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Hände mit Seife waschen

SENDETERMIN Di, 26.1.2016 | 8:30 Uhr | SWR2

SWR2 Wissen Zwangsstörungen

Wege aus der Endlosschleife

Habe ich die Haustür abgeschlossen? Ist der Herd auch wirklich abgeschaltet? Solche angstvollen Gedanken kennen viele Menschen. Kreisen sie allerdings immer wieder im Kopf herum und beeinträchtigen zunehmend den Alltag, liegt meistens eine Zwangserkrankung vor. Darunter leiden in Deutschland schätzungsweise über zwei Millionen Menschen.

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Doch oft vergehen Jahre, bis die Betroffenen echte Hilfe finden. Bis heute werden Zwangserkrankungen häufig falsch, spät oder gar nicht diagnostiziert. Wie aber sieht eine erfolgversprechende Behandlung aus? Die neue medizinische Leitlinie zu Zwangsstörungen bietet wirksame Therapieansätze an.

Viele Zwangspatienten wissen sehr gut, wie unsinnig ihre Obsessionen sind. Aber sie können einfach nicht dagegen angehen. Gegen ihren Willen fühlen sie sich immer wieder dazu gedrängt, absurde Dinge zu tun oder bestimmten Gedanken nachzuhängen. Das Gefühl der Scham kennen fast alle Betroffenen. Denn sie wissen, dass irgendetwas mit ihnen nicht stimmt. Ihre Pein verstecken sie sogar vor ihren nächsten Angehörigen. Niemand darf von den seltsamen Qualen erfahren. Die Zwangsstörung wird daher auch als "verheimlichte Krankheit" bezeichnet.

Frauengesicht im Profil

Bestimmte Persönlichkeitsmerkmale können die Entwicklung von Zwangsstörungen begünstigen.

Nur ein Drittel bittet um Hilfe

Nur etwa ein Drittel der Betroffenen kann sich dazu durchringen, professionelle Hilfe zu suchen. Oft dauert es viele Jahre, bis sie diesen Schritt überhaupt wagen, sagt Dr. Andreas Wahl-Kordon, Ärztlicher Direktor der Oberbergklinik Schwarzwald. Im Auftrag der "Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde" hat er die aktuelle Leitlinie zu Zwangsstörungen mit entwickelt.

Die "Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde" geht davon aus, dass in Deutschland derzeit etwa 2,3 Millionen Menschen unter den Symptomen einer Zwangsstörung leiden. Die ersten Symptome zeigen sich meist bei jungen Erwachsenen. Die Störung kann aber in jedem Alter auftreten, auch Kinder können bereits Zwänge entwickeln. Im Vergleich zu anderen psychischen Erkrankungen erhalten Zwangsstörungen dennoch wenig Aufmerksamkeit. Sie werden immer noch falsch, spät oder gar nicht diagnostiziert. Um dies zu ändern, hat die Fachgesellschaft ihre aktuelle Behandlungsleitlinie jetzt auch als Buch veröffentlicht.

Person putzt Toilette

Die Störung kann sich beispielsweise in Form eines Putzzwangs äußern.

Kontrollieren, Waschen, Grübeln

Bislang war sie nur online verfügbar. Die Experten stellen darin ausführlich Diagnoseverfahren und die empfohlenen Behandlungsansätze vor. Das Buch soll nun möglichst viele Ärzte und Therapeuten erreichen, aber auch die Betroffenen selbst. Die häufigsten Zwangsstörungen sind Kontroll-, Wasch- und Putzzwänge, gefolgt von Ordnungs- und Zählzwängen. Verbreitet sind auch aggressive und sexuelle Zwangsgedanken. Diese werden als besonders beschämend empfunden, sagt Dr. Anne Katrin Külz, die an der Freiburger Uniklinik für Psychiatrie und Psychotherapie über Zwangsstörungen forscht.

Natürlich ist nicht jeder absonderliche Gedanke, der einem in den Kopf schießt, ein Zwangsgedanke, und nicht jeder Putzfimmel ist eine Zwangsstörung. Für eine entsprechende Diagnose sind vor allem zwei Fragen entscheidend: Wie stark bestimmen die Zwangsgedanken den Alltag, und wie hoch ist der Leidensdruck?

Endloses Grübeln, stundenlanges Händewaschen, dutzendfaches Kontrollieren – solche Zwangshandlungen erscheinen Außenstehenden völlig unsinnig. Für die Betroffenen sind sie aber keineswegs sinnlos. Die Rituale dienen dazu, Ängste zu besänftigen und Spannungen abzubauen.

gekachelter Boden

Einige der Betroffenen leiden unter einem Zählzwang: Sind sie in einem Raum, zählen sie beispielsweise die Fliesen.

Auslöser für Zwänge

Viele Betroffene versuchen dem Zwang zu entkommen, indem sie die bedrohlichen Situationen meiden. Sie gehen zunehmend allem aus dem Weg, was diese unangenehmen Gedanken auslösen könnte. Wie aber entstehen Zwangsstörungen? Die Experten gehen von mehreren Ursachen aus. Zum einen sind viele der Betroffenen in einem sehr rigiden und kontrollierten Elternhaus aufgewachsen. Doch es gibt auch Persönlichkeitsmerkmale, die dafür prädestinieren, eine Zwangsstörung zu entwickeln.

So schätzen manche Menschen Risiken und Gefahren übertrieben hoch ein. Viele Betroffene fühlen sich auch besonders verantwortlich und neigen zum Perfektionismus. Zwangsstörungen entwickeln sich daher oft, wenn der Alltag außer Kontrolle gerät, wenn Menschen in Krisen geraten oder einen tiefgreifenden Umbruch erleben. Traumatische Erlebnisse aller Art können die Störung auslösen. Aber auch der Berufsanfang, Probleme in der Partnerschaft oder die Geburt des ersten Kindes

Herd mit Schild "Herd aus?"

