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Frau mit ihrem dementen Mann

Demenz-Patienten Neue Leitlinien für die Behandlung

Schon heute leben in Deutschland circa 1,5 Millionen Menschen mit Demenz, Tendenz steigend. Demenz ist bis heute nicht heilbar, aber es gibt immer wieder Fortschritte in der Vorsorge, der Früherkennung und vor allem in der Therapie. Diese Fortschritte spiegeln sich wider in neuen Behandlungsstandards und Leitlinien für Demenzpatienten, die die deutsche Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde jetzt veröffentlicht hat. Ralf Caspary im Gespräch mit Prof. Wolfgang Maier, unter dessen Leitung die Leitlinien formuliert wurden.

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Für welche Berufsgruppe sind die Leitlinien gedacht?

Die Leitlinien richten sich zunächst einmal an die behandelnden Therapeuten: Das sind Ärzte, Psychologen, Krankengymnasten, Tanztherapeuten, Ergotherapeuten. Und in gewisser Hinsicht richten sie sich auch an diejenigen, die Diagnostik betreiben, also Radiologen, Nuklearmediziner oder Laborchemiker.

Die Leitlinien betreffen also praktisch alle Gruppen, die mit dieser Erkrankung zu tun haben?

Es ist auch die Pflege damit vertreten. Allerdings sind die Leitlinien in Bezug auf die Pflege nicht so umfassend, wie das bezüglich der medizinischen Fachgebiete der Fall ist.

Herd mit Erinnerungsschild "Nicht vergessen"

Die psychosozialen Interventionen sollen den Demenzkranken dabei helfen, ihren Alltag besser zu bewältigen.

Wie sehen die zentralen Punkte der neuen Leitlinien für Demenzpatienten aus? Kann man das zusammenfassen?

Das kann man so pauschal nicht zusammenfassen. Aber ich kann einige Eckpunkte nennen, die neu sind: Neu ist insbesondere der Umstand, dass es neben der schon seit Jahren etablierten medikamentösen Therapie zur Abmilderung der Beschwerden nun auch psychosoziale Interventionen gibt, die gleichrangig damit empfohlen werden. Solche psychosozialen Interventionen gelten für alle Demenzformen und sie dienen vor allem dazu, dass Patienten ihren Alltag besser bewältigen können. Und auch bei denen, die bereits fortgeschritten in der Therapie sind, helfen sie, die pflegenden Angehörigen oder professionellen Pfleger zu entlasten.

Vier Senioren strecken voller Freude den Daumen hoch

Die Gefühlswelt ist bei Dementen oft noch sehr aktiv.

Könnten Sie anhand von drei anschaulichen Beispielen noch einmal erklären, wie diese psychosozialen Interventionen im Idealfall aussehen könnten?

Es gibt verschiedene: Es gibt zum einen eher psychotherapeutisch orientierte Verfahren, das sind verhaltenstherapeutisch und reminiszenz-therapeutisch orientierte Verfahren. Unter Reminiszenz-Verfahren versteht man: Erinnerung, Beleben der Erinnerungen, dadurch Induktion von Gefühlen, von Emotionen. Die Gefühlswelt ist ein Erlebensbereich, der auch bei fortgeschrittenen Gedächtnisproblemen immer noch aktiv ist und gut induzierbar ist. Auf der anderen Seite gibt es die Ergotherapie, also eine Beschäftigungstherapie, ein übendes Verfahren, das vor allem auch zuhause gepflegt werden kann und immer in regelmäßigen Abständen durchgeführt werden kann, indem ein Egotherapeut nach Hause kommt und mit dem Patienten dort entsprechende übende Verfahren anwendet, die sehr auf das Individuum zugeschnitten sein sollen und eben die Fertigkeiten, die bestehen, entfaltet und aufrecht erhält.

Zwei alte Menschen von hinten beim Spaziergang

Neu an den Leitlinien für Demenzpatienten ist vor allem, dass nun nicht mehr nur eine medikamentöse Therapie sondern auch psychosoziale Interventionen empfohlen werden.

Bei dem ersten Beispiel, das Sie genannt haben, Reminiszenz, da fällt mir etwas ein: Wir haben in SWR2 Impuls über Demenzkranke berichtet, denen Schlager aus ihrer Kindheit vorgespielt wurden - das hatte eine ziemlich gute Wirkung.

