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SWR2 Wissen Welt am Draht: Digitale Lernwelten

Sendung vom Montag, 12.2.2007 | 8.30 Uhr | SWR2

Von Michael Stein u.a.

Breitbandige Internet-Zugänge machen es möglich, mit anderen Menschen und Institutionen in Verbindung zu treten, die viele Tausend Kilometer entfernt sind. Auch Bildungseinrichtungen wie Schulen und Universitäten entdecken zunehmend die neuen Möglichkeiten und bieten ihre Lehrveranstaltungen per Internet oder zumindest mit Internet-Unterstützung an.

Auf diese Weise können Institutionen ihre Marktposition in einem härter werdenden Wettbewerb sichern und den Kreis der potentiellen Nutzer ihrer Angebote erweitern. Aber auch kommerzielle Anbieter wie der Computerhersteller Apple entwickeln zunehmend Strategien dafür, wie der lukrative Bildungsmarkt noch stärker angesprochen werden kann. So öffnete unlängst der Online-Musikladen iTunes einen eigenen Bereich für Vorlesungen, die als Audio- oder Videopodcast aus dem Netz auf einen portablen Musikplayer übertragen werden können. Welt am Draht schaut sich in den neuesten digitalen Lernwelten um.

Die Themen:

Digitale Lernwelten Sprachen lernen - online und offline

Bei uns in Europa wird es immer wichtiger, außer seiner Muttersprache noch andere Sprachen zu sprechen. Zu den vielversprechendsten Möglichkeiten des Sprachenlernens gehören CDs, CD-ROMs und das Internet. Maximilian Schönherr hat eine Firma in München besucht, die Sprachtrainings auf dieser breiten Palette anbietet. [mehr zu: Sprachen lernen - online und offline]

Digitale Lernwelten Vorlesungen im Internet

Weil Schüler und Studenten in den USA oder in Kanada zu den Bildungseinrichtungen oft sehr lange Wege zurückzulegen haben, bieten immer mehr Schulen und Hochschulen ihre Veranstaltungen gewissermaßen als Fernkurs an. Einzelne Vorlesungen lassen sich aus dem Internet auf den Computer laden und von dort aus auf einen der kleinen tragbaren MP3-Player überspielen. Michael Stein berichtet darüber. [mehr zu: Vorlesungen im Internet]

Digitale Lernwelten Abschreiben verboten - wie Universitäten Plagiate erkennen

Immer mehr Studenten nutzen das Internet für Recherchezwecke. Wer das mit der Hilfe aus dem Internet aber gar zu wörtlich nimmt und vielleicht ganze Passagen aus anderen Hausarbeiten übernimmt, der wird unter Umständen sein blaues Wunder erleben: Denn auch die Dozenten nutzen Computer und Internet, auch zum Feststellen von Plagiaten. Ein Bericht von Sebastian Krämer. [mehr zu: Abschreiben verboten - wie Universitäten Plagiate erkennen]

Letzte Änderung am: 04.02.2007, 02.04 Uhr



Digitale LernweltenSprachen lernen - online und offline

Ein Beitrag von Maximilian Schönherr

Bei uns in Europa wird es immer wichtiger, außer seiner Muttersprache noch andere Sprachen zu sprechen. Zu den vielversprechendsten Möglichkeiten des Sprachenlernens gehören CDs, CD-ROMs und das Internet. Maximilian Schönherr hat eine Firma in München besucht, die Sprachtrainings auf dieser breiten Palette anbietet.

Michael Stein:
Nicht nur wenn wir im Urlaub sind, sondern auch beim kurzen Ausflug ins Nachbarland zum Einkaufen ist es hilfreich, wenn man die dortige Sprache zumindest in Grundzügen beherrscht. Und auch bei uns wird die Chance, einem Menschen zu begegnen, der eine andere Sprache spricht, immer größer. Schön wäre es also, wenn zum Beispiel jeder EU-Bürger die beiden Sprachen seiner Nachbarländer fließend spräche, Französisch und Niederländisch etwa. Die EU fordert genau das von ihren Mitgliedsstaaten. Normale Schulen können das meistens nicht leisten, jedenfalls nicht, wenn das Schulsystem so bleibt, wie es ist. Also ist Eigeninitiative gefragt. Und da kommt natürlich auch der Computer ins Spiel.

