Die Jeans

Kurze Geschichte einer langen Hose

Autor: Dimitrios Kisoudis; Internetfassung: Ulrike Barwanietz und Mark Willock

Sefranek kam aus dem Krieg zurück und musste für die Textilfirma seiner Schwiegereltern Arbeitsbekleidung verkaufen. Doch die Kunden kauften ihre Kleidung schon bei anderen Firmen. Also brauchte der junge Unternehmer aus Künzelsau ein aufregendes Produkt, um ihre Aufmerksamkeit zu fesseln. Von einem Verwandten aus Frankfurt bekam er einen Tipp: er solle doch die blauen "Ami-Hosen" feilbieten.

Die "Ami-Hosen" hat allerdings ein Deutscher erfunden - Levi Strauß, ein jüdischer Auswanderer aus Buttenheim bei Bamberg. 1872 tat sich der Kurzwarenhändler Strauß in San Francisco mit einem Bekleidungshersteller zusammen, um Arbeitsoveralls zu produzieren, deren Taschen angenietet sind und vollgestopft werden können. Aus Neuengland bekam er den Denim, den robusten Baumwollstoff der Mechaniker. Die Farbe ist Indigo - "Tekhelet" - das heilige, fast vergessene Purpurblau in der Heiligen Schrift. In den 1930er Jahren machen Westernfilme die Jeans als Cowboyhose in den Vereinigten Staaten berühmt, in den 40er Jahren bringen GIs sie als Freizeithose nach Europa.

Der Anfang der deutschen Jeans

niete eines Jeans

Das Markenzeichen der Jeans: die Niete

Die Erfolgsgeschichte der deutschen Jeans beginnt in der frühen Nachkriegszeit in einer Bar im Frankfurter Bahnhofsviertel. Der heute 92jährige Alfred Sefranek tauscht Schnaps gegen Jeans, die er von einem Amerikaner bekommt. Sefranek trennt diese Jeans auf und zeichnet die Umrisse auf Papier: Schnittmuster für die Produktion der ersten Jeans in Deutschland. Zuerst muss die Gesellschaft der frühen Nachkriegszeit überzeugt werden: Trümmerfrauen, Kriegsheimkehrer. Damals erschien die Jeans unbequem, hässlich, ja sogar widersinnig. Metallnieten, die Löcher in den Stoff machen, und ausgewaschene Stoffstellen genau da, wo die Hose am meisten beansprucht wird – das verstand man damals nicht. Und schließlich war es auch genau die Hose, welche die amerikanische Besatzungsmacht trug. Erst im Laufe der 1950er Jahre ändert sich das Verhältnis zu den Besatzern. Jetzt wollen sich die Deutschen ein "Stück Westen" ins Haus holen.

Rollenvorbilder aus den USA

Filmszene aus "Der Wilde" - Britches (Yvonne Doughty, Mitte) versucht den Bandenführer des Black Rebel Motocycle Clubs Johnny (Marlon Brando, 2.von links) zu beeindrucken.

Filmszene aus "Der Wilde" mit Marlon Brando

Im "Mustang-Museum" in Künzelsau sind die Rollenvorbilder aus dem Westen zu sehen. In den Vitrinen hängen Filmplakate, etwa mit Marlon Brando 1952 als "Der Wilde" in Lederjacke und knallenger Jeans ans Motorrad gelehnt. Daneben James Dean in dem Film "Giganten" von 1956. Er sitzt mit Cowboyhut im Auto, trägt Jeanshemd und abgewetzte Jeanshose, die Füße lässig auf der Ablage. Für die Damenwelt macht Marilyn Monroe die einstige Arbeiterhose attraktiv. Sexy in hautengen Jeans ringt sie 1961 im Film "Misfits" mit Clark Gable. Sie will ihn daran hindern, einen Mustang-Hengst einzufangen und ihn zu Hundefutter zu verarbeiten. Schon acht Jahre zuvor im Jahr 1953 hatte Albert Sefranek die erste Damenjeans in Europa auf den Markt gebracht, körperbetont, doch den Reißverschluss brav an der Seite wie bei einem Rock. In den Sechzigern bringt er die Mustang-Jeans in eine große Kaufhauskette und macht sie zum massentauglichen Produkt

