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Antikenhehlerei Das Milliardengeschäft mit der Vergangenheit

Sie graben nach antiken "Schätzen", plündern alles, was sie zu Geld machen können und werfen den Rest achtlos weg: Raubgräber zerstören das kulturelle Erbe von uns allen. Ihnen auf der Spur sind Archäologen und Kriminalisten gleichermaßen. Über die Erfolge der Fahnder gegen die international organisierte Antikenhehlerei und ihr Scheitern sprachen wir mit Polizeioberkommissar Eckhard Laufer, der beim hessischen Landeskriminalamt für den Kulturgüterschutz zuständig ist.

Zwei Schatzsucher graben illegal in einem Waldstück (nachgestellte Szene)

Schatzsucher richten großen Schaden an.

SWR.de: Man könnte meinen, Antikenhehlerei sei ein recht kleines Phänomen. Doch tatsächlich sprechen wir von einem der größten Schwarzmärkte weltweit. Was können Sie zu den Ausmaßen sagen?
Eckhard Laufer: Wir haben es mit einer hohen Dunkelziffer zu tun. Die UNESCO schätzt, dass die Summe aus dem Verkauf von illegal erlangten Kulturgütern bei sechs bis acht Milliarden Euro pro Jahr liegt. Vermutlich dürfte das heute schon im zweistelligen Milliardenbereich liegen, da Raubgrabungen in den vergangenen Jahren zugenommen haben.

Händler, die Antiken aus unklarer Herkunft verkaufen, wenden vielleicht ein, die antiken Objekte würden durch den Verkauf an Sammler doch für die Nachwelt erhalten, und die Sorgen von Archäologen und Polizei seien völlig übertrieben.
Kulturgüter stehen unter Schutz, weil sie Quellen der Geschichte für die Gegenwart und die Zukunft sind. Das Vernichten von Kulturdenkmälern ist vergleichbar mit dem Vernichten alter Bücher, aus denen man Seiten reißt und sie verbrennt. Es gibt nicht umsonst die staatliche Archäologie, die beauftragt ist, Kulturdenkmäler zu schützen oder auszugraben.

Wir als Polizisten sagen: Bei Raubgrabungen werden Sachbeweise entfernt, die Archäologen hätten auswerten können. Wenn man Beweismittel entfernt, kann der Archäologe genauso wenig die Spuren auswerten, wie ein Kriminalist das an einem Tatort tun kann.

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Von Zerstörung, Terrorismus und politischen Signalen

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Luftaufnahme der Ruine der sumerischen Stadt Badtibira (Südirak) aus dem 3. Jahrtausend v. Chr. Jedes einzelne Loch ist eine Raubgrabung, Badtibira wurde dadurch vollständig vernichtet. Die Tragweite erklärt der Mainzer Archäologe Dr. Michael Müller-Karpe: "Hier hatten die Menschen gelebt, denen wir die Erfindung der Schrift verdanken, des Rades, der Mathematik, der Astronomie: Errungenschaften, die aus unserer modernen Welt gar nicht mehr wegzudenken wären. Alles, was wir je über diese unsere Vorfahren, die Mütter und Väter unserer Zivilisation, hätten in Erfahrung bringen können, war hier gespeichert. Diese Informationen sind verloren, zerstört – für immer."

Luftaufnahme der Ruine der sumerischen Stadt Badtibira (Südirak) aus dem 3. Jahrtausend v. Chr. Jedes einzelne Loch ist eine Raubgrabung, Badtibira wurde dadurch vollständig vernichtet. Die Tragweite erklärt der Mainzer Archäologe Dr. Michael Müller-Karpe: "Hier hatten die Menschen gelebt, denen wir die Erfindung der Schrift verdanken, des Rades, der Mathematik, der Astronomie: Errungenschaften, die aus unserer modernen Welt gar nicht mehr wegzudenken wären. Alles, was wir je über diese unsere Vorfahren, die Mütter und Väter unserer Zivilisation, hätten in Erfahrung bringen können, war hier gespeichert. Diese Informationen sind verloren, zerstört – für immer."

Das Problem von Raubgrabungen liegt nicht nur im Verlust der antiken Objekte. Machen wir einen Vergleich und nehmen an, jemand schnitte aus einem Porträt das Gesicht aus und verkaufte es für viel Geld an einen Sammler. Das Gesicht steht für ein antikes Objekt. Der Sammler besitzt nun zwar einen hübschen Gegenstand, er weiß aber nichts von dessen Kontext: War die Abgebildete eine reiche Frau oder ein Dienstmädchen? Was tut sie? In welcher Umgebung befindet sie sich?

