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Zypern Demarkationslinie in Nikosia

SENDETERMIN Mo, 20.3.2017 | 8:30 Uhr | SWR2

Zwei Mal Zypern Eine Insel ringt um Vereinigung

SWR2 Wissen. Von Manfred Götzke und Leila Knüppel

Seit über 40 Jahren ist Zypern eine geteilte Insel. Und nach wie vor sind die Fronten verhärtet, eine Lösung scheint schwierig. Die Zyprer arrangieren sich, irgendwie.

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Die Pufferzone – in der Jagen strengstens verboten ist: An manchen Stellen in der zyprischen Hauptstadt Nikosia ist sie so schmal, dass sich türkische und griechisch-zyprische Soldaten in die Augen schauen können. Das Mandat der UN-Truppen heißt: Abstand schaffen, die Konfliktparteien auf Distanz halten, erzählt Major Robert Szakson. Seit 1964 sind die Blauhelme auf der Insel: Es ist der längste UN-Einsatz überhaupt.

In einer Gegend, die mal ein reicher Vorort von Nikosia war, passiert ein Jeep Villen, die vor 40 Jahren hochmodern waren. Flache Dächer, geschwungene Terrassen. Jetzt sind die Scheiben geborsten, die Fassaden übersät mit Einschusslöchern. Hier standen sich 1974 türkische und griechisch-zyprische Soldaten gegenüber.

Mitten durch die Altstadt Nikosias verläuft der Grenzzaun

Mitten durch die Altstadt Nikosias verläuft der Grenzzaun. Die Häuser direkt an der Grenze sind verlassen, Einschusslöcher zeugen noch von dem Konflikt 1974. Einige Straßen weiter flanieren Touristen durch die Einkaufsstraßen.


Briten, Griechen, Türken, Zypern

Damals eskalierte ein Konflikt, der sich seit Jahrzehnten anbahnte. Bereits als Zypern noch britische Kolonie war, in den 1950ern, forderten die griechischen Zyprer einen Anschluss der Insel an Griechenland, die so genannte Enosis. Die türkisch-zyprische Minderheit favorisierte dagegen einen Verbleib der Briten und eine Teilung der Insel. Schon damals kam es zu Unruhen zwischen den beiden Volksgruppen.

Die Spannungen blieben – auch nach 1961, als die Briten von der Insel abzogen und die Republik Zypern gegründet wurde.1974 schließlich putschten Anhänger des griechischen Einheitsgedankens gegen die Regierung der Republik Zypern und begingen Massaker an der türkisch-zyprischen Minderheit. Daraufhin marschierten Truppen aus der Türkei in den Nordteil der Insel ein und blieben. Tausende Soldaten und Zivilisten kamen bei den Kämpfen um, bis heute gelten Hunderte als vermisst.

Versuche der Wiedervereinigung

Heute stehen die Vereinten Nationen zwischen den Fronten: sie konnten nicht verhindern, dass die Insel geteilt wurde. In Nordzypern, das nur von der Türkei anerkannt wird. Und in die Republik Zypern im Süden, Mitglied der Europäischen Union.

Grenzübergang nach Nordzypern

„Turkish Republic of Northern Cyprus forever“ steht am Grenzübergang in Nikosia. Seit 1974 ist Zypern geteilt.

Der deutschsprachige Zypern-Experte Hubert Faustmann lehrt an der Universität von Nikosia und leitet die Friedrich-Ebert-Stiftung auf Zypern. Seit über 20 Jahren wohnt er schon hier auf der Insel – und hat so gut wie allen deutschen Medien bereits das vertrackte Zypern-Problem erläutert. Aktuell ist er wieder ein gefragter Mann – schließlich verhandeln die beiden Chefs der Volksgruppen wieder. Und Journalisten aus aller Welt schreiben: Die Zyprer waren einer Wiedervereinigung nie näher als jetzt.

Ein Nein der griechischen Seite

Für Faustmann sehen die Verhandlungen viel Erfolg versprechender aus, als beim letzten großen Wiedervereinigungsversuch: Dem Annan-Plan, der 2004 erfolgreich verhandelt wurde, bei den Volksabstimmungen dann aber überraschend am Nein der griechischen Zyprer scheiterte.

Faustmann erzählt von Gesprächen mit griechischen Zyprioten, die damals dem Annan-Plan nicht zugestimmt haben. Keine Hardcore-Fanatiker, sagt er, sondern ganz normale Zyprer. Schließlich gäbe es genug Argumente, einer Wiedervereinigung zumindest kritisch gegenüberzustehen.

Denn eine Wiedervereinigung mit all den Aufbauhilfen könnte für den Süden teuer werden. Selbst wenn Ökonomen einen Wirtschaftsboom nach einer Wiedervereinigung voraussagen. Und auch politisch sehen sich manche griechischen Zyprer im Falle einer Wiedervereinigung auf der Verliererseite: Denn sie müssten Macht und Land voraussichtlich 50 zu 50 teilen; mit einer Minderheit, die gerade einmal 20 Prozent der Bevölkerung ausmacht.

Überall am Grenzzaun wehen Flaggen

Machtdemonstration: Überall am Grenzzaun wehen Flaggen – auf der griechisch-zyprischen Seite die griechische und zyprische, auf der türkisch-zyprischen die nordzyprische und türkische.

