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Welt am Draht: IPTVJeder kann Fernsehen machen

Aus dem Netz ins Wohnzimmer

Mit vergleichsweise wenig technischem Aufwand kann im Prinzip jeder zu einem Sender im Netz werden. Es reicht eine Videokamera, ein Computer und ein schneller Internet-Anschluss und schon kann es losgehen. Dirk Asendorpf stellt einige der interessantesten TV-Angebote im Web vor.

"Hallo und herzlich willkommen zu Balcony TV, live von der Reeperbahn, schön, dass ihr eingeschaltet habt…"

Balcony-TV, ein Fernsehsender, den es nur im Internet zu sehen gibt. Die Idee stammt aus Dublin und ist denkbar einfach: Ein kleiner Balkon direkt über der Hamburger Reeperbahn wird zur Bühne für durchreisende Künstler. Jeden Tag tritt eine andere Rock- oder Pop-Band, ein Liedermacher, ein Comedian oder eine Bauchtanzgruppe auf und wird rund fünf Minuten lang gefilmt.

Über 1.500 Videos lagern bereits im Online-Archiv und können jederzeit abgerufen werden. Außerdem bietet die übersichtliche Website Hintergrundinformationen und Links zu den Künstlern und einen Blog.

Die IPTV-Branche floriert

"Es gibt keine andere Branche, die derzeit so groß floriert wie die Web-TV und IPTV-Branche", sagt Alexander Schulz-Heyn. Er ist der Vorstandsvorsitzende des Deutschen IPTV-Verbandes mit Sitz in Babelsberg bei Berlin. IPTV ist die gängige Abkürzung für alle bewegten Bilder, die in Form von Datenpaketen nach dem Internet-Protokoll IP ins Haus kommen. Eine Chance für Internet-Video-Anbieter, die keine Lizenz für eine Ausstrahlung per Antenne oder Kabel bekommen oder sich die teure Technik dafür nicht leisten können.

"Wir wachsen jährlich um 100 Prozent. Wenn man die Anzahl der Sender sich anschaut, haben wir derzeit ca. 1000 deutschsprachige Sender. Vor einem Jahr waren es erst 500, wir verdoppeln jedes Jahr.".

Nicht nur kleine und kleinste Anbieter zeigen ihre Programme im Internet. Auch ZDF und ARD und alle großen Privatsender haben inzwischen ein Online-Angebot. Manche Fernsehprogramme können dort live verfolgt werden, andere lagern in Mediatheken und lassen sich – wie Aufzeichnungen auf einem Videorecorder – per Mausklick beliebig oft abrufen.

Noch reicht die technische Qualität der Datenübertragung per Telefonleitung oft nur für kleinformatige Bilder, doch mit dem Ausbau des Breitbandnetzes wird sich das bald ändern. Schon heute haben 26 Millionen deutsche Haushalte einen ausreichend schnellen DSL-Anschluss. Und in Zukunft wird IPTV weit mehr sein als nur ein neuer Übertragungsweg für die Daten. Davon ist Alexander Schulz-Heyn überzeugt.

Virtuell gemeinsam fernsehen

"Der Trend geht dahin, dass man Social Media Angebote findet, soll heißen: man kann mit anderen Fernsehen schauen ohne dass man im gleichen Zimmer sitzt, sondern über Grenzen hinweg. Das geht z. B. bei Smeet. Das Angebot ist kostenfrei, ich log mich mit meinem Gratispasswort ein und finde jetzt meine Buddys, meine Freunde, in virtuellen Welten. Das kennen wir bereits bei Second Life.

Der Witz bei Smeet ist, dass die Komponente des Fernsehens, des gemeinsamen Fernsehens eine wesentliche Rolle spielt. Gemeinsam kann man jetzt Youtube-Clips anschauen, gleichzeitig kann man sich per Telefon unterhalten, d.h. man kann mit dem Internet tatsächlich Angebote benutzen, die man nicht nur aus dem klassischen Fernsehen kennt mit zusätzlichen Funktionen – man kann natürlich seinen Avatar anders ankleiden, man kann mit Freunden ausgehen, ins Kino gehen, es ist letztendlich ein virtuelles Public Viewing."

Schon heute verbringen die unter 25-Jährigen deutlich weniger Zeit vor dem Fernseher als vor dem Computer. Dort gucken sie vor allem Videoclips. Sie tun das in der Regel allein, wollen ihr Erlebnis aber trotzdem gerne mit Freunden teilen.