Die Welt wächst näher zusammen, und die Chance, heute einen Menschen zu treffen, der nicht Deutsch spricht, ist hoch. Schön wäre es, wenn z.B. jeder EU-Bürger die beiden Sprachen seiner Nachbarländer fließend spräche, Französisch und Italienisch etwa. Die EU fordert genau das von ihren Mitgliedsstaaten. Schulen können das nicht leisten, jedenfalls nicht, wenn das Schulsystem so bleibt, wie es ist. Zu den vielversprechendsten Möglichkeiten des Sprachenlernens gehören CDs, CD-ROMs und das Internet. Maximilian Schönherr hat eine Firma in München besucht, die Sprachtrainings auf dieser breiten Palette anbietet.

Maximilian Schönherr:
Das ist ein historischer Sprachkurs für Engländer, die Deutsch lernen wollen. So läuft es heute nicht mehr. Eine knisternde Schallplatte mit dem Titel „Wie bitte?“, herausgebracht von der BBC im Jahr 1969:

BBC Deutsch für Anfänger: Nummer 11. How to describe someone or something. Wie sieht sie aus? Sie sieht toll aus. Sie hat eine gute Figur.

Maximilian Schönherr:
Heute setzen die Briten radikaler als alle anderen einen EU-Beschluss um, nach dem jeder Europäer die beiden Sprachen seiner Nachbarländer beherrschen sollte. In den Grundschulen wird das Lernen von Fremdsprachen übers Internet, das Online-Lernen, verbindlich eingeführt. Dazu verlängern die Briten die Schulpflicht, während die Deutschen sie verkürzen. Sie übertragen Schulstunden mit Kameras in Krankenhäuser, und zwar nicht als Mediengag, sondern bereits jetzt im Alltag.

Armin Hopp:
Kranke Kinder werden über das Internet mit in den Klassenverband integriert, während sie im Krankenhaus liegen. Es werden große Klassenverbände über verschiedene Standorte zusammengeführt. Jeder Lehramtsbezirk hat sein eigenes Learning Management System, wo Lehrer ihre Inhalte austauschen können. Sehr beeindruckend.

Maximilian Schönherr:
Immer, wenn Armin Hopp aus England zurück nach München kommt, deprimiert ihn die deutsche Lernkultur. Die Initiative „Schulen ans Netz“ hält er für gescheitert: Heute stehen viel zu viele alte Computer in den Schulen, und keiner weiß, was er damit machen soll.

Armin Hopp hat vor über 10 Jahren Digital Publishing gegründet und stellt Sprachlernmedien her. Das Kerngeschäft der Firma ist das Lernen mit Computerunterstützung, also mit CD-ROMs und übers Internet. Aber auch der klassische Tonträger, heute natürlich nicht mehr die Schallplatte, sondern die CD und der mp3-Player, hat seinen Platz im Programm, etwa zum Hören unterwegs. Es ist nur besser gemacht als früher, direkter aus dem Leben gegriffen. Das hier etwa ein Dialog in einem Büro, wie er jeden Tag vorkommen kann. Steve will ins Ausland telefonieren, kommt aber nicht durch; Mary rät ihm, doch mal eine 0 vorzuwählen:

Sprach-CD: Business English - Telephone

Mary, are you sure this number is correct?

Yes, why, what’s wrong?

I can’t get through.

Did you dial 0 to get an outside line?

Oh, let me try that.


Jetzt mischt sich der Moderator ein:

Business English - Telephone

Can you believe that? Steve forgot to dial 0 to get an outside line!

