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Eine junge Frau säht auf einem Acker bei Bernburg neben einem Greenpeace-Protestschild Bio-Weizen aus (Archivfoto vom 29.03.2004).

SENDETERMIN Mi, 25.1.2017 | 8:30 Uhr | SWR2

Von BUND bis DUH Wie Umweltorganisationen Politik machen

Von Ernst-Ludwig von Aster

Umweltorganisationen haben Macht. Dabei wird für Organisationen wie dem BUND, die Deutsche Umwelthilfe (DUH) oder Greenpeace das Internet immer wichtiger.

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Seit mehr als einem Jahr treibt die Deutsche Umwelthilfe die Automobilindustrie vor sich her. Laufend präsentiert die DUH neue, eigene Messergebnisse, die zeigen, dass die Abgaswerte der Dieselfahrzeuge im realen Betrieb nichts mit den Werten aus den Prüflaboren der Hersteller zu tun haben.

Wieder einmal sorgt die Deutsche Umwelthilfe so für Schlagzeilen. "Nur drei Autos schaffen die Grenzwerte. Vorwurf gegen Ford und andere Hersteller", titelt Focus online. "36 Diesel-Autos getestet. Das sind die größten Dreckschleudern", meldet BILD. "Deutsche Umwelthilfe: Schadstoff-Verstöße bei weiteren Diesel-Autos", heißt es in der Wirtschaftswoche. DUH-Geschäftsführer Jürgen Resch ist zufrieden. Denn über Monate hatte die Automobilindustrie versucht, den Umweltverband mit Klagen unter Druck zu setzen.

Abgase strömen aus dem Auspuff eines Fahrzeuges mit Dieselmotor.

Über Monate hatte die Automobilindustrie versucht, den Umweltverband mit Klagen unter Druck zu setzen

Viele der Umwelt-Organisationen gründeten sich in den 70er Jahren. Der BUND, die Deutsche Umwelthilfe und auch Greenpeace. Atomkraft, Waldsterben, Luftreinhaltung – das waren damals die großen Themen, die auch auf politischer Ebene für Spannung sorgten. In den 70ern war für den Umweltschutz noch das Innenministerium zuständig. Einige seiner Vertreter ermutigten die Umweltszene, sich auf Bundesebene zur organisieren.

Koexistenz und Kooperation

Umweltverbände als externe Verstärkung des Umweltministeriums. Um im Ressort-Wettstreit mit dem Verkehrs- und Wirtschaftsministerium mehr durchsetzen zu können. Eine Strategie, die auch heute noch funktioniert. Die Mitgliederzahlen steigen kontinuierlich. 2016 um sechs Prozent. Hinter dem NABU, dem Naturschutzbund, ist der BUND der zweitgrößte deutsche Umweltverband. Beide haben jeweils mehr als eine halbe Million Unterstützer. Beide sind föderal organisiert. Und kommen sich trotzdem nicht ins Gehege.

Koexistenz und gelegentliche Kooperation – das verbindet die beiden größten deutschen Umweltverbände. Die sorgsam darauf achten, sich keine Konkurrenz zu machen. Ob TTIP Proteste oder die Demonstration "Wir haben es satt – gegen Agrarindustrie und Gentechnik" im Januar, – bei derartigen Großveranstaltungen sind fast alle Umweltverbände vereint.

Eine Welt ohne Email

Die Zeiten, in denen Greenpeace mit spektakulären Aktionen die öffentliche Wahrnehmung dominierte, sind schon lange vorbei

Ein greenpeace-Video über die Besetzung der Bohrinsel Brent Spar von 1995. Ob der Protest gegen die Versenkung der Ölplattform in der Nordsee oder die Kampagne gegen Walfang – die Zeiten in denen Greenpeace mit spektakulären Aktionen die öffentliche Wahrnehmung dominierte, sind schon lange vorbei. Zum einen sind die Umweltthemen, wie zum Beispiel der Klimawandel, komplexer geworden. Sie lassen sich nur noch begrenzt symbolträchtig reduzieren. Zum anderen haben auch andere Umweltschutzorganisationen den öffentlichkeitswirksamen Protest für sich entdeckt.

Abmahnung für die Industrie

Vor allem Makler und Autohändler fürchten die DUH. Wenn sie sich in ihrer Werbung nicht an gesetzliche Vorgaben halten, etwa keine Energie- bzw. Verbrauchshinweise angeben, flattert ihnen oft eine Abmahnung der Umwelthilfe ins Haus. Dann sind 200 Euro fällig. Im Wiederholungsfall wird es richtig teuer. Wo andere Umweltverbände zur Demonstration aufrufen, reicht die Umwelthilfe Klage ein.

