Der Biogas-Rucksack

Energierevolution für Afrika

SWR2 Wissen. Von Nicola Wettmarshausen; Internetfassung: Ulrike Barwanietz & Ralf Kölbel

Nicht nur in ländlichen Gebieten, auch in vielen afrikanischen Großstädten wird heute immer noch mit Brennholz oder Holzkohle gekocht. Darum wird alles, was irgendwie brennbar ist, eingesammelt. Auf Landkarten sieht man die Radien, die sich um Dörfer herum ausbilden, wo es bereits kein Holz und keinen Wald mehr gibt. Doch eine ganz andere Energiequelle liegt viel näher, nämlich in den Ställen der Rinder: das Biogas.

Der Biogas-Rucksack als leichtes und leuchtendes Tragemittel

Der Biogas-Rucksack als leichtes Tragemittel für weite Wegstrecken

Die traditionelle Art zu kochen – auch "Drei-Steine-Methode" genannt, weil drei Steine den Kochtopf stützen, während darunter das Feuer lodert – ist ein wahrer Energieverschwender.

Holz als die traditionelle Energiequelle

Kochen mit Holz als Energiequelle

Kochen mit Holz oder Holzkohle ist außerdem auf Dauer extrem ungesund, Atemwegserkrankungen und Augenentzündungen sind die Folge. Nach den Berechnungen der Weltgesundheitsorganisation sterben jährlich mehr als eine Millionen Menschen weltweit an den Langzeitfolgen.


Alternative Ansätze gibt es viele, doch keinen mit durchschlagendem Erfolg

Katrin Pütz, Agrartechnikerin an der Universität Hohenheim, verfolgt eine andere Idee: Sie experimentiert mit tierischem Abfall, den sie aus einem nahegelegenen Stall holt:

Biogas-Anlage

Biogas-Anlage

Den mischt sie mit Wasser und füllt ihn in eine kleine Test-Anlage.

Hier leben Milliarden von Bakterien, die die Gülle in Gas umwandeln: Biogas. In einem Land wie Äthiopien gibt es schätzungsweise 70 Millionen Rinder. Sie hinterlassen 70 Millionen Kilo Dung pro Tag – ein unerschöpflicher Vorrat an Rohstoff für die Herstellung von Biogas.


Biogas als Business

Die Agrartechnikerin überlegt darum, Biogas als Geschäftsmodell für Afrika zu entwickeln. Sie nennt es „Biogas as Business“. Sie denkt dabei an einen größeren Betrieb, geleitet von einem hauptberuflichen Biogas-Produzenten. Der kann mehrere Familien mit günstiger Haushaltsenergie versorgen, vielleicht sogar ein ganzes Dorf. Die einzelnen Farmer könnten das Gas bei ihm kaufen – und ihren Dung wiederum an ihn verkaufen. Dies gäbe auch den Vorteil, die Anlage ganzjährig und durchgängig laufen zu lassen, ohne von den Schwankungen eines kleinen Tierbestands abhängig zu sein.

Die Inbetriebnahme einer Gaslampe

Gaslampe leuchtet mit Biogas

Doch wie transportiert der Käufer das Biogas von einer zentralen Anlage zu sich nach Hause? Gasleitungen sind im ländlichen Afrika unbekannt. Und viel zu teuer. Biogas, das zu rund 60 Prozent aus Methangas besteht, könnte man verflüssigen. Aber das geht nur mit extremer Kühlung. Ein aufwendiges Verfahren, das auf Dorfebene nicht praktikabel ist.

Welche Möglichkeit gäbe es noch?

Katrin Pütz‘ Erfinder-Ehrgeiz ist geweckt. Bei ihren Streifzügen im Internet stößt sie auf Berichte über Indonesien: Dort wird Biogas vereinzelt in alten LKW-Schläuchen transportiert. Ob dies auch eine Lösung für Afrika wäre? Eine Lösung, die die Äthiopier selbst umsetzen könnten, mit einheimisch produzierten oder bereits vorhandenen Materialien?

Katrin Pütz auf der Suche nach dem richtigen Material

Katrin Pütz sucht optimalen Biogas-Behälter

Sie kauft einige LKW-Schläuche, je größer, desto besser. 20 Euro kostet ein gebrauchter, das ist nicht gerade billig. Auf dem Mercato findet die Ingenieurin noch andere Dinge: Bambus, Sisal, Ventile und Plastiksäcke, in denen Honig transportiert wird. Mit einer großen Kiste voller Material kehrt sie nach Deutschland zurück. Ein Transportbehälter für Biogas – wie wird er aussehen, und welche Kriterien muss der erfüllen?


Dicht und leicht

In der Forschungshalle der Uni Hohenheim macht sich die junge Agrartechnikerin sogleich an die Arbeit. Doch da die Autoschläuche sich so lange ausdehnen bis sie platzen, brauchen sie eine Druckbegrenzung. Katrin Pütz webt ein leichtes Geflecht aus Sisal, das sie um den Schlauch legt. Doch auch bei hohem Druck wird der Schlauchmantel durch die Maschen gepresst und platzt.