Für die Wissenschaft und alle anderen Menschen bleibt nur der Rest des Gemäldes übrig, der in unserem Vergleich immerhin nicht weiter beschädigt wurde (links). Gelingt es Wissenschaftlern und Fahndern nicht, das Gesicht wiederzubeschaffen und als Teil des Gemäldes zu identifizieren, wird man nie erfahren, wie die Frau aussah, wer sie war, man wird nie über ihr Lächeln rätseln. Funde - hier das Gesicht - und ihr archäologischer Kontext - hier das restliche Gemälde - gehören zusammen, damit wir uns ein Bild von der Vergangenheit machen und sie besser begreifen können. Raubgräber zerstören den Kontext - ein Grab, eine Siedlung etc. - jedoch beim Plündern häufig: viel mehr als Mona Lisas Gesicht ist dann nicht mehr übrig.

Bei Ausgrabungen, die Archäologen nach professionellen Standards durchführen, geht es also um weit mehr als nur um die Gegenstände, die gefunden werden: Die Wissenschaftler interessieren sich für jedes Detail, das es ihnen erlaubt, ein möglichst genaues Bild von der Vergangenheit zu rekonstruieren.

Von der Polizei sichergestellte Gefäße aus der Zeit zwischen dem 8. Jahrhundert v. Chr. und dem 6. Jahrhundert n. Chr. Ein Großteil der illegal gehandelten Antiken stammt aus der Plünderung archäologischer Stätten. Verlockend für Grabräuber sind die teilweise hohen Summen, um die es geht: Diese insgesamt mehr als 300 Gefäße werden auf mehrere Millionen Euro geschätzt.

Ein Zollangestellter zeigt auf dem Flughafen in Sofia Münzen, die mit anderer Schmuggelware auf dem Weg nach Deutschland beschlagnahmt worden waren. Das auf der Schnittstelle zwischen Orient und Okzident gelegene Bulgarien mit seinem reichen Kulturerbe ist im Visier internationaler Antiquitätenschmuggler. Von Raubgrabungen sind auch Deutschland, der Irak, Griechenland, Italien, die Türkei, China, Mali, Peru und viele andere Länder betroffen.

Es gibt deutliche Hinweise, dass Antikenhandel und Terror eng miteinander verbunden sind. Mohammed Atta, einer der Todespiloten vom 11. September, soll während seines Studiums in Hamburg Raubgrabungsfunde aus Afghanistan angeboten und damit seine Pilotenausbildung finanziert haben. Dr. Michael Müller-Karpe sagt: "Der Antikenhandel spielt in der Oberliga des organisierten Verbrechens."

Raubgut, das 2010 an den Irak zurückgegeben wurde. - Antike Kunst aus Staaten, in denen Krieg geführt wird, ist auch in Deutschland im Handel. In der ZDF-Dokumentation "Blutige Schätze. Der Antikenhandel und der Terror" sagt der irakische Botschafter Dr. Al-Khateeb: "Al-Quaida nutzt den Drogen- und Antikenhandel als eine ihrer Hauptquellen, um ihre terroristischen Aktivitäten zu finanzieren." Auch die Taliban in Afghanistan finanzieren nach Erkenntnis der belgischen Polizei mit dem Verkauf gestohlener oder geraubter Kunst ihr Tun.

Ein wichtiges Signal: Der Staatssekretär im rheinland-pfälzischen Bildungsministerium, Michael Ebling (re.), überreicht im Februar 2011 im Römisch-Germanischen Zentralmuseum in Mainz (RGZM) dem Botschafter der Republik Irak, Dr. Al-Khateeb (Mi.), eine antike Axt. Die 4.500 Jahre alte Streitaxt aus Mesopotamien wurde damit ihrer rechtmäßigen Besitzerin, der Republik Irak, übergeben.

Die Streitaxt hatte eine Polizeiangehörige bei der Durchsuchung der Geschäftsräume eines Antikenhändlers gesehen. Archäologen untersuchten das Objekt und kamen zum Schluss, dass es höchstwahrscheinlich aus dem Irak stammt. Indizien belegen, dass die Axt wohl aus einem Museum oder einer wissenschaftlichen Ausgrabung gestohlen wurde.

Einer Kunstfahnderin der Polizei fiel diese bronzene Axt auf einer Antikenmesse in Maastricht auf. Archäologen entzifferten daraufhin den Keilschrifttext: Die Axt stammt aus dem persönlichen Besitz des Königs Schulgi, der von 2094 bis 2047 v. Chr. in der Stadt Ur (im heutigen Südirak) regierte. Das wichtige Fundstück wurde daraufhin sichergestellt. Es hätte nie in den Handel kommen dürfen. Im Februar 2009 brachte der damalige Außenminister Frank-Walter Steinmeier die Axt nach Bagdad und übergab sie dem irakischen Ministerpräsidenten Nuri al-Maliki.

