuten. Hier kann diese Möglichkeit der Kommunikation gerade die Mängel kompensieren, die Menschen in ihrer jeweiligen Lebenssituation erfahren. Wenn jemand in zu engen sozialen Beziehungen stecke, könne man es nutzen, um sich davon zu lösen. Und wenn man zu wenig soziale Kontakte habe, könne man sie über Facebook erhöhen.
Das kann auch für jene gelten, die nicht oder nicht mehr so rege am realen gesellschaftlichen Leben teilnehmen können. Dazu gehören nicht nur Isolierte, Kranke, Ältere und Behinderte, sondern auch sonstige so genannte Randgruppen.

Facebook-App auf einem Handy

„Ich versuche mich im Internet so zu geben, wie ich wirklich bin“ - sagen 70 Prozent

Das Ich und das Ich, und dann das Du

In den sozialen Netzwerken präsentieren die Menschen sich selbst manchmal eher überlegt und zielgerichtet, manchmal eher spontan und spielerisch.
Doch manche sagen auch: Nur im Alleinsein findet man zu sich selbst. Wenn wir diese Fähigkeit zum Alleinsein nicht haben, dann wenden wir uns an andere Leute, um weniger angstvoll zu sein oder um uns lebendig zu fühlen. Es ist so, als verwendeten wir sie als Ersatzteile, um unser zerbrechliches Selbstgefühl zu erhalten. Da die online-Medien die Nutzer ständig dazu bringen, mit anderen in Kontakt zu sein, denken sie möglicherweise nur noch daran, wie sie auf andere wirken. Die sozialen Netzwerke würden daher das authentische Selbst bedrohen. Aber gibt es tatsächlich ein wahres, „authentisches“ Selbst an sich? Ist es nicht notwendigerweise eine Mischung aus dem, wofür wir uns selbst halten und dem, was im Blick des Anderen gespiegelt wird?

Screenshot: Facebook - Privatsphäre Überblick

Privatsphäre-Einstellungen, Publikumsauswahl, ..

Endlich sein können, wer man sein will oder wer man schon immer war?

Viele Nutzer halten ihr öffentliches Selbstbild auch für eine ziemlich wandelbare Größe. Deshalb nutzen sie Facebook ausgiebig, um sich zu inszenieren: sie verkleiden sich und stellen entsprechende Fotos ins Netz. Oder erfinden sogar Geschichten über sich. Aber das kann auch eine Erweiterung an persönlichen Facetten sein, in denen man sich selbst ausprobiert und deren Möglichkeiten erst durch das Internet gegeben sind. Denn trotzdem unterscheiden die Nutzer auch weiterhin zwischen einem spielerischen und einem ernsten Umgang mit sich selbst.
Die Menschen lernen offenbar immer besser, mit den Möglichkeiten der Online-Netzwerke umzugehen und diese auszuschöpfen. Was natürlich nicht bedeutet, dass die sozialen Netzwerke nicht auch Gefahren bergen. Fast alle Wissenschaftler sehen die Gefahr der Internetsucht. Und sie warnen davor, dass alles das, was jemand etwa auf Facebook postet, verwertbar ist: für mobbing, Werbung, Datengeschäfte, Kriminelle oder für Kontrolle durch Arbeitgeber oder Sicherheitsdienste.
Allerdings scheinen die Menschen auch hier gelernt zu haben: Sie gehen vorsichtiger mit ihren Facebookdaten um. In einer Studie von Anfang 2010 bis Ende 2011 konnte man zeigen, dass es einen Zuwachs von Leuten gab, die ihr Profil beschränkt haben. Das waren anfangs 75 Prozent der Leute und mittlerweile über 90 Prozent der Leute. Da sieht man ganz klar, dass es auch hier eine Entwicklung im Umgang mit digitalen Informationen gibt.


Stand: 06.02.2013, 17.17 Uhr