Die Hose der 68er

In den sechziger Jahren wird die Jeans zu mehr als einer Hose. Sie steht nicht mehr nur für Arbeit, sondern für den Frieden und die Rebellion gegen die kriegführenden Eltern, ob einst in Deutschland oder jetzt in den USA. Diese neue Bedeutung hat das Kleidungsstück erst recht politisiert. 1985 zieht die Jeans sogar ins Parlament ein: Joschka Fischer lässt sich in Jeans und Turnschuhen als hessischer Umweltminister vereidigen. Fast könnte man meinen, dass er den Eid nicht auf die Verfassung ablegt, sondern auf das Outfit.

Die Vereidigung Joschka Fischers im Dezember 1985

Die neue hessische Landesregierung am 12. Dezember 1985

Die Jeans im Ostblock

Trotz Einfuhrbeschränkungen und anti-amerikanischer Parolen wird die Jeans auch in der DDR zum begehrten Artikel. Westdeutsche schicken sie ihren ostdeutschen Verwandten. Der Osten hat auch seine eigenen Rollenmodelle in Jeans: zuerst den Schauspieler und Sänger Manfred Krug, der 1961 in der Filmkomödie "Auf der Sonnenseite" einen Stahlarbeiter und Freizeit-Jazz-Sänger in Jeans spielte, später dann die Figur des Edgar Wibeau, dem Protagonisten in Ulrich Plenzdorfs szenischer Erzählung "Die neuen Leiden des jungen W." Edgar wird der DDR-Jugend als Anti-Held präsentiert, als Genie in Jeans, das an den Verhältnissen im Osten scheitert. Das Stück fängt sogar mit einem Jeans-Blues an und die Premiere im Landestheater Halle am 18. Mai 1972 wird zum Skandal. Die Nachfrage nach Jeans wächst, die ostdeutschen Machthaber will sie stillen, natürlich ohne freien Markt. Sie gestattet vietnamesischen Fremdarbeitern, billig Jeans für die DDR-Jugend zu schneidern, und veranstaltet einen Sonderverkauf für Levi’s in der Akademie der Wissenschaften.

Eine Hose in der Krise

Nach der Wiedervereinigung kommt jedoch alles anders für die Jeans. Schuld ist der Techno, die erste gesamtdeutsche Jugendbewegung. Junge Leute aus Ost und West feiern in verlassenen Bunkern und E-Werken gemeinsam Party. Die Westdeutschen treiben den Ostdeutschen die Jeans aus, die sie sich vom Begrüßungsgeld geleistet haben. Keiner, der mit der Mode geht, will sie mehr tragen, die Hosen aus der Vergangenheit. Militärhosen und Camouflage sind in und Musiker wie DJ Tanith sind die neuen Trendsetter in den Clubs. Auch in der Haute Couture ist die Jeans nicht angesagt.

Universales Kleidungsstück oder Ausdruck amerikanischer Dominanz?

In Xintang ist eine der größten Jeansproduktionen Chinas

In Xintang ist eine der größten Jeansproduktionen Chinas

Die Jeans hat in den vergangenen Jahrzehnten die ganze Welt erobert. Die Jeans ist – wie T-Shirt oder Turnschuh – ein globales Kleidungsstück geworden - auch in der Herstellung: Heute werden gerade amerikanische Jeans oft in Asien hergestellt. Mittlerweile existieren alle Jeans-Moden nebeneinander, auch die vermeintlich alten, historischen. Fast hat man das Gefühl, als wäre die Geschichte der Jeans zu ihrem Ende gekommen. Stillstand durch Individualismus. Denn je mehr die Jeans die Unterschiede zwischen den Geschlechtern und Generationen, zwischen den Klassen und Völkern einebnet, desto stärker wächst vielleicht auch die Sehnsucht nach neuen Unterscheidungen und das Verlangen nach dem Reichtum der Farben und Materialien für unsere tägliche Kleidung. Das wäre dann das Ende der Geschichte eines modischen Klassikers.

Stand: 18.02.2013, 16.10 Uhr