Navigation

Volltextsuche

SWR2 bei facebook SWR2 bei Twitter SWR2 bei YouTube SWR2-App SWR2 bei Facebook, Twitter und YouTube und als App

Sendungen A-Z

Podcasts

Seite vorlesen:

Weniger Ökonomie, mehr Ethik  Plädoyer für ein neues Gesundheitssystem

Überlastete Ärzte, die sich nach Privatpatienten sehnen, Krankenkassen, die den Ärzten Verschwendung vorwerfen, Patienten, die sich nicht mehr ernst genommen fühlen, Experten, die vor dem Kollaps des Gesundheitssystems warnen – diese Befindlichkeiten und Themen bestimmten die letzten Wochen, in denen über Arzthonorare und die Praxisgebühr debattiert wurde. Ist das System noch zu retten? Wenn ja, wie? Antworten gibt der Medizinethiker Prof. Giovanni Maio von der Universität Freiburg.

Kassenpatienten warten

Terminvergabe: Privatpatienten bevorzugt?

Herr Maio, wie bewerten Sie im Rückblick die Arztschelte?

Na ja, wir müssen uns schon vergegenwärtigen, dass der Arztberuf sehr anstrengend und aufreibend sein kann und ist, und das muss auch entsprechend honoriert werden. Aber in der Medizin ist es eben so: je nachdem, in welcher Sparte Sie als Arzt arbeiten, verdienen Sie eben sehr viel oder nicht so viel. Wenn Sie etwa Kinderarzt sind oder Psychiater, verdienen Sie nicht so gut, weil Sie weniger Technik einsetzen. Es geht immer darum, wie viel an Technik Sie in der Praxis einsetzen, und das ist das eigentliche Problem, weil dann die Anreizmechanismen einfach falsch sind im deutschen System.

Es gibt Experten, die sagen, das System neige per se zur Verschwendung, es werde zu viel geröntgt, zu viel operiert, sehen Sie das auch so?

Es ist heute leider so, dass Ärzte belohnt werden, wenn sie zu viel machen, man wird bestraft, wenn man als Arzt von einer eher überflüssigen Behandlung abrät; die Frage, ob man operiert oder nicht, müsste der Arzt ohne jegliche ökonomische Aspekte für sich beantworten, aber das geht heute nicht mehr, weil ökonomische Gründe die medizinischen oftmals dominieren. Im Grunde genommen muss der moderne Arzt ein Held sein, der sich standhaft den rein ökonomischen Dingen widersetzt.

Gehorcht das Gesundheitssystem heute nur noch diesen ökonomischen Standards?

Ja, das ist schon der Trend des Systems, wir haben eine Übertragung des industriellen Denkens auf die Medizin, wir denken, in der Medizin müsse alles so funktionieren wie in einem Unternehmen. Diese Gefahr muss die Politik endlich mal sehen, sie muss begreifen, dass man soziale Fragen nicht mit der Ökonomie beantworten kann. Man muss im System weg kommen vom rein Ökonomischen, Ökonomie muss man als Hilfe verstehen, nicht mehr und nicht weniger, sie darf die Medizin aber nicht steuern. Steuern sollte der Patient selbst, der sagt, er ist in Not, darum geht es doch. Wenn sie ein System nach industriellen Faktoren ausrichten, dann funktioniert dieses System irgendwann hoch effizient, aber der Mensch geht darin unter, er fühlt sich entmachtet, er hält als Störfaktor den Betrieb auf. Genau da müssen wir neu denken und sehen, dass es um Menschen geht, um unverwechselbare Individuen, auf die sich der Arzt einlassen muss, für die man Zeit benötigt, aber das wird ja nicht honoriert.

Das heißt: Die Zuwendung, das Zuhören sollten besser honoriert werden?

Unbedingt. Denn was will der Patient? Er will einen Fachmann, klar, er will aber auch eine Persönlichkeit, der man sich anvertrauen kann, die einem zuhört, einen Menschen, der etwas für mich tut, es geht um Vertrauenswürdigkeit. Wir benötigen in der Klinik oder der Praxis keine Medizintechniker, wir brauchen eine neue Entschleunigung, so dass Ärzte wieder Zeit haben für ihre Patienten, die Ärzte darf man nicht bestrafen, indem man das Zuhören schlecht honoriert, das ist falsch.

Wer kann das System letztlich ändern?

Ich plädiere immer an die Ärzteschaft, sie trägt die Verantwortung, ja, auch für dieses System, sie darf sich nicht instrumentalisieren lassen für den Profit, für die Effizienz, für die Ökonomie. Arztsein bedeutet, ich entscheide nur im Sinne des Wohls des Patienten. Ärzte müssen darum kämpfen, das gilt für die Klinik und auch für den niedergelassenen Arzt. Wir brauchen eine neue Kultur, die es Ärzten ermöglicht, eine gute Versorgung anzubieten, weil sie letztlich mehr Zeit dafür zur Verfügung haben. Ein Arzt ist eine Persönlichkeit, die auch mit Hingabe und Freude und Engagement arbeitet; das ist ein Helferberuf, da benötigen wir charakterstarke Menschen. Ich denke allerdings, dass die Welle der Ökonomisierung weiter gehen wird. Ich hoffe allerdings, dass die Ärzte für eine humane Medizin kämpfen.

Giovanni Maio im Gespräch mit Anja Brockert; Internetfassung: Ralf Caspary

Letzte Änderung am: 22.10.2012, 13.22 Uhr