Bitte warten...

Lehrer müssen das Sprechen lernen Die Bedeutung der Stimme für den Unterricht

Eine unruhige Klasse erreicht in ihrer Lautstärke einen Wert von bis zu 70 Dezibel. Als Lehrer oder Lehrerin muss man da noch drüber kommen, um gehört zu werden. Und schon ist man in einem Bereich, bei dem die Unfallgenossenschaft eigentlich einen Hörschutz vorschreiben würde. Wo setzt man da an, um es besser zu machen?

Kinder toben und schreien in einer Sporthalle

Kinder können auch mal laut sein.

Der Lehrer wird heiser, das Sprechen schmerzt, der Unterricht fällt aus. Und das in erschreckendem Ausmaß. Ein Problem, das Wissenschaftler seit Jahrzehnten beschäftigt. Das ist vermeidbar, meinen Sprechwissenschaftler und –erzieher. Doch nur die wenigsten Lehrer nehmen rechtzeitig eine Stimmtherapie in Anspruch. Die Folge: sie werden krank und ihr Unterricht fällt aus. Jeder vierte Lehrer hat schon wegen Stimmproblemen gefehlt.

Die Stimme - das Werkzeug des Lehrers

leeres Klassenzimmer

Unterricht ausgefallen

Die Stimme ist für den Lehrer, was die Kelle für den Maurer ist: sein Werkzeug. Er oder sie muss sie nicht nur um der Gesundheit willen pflegen, sondern von der Stimme hängt auch der Erfolg der Arbeit, also der Lernprozess der Schüler, ab. Wenn jemand sehr hoch, schrill und hibbelig spricht, hat das natürlich Auswirkungen auf das Klassenklima. Die Klasse kann dann ebenfalls unruhig wirken, ohne dass der Lehrer weiß, dass er daran Mitschuld trägt. Es ist wissenschaftlich nachgewiesen, dass kranke Stimmen den Lernprozess negativ beeinflussen. Schüler lernen schwerer, wenn stimmkranke Lehrer sie unterrichten.

Schüler hören natürlich jemandem, der lebendig und verständlich spricht, viel lieber zu, sind motivierter, was auch die Atmosphäre beeinflusst. Stimmkranken Personen werden häufig Charaktereigenschaften zugesprochen, die sie überhaupt nicht besitzen. Sie gelten dann als aggressiv, weil die Stimme sehr hoch ist und sehr schrill klingt. Oder als rechthaberisch, weil ihre Stimme so wirkt. Wahrscheinlich kennt jeder solche Beispiele aus seiner Schulzeit. Nur: was kann die Lehrerin dafür, wenn sie eine Fistelstimme hat, und der Lehrer, wenn er lispelt?

Lehrerin vor Oberstufenschülern

Schüler hören einer Lehrerin zu

Organische Schäden selten das Problem

Meistens liegt das Problem am falschen und unbewussten Gebrauch der Stimme. Es sind vor allem die Anfänger, Referendare und jungen Lehrerinnen und Lehrer, die auch den Mut haben, sich ihr Problem einzugestehen. Sie gehen zum Hals-, Nasen- und Ohrenarzt oder zum Phoniater, wie der Facharzt für die Stimme heißt, und lassen sich dort eine logopädische Therapie verschreiben. Denn die meisten der angehenden Lehrerinnen und Lehrern haben nicht gelernt, richtig zu sprechen. Und mancher Lehrer scheitert daran, dass er sich in seiner Ausbildung nicht mit seiner Stimme beschäftigt hat. In Baden-Württemberg sind die angehenden Lehrerinnen und Lehrer an den Pädagogischen Hochschulen verpflichtet, mindestens eine Veranstaltung zur Stimmbildung zu besuchen. Für diejenigen, die das Fach Deutsch studieren, sind es sogar noch mehr.

Stimmausbildung im Studium

An den Universitäten kommen angehende Gymnasiallehrer ohne Sprechausbildung durchs Studium. Einen sachlichen Grund gibt es dafür nicht. Für Gymnasiallehrer zählt vor allem die fachliche Ausbildung. Aber auch bei den Grund- und Hauptschullehrern spielen die Stimmfähigkeiten keine Rolle bei der Examensnote, deshalb werden sie nicht so richtig ernst genommen. In den ostdeutschen Bundesländern Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen ist eine Sprechausbildung für alle Lehrerinnen und Lehrer obligatorisch. Diese Tradition hat man aus der DDR übernommen. In Leipzig muss jeder angehende Lehramtsstudent ein phoniatrisches Gutachten mitbringen, in dem ihm bescheinigt wird, dass seine Stimme den Belastungen als Lehrer gewachsen sein wird.

Lehrerin mit Grundschülern

Eine Lehrerin in einer Grundschule

Sprechen ist wie Sport

Wie beim Sport gibt es für das Sprechen bestimmte Trainingsmuster. Man sollte immer damit beginnen, sich zu lockern, anzuwärmen, dann allmählich die Leistung zu steigern. Und am Ende kommt wieder die Entspannung, die Rückführung - wie beispielsweise die Dehnübungen nach einem Lauftraining. Allein mit Lautstärke wird sich eine künftige Lehrerin oder ein künftiger Lehrer nicht durchsetzen können. Im Gegenteil – die Gefahr besteht, dass der Lärmpegel dadurch immer weiter nach oben getrieben wird. Dennoch gibt es Situationen, in denen die Lehrkraft sich mit ihrer Stimme durchsetzen muss.

Das Kultusministerium sieht die Unterrichtsversorgung für das am Montag beginnende Schuljahr gesichert

Lautstärke führt nicht zum Erfolg im Unterricht

Nicht mit technisch erzeugter Lautstärke kann ein Lehrer seine Schüler fesseln, sondern durch den persönlichen Kontakt, die direkte Ansprache, den Blickkontakt, die Modulation der Stimme. Eine schwache Stimme signalisiert Schwäche, monotones Sprechen provoziert Langeweile, und eine gepresste Sprechweise zeigt, dass der Sprecher unter Druck steht. Sprecherziehung hat etwas mit Persönlichkeitsbildung zu tun.

Lehrer, die ihre Schüler auf ein Leben in dieser Gesellschaft vorbereiten wollen, müssen sie zum Mitreden und damit auch zum Reden erziehen. Diese Fähigkeit müssen sie aber selber beherrschen. Deshalb sollten alle das Sprechen lernen, meinen nicht nur die Sprechwissenschaftler.

Weitere Themen in SWR2