Mehrere Milliarden Abrufe der rund fünfminütigen Filmchen werden jeden Monat gezählt. Nicht deutsche Portale wie MyVideo oder Clipfish, sondern der amerikanische Google-Ableger Youtube liefert auch hierzulande mit großem Abstand die meisten davon. Aus Italien kommt jetzt eine Technik, die das Web-TV vom Computer auch auf den großen Fernsehbildschirm im Wohnzimmer transportiert. Tvblob heißt die Mailänder Firma, die das dafür nötige Hard- und Softwarepaket für rund 300 Euro anbietet. Pancrazio Auteri hat es erfunden.

Web-TV auf dem großen Fernseher

Jede Menge Multimedia-Dateien hat Auteri auf seinem PC gesammelt, erzählt er in der – natürlich als Videoclip produzierten – Bedienungsanleitung. Persönliche Fotos, Musik und Videos; außerdem alles, was er beim Surfen im Internet interessant fand und was ihm von anderen empfohlen wurde. Dazu das Verzeichnis seiner Freunde in den Sozialen Netzwerken wie zum Beispiel Facebook oder MSN. Wird der PC nun über das drahtlose Hausnetz mit der sogenannten Blobbox auf dem Fernseher verbunden, erscheinen all diese Daten auch auf dem großen Bildschirm im Wohnzimmer.

Pancrazio Auteri: "Die Anzeige ist nie überladen. Man benutzt eine simple Fernbedienung mit vier farbigen Knöpfen. Keine Maus, denn die verlangt zu viel Konzentration, und das ist frustrierend. Pfeiltasten sind zwar technisch simpel, können aber entspannt bedient werden. Der PC ist ein perfektes Gerät für eine hohe Informationsdichte und viele Interaktionen pro Minute. Deshalb ist die Maus dort so verbreitet. Für den Fernseher brauchen wir eine möglichst einfache Bedienung, denn die Leute wollen sich doch entspannt zurücklehnen. Das ist einfach eine Frage des angemessenen Werkzeugs für die jeweilige Erfahrung."

Möglichst einfache Bedienung

Noch einfacher soll die Bedienung mit einem kleinen Kästchen werden, das Siegfried Kunzmann vom Heidelberger European Media Lab entwickelt hat.

"Das ist die sprachgesteuerte Fernbedienung der Zukunft. Sprache ist ein recht natürlich Zugang zu diesen Medien. Vor allem, wenn es viele Lieder sind, viele Sendungen und Videos wird's schwierig reinzugehen und da wird Sprache ein natürlicher Zugang."

Noch hat die automatische Spracherkennung allerdings Probleme mit Dialekten und der deutschen Aussprache englischer Titel. Und auch bei der Übertragung der Daten an die Geräte in der Wohnzimmerwand läuft nicht alles rund.

Siegfried Kunzmann: "Das Gerät sollte jetzt eigentlich da zum Spielen anfangen. Wenn er’s dann nicht tut, so wie grad eben, dann muss man das System noch mal hochfahren. Diese Welt, dass die Geräte das unterstützen, ist leider noch nicht ganz stabil. Wir haben hier auf Standards wie UPnP, also universal plug and play, aufgesetzt, aber der Standard ist seit Jahren da und die Geräte fangen gerade an, das zu unterstützen. Und das merkt man ganz einfach, dass die ganze Sache noch nicht ganz unterstützt wird."

Geld verdienen mit Web-TV

Die Technik ist mitten in der Entwicklungsphase. Das gleiche gilt für die Geschäftsmodelle. Noch werden die meisten Web-TV-Angebote von unbezahlten Enthusiasten produziert oder aus eigentlich urheberrechtlich geschütztem Material einfach herauskopiert. Auf Dauer, davon geht der IPTV-Verband aus, muss sich das ändern.

"Es gibt drei große Varianten der Finanzierung. Das eine ist Werbung. Klassische Werbung vor und nach einem Beitrag. Zum anderen muss man auch feststellen, dass wir Bezahl-Content haben, z.B. die Deutschen Philharmoniker, ein sehr schönes Beispiel für ein Web-TV-Angebot. Hier muss ich für jeden Konzertbesuch im virtuellen Raum bezahlen. Aber wir stellen auch mehr und mehr fest, dass Business-TV-Anbieter auf den Markt kommen, also z.B. Mercedes-Benz-TV oder Audi-TV, die ganze Sendungen um ihr Produkt herum bauen und so eine digitale Welt aufbauen."

Tatsächlich tauchen in den Trefferlisten von Youtube und Co. immer häufiger hoch professionell erzeugte Reklamefilme auf. Die große Zeit des charmanten Wildwuchses scheint auch im Web-TV seinem Ende entgegen zu gehen.

Letzte Änderung am: 19.03.2009, 10.01 Uhr