Austesten der Trageeigenschaften des Biogas-Rucksacks

Austesten der Trageeigenschaften des Biogas-Rucksacks

Bei weiterer Recherche stößt Katrin Pütz auf Staupolstersäcke, die zur Ladungssicherung verwendet werden. Sie bestehen aus Polyethylenfolie. Bei einem Test stellen sie sich als ausreichend gasdicht heraus. Der größte Vorteil ist aber: Die Säcke fassen ein großes Volumen Gas und sind dabei extrem leicht. Allerdings muss er noch etwas abgeändert werden: mehrere Lagen Folie, bessere Ventile und ein Tragegurt an der Seite. Dann ist er fertig: Der Rucksack für Biogas.

Low-Tech als hohes Ziel

Dieser bietet die Möglichkeit für die Landbevölkerung, einen Low-Tech-Zugang zu erneuerbaren Energien zu bekommen.

Eine zukünftige Kundin des "Biogas as Business"-Pilotprojekts

Tragetest mit dem Biogas-Rucksack auf dem Rücken

Sie brauchen überhaupt kein Startkapital außer den Sack und können sich von jemandem, der das Geld oder die Mittel hat, in eine Biogasanlage zu investieren, dort das Gas abholen.

Eigentlich sollte der Sack nur aus einheimischen, vor Ort verfügbaren Materialien hergestellt werden. Doch diese Grundbedingung ist mit den Anforderungen ans Produkt wie – niedriger Preis, Gasdichtigkeit, Transportierbarkeit, einfache Handhabung – nicht so leicht vereinbar. Trotzdem ist es der Ingenieurin gelungen, ein Low-Tech-Produkt zu erfinden.

Der Biogas-Rucksack, angeschlossen an ein Haus

Der Biogas-Rucksack, angeschlossen an ein Haus

Bei einem Workshop an der Universität in Addis Abeba, in der Teilnehmer verschiedener afrikanischer Länder sitzen, startet Katrin mit einem Powerpoint-Vortrag. Die Reaktion der Teilnehmer ist zuerst verhalten., doch dann sind sie verblüfft und amüsiert über die Vorstellung, äthiopische Farmer so über die Steppe wandern zu sehen: mit einem riesigen leuchtend weißen Plastik-Würfel auf dem Rücken, der dreimal so breit und fast so hoch ist wie sie selbst. Und weniger als 4 Kilo wiegt.

Katrin Pütz kehrt nach Deutschland zurück – und erweitert ihr Konzept: Sie will zusätzlich eine effizientere Biogaslampe produzieren. Eine 60 Zentimeter große Metallplatte, die man für das Backen der landestypischen Injera-Fladen einfach auf den Gaskocher aufsetzt, hat sie bereits entwickelt; und für den Biogas-Rucksack ist ein deutsches Patent beantragt.

Kernfrage: Wer finanziert das Pilotprojekt?

Die Ingenieurin möchte, dass die Afrikaner die Forschung zu ihrem Projekt selbst finanzieren und dass der äthiopische Staat Verantwortung übernimmt. Ihren Projektantrag für das Pilotprojekt hat sie deshalb direkt beim staatlichen Ministerium in Äthiopien eingereicht.

Vorstellung des Biogas-Rucksacks in einem äthiopischen Dorf

Vorstellung des Biogas-Rucksacks und seiner einfachen Anwendung in einem äthiopischen Dorf

Doch nach monatelangem Warten ist das Ergebnis ernüchternd. Es gibt keine definitive Zusage, aber auch keine definitive Absage, und die Hoffnung schwindet mit der Zeit.
Doch die junge Agrartechnikerin bleibt bei ihrer Meinung: Finanzieren muss das Land, in dem das Projekt umgesetzt werden soll. Nur so kann sie testen, ob echtes Interesse besteht.
Nur so käme man letztendlich weg von Spenden und Geschenken in der Entwicklungshilfe und hin zu tatsächlichen Förderungen in die Selbstständigkeit mit Know-how und Low-tech.

Biogasrucksack "Pütz" goes international

Im Herbst 2012 ist ihr Biogasrucksack bereits in dreizehn Ländern zu Testzwecken im Einsatz: In Kenia, Tansania und Botswana, aber auch in asiatischen Ländern wie Indonesien, Bangladesch und Nepal.

Hausanschluss des Biogas-Rucksacks

Die Bedienung ist kinderleicht

Und ihr nächstes Projekt, auch als Reaktion auf die bisherige Ablehnung der Bauförderung einer Biogasanlage: Eine genähte Biogasanlage, welche aus dem gleichen Material wie der Biogasrucksack besteht und einfach aufgeklappt werden kann. Denn bei horrenden Preisen für Zement sind genähte Biogasanlagen eine interessante Alternative.

Katrin Pütz will diesen neuen Anlagentyp zusammen mit dem Rucksack testen: Im Rahmen von vier Pilotanlagen in Äthiopien und Kenia. Ob das dann die Biogasanlage der Zukunft wird, das bleibt abzuwarten, aber einen Versuch ist es auf jeden Fall wert.

Stand: 21.03.2014, 18.55 Uhr

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