Das ist ja nicht zu glauben, Steve hat vergessen, eine 0 zu wählen, um das Freizeichen zu bekommen!

Business English - Telephone

Shall we move on to the questions now?


Und schon schiebt sich die erste Zwischenfrage ein, eine einfache Frage, nämlich was für einen Anruf Steve machen soll:

Business English - Telephone

What kind of call does Steve have to make?

Pause zum Nachdenken.

Business English - Telephone

He has to make an international call.

Maximilian Schönherr:
Einen internationalen Anruf soll Steve machen. Und schon geht’s weiter mit den Begriffen für Nebenstelle, Durchstellen, Verbinden, sich freundlich Vorstellen, nach jemandem Bestimmten verlangen, einen Rückruftermin ausmachen.

Es gibt Sprach-Lern-CDs, die man in den Großstädten anhören kann. Ich stelle mich z.B. hinters Naturhistorische Museum in New York City und höre dann im Kopfhörer einen Muttersprachler von der Bronx schwärmen. „Ich komme aus der Bronx, ich mag die Bronx, die Bronx ist mein Favorit hier in Manhattan. Aus der Bronx kommt der Hip Hop usw…“

Fernweh – New York

Purnell Thomas grew up in the Bronx. Yeah, well, I come from the Bronx, and I like the Bronx, that’s my number one borough in the city…

 

Auch eine alte Idee kommt wieder, nämlich das Lernen im Schlaf oder zumindest im entspannten, nur halb-bewussten Geisteszustand. Mandarin-Chinesisch etwa, mit leicht dahinfließendem Soft-Jazz.

 

The Grooves – Chinesisch lernen

 

Sind Sie Herr Müller?...

 

Was das Lernen von Sprachen mit Computermedien, also CD-ROMs angeht, meint Armin Hopp, hat sich didaktisch nichts, technisch viel getan. Anders als die Audio-CD hat die multimediale CD-ROM, also das Lernprogramm, einen Rückkanal: Der Computer reagiert auf Eingaben:

 

Armin Hopp:
Das heißt, der Computer kann im Rahmen einer begrenzten Intelligenz beispielsweise Aussprache bewerten. Wenn ich das berühmte englische th, also die Zunge zwischen die Zähne, nicht kann – das bringen deutsche Sprecher häufig nicht auf die Reihe, kann ein Computer das heraus „hören“. Das ist neu. Damit kann man am Computer tatsächlich Aussprache trainieren. Nicht nur nachhören, abhören, wie das Ihr Großvater gemacht hat, von der Schallplatte möglichst gut nachsprechen, nach dem eigenen Verständnis. Sondern Sie haben eine neutrale Instanz. Das ist eine ganz andere Qualität im Selbstlernen.

 

Maximilian Schönherr:
Was kein Computerprogramm beurteilen kann, ist, ob der Sprachenschüler etwas richtig betont, ob er freundlich oder gelangweilt spricht.

Armin Hopp:
Das kann ein Mensch, ein Lehrer gut machen. Was ein Computer aber gut kann, ist, dazu anregen, anleiten, mal überhaupt zu sprechen. In der Schule sitzt man 45 Minuten. Es gibt Untersuchungen, dass von den 45 Minuten die Lehrer mindestens die Hälfte reden, wenn nicht noch länger. Das heißt, für 20 oder 30 Kinder bleiben ungefähr 20 Minuten übrig, in denen sie überhaupt etwas sagen können. Das ist die Realität, pro Englischstunde rein rechnerisch 1 Minute, wenn’s hoch kommt. 3 Englischstunden hat man normalerweise pro Woche, da kann man sich also ausrechnen, was ein Schüler pro Woche an theoretischer Sprech- und Redezeit hat. Das kann man mit einem Computerlernsystem praktisch endlos ausweiten.

