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Selbstverletzung - typisch für die Borderlinestörung

Neue Therapieform bei Borderline Den Gefühlen zugucken

Sie ritzen sich die Arme auf, schlagen mit dem Kopf gegen die Wand – Menschen, die an einer sogenannten Borderline-Störung leiden, verletzen sich oft selbst. Dieses Verhalten macht für die Borderliner durchaus Sinn: denn die Selbstverletzung ermöglicht ihnen, Anspannung abzubauen. Bei Borderline war die gängige Behandlung bisher die Psychotherapie – nun aber versucht das ZI in Mannheim, einen neuen und weltweit einzigartigen Weg zu gehen: Selbstregulierung per Neurofeedback. Dabei schaut man den Gefühlen im eigenen Gehirn einfach zu.

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Gefühle bauen sich in Borderlinern mehr auf als in anderen Menschen, denn sie sind nicht in der Lage, manche ihrer Gefühle zu regulieren. Insbesondere negativen Emotionen wie Wut oder Angst haben sie nichts entgegenzusetzen, werden von ihnen oft regelrecht überwältigt.

Gängige Behandlung bisher ist Psychotherapie – nun aber versucht das ZI, das Zentralinstitut für seelische Gesundheit in Mannheim, einen neuen und weltweit einzigartigen Weg zu gehen: Selbstregulierung per Neurofeedback.

Regulation in der Röhre

Nervenaufreibend ist das Geräusch des Kernspintomographen am Zentralinstitut – aber so schrill das MRT auch klingt: am Ende wirkt es beruhigend. Denn in der weißen Röhre lernen Patienten und Patientinnen mit Borderline-Störung, ihre oft überschäumenden Gefühle in den Griff zu bekommen.

Magnet-Resonanz-Tomograf

Studie im Kernspintomographen

Neurofeedback heißt die Methode – und das funktioniert so: Vom Scheitel bis zu den Knien liegen der Patient oder die Patientin in der Röhre des Kernspintomographen. Der Kopf ist fixiert, man schaut auf einen Spiegel über sich. In diesen werden die Bilder, auf die der Patient reagieren soll, eingeblendet. Rosemarie Klütsch, Doktorandin in der Forschungsgruppe Borderline überwacht das Neurofeedback.

Emotionale Mandel

Gemessen wird die Hirnaktivität in der sog. Amygdala. Das ist eine kleine, mandelförmige Region im Gehirn, die unsere Gefühle steuert. Je stärker sie durchblutet ist, desto aktiver ist sie. Und das kann man im MRT sichtbar machen. Die Probanden und Probandinnen bekommen für 24 Sekunden ein negatives Bild zu sehen und sollen versuchen, in ihren Emotionen dennoch neutral zu bleiben.

Erschöpfter Mann hält seine Hand vor die Augen

Patienten probieren verschiedene Strategien aus, um ihre Gefühle zu regulieren

Die Idee beim Neurofeedback ist im Grunde simpel: die Patientinnen und Patienten probieren verschiedene Strategien aus, um ihre Gefühle, die durch das angstmachende Bild entstehen, zu regulieren. Den Effekt ihrer Strategien haben sie durch das bildgebende Verfahren des MRT sofort vor Augen. Das heißt, sie schauen sich selbst ins Hirn – und können dadurch lernen, was ihnen gut tut und was nicht.

Blick in das eigene Gehirn

Das Ziel beim Neurofeedback ist, die Hirnaktivität im Gefühlszentrum auf ein als neutral gegebenes Level zu reduzieren. Wie die Borderline-Patienten das machen, ist ihnen selbst überlassen. Manche Strategien der Probandinnen und Probanden stammen aus der Psychotherapie, manche werden intuitiv angewendet und ausprobiert. Den Erfolg oder Misserfolg der Versuche hat man dabei immer sofort vor Augen.

Grafik eines menschlichen Gehirns

Neurofeedback bei anderen Erkrankungen erfolgreich

Ausprobieren und Lernen. Darauf kommt es beim Neuro-Feedback an, das betont auch Professor Christian Schmahl. Er ist der Leiter der Borderline-Forschungsgruppe am Zentralinstitut für seelische Gesundheit in Mannheim. Die Idee, Neuro-Feedback bei psychischen Erkrankungen einzusetzen, ist nicht neu. Bei der Behandlung von Depressionen und Schizophrenie kommt die Methode schon zum Einsatz. Bei Borderline- Patienten allerdings hat das bisher noch niemand versucht. Hier wollen die Mannheimer Forscherinnen und Forscher eine aus ihrer Sicht wichtige Lücke in der Therapie schließen, denn bei anderen Erkrankungen hat sich die Trainingsmethode mit direktem Neurofeedback als erfolgreich erwiesen.

Direkte Bewältigung

Neurofeedback bei Borderline

Neurofeedback bei Borderline

Lernen im Kernspin – das ist eine teure und zeitaufwändige Methode. Trotzdem sind Christian Schmahl und sein Team der Meinung, dass sich der Aufwand lohnt. Allein rechnerisch ist ein Tag stationärer Behandlung teurer als eine Messung im Kernspintomographen, welche etwa 200 Euro kostet.

Doch die Studie befindet sich erst in der Pilotphase. Valide, also handfeste Ergebnisse sind frühestens in zwei Jahren zu erwarten. Trotzdem wagen die Mannheimer Forscherinnen und Forscher ein erstes Fazit, denn die Rückmeldung der Patienten ist positiv, vor allem dadurch, dass sie den Erfolg ihrer Bewältigungsstrategien sofort auf dem Bildschirm erkennen können.

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