Fernsehen aus dem Internet
Sendung vom Montag, 23.3.2009 | 8.30 Uhr | SWR2
Von Michael Stein und Dirk Asendorpf
TV-Programme aus aller Welt kommen längst nicht mehr nur per Antenne, Satellitenschüssel oder Kabelanschluss zu uns ins Haus. Auch die beiden dünnen Kupferdrähtchen, über die bereits Telefongespräche und Internet-Daten wandern, werden zunehmend auch für den Transport von Fernsehprogrammen genutzt. Telefon, Internet, Radio, Fernsehen sind damit endgültig verschmolzen. Information, Unterhaltung und Kommunikation wachsen im Netz zusammen. Manche sprechen schon von einer "Webciety", einer "Internet-Gesellschaft", die entsteht. Dabei ist die Internet-Technik ursprünglich gar nicht dafür entwickelt worden, Fernsehprogramme zu verteilen. So sind IPTV-Angebote zwar schon reichlich auf dem Markt zu finden. Reibungslos funktionieren die allerdings noch lange nicht.
Letzte Änderung am: 20.03.2009, 13.30 Uhr
Wie verändert das unser Leben?
Was muten wir dem Internet mittlerweile alles zu. Wir wickeln unsere Post darüber ab, laden Musik herunter, stellen unsere Fotoalben online ins Netz, buchen unseren Urlaub, lesen Nachrichten und vieles mehr. Und seit einiger Zeit transportiert das selbe Netz nun auch noch Radio- und Fernsehsignale. Um diesen letzten Bereich, also den Transport von Fernsehprogrammen übers Internet soll es hier gehen. Wie funktioniert das überhaupt? Welche Inhalte gibt es? Und: Wie verändert das unser Leben?
IPTV. IP steht für "Internet Protocol" und ist im Prinzip eine Vereinbarung darüber, wie Daten über das Internet transportiert werden. Jeder Computer und jedes andere Gerät erhält dafür eine so genannte "IP-Adresse". Das ist eine nur ein Mal vergebene Zahl, wie eine Art Telefonnummer, unter der das Gerät von einem anderen Internet-Computer angesprochen werden kann. Angesprochen werden muss ein Gerät immer dann, wenn Daten von einem Computer zu einem anderen fließen sollen. Das können Texte, Fotos, Musik oder eben auch Fernsehsignale sein.
Aber: Kann das gut gehen? Ist das Internet nicht allmählich völlig überfordert mit all den Daten, die da mittlerweile durch die Leitungen flitzen? Klaus Birkenbihl ist ein echter Internet-Pionier und ehemaliger Chef Chef des deutschen und österreichischen Büros des Worldwide Web Consortiums. Ist das Netz nicht mittlerweile viel zu voll?
"Naja, ich denke, es ist eigentlich genau andersrum: Diese ganzen Multimedia-Daten, die werden ja zum Teil - denken Sie an die großen Reklamen, die T-Home und so weiter da machen - provoziert, um die Netze halbwegs auszulasten und um die breitbandigen DSL-Anschlüsse verkaufen zu können. Das heißt: Dank Glasfaser-Technologie und Geschwindigkeitswachstum bei der Hardware erfahren wir eigentlich bei der Hardware seit den letzten zehn Jahren eine enorme Verbesserung der Performance des Internet. Staus werden eher aufgelöst als dass neue entstehen."
Mit anderen Worten: Das Netz ist in den letzten Jahren so stark gewachsen und um so vieles schneller geworden, dass es im Moment nicht so aussieht, als könnte es durch den Transport von TV-Programmen in die Knie gehen. Schauen wir uns als erstes einmal IPTV in seiner reinsten Form an: Die normalen Fernsehprogramme von ARD, ZDF und den privaten Anbietern, also im Prinzip die gleichen Programme, die man per Satellit auch empfangen kann, diese Programme die werden nun eben über das Internet transportiert.
"Das Signal geht vom Satelliten zu unserer Satelliten-Empfangsstation in Usingen. Dort wird das Bild aufbereitet, wird dann über das Backbone-Netz auf eine Multimedia-Plattform gespeist. Von dort wird es denzentralisiert auf eine Server-Farm, die bundesweit verteilt ist, und von da aus wieder über das Backbone-Netz direkt zum Kunden", erklärt Frank Domagala von der Telekom.
