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Über die Gespräche mit einer betroffenen Familie in Winnenden

Es gibt Katastrophen, die es Journalisten schwer machen, die innere Haltung auf die professionelle Distanz zu beschränken. Der Amoklauf in Winnenden am 11. März 2009 gehört dazu. Natürlich hat SWR2 aktuell darüber berichtet. Doch diese unfassbare Geschichte hat uns nicht mehr los gelassen. Wichtig bei allen Überlegungen war auch die massive Kritik an den Medien, sie seien ihrer Verantwortung nicht gerecht geworden, sondern hätten vielmehr Schulkinder für voyeuristische Interessen missbraucht.
Einen Ansatz zur Aufarbeitung der furchtbaren Geschehnisse hatten wir bald gefunden. Wir wollten ein oder zwei Familien, die ein Kind bei dem Amoklauf verloren haben, über ein Jahr begleiten und von Zeit zu Zeit befragen, wie sie mit dem schrecklichen Erlebnis umgehen. Doch in Winnenden war kurz nach der Tat weder bei Behörden und schon gar nicht bei Betroffenen ein Interview zu bekommen. Und daran hat sich bis heute so viel nicht geändert. Winnendens bisheriger Oberbürgermeister Bernhard Fritz, der großen Wert auf eine Zusammenarbeit mit dem SWR legte, konnte uns einen Kontakt zu einer betroffenen Familie vermitteln. Die Familie Schweitzer hat ihre Tochter Selina verloren.
Doch die Freude, in einer schwierigen journalistischen Arbeit einen Schritt weiter gekommen zu sein, stellt sich in diesem Fall nicht ein. Stattdessen Beklemmungen und Fragen. Wie begegne ich einer Familie, der wenige Monate zuvor das Schlimmste passiert ist, was einer Familie passieren kann? Und noch schwieriger: Wie kann man eine im Innersten traumatisierte Familie davon überzeugen, gerade darüber Auskunft zu geben? Über ein Erlebnis sprechen bedeutet immer auch das Wiedererleben dieses Erlebnisses. In welchen Zustand also bringe ich die Familie durch die Interviews?
Vor dem ersten Treffen hatten wir zwei Grundregeln. Erstens: Entgegen der üblichen journalistischen Arbeitsweise geben wir einen großen Teil der Entscheidungsbefugnis ab. Das heißt konkret: Familie Schweitzer kann die Termine der Interviews bestimmen, sie kann die Interviews jederzeit abbrechen und sie kann zu jedem Zeitpunkt vor der Sendung ganz aus dem Projekt aussteigen. Außerdem kann die Familie die Sendung hören, bevor sie ausgestrahlt wird. Zweitens: Im Gespräch geben wir uns wie wir sind, überspielen keine eigenen Beklemmungen und Befangenheiten, machen aber auch deutlich, was zu einem sinnvollen und gelungenen Feature notwendig ist.
Ein zweistündiges erstes Treffen in einem Restaurant hat Vertrauen geschaffen. Ein paar Wochen später findet zu Hause bei den Schweitzers das erste Interview statt. Ich nehme mir vor, zunächst mit weniger Schmerzlichem zu beginnen. Aber dabei wird es nicht bleiben. Das Erzählen über die extreme Belastung wird mich mitbelasten, da darf ich mir nichts vormachen. Wenn ich heute einen milchgesichtigen Buben sehe, denke ich manchmal: Wo hat der seine Pistole? Das dachte ich früher nicht.
Die Schweitzers sind direkt, offen, nicht larmoyant. Worte über Kaffee und selbstgebackenen Kuchen bringen eine willkommene Erleichterung beim Interview. Auch der Hund trägt dazu bei, wenn er zwischendurch auf den Schoß springt. Mittlerweile habe ich mit Familie Schweitzer mehrmals telefoniert, zu Weihnachten eine Karte geschrieben. Morgen gehe ich zum letzten Gespräch. Es wird nicht der letzte Kontakt bleiben. Über die schlimmen Erlebnisse hat sich eine gewisse persönliche Nähe entwickelt. Das sagt mir, dass wir mehr richtig als falsch gemacht haben. Mehr kann man nicht erreichen.
Winfried Maurer
Letzte Änderung am: 03.03.2010, 15.26 Uhr