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Krankhaft dick Der schwierige Kampf gegen Übergewicht

Der Traum vom Idealgewicht – für viele Menschen in Deutschland liegt er in weiter Ferne. Den Kampf gegen Übergewicht gewinnen nur wenige. Eine gigantische Diätindustrie gaukelt übergewichtigen Menschen vor, in nur wenigen Wochen abspecken zu können. Doch wer dauerhaft abnehmen will, hat es schwer. Denn auch Gehirn und Gene spielen eine Rolle.

Dicksein - nicht nur eine Sache der Ernährung

Dicksein - nicht nur eine Sache der Ernährung

Rund 16 Millionen Menschen sind laut Studie des Robert-Koch-Institutes aus dem Jahr 2012 in Deutschland krankhaft dick – ein Viertel der Deutschen hat somit Adipositas, wie starkes Übergewicht genannt wird. Nach Definition der Weltgesundheitsorganisation liegt eine Adipositas ab einem Body-Maß-Index von 30 vor. Die Zahl der Adipösen nimmt zu. Deutschland ist europäischer Spitzenreiter. Starkes Übergewicht verursacht oft Krankheiten wie Gelenkprobleme, Diabetes oder Bluthochdruck.

Krankenkassen helfen oft nicht

adipositas

Betroffene und Mediziner fordern Kostenübernahme

Wer gegen Übergewicht kämpft, muss eine Behandlung oft selbst bezahlen. Für Hans Hauner, Professor am Lehrstuhl für Ernährungsmedizin an der Technischen Universität München, eine Zumutung: „Es ist hier nach unserem Verständnis wirklich eine Krankheit vorhanden und das kann man auch belegen. Und es ist auch unsinnig, hier nichts zu unternehmen und zu warten, bis dann erst die Folgeschäden auftreten, die dann umso kostspieliger sein werden  und die Kassen erst recht belasten."Hinzu komme, dass die meisten Programme zu kurz seien. "Die längsten Programme gehen gerade mal über ein Jahr und es reicht einfach nicht aus, was wir heute wissen, um wirklich eine Lebensweise dauerhaft zu verändern, das braucht länger, das braucht zwei, drei vielleicht auch fünf Jahr".

Geringe Erfolgschancen

Waage

Schock auf der Waage

Den Kampf gegen das Übergewicht gewinnen nur wenige. Nur rund zehn Prozent der Übergewichtigen sind laut US-Studien dauerhaft erfolgreich. Jahrzehntelang wurde unterschätzt, wie hart der Kampf gegen die Kilos ist. Die Schuld wurde lange Zeit bei den Übergewichtigen selbst gesucht. Eine ganze Diätindustrie gaukelt ihnen vor, dass sie in acht bis zwölf Wochen erfolgreich sein können, wenn sie nur ihr Verhalten ändern.

Doch in Wirklichkeit müssen Betroffene viel mehr machen, um nach einer Diät ihr Gewicht dauerhaft zu halten. Sie müssen sich ein Leben lang kontrollieren und sehr viel Zeit investieren.

Dumm und faul – Vorurteile gegen Dicke

Dicke Männer, Frauen und Kinder werden von der Gesellschaft gebrandmarkt – 95 Prozent der Bevölkerung denken, dass Übergewichtige selber schuld an ihrer Figur sind. Das haben Umfragen der Universitäten Leipzig und Tübingen ergeben. Ein ganzer Forschungszweig von Psychologen beschäftigt sich mit Vorurteilen gegenüber dicken Menschen in der Gesellschaft.

"Ganz klassische Stigmata sind: Adipöse sind faul, und weniger intelligent, Adipöse können sich nicht beherrschen und haben weniger Durchsetzungskraft und Wille. Selbst Ärzte haben Vorurteile, etwa dass Adipöse sich weniger um ihren Gesundheitszustand sorgen", sagt Stephan Zipfel, Psychologie-Professor vom Universitätsklinikum Tübingen

Studie: Vom Hausarzt vernachlässigt

Dicke Menschen geraten durch Stigmatisierung in einen Teufelskreis, meint Zipfel. Sie ziehen sich mehr zurück, suchen weniger Hilfe im Gesundheitssystem, von dessen Helfern sie auch häufig im Stich gelassen werden. Selbst Hausärzte wissen manchmal nicht Bescheid über das komplexe Krankheitsbild Adipositas und schieben die Schuld für das Dicksein den Übergewichtigen zu. Hausärzte verbringen sogar weniger Zeit damit, übergewichtige Patienten aufzuklären als Normalgewichtige, wie eine US-Studie anhand einer Video-Analyse von Gesprächen zwischen Ärzten und Patienten zeigte.