Im Klartext: Das Satelliten-Signal wird bearbeitet und anschließend einem System übergeben, das die Deutsche Telekom im Prinzip schlüsselfertig gekauft hat. Was die wenigsten wissen: Dieses System stammt von Microsoft. Peter Yves Ruland von Microsoft: "Microsoft hat ein Produkt namens "Mediaroom". Und das ist die IPTV-Plattform, die es ermöglicht, einem Telefonunternehmen, einem Operator, wie zum Beispiel die Deutsche Telekom, IPTV-Dienste seinen Kunden zur Verfügung zu stellen."
Durch Microsofts Mediaroom-Lösung wird es auch einem Telefonanbieter möglich, zu einem Verteiler von Fernsehsignalen über das Internet zu werden und mit Unternehmen wie Satelliten-Betreibern oder Kabelgesellschaften zu konkurrieren. Da es absehbar ist, dass auch sämtliche Telefongespräche schon bald ausschließlich mit Hilfe der IP-Technik transportiert werden, passt das perfekt ins Konzept der Telefongesellschaften. Viele davon in aller Welt, darunter AT&T in den USA, Swisscom in der Schweiz und eben auch die Deutsche Telekom, haben dieses System von Microsoft daher bereits im Einsatz.
"Im Endeffekt handelt es sich hier um Software-Lösungen. Man muss sich vorstellen: Wenn ich Fernsehen über DSL zum Kunden transportieren möchte, brauche ich im Hintergrund verschiedene Dienste, die mir das Signal, was von der Fernsehanstalt kommt oder, wenn wir über "Video on Demand" reden, die diese Signal entsprechend aufbereiten, im Netzwerk zur Verfügung stellen, die dafür sorgt, wenn es gefordert wird vom Rechteinhaber, entsprechend geschützt wird, das es im Endeffekt bis nach Hause transportiert wird, dort auch dargestellt werden kann. All das stellen wir als Softwarelösung zur Verfügung. Bis hin zu der Settop-Box vorne beim Endkunden, die auch wieder ein Betriebssystem von Microsoft und eine Mediaroom Client-Software hat."
Letzte Änderung am: 20.03.2009, 13.30 Uhr
Microsoft, Telekom & Co.
Microsoft ist dabei, sich nach der Computerwelt auch die Fernsehwelt zu erobern – jedenfalls im Bereich von IPTV. Wenn wir in Deutschland bleiben und uns das System "T-Home Entertain" von der Deutschen Telekom ein wenig näher ansehen, dann werden die TV-Programme von dem Moment an, wo das TV-Signal vom Satelliten kommt, über sämtliche Transportwege bis hin zum Wohnzimmer, mit Hilfe von Software-Werkzeugen von Microsoft transportiert.
Wie T-Home Entertain, das "Fernsehen mit der Pausentaste", wie die Telekom es bewirbt, in der Praxis aussieht, das interessierte Michael Stein. Deshalb hat er sich Ende letzten Jahres einen solchen IPTV-Anschluss bei der Telekom bestellt. Seit Anfang Januar ist er bei im Büro geschaltet und funktioniert bis auf den heutigen Tag nicht so, wie ich das von einem Vorzeige-Produkt der Deutschen Telekom eigentlich erwartet hätte. Aber: Mit diesem Problem scheint er offensichtlich nicht alleine zu sein.
"Direkt nach Ende der Tagesschau und das seit sieben Wochen, also um 20:15 Uhr, ist bei mir kein Fernsehen per Entertain mehr möglich. Das Bild friert ein, kein Ton, Artefakte und zwar auf allen Kanälen. Hotline hab ich versucht aber kein Durchkommen. Wird mir auch zu teuer! Ich bin sehr enttäuscht und frustriert. Bezahle schließlich über 600 Euro im Jahr und bekomme dafür eine mäßige Leistung. Abgesehen davon: Versucht man bei der kostenpflichtigen Hotline durchzukommen, fliegt man häufig wieder raus. Kostet Geld und nervt. Massige Bild- und Tonstörungen, besonders abends. Die Tatortaufnahme vom Sonntag den 15.2.2009 um 20.15 Uhr kann man an sich überhaupt nicht mehr schauen. Schon bei der Anfangsmusik zirka 20-mal Ton- und Bildstörungen."