"Mr. Mehrweg" – diesen Spitznamen trägt Geschäftsführer Resch, seit die DUH die Einweg-Industrie so in die Knie zwang. Und half 2003 das Dosenpfand durchzuboxen. Finanziell unterstützt vom Verband der kleinen Brauereien, die auf ihre Pfandflaschen setzten. "Wir schmieden Allianzen für die Umwelt", nennt Resch das. Ein Drittel seines Etats verdankt der Verein den Abmahnungen, der Rest sind Spenden und öffentliche Zuschüsse. Summa summarum macht das im Jahr rund acht Millionen Euro. Die DUH renaturiert auch Flüsse und engagiert sich für die Rest-Population des Schreiadlers - doch die klassische Naturschutzarbeit macht meist nur lokal Schlagzeilen.

In einem Lagerraum stehen Kanister mit dem Unkrautvernichter Glyphosat, daneben ist ein durchsichtiges Zeichen für "Umweltgefahr".

Jedes neue Urteil sorgt für Schlagzeilen und macht die Arbeit der Deutschen Umwelthilfe bekannter

Bundesweite Aufmerksamkeit garantiert erst ein handfester Konflikt. "Skandalisierungs- und Eskalationspotential" – diese beiden Faktoren sind der Treibstoff für eine gelungene Kampagne, weiß Resch. Der Diesel-Skandal bietet beides. "Kommentierungshoheit" – bedeutet auch, schneller und lauter zu sein als andere Umweltverbände. Beim sogenannten Diesel-Gate hatte die Umwelthilfe eindeutig die Nase vorn.

Auch vor Gericht

Zurzeit treibt die Deutsche Umwelthilfe ihre Diesel-Kampagne auf einer weiteren juristischen Ebene voran. Sie klagt auf Reinhaltung der Innenstadtluft. Dazu sind die Kommunen schon seit Jahren verpflichtet. Doch in den meisten Innenstädten werden die Grenzwerte für Stickstoffdioxid weiter überschritten. Dieselfahrzeuge sind dabei für einen großen Teil der Belastung verantwortlich. Weil bei vielen PKW die Abgasreinigung im Winter abschaltet.

Jedes neue Urteil sorgt für Schlagzeilen. Und macht die Arbeit der Deutschen Umwelthilfe bekannter. Ein Alleinstellungsmerkmal des kleinen Verbandes. Der sich so weitgehend von den Ritualen der Protestbewegungen abgekoppelt hat. Und auf die sozialen Netzwerke setzt. Per Maus-Klick zum Massenprotest. Eine ganz neue Art der Bewegung. Im virtuellen Raum. Schnell und ortsunabhängig. Eine neue Perspektive – auch für die Wahrnehmung von Umweltproblemen.

Symbolgrafik zu sozialen Netzwerken

Die netzbasierte Kampagnenstrategie ist eine Art digitale Verstärkerfunktion, die Themen pushen und medial in die Öffentlichkeit bringen kann

Heute hat der Verein campact fast 1,8 Millionen Unterstützer-Adressen in seiner Datenbank. Ein gutes Dutzend Campaigner sucht in der Zentrale nach protest- und kampagnenfähigen Themen. Ob Spekulationssteuer oder Massentierhaltung – wird ein potentielles Reizthema identifiziert, startet eine Testbefragung. Hoher Rücklauf und hohe Befürwortung – trifft beides zusammen, beginnen die campaigner mit ihrer Arbeit. Sie erstellen Info-Materialien und starten die Mobilisierung in den sozialen Netzwerken. Nicht nur zu Umweltthemen.

Protest to go

So trifft die digitale auf die reale Welt. Bei größeren Demonstrationen leistet campact noch weitere Vorarbeiten. Und stellt etwa fertige Protest-Plakate zur Verfügung. Natürlich mit dem campact-Logo. "Protest to go" – als Demokratie-Dienstleistung. Was schlussendlich als campact-tauglich empfunden wird, entscheiden die drei Geschäftsführer. Die netzbasierte Kampagnenstrategie ist eine Art digitale Verstärkerfunktion. Die Themen pushen und medial in die Öffentlichkeit bringen kann. Auch wenn diese nur selten selbst sondern von den Umweltgruppen erarbeitet sind.

Hier das Umweltwissen, dort die Mobilisierungs-Profis. Eine Zusammenarbeit die allerdings nicht immer zur allseitigen Zufriedenheit führt. Ausgerechnet die größte Aktion 2016, die TTIP-Demonstrationen mit mehr als 300.000 Teilnehmern zu der ein Bündnis von Umwelt-, Friedens-, und Kirchengruppen aufgerufen hatte, sorgte im nachhinein für ein wenig Missstimmung. Denn angesichts der optischen campact-Dominanz sprachen Kritiker prompt von einer Kampagnen- und Protestindustrie.

Nichtsdestotrotz: Die Mobilisierungskraft des Internets und der lange Atem der Umweltverbände – beides zusammen wird weiterhin für Bewegung in der Umweltszene sorgen.

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