Ist der Herd auch wirklich aus? Solche oder ähnliche Zwangsgedanken können Personen mit Zwangsstörungen in ihrem Alltag einschränken.

Überstimulation des Gehirns

Neben psychologischen Erklärungen gibt es auch physiologische Ursachen für eine Zwangsstörung. Bei vielen Erkrankten scheint nämlich die individuelle Gehirn-Chemie aus dem Gleichgewicht zu sein. Mithilfe bildgebender Verfahren beobachten Neurobiologen in bestimmten Hirnarealen eine Überstimulation. Zwangsstörungen haben vermutlich auch eine genetische Komponente und können möglicherweise vererbt werden. Vor allem Zwillingsstudien weisen in diese Richtung. Familienstudien haben zudem ergeben, dass Angehörige von Patienten mit Zwangsstörungen ein vier bis fünf Mal so hohes Erkrankungsrisiko haben. Allerdings ist unklar, welcher Anteil vererbt und welcher Anteil erlernt ist.

Wenn sich die Betroffen endlich dazu durchgerungen haben, Hilfe in Anspruch zu nehmen, ist der Leidensweg meist nicht zu Ende. Denn viele Zwangserkrankte suchen oft jahrelang nach einem Arzt oder Psychotherapeuten, der ihnen wirklich helfen kann.

Gehirn - abstrakt

Zwangserkrankungen können auch physiologische Ursachen haben.

Kindheit muss nicht Grund sein

Viele Therapeuten beschränken sich bei einer Zwangsstörung auf eine Gesprächstherapie oder verfolgen einen psychoanalytisch orientierten Ansatz. Sie suchen nach prägenden Erfahrungen in der Kindheit oder nach bestimmten Traumata, die den Zwang ausgelöst haben könnten. Die Leitlinien zur Behandlung von Zwangsstörungen sind indessen seit Jahren eindeutig: Als Therapie der ersten Wahl gilt die Kognitive Verhaltenstherapie, verbunden mit Konfrontationsübungen, bei denen das Zwangsritual unterdrückt werden muss. Die Betroffenen müssen erst einmal begreifen, dass sie sich nicht ständig in ihren Zwangsgedanken verlieren dürfen. Stattdessen müssen sie lernen, sich bewusst von ihren eigenen Gedanken zu distanzieren.

Therapeutin mit Patient

Als besonders erfolgsversprechend gilt die Kognitive Verhaltenstherapie, in Kombination mit Konfrontationsübungen.

Distanz und Konfrontation

Die zweite wichtige Säule bei der Behandlung einer Zwangsstörung sind die Konfrontationsübungen, auch "Expositionen" genannt. Hier werden die Patienten bewusst den jeweils angstauslösenden Situationen ausgesetzt und müssen sie – begleitet von einem Therapeuten – aushalten, ohne in ihr Zwangsritual zu verfallen. Durch diese "Expositionen" sollen die Patienten lernen, dass sich ihre Befürchtungen und Ängste nicht bewahrheiten. Vor allem aber: dass sich ihre Angst im Laufe der Übung auflöst.

Mit ein paar Therapie-Sitzungen ist es allerding nicht getan. Die Betroffenen müssen die Konfrontationsübungen auch regelmäßig zuhause machen. Und das erfordert einen starken Willen und viel Disziplin. Denn ähnlich wie Suchtkranke laufen auch Zwangserkrankte immer wieder Gefahr, rückfällig zu werden.

Hausaufgaben gegen den Zwang

In schweren Fällen und zur Unterstützung bei den Expositionen, die starke Ängste auslösen, setzen Experten auch Psychopharmaka ein. Bei zwei Dritteln der Erkrankten gehen dadurch die Zwangssymptome zurück, schätzt der Freiburger Psychiater Andreas Wahl-Kordon, der die Behandlungsleitlinien mit verfasst hat. Als Unterstützung werden auch achtsamkeitsbasierte Therapieansätze empfohlen: Übungen aus der Meditation und dem Yoga sollen dabei helfen, bewusster mit den Gedanken umzugehen.Wenn all diese Behandlungsverfahren eingesetzt werden, gelten die Prognosen für Zwangserkrankte insgesamt als gut. Studien zeigen: Eine vollständige Heilung ist zwar selten, aber bei 70 Prozent der Betroffenen stellt sich eine deutliche Besserung ein.

Kind kauert allein in Ecke

Viele Therapeuten suchen im Rahmen der Behandlung der Zwangsstörung nach prägenden Erlebnissen in der Kindheit des Patienten.

Die Leitlinie zu Zwangsstörungen der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde müsste unter den Therapeuten künftig noch viel stärker Beachtung finden – das betonen alle Experten immer wieder. Denn sowohl bei der Diagnostik als auch bei der Behandlung der Zwangserkrankung gebe es noch dringend Aufklärungsbedarf.

Und die Patienten selbst? Sie wünschen sich vor allem, dass das Tabu um die Zwangsstörung endlich gebrochen wird. Dass sich mehr Betroffene trauen, über ihr quälendes Leiden offen zu sprechen.


Buchtipps:

  • David Adam: Zwanghaft. Wenn obsessive Gedanken unseren Alltag bestimmen, dtv 2015.
  • Hansruedi Ambühl: Frei werden von Zwangsgedanken, Patmosverlag 2008, aktualisierte Auflage 2014.
  • David Althaus/Nico Niedermeier/Svenja Niescken: Zwangsstörungen, Wenn die Sucht nach Sicherheit zur Krankheit wird, Ch.Beck 2008, aktualisierte Auflage 2013.

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