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Katze (Nahaufnahme)

SENDETERMIN Mi, 25.11.2015 | 8:30 Uhr | SWR2

SWR2 Wissen Schmusekatzen und Streuner

Wie Tiere "Persönlichkeit" entwickeln

Kater Fritz ist furchtsam und bequem, Katze Susi dagegen kess und immer unterwegs. Katzen- und Hundehalter wissen es längst: Auch Tiere unterscheiden sich in ihrem Verhalten und haben persönliche Charakterzüge. Doch erst seit einigen Jahren wächst unter Biologen das Interesse daran, die "Persönlichkeit" von Tieren zu erforschen. Mit raffinierten Experimenten spüren sie dem tierischen Charakter nach. Der wird nicht nur durch Gene und Umwelteinflüsse geprägt, sondern auch durch die sozialen Beziehungen. Und ähnlich wie beim Menschen macht auch die Tierpersönlichkeit verschiedene Entwicklungsphasen durch.

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Die Gesellschaft der Mäuse

Wenn man Tiere als mutig, ängstlich oder schüchtern bezeichnet, so fürchteten die Forscher, würden menschliche Eigenschaften direkt aufs Tierreich übertragen. Allerdings könne man Tiere nicht befragen, sondern nur ihr äußeres Verhalten beobachten. Daher wisse man nie, was in ihrem Inneren genau vorgeht.

Gruppe an Mäusen in Brotlaib

Wichtig für die Entwicklung der Persönlichkeit eines Tieres sind auch dessen soziale Beziehungen zu anderen Tieren.

Also denken sich die Biologen immer neue Experimente aus, um die persönlichen Eigenschaften der Tiere zu erfassen. Norbert Sachser in Münster wollte wissen, ob die Gene und die Umwelt dabei die allein entscheidende Rolle spielen: Als Mitglied eines größeren Forscherteams brachte Norbert Sachser circa 40 genetisch identische Mäuse in ein gemeinsames Gehege. Dort konnten sie ihren Aktionsradius selbst bestimmen. Sie konnten selbst entscheiden, ob, wann und wo sie Nahrung zu sich nehmen, herumklettern oder einfach nur faulenzen wollten. Er stellte fest, dass sich auf diese Weise sehr stabile Individualitäten herausbilden.

Persönlichkeitsunterscheide

Doch wie entstanden sie? Keine einfach zu beantwortende Frage, meint Sachser. Mittlerweile haben seine Untersuchungen gezeigt, dass Tiere, die aktiv sind und alles explorieren, zum Beispiel wenig spielen. Die anderen, die eher in einem beschränkten Umfeld waren, zeigen relativ viel Spielverhalten.

Es klingt fast so, als hätten sich hier mal abenteuerlustige und mal introvertiertere Mäuse entwickelt. Norbert Sachsers Erklärungsversuch: Manche Tiere mögen sich mehr als andere, manche setzen eher auf Dominanz. Es wird bei 40 Tieren ein ziemliches Beziehungsgeflecht geben, was sich auch räumlich aufspaltet in dem Ganzen.

Diese Prozesse haben vermutlich wieder Rückwirkungen auf das Genom der Tiere. Trotz des gleichen Genoms kann es über die unterschiedlichen Erfahrungen zu einer sogenannten epigenetischen Modifizierung des Genoms kommen. Was dann wieder auf das Verhalten zurückwirkt.

Meerschweinchen sitzt zurückgezogen in seinem Häuschen

Haben Tiere Persönlichkeiten? Kann beispielsweise ein Meerschweinchen introvertiert sein?

Soziale Beziehungen

Die künstliche Situation, die das Forscherteam um Norbert Sachser für die Mäuse geschaffen hat, belegt, dass weitere Faktoren neben den Genen und der Umwelt Tierpersönlichkeiten beeinflussen: Wichtig sind auch die sozialen Beziehungen zwischen den Tieren, ihr zufällig voneinander abweichender Aktionsraum in der gemeinsamen Umwelt und die Rückwirkung der dabei gemachten Erfahrungen auf ihre Gene.

Ein komplexer Zusammenhang mit vielen Facetten und unterschiedlichen Stellschrauben. Um ihn Schritt für Schritt besser zu verstehen, picken sich Forscher einzelne Aspekte heraus: Welche Bedingungen und Erfahrungen führen zu welchen persönlichen Eigenschaften – und dient das immer dem biologischen Fortpflanzungszweck?
Denn allzu viel Entdeckungslust könnte Tiere leicht in risikoreiche Situationen bringen und ihr Leben gefährden. Tiere mit hoher Fitnesserwartung, die in üppigen Umwelten mit großen Futterressourcen leben, sollten also weniger neugierig und erkundungsfreudig sein. Tiere, denen solche Ressourcen fehlen, sollten dagegen entdeckungsfreudiger und risikobereiter handeln.

Hund zerrt aggressiv an Hosenbein

Warum zerrt dieser Mops so aggressiv am Hosenbein? Hängt dieses Verhalten mit seiner Persönlichkeit zusammen?