Gene erschweren das Abnehmen

Großaufnahme von Burger.

Ständiges Hungergefühl

Heute weiß man, dass etwa 35 Gene an der Veranlagung zum Übergewicht beteiligt sind. Dabei spielt das Gefühl, nicht so schnell satt zu sein, eine entscheidende Rolle. Die Sättigung wird von Hormonen wie Leptin und Insulin gesteuert. Sie signalisieren uns, wann wir genug haben. Bei Adipösen funktioniert diese Steuerung nicht richtig. Der Körper von ursprünglich Übergewichtigen habe also auch noch zwei Jahre nach einer Gewichtsabnahme das Gefühl zu hungern, sagt Martin Wabitsch, Präsident der Deutschen Adipositas-Gesellschaft.

Effektive Fettspeicher in der Evolution

Und ein Körper, der signalisiert bekommt, dass er hungert, wird alles tun, um zum Ausgangsgewicht zurückzukehren. Dies hat auch mit dem evolutionären Erbe zu tun. Unsere Vorfahren mussten oft lange Zeiten ohne Essen überbrücken. Um nicht zu verhungern, lernten manche Menschen im Lauf der Evolution, das Fett in den Zellen äußerst effektiv zu speichern. In unserer Überflussgesellschaft ist das heute von Nachteil. Ein übergewichtiger Mensch darf deshalb nach einer Diät viel weniger Kalorien zu sich nehmen als eine gleichgewichtige Person, die von Natur aus dieses Gewicht hält. Wer vorbelastet ist, wird kaum ein dünner Mensch werden.

Gehirn muss mitmachen

Ein übergewichtiger Proband wird für Gehirnmessungen in ein Magnetresonanztomographen geschoben.

Gehirnmessungen am Max-Planck-Institut in Leipzig

Nicht nur der Körper kämpft gegen das Abnehmen, sondern auch das Gehirn. Hubert Preissl, Neurowissenschaftler und Physiker am Universitätsklinikum Tübingen, misst mithilfe des Kernspintomografen Hirnströme von Übergewichtigen und vergleicht sie mit denen von Normalgewichtigen. "Das Gehirn selbst hat einen sehr großen, wenn nicht sogar den ausschlaggebenden Einfluss auf unser Essverhalten. Und ohne ein besseres Verständnis von unseren Gehirnprozessen, die unser Essverhalten modulieren und auch steuern, werden wir dem Problem des Übergewichts sicherlich nicht adäquat beikommen können", sagt Preissl.

Der Neurowissenschaftler und seine  Forschungsgruppe haben erste Hinweise geliefert, dass im Körper und vor allem im Gehirn von Übergewichtigen eine Insulinresistenz herrscht. Deshalb kommt bei ihnen das Stoppsignal für das Sattsein viel später an als bei Normalgewichtigen. Ein wichtiger Faktor, der zum Überessen und zum Übergewicht beiträgt

Frieden mit sich selbst schließen

Junge, übergewichtige Patienten eines Kindersanatoriums in Parchim sind beim Nordic-Walking-Ausdauertraining auf einem Waldweg unterwegs

Jugendliche beim Nordic-Walking-Training

Nur mit viel Disziplin kann das Projekt Idealfigur gelingen: viel Sport, regelmäßige Gewichtskontrollen und eine ausgewogene Ernährung. Nicht jeder schafft das. In dem Fall, meint Professor Martin Wabitsch, sei es die Aufgabe von Adipösen, Friede mit sich selbst zu schließen: "Wenn ich feststelle, dass es kein Weg für mich ist, ich habe es aber versucht, dann habe ich ein gutes Gewissen und kann sagen, bei mir ist die Anlage, sind die Voraussetzungen einfach andere. Die Gesellschaft muss dann einfach fair mit mir umgehen."

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