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Unterhaltungselektronik aus dem Schwarzwald  Ein klingendes Kapitel Technikgeschichte

Die Firmen lagen nur knapp 20 Kilometer voneinander entfernt, in den Städten St. Georgen und Villingen. Als expandierende Familienunternehmen beschäftigten sie zu Hochzeiten mehrere tausend Mitarbeiter. In den 70er Jahren investierten dann ausländische Geldgeber in die Schwarzwälder Firmen, veränderten aber auch ihre familiäre Struktur. Mit der Einführung der CD und der billigen Konkurrenz, vor allem aus Fernost, begann für die Schwarzwälder Unterhaltungsgeräte-Industrie in den 80er Jahren der Kampf ums Überleben.

Das Deutsche Phonomuseum in St. Georgen erzählt anhand von 400 Exponaten Technik-Geschichte, von Edisons Phonographen bis zu aktuellen Design-Plattenspielern. Auch der Uhrmacherei ist eine Abteilung gewidmet: Dieses Handwerk war die Keimzelle der Unterhaltungselektronik im Schwarzwald und schon im 19. Jahrhundert stark in St. Georgen vertreten. Der Ort hatte damals knapp 1.000 Einwohner. 254 davon waren Uhrmacher, 34 waren Uhrenhändler, 21 Schildermaler für Uhrgehäuse, 11 Gestellmacher und 6 Räderdreher. Sogenannte Uhrenträger wanderten mit rucksackähnlichen Traggestellen voller Schwarzwalduhren in alle Länder Europas. Mit Verkauf und Reparatur der Uhren verbreiteten sie auch den Ruf des Schwarzwalds als Herkunftsort hochwertiger mechanischer Geräte.

Das Orchestrion

Anfang des 19. Jahrhunderts entwickelt der Handwerker Carl Blessing in Unterkirnach bei St. Georgen ein selbstspielendes mechanisches Musikgerät, das sogenannte Orchestrion. Seine Lehrlinge lassen sich mit eigenen Betrieben in benachbarten Ortschaften nieder, in Vöhrenbach, Furtwangen oder Villingen. Ein Orchestrion aus Villingen, das lange in einem Wirtshaus für Unterhaltung sorgte, steht heute im Deutschen Phonomuseum. Um 1900 ist der Orchestrionbau im Schwarzwald noch sehr handwerklich geprägt, mehr Manufaktur als Industrie. Selbst in den größeren Unternehmen bauen ein paar Dutzend Mitarbeiter nur wenige Geräte pro Jahr und exportieren sie bis nach Russland. Ein teures und mechanisch aufwändiges Vergnügen.

SABA: Von der Fahrradklingel zum Radio

Während Carl Blessing in Unterkirnach seine ersten Musikmaschinen herstellt, beginnt in Triberg, 15 Kilometer weiter, die Geschichte der "Schwarzwälder-Apparate-Bau-Anstalt", kurz SABA. 1835 eröffnet Benedikt Schwer hier eine Uhrmacherwerkstatt. Die übernimmt erst sein Sohn und 1905 dann sein Enkel Hermann Schwer. Zu diesem Zeitpunkt wurden vor allem Metallwaren wie Fahrradklingeln hergestellt. Nach dem Ersten Weltkrieg reist Hermann Schwer durch Europa, um den Markt dafür zu sondieren. Doch der ist ziemlich gesättigt. Ein neues Produkt muss her. Das findet sich Anfang der 20er Jahre mit einem brandneuen Medium, dem Radio.

Anfangs produziert SABA nur Kopfhörer und Bauteile für Radios wie Transformatoren und Kondensatoren. 1927 erhält die Firma von Telefunken aber die Lizenz zum Bau eigener Radios. Zum endgültigen Durchbruch verhilft dem Unternehmen dann ein junger Schweizer Ingenieur, Eugen Leuthold. Er entwickelt für SABA 1930 das Radio-Modell S35: Ein schlichter, dunkler Bakelitkasten mit drei Reglern, mit denen man die Sender einstellen und zwischen Lang- und Mittelwelle umschalten kann, Stückpreis 190 Reichsmark. Baden-Baden, Beromünster, Paris, Rom – eine ganze Welt ist auf der Skala des SABA Empfängers vereint. Im ersten Jahr verkauft SABA mehr als 100.000 Exemplare – ein Riesen-Erfolg. Der S35 katapultiert die Schwarzwälder Firma in die Riege der zehn größten deutschen Radiogerätehersteller. Um die Nachfrage nach dem S35 zu befriedigen, lässt Hermann Schwer ein neues Fabrikgebäude bauen.

Die Phonoindustrie in St. Georgen

Ansicht mehrerer Grammophone

Das Grammophon ist der Vorfahre des Plattenspielers

Während sich SABA in Villingen ganz auf das neue Medium Radio konzentriert, stellen in St. Georgen zwei Betriebe für Uhren-Teile ebenfalls ihre Produktion auf ein weiteres relativ neues Gerät um: das Grammophon, entwickelt 1887 vom deutsch-amerikanischen Erfinder Emil Berliner. 1907 legen die Brüder Josef und Christian Steidinger ihre beiden Betriebe zur Firma "Gebrüder Steidinger" zusammen und beginnen, Federlaufwerke für Grammophone herzustellen.

Bruderzwist in der Firma Steidinger

Lange währt die brüderliche Eintracht nicht. Schon 1912 trennen sich die beiden wieder. Christian behält den Firmennamen "Gebrüder Steidinger", Josef gründet ein paar Straßen weiter die Firma "Perpetuum– Schwarzwälder Federmotoren" und produziert dasselbe wie sein Bruder. Dies ist der Grundstein für eine jahrzehntelang währende Konkurrenz. Bis in die 30er Jahre stellen beide Firmen Grammophon-Teile her, zu den Laufwerken kommen Schalldosen, Tonarmrohre, Fliehkraftregler, Bremsen. 1927 entwickelt die Firma "Gebrüder Steidinger" den sogenannten "Dual-Motor".

Das ist eine Kombination aus einem Elektro-Allstrom-Motor und einem Federwerk zum Aufziehen. Dort wo Strom vorhanden war, sollte man das Grammophon elektrisch betreiben können. Ohne Strom lief es wie bisher mit einem manuell aufziehbaren Federwerk. Nach dem dualen Antriebssystem nennt sich die Firma 1928 dann auch um: zu "Dual – Gebrüder Steidinger". Schon im Jahr der Erfindung baut die Firma täglich bis zu 1.500 dieser Motoren. Auch Perpetuum expandiert und fusioniert 1936 mit der Firma des Stuttgarter Grammophonherstellers Albert Ebner zu Perpetuum-Ebner, kurz PE.

SWR2 Wissen. Von Martin Gramlich. Internetfassung: Ralf Kölbel

Letzte Änderung am: 19.05.2014, 16.49 Uhr

Unterhaltungselektronik aus dem Schwarzwald

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Hi-Fi aus dem Schwarzwald -

Ein klingendes Kapitel Technikgeschichte. Von Martin Gramlich

Lange war der Schwarzwald über Deutschland hinaus für seine Phonogeräteindustrie bekannt. Im 20. Jahrhundert versorgten Firmen aus der Region die Deutschen und ihre Nachbarländer mit Grammophonen, Plattenspielern und Radios. Geräte von DUAL oder SABA – der “Schwarzwälder Apparate-Bau-Anstalt” – wurden nach dem Krieg zum Statussymbol in den Wohnzimmern.

SWR2 Wissen,  20.5.2014 | 27:29 min