Das sind nur ein paar wenige Auszüge von Kommentaren, die genervte und enttäuschte Nutzer der IPTV-Plattform T-Home-Entertain ins Service-Forum der Telekom im Internet gestellt haben. Und auch ich kann diese Probleme eigentlich nur bestätigen. Bei unserem T-Home-Entertain-Anschluss sieht es ganz genau so aus. Das Bild bleibt plötzlich stehen, es kommt zu Tonstörungen, Bild und Ton laufen asynchron und die Settop-Box, in der Microsofts Betriebssystem Windows CE werkelt, reagiert häufig so träge, dass man den Spaß am Fernsehen der Zukunft verliert. Frank Domagala von der Deutschen Telekom:
"Es kann sein, dass Sie dort individuell ein Problem haben, dafür stehen wir dann auch bereit, Ihnen zu helfen. Grundsätzlich gibt es aber kein bundesweites oder ein grundsätzliches Problem."
Das kann man nur schwer glauben, wenn man sich all die Rückmeldungen der frustrierten T-Home-Entertain-Nutzer so durchliest. Und was das Helfen angeht, da ist man bei der Telekom offenbar zur Zeit etwas überlastet. Viele, viele Mal hat Stein versucht, die Telekom-Hotline zu erreichen, nicht ein einziges Mal konnte er mit einem Menschen sprechen. Frank Domgala:
"Das finde ich sehr schade, denn uns hat sehr gefreut, dass gerade unsere Hotline von Stiftung Warentest getestet wurde und dort als die beste Hotline der deutschen Telekommunikationsbranche ausgezeichnet wurde."
Mittlerweile haben sich mehrere Service-Techniker mit dem Anschluss beschäftigt. Der letzte, ein sehr engagierter und freundlicher, langjähriger Service-Techniker, musste die Arbeiten schließlich abbrechen, weil er nicht weiterkam. Das Problem liege an höherer Stelle, er könne nichts tun, sagte er. Im Klartext: Es scheint ein generelles Problem mit den T-Home-Entertain-Anschlüssen zu geben. Nicht mit allen, aber mit sehr vielen.
Bis heute jedenfalls, also gut zwei Monate nach der Installation, läuft T-Home-Entertain, der IPTV-Anschluss der Deutschen Telekom, noch immer nicht so, wie er sollte.
Letzte Änderung am: 20.03.2009, 13.30 Uhr
Aus dem Netz ins Wohnzimmer
Mit vergleichsweise wenig technischem Aufwand kann im Prinzip jeder zu einem Sender im Netz werden. Es reicht eine Videokamera, ein Computer und ein schneller Internet-Anschluss und schon kann es losgehen. Dirk Asendorpf stellt einige der interessantesten TV-Angebote im Web vor.
"Hallo und herzlich willkommen zu Balcony TV, live von der Reeperbahn, schön, dass ihr eingeschaltet habt…"
Balcony-TV, ein Fernsehsender, den es nur im Internet zu sehen gibt. Die Idee stammt aus Dublin und ist denkbar einfach: Ein kleiner Balkon direkt über der Hamburger Reeperbahn wird zur Bühne für durchreisende Künstler. Jeden Tag tritt eine andere Rock- oder Pop-Band, ein Liedermacher, ein Comedian oder eine Bauchtanzgruppe auf und wird rund fünf Minuten lang gefilmt.
Über 1.500 Videos lagern bereits im Online-Archiv und können jederzeit abgerufen werden. Außerdem bietet die übersichtliche Website Hintergrundinformationen und Links zu den Künstlern und einen Blog.