Für 1.400 Euro wurde dieses Fläschchen in einem Auktionskatalog angeboten; nach Ansicht von Experten wäre es auf dem Schwarzmarkt einen zweistelligen Millionenbetrag wert. Als eines der ältesten Goldgefäße überhaupt wird es sichergestellt. Untersuchungen durch Archäologen des RGZM und durch das BKA bestätigen den Verdacht: Das Fläschchen stammt höchstwahrscheinlich aus einem geplünderten Königsgrab im heutigen Irak.
Das Auktionshaus verlangt das Fläschchen zurück, doch der irakische Botschafter bittet das RGZM, es nicht herauszugeben. In den Medien heißt es daraufhin, Zollbeamte würden zur Not den Tresor des Museums aufschweißen, um an das Gefäß zu gelangen. Schließlich gibt das RGZM das Gefäß heraus. Ein Gericht stellte später fest, es sei Staatseigentum der Republik Irak. Im Juli 2011 wurde es schließlich durch Außenminister Guido Westerwelle an den irakischen Vize-Premierminister Hussein Al-Sharistani übergeben.

Was ist Ihre Erfahrung mit Raubgrabungen in Deutschland?
Raubgrabungen finden in Deutschland oft als "Schatzsuche" statt. Das wird in erster Linie mit Metalldetektoren betrieben und oft noch als Gewinn bringendes Abenteuer angesehen. Den meisten Menschen ist nicht bewusst, dass sie Gesetzesverstöße begehen und durch ihre Eingriffe in Bodendenkmäler einen Schaden verursachen. Was sie entfernen, steht der Archäologie und damit der Allgemeinheit nicht mehr zur Verfügung.

Raubgrabungen funktionieren nach einem System: Einer plündert, einer verkauft, einer kauft …

die Himmelsscheibe von Nebra

Beinahe hätten wir von ihr nie erfahren: die Himmelsscheibe von Nebra

Genau. Es fängt natürlich mit der illegalen Suche an. Illegale Schatzsucher sind oft schon lange Jahre im Geschäft und betreiben das intensiv. Sie wissen ganz genau, was der Marktpreis für einen Fund ist. Sie sind alles andere als an Bekanntheit interessiert. Zum einen wollen sie den Fundort nicht preisgeben, zum anderen versuchen sie, nicht selbst in Erscheinung zu treten. Sie schalten also beispielsweise Mittelsleute ein, die sich direkt an Museen oder den Handel wenden.

Der Mittelsmann nimmt dann Kontakte zu potenziellen Abnehmern auf. Er wird versuchen, den Gegenstand mit Provision zu veräußern. Nehmen wir einen Münzschatz, der mehrere tausend Euro bringen kann: Jeder versucht, daran zu profitieren.

Handel wird auch im Internet betrieben. Ebay war eine Zeit lang Marktführer, allerdings hat sich das erledigt, seit Ebay nach Anregung durch die archäologische Denkmalpflege und die Polizei von den Anbietern verlangt, für die Antiken Herkunftsnachweise zu erbringen. Daraufhin brach dort der Markt zusammen.

Wenn man einen antiken Gegenstand bei Ebay oder einer Auktion sieht und den gerne kaufen möchte: Wie kann man erkennen, ob er legalen oder illegalen Ursprungs ist?
Es ist relativ einfach. Archäologisches Kulturgut hat immer eine Herkunft, es fällt ja nicht vom Himmel, und es ist auch nicht die Regel, dass es auf Dachböden gefunden wird, wie es gerne behauptet wird. Die Denkmalschutzgesetze regeln, dass alle Funde meldepflichtig sind, um sie erfassen zu können. Jede Erfassung – die seitens des Staates geschieht – führt also zu entsprechenden Dokumenten.

Man sollte deshalb immer nach der Herkunftsgeschichte eines antiken Gegenstands fragen: Gibt es dazu Angaben, die belegen, dass der Gegenstand legal geborgen wurde und gehandelt wird? Das kann auch eine Exportgenehmigung des Ursprungslandes sein. Gibt es das nicht, raten wir davon ab, diesen Gegenstand zu kaufen.

Und wie soll man sich als Tourist verhalten, wenn einem im Urlaubsland antike Objekte angeboten werden?
Wir raten, davon grundsätzlich die Finger zu lassen. Unabhängig davon, dass auch sehr viele Fälschungen auf dem Markt sind, gilt: Solche Gegenstände sind grundsätzlich nicht handelsfrei. Will man einen antiken Gegenstand erwerben, benötigt man eine Legitimation des jeweiligen Staates. Will ich ihn als Tourist ausführen, brauche ich eine Exportgenehmigung. Und viele Länder mit antiken Hochkulturen haben da strengere Gesetze als wir.

Die Fragen stellte: Diane Scherzler
Die Archäologin Diane Scherzler ist stellvertretende Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Ur- und Frühgeschichte e. V. (DGUF), die gegen Antikenhehlerei Position bezieht.



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