Ja, genau. Und das dritte, was von der Evidenz her am Besten bestätigt ist, ist die sogenannte kognitive Stimulation oder das kognitive Training: Dabei sollen alltagsnah gewisse Erinnerungs- und Denkprozesse trainiert und geschult werden, nicht abstrakte, wie das beim Hirnjogging der Fall ist, sondern sehr lebensnahe, die sich auf die individuelle Situation des Patienten beziehen.

Haben Sie dafür bitte ein Beispiel?

Das sind alles Therapien, die möglichst im häuslichen Setting durchgeführt werden. Man kann das über Zeitungslesen machen oder man kann das über Realitätsorientierung machen: Der Patient, der sich zuhause nicht mehr zurecht findet, wird an verschiedene Plätzen zuhause gebracht; es wird dabei stimuliert, was er mit diesen Orten verbindet, welche Gefühle er hat, welche Begegnungen er dort bereits hatte. Dadurch werden kognitive Prozesse auch wesentlich durch Gefühlsprozesse bedingt.

Eine alte und demenzkranke Frau sitzt am 29.11.2012 in einem Pflegeheim. In Sachsen-Anhalt leidet etwa jeder dritte Pflegebedürftige an der Alterskrankheit Demenz. 

Neuroleptika sollten bei der Therapie von Demenzkranken nur als letzte Wahl eingesetzt werden.

Es wird also so eine Art geistige Landkarte angelegt?

Genau, so eine Art geistige Landkarte auf den individuellen Lebenszusammenhang des Patienten bezogen.

Das alles dient dazu, die Demenz, den Verfallsprozess zu verlangsamen?

Zu verzögern muss man genau sagen. Die Wirkung ist unterm Strich ähnlich wie bei den heute zur Verfügung stehenden pharmakologischen Antidementiva. Sie können darüber über ein halbes Jahr, über ein Jahr hinweg, die Gedächtnisprobleme und die Steigerung der Gedächtnisprobleme abmildern - sie können sogar teilweise kognitive Verbesserungen herbeiführen. Und sie können vor allem eines tun: Der Patient fühlt sich besser verstanden, es kommt weniger zu Missverständnissen zwischen ihm und seinen Angehörigen. Dadurch kommt es auch weniger zu den sogenannten Verhaltensstörungen und psychologischen Störungen, zu weniger innerer Unruhe und zu weniger Aggressivität. Sie haben also eine breite Wirkung und stimulieren nicht nur die kognitiven Fähigkeiten und Gedächtnisprozesse, sondern auch das Verhalten, das in der häuslichen Pflege häufig besonders problematisch ist - was häufig dann auch zu Heimeinweisungen führt. Und die Hoffnung ist, dass solche Heimeinweisungen durch die Anwendung solcher psychosozialen Interventionen verzögert werden können.

übereinander gelegte Hände einer alten Frau

Helfen kann es den Demenzpatienten, im eigenen Zuhause Orientierungsübungen zu machen.

Man könnte dadurch auf die medikamentöse Therapie wahrscheinlich nicht völlig verzichten, aber könnte man sie etwas herunterfahren?

Ja, vor allem ist die medikamentöse Therapie zu differenzieren: Natürlich sollen Patienten sowohl psychosoziale Interventionen bekommen als auch Antidementiva. Aber sie sollen eines nicht bekommen: Sie sollen keine Neuroleptika bekommen - oder Neuroleptika nur als Mittel letzter Wahl. Diese Neuroleptika werden aber in breiter Weise eingesetzt: Und zwar vor allem zu einer Reduktion der inneren Unruhe und zur Ruhigstellung des Patienten. Diese Art von Therapie, diese Art von Verordnung von Medikamenten, Neuroleptika, sollte möglichst heruntergefahren werden. Denn sie führen nicht nur zu einer Sedierung und Inaktivität bei einem Patienten - die die Lebenserwartung erheblich begrenzt - sondern führen insgesamt auch zu medizinischen Folgeschäden, die ebenso die Lebenserwartung begrenzen. Diese Art von Medikation, die häufig vor allem in Pflegeheimen betrieben wird, ist gegen jede medizinische Evidenz und sollte möglichst unterbleiben.