"Es gibt keine andere Branche, die derzeit so groß floriert wie die Web-TV und IPTV-Branche", sagt Alexander Schulz-Heyn. Er ist der Vorstandsvorsitzende des Deutschen IPTV-Verbandes mit Sitz in Babelsberg bei Berlin. IPTV ist die gängige Abkürzung für alle bewegten Bilder, die in Form von Datenpaketen nach dem Internet-Protokoll IP ins Haus kommen. Eine Chance für Internet-Video-Anbieter, die keine Lizenz für eine Ausstrahlung per Antenne oder Kabel bekommen oder sich die teure Technik dafür nicht leisten können.
"Wir wachsen jährlich um 100 Prozent. Wenn man die Anzahl der Sender sich anschaut, haben wir derzeit ca. 1000 deutschsprachige Sender. Vor einem Jahr waren es erst 500, wir verdoppeln jedes Jahr.".
Nicht nur kleine und kleinste Anbieter zeigen ihre Programme im Internet. Auch ZDF und ARD und alle großen Privatsender haben inzwischen ein Online-Angebot. Manche Fernsehprogramme können dort live verfolgt werden, andere lagern in Mediatheken und lassen sich – wie Aufzeichnungen auf einem Videorecorder – per Mausklick beliebig oft abrufen.
Noch reicht die technische Qualität der Datenübertragung per Telefonleitung oft nur für kleinformatige Bilder, doch mit dem Ausbau des Breitbandnetzes wird sich das bald ändern. Schon heute haben 26 Millionen deutsche Haushalte einen ausreichend schnellen DSL-Anschluss. Und in Zukunft wird IPTV weit mehr sein als nur ein neuer Übertragungsweg für die Daten. Davon ist Alexander Schulz-Heyn überzeugt.
"Der Trend geht dahin, dass man Social Media Angebote findet, soll heißen: man kann mit anderen Fernsehen schauen ohne dass man im gleichen Zimmer sitzt, sondern über Grenzen hinweg. Das geht z. B. bei Smeet. Das Angebot ist kostenfrei, ich log mich mit meinem Gratispasswort ein und finde jetzt meine Buddys, meine Freunde, in virtuellen Welten. Das kennen wir bereits bei Second Life.
Der Witz bei Smeet ist, dass die Komponente des Fernsehens, des gemeinsamen Fernsehens eine wesentliche Rolle spielt. Gemeinsam kann man jetzt Youtube-Clips anschauen, gleichzeitig kann man sich per Telefon unterhalten, d.h. man kann mit dem Internet tatsächlich Angebote benutzen, die man nicht nur aus dem klassischen Fernsehen kennt mit zusätzlichen Funktionen – man kann natürlich seinen Avatar anders ankleiden, man kann mit Freunden ausgehen, ins Kino gehen, es ist letztendlich ein virtuelles Public Viewing."
Schon heute verbringen die unter 25-Jährigen deutlich weniger Zeit vor dem Fernseher als vor dem Computer. Dort gucken sie vor allem Videoclips. Sie tun das in der Regel allein, wollen ihr Erlebnis aber trotzdem gerne mit Freunden teilen.
Mehrere Milliarden Abrufe der rund fünfminütigen Filmchen werden jeden Monat gezählt. Nicht deutsche Portale wie MyVideo oder Clipfish, sondern der amerikanische Google-Ableger Youtube liefert auch hierzulande mit großem Abstand die meisten davon. Aus Italien kommt jetzt eine Technik, die das Web-TV vom Computer auch auf den großen Fernsehbildschirm im Wohnzimmer transportiert. Tvblob heißt die Mailänder Firma, die das dafür nötige Hard- und Softwarepaket für rund 300 Euro anbietet. Pancrazio Auteri hat es erfunden.
Jede Menge Multimedia-Dateien hat Auteri auf seinem PC gesammelt, erzählt er in der – natürlich als Videoclip produzierten – Bedienungsanleitung. Persönliche Fotos, Musik und Videos; außerdem alles, was er beim Surfen im Internet interessant fand und was ihm von anderen empfohlen wurde. Dazu das Verzeichnis seiner Freunde in den Sozialen Netzwerken wie zum Beispiel Facebook oder MSN. Wird der PC nun über das drahtlose Hausnetz mit der sogenannten Blobbox auf dem Fernseher verbunden, erscheinen all diese Daten auch auf dem großen Bildschirm im Wohnzimmer.