Geisterstädte an Stränden

Okan Dagli steuert den besten Platz für das Geisterstadt-Spotting an. Ein Luxushotel am Strand der türkisch-zyprischen Stadt Famagusta, direkt am Rand der Sperrzone. Zielsicher schreitet der 52-jährige Aktivist durch das Foyer in Richtung Terrasse, setzt sich an einen der Kunstrattantische, bestellt Cappuccino.

Gleich neben der Terrasse erstreckt sich die Bucht von Famagusta. Hotelburgen, acht Kilometer weit, direkt am Wasser. Die Nachmittagssonne glitzert auf dem Meer und hüllt den Strand in orange-goldenes Licht. Aus der Ferne betrachtet ein ganz normales Postkartenpanorama.

Zypern, Türkei, Griechenland, Famagusta, Varosha

Das verlassene Viertel Varosha am Stadtrand von Famagusta: Früher die Touristenhochburg Zyperns. Seit dem Einmarsch hält die türkische Armee das Viertel besetzt, niemand hat Zutritt.

Doch das Leben der einst wichtigsten Touristenhochburg Zyperns ist seit mehr als 40 Jahren erstarrt. Die Hotels – nur noch Gerippe. Eine tote Stadt mit 14.000 Hotelbetten, in der Sperrzone zwischen Süden und Norden der Insel. Ein Trauerspiel, findet Dagli.

Preis der Verhandlungen

Als die türkische Armee 1974 den Nordteil der Insel besetzte, erklärte sie das Touristen-Viertel von Famagusta, Varosha, umgehend zur Sperrzone – als Faustpfand bei Verhandlungen mit der griechischer Seite. Die meisten Hotels und Geschäfte waren in der Hand griechischer Zyprer.

Seit 15 Jahren kämpft Dagli für die Öffnung des Touristenviertels. Gemeinsam mit türkischen und griechischen Freunden hat er die „Famagusta Initiative“ gegründet. Sie wollen wenigstens eine Zypernlösung light für ihre Stadt, ihre Region. Wenn es schon keine Gesamtlösung für Zypern gibt, dann wenigstens eine kleine Öffnung in Varosha.

Er fegt die High-Heels seiner Frau vom Beifahrersitz, um Platz zu machen. Dagli will seinen Gästen das ganze Ausmaß der „Amputation“ Famagustas zeigen. Langsam fährt er an den dicken Festungsmauern der Altstadt vorbei: In die pittoreske Altstadtgassen kommen heute nur noch Tagestouristen, schließlich fehlen Strand und Hotels.

Zyperntürken in einer neuen Minderheit

Und Flugverbindungen nach Nordzypern gibt es nur via Türkei. Selbst einen Welterbe-Status für das historische Zentrum kann die Stadt nicht beantragen – schließlich wird der Norden der Insel nur von der Türkei anerkannt – von den Vereinten Nationen nicht.

Dagli biegt ab, in ein Wohngebiet. Unerwartet stehen wir vor dem Zaun: Stacheldraht und Ölfässer, Häuserfronten mit zugemauerten Fenstern, aus manchen Dächern ragen Bäume. In die verlassenen Häuser am Rande der Mauer sind neue Siedler aus der Türkei gezogen, auch auf den einstigen Orangen-Plantagen Famagustas wird eifrig gebaut.

Blick auf die griechische Seite der Grenze innerhalb Nikosias

Blick auf die griechische Seite der Grenze innerhalb Nikosias


Eine neue Moschee reckt ihre weißen Minarette in den Himmel. Überall in Nordzypern werden sie mit Geld aus der Türkei errichtet. Dabei sind die türkischen Zyprer gar nicht besonders religiös, sie gehen lieber an den Strand und in die Bar als in die Moschee. Doch mittlerweile leben 100.000 Siedler aus Anatolien auf der Insel – außerdem 40.000 türkische Soldaten. Die 150.000 Zyperntürken könnten also bald eine Minderheit sein.

Zaun um Zaun

Wir biegen in eine Straße ein: Früher die Hauptverkehrsader Richtung Süden, nun ein heruntergekommener Feldweg. Die Schlaglöcher sind groß wie Teller, zehn, 20 Zentimeter tief. Nach einem Kilometer endet die Straße an einem Checkpoint: Zutritt ausschließlich für türkisches Militär. Dahinter beginnt der griechische Teil der Insel.

Blick in die Eingangshalle des Flughafens Nikosia

Blick in die Eingangshalle des Flughafens Nikosia: Früher tummelten sich hier Touristen.

Jahrelang hat Dagli mit seinen griechischen Freunden für die Öffnung der Straße gekämpft – für einen direkten Weg von Famagusta in den Süden. Im vergangenen Jahr hatte die Politik auf beiden Seiten grünes Licht gegeben, die EU Geld für die Sanierung der Straße zugesichert. Unter einer Bedingung: Der Grenzzaun, der sich kilometerweit entlang der Straße zieht, hätte verschoben werden müssen; um zwei Meter, für die Verbreitung der Straße.

Dagli erzählt, erst habe die türkische Armee zugestimmt. Aber dann haben sie sich umentschieden. Der Zaun soll bleiben, außer UN oder EU geben der Armee Geld für einen neuen Zaun. Doch die EU wollte keinen neuen Zaun, sondern eine Öffnung der Straße. All die Friedensplanungen, all die Zeit, das Geld. Umsonst, wegen zwei Metern Straßengraben und eines alten Stacheldrahtzauns.

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