Umwelt und Verhalten

Versuche haben gezeigt, dass Tiere, bei denen die Ressourcen- und Fitnesserwartung willkürlich erhöht wurde, tatsächlich danach vorsichtiger, passiver und scheuer werden - Tiere, deren Ressourcen verringert wurden, werden mutiger und aggressiver. Die Tiere passen ihre Verhaltensmuster den Umweltbedingungen an. Das ist ein Beleg für die adaptive Persönlichkeitstheorie.
Laut dieser Theorie haben Persönlichkeitseigenschaften bei Tieren den Zweck, sie an die soziale und natürliche Umwelt anzupassen. Das bedeutet auch, dass die Tiere in ihren persönlichen Eigenschaften flexibel sein müssen, um auf sich ändernde Umweltsituationen reagieren zu können. Es gibt also einerseits ein persönliches Grundmuster: Manche Tiere sind neugieriger und aggressiver als andere. Andererseits hält sich aber selbst das aggressivste und neugierigste Tier zurück, wenn es über gute Ressourcen verfügt.

Löwenmutter mit drei Löwenkindern

Auch die Tiereltern haben Einfluss auf die Entwicklung der Persönlichkeit ihres Nachwuchses.

Die Lebensumstände bei der Geburt beeinflussen die persönlichen Eigenschaften der Tiere ebenso nachhaltig. Solche Entdeckungen haben die Forscher auf die Frage gebracht, ob es Phasen der tierischen Persönlichkeitsentwicklung gibt, die denen beim Menschen ähneln.

Persönlichkeit über Generationen

Studien haben gezeigt, dass in gewissem Maße sich Persönlichkeitseigenschaften auch bei den Tieren über die Generationen hinweg fortpflanzen. Wie stark ist die Persönlichkeit der Tiere aber tatsächlich durch vorgeburtliche und nachgeburtliche Einflüsse der Eltern lebenslang festgelegt?

Menschen gesteht man vor allem dann zu, eine authentische Persönlichkeit zu besitzen, wenn sie sie selbständig mitgeprägt haben. Entscheidend dafür ist die Adoleszenz, in der sich die Nervenverbindungen im Gehirn noch einmal aufgrund neu gemachter Erfahrungen verändern. Das menschliche Gehirn ist plastisch, gestaltbar, sagen die Wissenschaftler: Es versetzt den Einzelnen in die Lage, sich vom Einfluss seiner Herkunft in gewissem Ausmaß zu lösen. Und das tierische Gehirn?

Norbert Sachser ließ männliche Meerschweinchen im adoleszenten Alter manchmal nur mit einem Weibchen aufwachsen, manchmal in einer großen Gruppe von Meerschweinchen. Dann konfrontierte er die Männchen mit einem völlig fremden Artgenossen. Das Meerschwein, das nur mit einem Weibchen aufgewachsen war, wurde sofort aggressiv. Das Tier aus der großen Kolonie dagegen blieb friedlich und arrangierte sich. Das sei eine direkte Folge der jugendlichen Sozialisationserfahrungen, meint Norbert Sachser.

Alte Frau hält Katze auf Arm

Dass Tierliebhaber ihrem Tier persönliche Charaktereigenschaften zuschreiben, ist nicht verwunderlich. Doch neuerdings erforschen auch Wissenschaftler Tierpersönlichkeiten.

Das Leben eines Tiers

Für Norbert Sachser ist damit klar, dass die Persönlichkeit von Tieren ein Produkt mehrerer Phasen ist: Zunächst dominiert der Einfluss der Eltern, aber dann kommen wie beim Menschen die während der Adoleszenz neu gemachten Erfahrungen hinzu. Die Persönlichkeit wird nun noch einmal sozial und kulturell überformt.

Noch bleibt die Persönlichkeit der Tiere rätselhaft. Die Biologen kennen viele Einflussfaktoren, können Tiereigenschaften auf das biologischen Bedürfnis beziehen, zu überleben und sich zu reproduzieren - aber wie genau alle diese Faktoren und Phasen zusammenwirken, wissen sie nicht.

Wie könnten die Biologen diese Vielfalt in den Griff bekommen? Eine Möglichkeit bestünde darin, die Tierpersönlichkeit auf einige zentrale Kategorien herunter zu brechen. Sie könnten sich dabei an den Humanpsychologen orientieren. Diese benutzen oft fünf Kategorien, um menschliches Verhalten zu kennzeichnen, die berühmten "Big Five": Wie neurotisch ist ein Menschen und wie introvertiert? Ist er offen für neue Erfahrungen, ist er gewissenhaft und wie verträglich? Norbert Sachser meint, es sei durchaus lohnenswert, das auch bei Tieren zu diskutieren.

Schafherde auf Wiese

Außerdem spielen auch die Erfahrungen, die ein Tier während der Adoleszenz macht, eine Rolle für die tierische Persönlichkeitsentwicklung.

Individualität von Tieren

Viele der Meerschweinchen im Gehege zucken zusammen und flüchten, wenn ihnen ein Reporter-Mikrofon zu nahe kommt. Nur einige bleiben ruhig. Ein Meerschweinchen mit braunen Flecken lässt das Mikrofon sogar ganz nah an sich heran und beißt seelenruhig auf der Paprika weiter, die es ergattert hat.

Noch kann die Wissenschaft nicht sicher sagen, ob es nur besonders mutig ist oder auch sehr introvertiert oder einfach ein gewissenhafter Esser. Ob es ihr überhaupt einmal gelingen wird, die innere geistige Welt von Tieren zu verstehen, ist fraglich - ist das doch in letzter Konsequenz schon beim Menschen schwierig. Hinter die Einsicht, dass auch Tiere individuell zu betrachten sind, wird die Forschung aber nicht mehr zurück können.

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