Pancrazio Auteri: "Die Anzeige ist nie überladen. Man benutzt eine simple Fernbedienung mit vier farbigen Knöpfen. Keine Maus, denn die verlangt zu viel Konzentration, und das ist frustrierend. Pfeiltasten sind zwar technisch simpel, können aber entspannt bedient werden. Der PC ist ein perfektes Gerät für eine hohe Informationsdichte und viele Interaktionen pro Minute. Deshalb ist die Maus dort so verbreitet. Für den Fernseher brauchen wir eine möglichst einfache Bedienung, denn die Leute wollen sich doch entspannt zurücklehnen. Das ist einfach eine Frage des angemessenen Werkzeugs für die jeweilige Erfahrung."
Noch einfacher soll die Bedienung mit einem kleinen Kästchen werden, das Siegfried Kunzmann vom Heidelberger European Media Lab entwickelt hat.
"Das ist die sprachgesteuerte Fernbedienung der Zukunft. Sprache ist ein recht natürlich Zugang zu diesen Medien. Vor allem, wenn es viele Lieder sind, viele Sendungen und Videos wird's schwierig reinzugehen und da wird Sprache ein natürlicher Zugang."
Noch hat die automatische Spracherkennung allerdings Probleme mit Dialekten und der deutschen Aussprache englischer Titel. Und auch bei der Übertragung der Daten an die Geräte in der Wohnzimmerwand läuft nicht alles rund.
Siegfried Kunzmann: "Das Gerät sollte jetzt eigentlich da zum Spielen anfangen. Wenn er’s dann nicht tut, so wie grad eben, dann muss man das System noch mal hochfahren. Diese Welt, dass die Geräte das unterstützen, ist leider noch nicht ganz stabil. Wir haben hier auf Standards wie UPnP, also universal plug and play, aufgesetzt, aber der Standard ist seit Jahren da und die Geräte fangen gerade an, das zu unterstützen. Und das merkt man ganz einfach, dass die ganze Sache noch nicht ganz unterstützt wird."
Die Technik ist mitten in der Entwicklungsphase. Das gleiche gilt für die Geschäftsmodelle. Noch werden die meisten Web-TV-Angebote von unbezahlten Enthusiasten produziert oder aus eigentlich urheberrechtlich geschütztem Material einfach herauskopiert. Auf Dauer, davon geht der IPTV-Verband aus, muss sich das ändern.
"Es gibt drei große Varianten der Finanzierung. Das eine ist Werbung. Klassische Werbung vor und nach einem Beitrag. Zum anderen muss man auch feststellen, dass wir Bezahl-Content haben, z.B. die Deutschen Philharmoniker, ein sehr schönes Beispiel für ein Web-TV-Angebot. Hier muss ich für jeden Konzertbesuch im virtuellen Raum bezahlen. Aber wir stellen auch mehr und mehr fest, dass Business-TV-Anbieter auf den Markt kommen, also z.B. Mercedes-Benz-TV oder Audi-TV, die ganze Sendungen um ihr Produkt herum bauen und so eine digitale Welt aufbauen."
Tatsächlich tauchen in den Trefferlisten von Youtube und Co. immer häufiger hoch professionell erzeugte Reklamefilme auf. Die große Zeit des charmanten Wildwuchses scheint auch im Web-TV seinem Ende entgegen zu gehen.
Letzte Änderung am: 20.03.2009, 13.30 Uhr
Always On, always In
Das Internet ist längst zu einer festen Größe in unserer Gesellschaft geworden. Viele Menschen haben Radio und Fernsehen ganz den Rücken gekehrt und informieren sich ausschließlich über das Internet. Man könnte fast sagen: Sie leben im Netz. Für diese Entwicklung wurde der Begriff "Webciety" erfunden - zusammengesetzt aus "Web" also 'Netz' und "Society", also 'Gesellschaft'. Ein Bericht von Dirk Asendorpf.
"Nun, wie ich schon sagte: nach always on always in. Mit Freunden und Bekannten wird man den ganzen Tag vernetzt bleiben, das Leben wird ein einziges Dauer-Gruppen-Video-Telefonat verbunden mit einem Chat in allen Farben und Formen sowie einem permanenten Twitter-Gewitter."
Sascha Lobo, prominenter deutschen Blogger, Werbagent, Buchautor und Fernsehstudiogast. Fast prototypisch steht der 33-jährige Berliner mit dem knallroten Hahnenkamm für die Webciety, das Zusammenwachsen von Gesellschaft und Internet. Was Lobo tut, was er denkt, wie er aussieht, wen er kennt – all das präsentiert er nicht nur im Netz, ein Gutteil seines Lebens findet auch gleich dort statt. Im Internet hält er Kontakt zu Freunden und Geschäftspartnern, bewirbt seine Produkte und veröffentlicht seine Weltsicht. Für die weltgrößte Computermesse Cebit hat er in diesem Jahr einen Ausstellungsbereich unter dem Namen Webciety organisiert.
Messechef Ernst Raue: "Das Internet revolutioniert nicht nur die Geschäftsprozesse, das soziale Miteinander, das Informationsverhalten, die Medien und deren Nutzung und das alles passiert in einer ganz dramatischen Geschwindigkeit. Es ist nicht so, dass man sich irgendwie ausklinken könnte. Wenn ich nicht dabei bin, bin ich eigentlich schon draußen."
Always on, always in – drei Viertel aller unter 25-Jährigen sehen im Internet vor allem eine Plattform für soziale Kontakte, 50 Prozent stellen selber mindestens ein mal pro Woche Inhalte ins Netz, die für Andere bestimmt sind. Auch die Älteren ziehen nach. Selbst von den über 62-Jährigen publiziert jeder Fünfte regelmäßig im Netz, mehr als jeder Dritte interessiert sich dafür. Das hat eine große Online-Erhebung der Unternehmensberatung Deloitte ergeben. Klaus Böhm hat sie durchgeführt.
"Es gibt einen Megatrend, der hin geht über alle Altersgruppen hinweg, dass es nicht nur das passive Lean-Back-Verhalten vor dem Fernseher oder vor der Zeitschrift gibt, sondern dass es zunehmend im Onlinebereich die Tendenz gibt, sich autark die Inhalte zusammenzusuchen, zusammenzustellen, also tatsächlich so etwas wie ein Redakteur seiner eigenen Nachrichten oder seiner eigenen Informationen zu sein. Und auf der anderen Seite das Bedürfnis zu publizieren. Das heißt nicht, dass jeder seinen eigenen Blog haben muss und gleich auf Twitter aktiv sein muss – auch, aber nicht nur. Es kann auch durchaus sein, dass der einzelne Opa oder Oma im Internet eben die Familienbilder, die Familienvideos dort auf eine Website einpflegt und einem größeren Kreis zur Verfügung stellt, der Familie, den Bekannten."
All das kostet viel Zeit. Durchschnittlich eine Stunde surft jeder Deutsche täglich im Internet. Dazu kommen dreieinhalb Stunden Fernsehen und drei Stunden Radio. Das hat die ARD-ZDF-Online-Studie für das Jahr 2008 ergeben. Zusammengerechnet passt die Nutzung der elektronischen Medien neben Arbeit und Schlaf überhaupt nicht in einen 24-Stunden-Tag.
Klaus Böhm: "Das liegt in erster Linie daran, dass es sehr viel Parallelnutzung gibt. Also wenn ich mich als mittelalterliche Generation einschätze, dann ist es so, dass ich vielleicht zwei, maximal drei Medien parallel nutzen kann. In Extremsituationen dass ich also den Fernseher an habe, mit meiner Frau telefoniere und gleichzeitig auch noch die E-Mails checke, das kann ja durchaus mal passieren. Das ist aber für mich nicht der Normalzustand. Für die junge Generation würde ich sagen ist das eher die Ruhephase. Untersuchungen gibt es dahin, dass die bis 17-Jährigen es durchaus gewohnt sind, mit bis zu fünf Medien gleichzeitig sich zu beschäftigen."
Die werbetreibende Industrie hat längst gemerkt, dass eine hohe Einschaltquote kein verlässliches Indiz mehr dafür ist, dass Reklame auch wahrgenommen wird. Erfolg hat ein Werbespot nur noch dann, wenn er so originell und witzig ist, dass er von Usern weiterempfohlen wird. Das Gleiche gilt für das journalistische Angebot im Netz. Der Italiener Pancrazio Auteri hat in 120 Testhaushalten beobachtet, wie die Webciety-Generation entscheidet, was sie im Netz liest, anguckt und anhört.
"Die meisten User haben sich an den Empfehlungen ihrer Freunde orientiert. Oder sie haben nur in den Angeboten gesurft, die andere User interessant fanden. Die Dynamik eines sozialen Netzwerks ist so etwas wie ein Empfehlungssystem, das Dich kennt, Deine Vorlieben und Deinen Geschmack. Interessant ist, dass das soziale Netzwerk beim Abernten des Internets zu besseren Ergebnissen führt als ein automatisches System. Man geht auf Youtube und öffnet die Favoritenliste seiner Freunde. Dort findet man etwas Interessantes und fügt es in die eigene Favoritenliste ein. Und diese Liste öffnet wieder jemand anderes. Das ist eine Art kollaborative Destillation des gewaltigen Angebots im Netz."
Redaktionen und Werbeagenturen haben die Entscheidungshoheit darüber verloren, was zu den Medienkonsumenten durchdringt. An ihre Stelle treten soziale Netzwerke. Und das nicht nur bei Jugendlichen. Davon ist Klaus Böhm überzeugt.
"Dass die Generation heute, die sich primär die Information und Unterhaltung im Web zusammensucht, dass die dann, wenn sie im Arbeitsleben steht und Kinder hat und vielleicht dann weniger Zeit für diese Unterhaltungsmedien zur Verfügung hat, dass die dann wieder zur Zeitung zurückkehrt oder beispielsweise dann vielmehr wieder Fernsehen anschaut – das ist sicherlich ein Trugschluss und darauf sollte sich weder ein Verleger noch ein TV-Schaffender verlassen. Es müssen tatsächlich dort sich die klassischen Medien wiederfinden, wo sich die Nutzer wiederfinden. D.h. eben ganz klar der Trend hin zu Online und eben zunehmend auch zu Mobilem."
Wir arbeiten im Netz, kommunizieren und veröffentlichen im Netz und lassen uns von den Angeboten im Netz unterhalten. Michael Westphal kennt und genießt dieses Lebensgefühl. Er hat Streaming Europe gegründet, eine der größten Firmen für die Herstellung und Verbreitung von Web-TV.
"Am Wochenende liege ich manchmal auf der Couch, hab mein Notebook auf dem Schoß und surf so'n bisschen rum. Und da ärgere ich mich, wenn bei Spiegel-Online sechs, sieben Stunden nichts online gestellt wird. Dann denk ich: Hey, die Welt dreht sich weiter und warum haben die keine Story für mich? Da bin ich ein bisschen schon ein kleiner Junky geworden."
Sascha Lobo: „Ätsch, man kann gar nicht nicht kommunizieren. Das schafft nicht mal eine Person, die so dröge ist wie Sie, wie ein unbeleuchtetes Vakuum."
Aber kann ein Mensch das auf Dauer ertragen? Haben wir nicht irgendwann den Rand gestrichen voll? Folgt auf den Boom der Webciety eine Rückkehr zu Kontemplation und Ruhe? Klaus Böhm glaubt nicht daran.
"Es gibt natürlich irgendwann auch mal einen gewissen Overkill. Aber dass sich dieser Trend gänzlich umkehrt und dass wir wieder in die Kommunikations-Steinzeit zurück wollen oder gehen, das glaube ich ganz bestimmt nicht. Dafür gibt es keine Indizien. Im Gegenteil: Wenn wir uns an den asiatischen Märkten als Vision orientieren möchten – was da tatsächlich im mobilen Bereich oder auch in dieser Auflösung zwischen privatem und geschäftlichem Leben passiert ist, dann kommt da noch viel mehr auf uns zu."
Letzte Änderung am: 20.03.2009, 13.30 Uhr