Maximilian Schönherr:
35.000 Kunden hat Digital Publishing allein im professionellen Lernfeld. Dahinter stecken meist Firmen, die ihre interne Kommunikation auf Englisch umstellen - etwa die französische U-Boot-Marine - und ihre Mitarbeiter in wenigen Monaten fit in der neuen Sprache machen wollen. Die Matrosen haben auf ihren PCs die Lernsoftware installiert, bekommen jede Woche per E-Mail von ihren Tutoren individuelle Aufgaben gestellt, und nehmen immer wieder an virtuellen Unterrichtsstunden teil.

Alle Verlage, die solches „blended learning“, also abgestuftes Lernen anbieten, müssen die Kursteilnehmer zunächst einmal in das einführen…

Armin Hopp:
... was überhaupt gemacht wird, die Ängste zu nehmen, die Widerstände abzubauen, auch berechtigte Fragen zu beantworten wie: Was passiert mit meinen Lernergebnissen? Wenn das alles geklärt ist und der Kurs tatsächlich läuft, machen wir die Feststellung, dass dann schon die Einsicht kommt, dass es eigentlich besser ist, weil solche Sachen wie die Weihnachtsferien nicht dazu führen, dass man aus dem Kurs rausfliegt, nur weil man zweimal was verpasst hat, sondern da ist am Computer immer der Tutor da, der einen heranführt an die ganze Sache. Und das führt zu einer relativ hohen Motivation. Die Motivation wird vor allem auch dadurch gestärkt, dass der Tutor auch übers Internet auch individuelle Lerninhalte zur Verfügung stellt. Die Kursteilnehmer reden ja auch immer miteinander, und am Ende hat jeder einen anderen Kurs gemacht. Das führt dann dazu, dass wir Aussteigerquoten von unter 5% haben.

 

Maximilian Schönherr:
Volkshochschulkurse sind dagegen nach einigen Wochen oft gähnend leer.

James Shepard:
Die Teilnehmer bekommen dreimal pro Woche Aufgaben per E-Mail geschickt. Ich als Trainer habe einen Kursplan und sehe ganz genau, Woche für Woche, was für Aufgaben meine Studenten haben. 

Maximilian Schönherr:
James Shepard ist Chef-Tutor bei Digital Publishing. Auf seinem Bildschirm sieht er eine Tabelle mit den Leistungen seiner Schüler. Eine davon ist Marianne, Mitarbeiterin in einem Schweizer Konzern. Marianne hat fast alle Ausspracheübungen mit über 70% bestanden, das heißt, sie kommt dem Muttersprachler, übrigens einer Stimme mit Bostoner Akzent, sehr nahe. Nur bei einer Übung ist ein roter Punkt zu sehen und die Quote von nur 21%.

James Shepard:
Ich sehe hier diese Übung, die Sätze sind ziemlich lang. Und wenn man die Sätze übt, muss man den Satz komplett sprechen, ohne Pause. „Here’s an exercise I’m sure you’ll enjoy…“

 

Maximilian Schönherr:
Zum Konzept des abgestuften Sprachenlernens gehört auch, dass sich die Kursteilnehmer alle 6 bis 8 Wochen für wenige Stunden an einem Ort treffen sollten. Das sind dann kleine Klassen mit maximal 8 Leuten. Kerstin Warweg, Pressesprecherin von Digital Publishing, hat erfahren, wie dieses Präsenztraining das Online-Lernen abrundet:

 

Kerstin Warweg:
Normalerweise hat man das Problem, wenn viele Lerner zusammen kommen: Der eine lernt schneller, der andere langsamer. Manche langweilen sich, manche sind überfordert, und für die wenigsten ist es genau der Rhythmus, den sie gut gebrauchen können, um Fortschritte zu machen. In diesem Fall kann der Tutor schon im Vorfeld, bevor das Präsenztraining stattfindet, jeden einzelnen Lerner optimal vorbereiten und hinführen, so dass er die Schwachen ein bisschen pushen kann und die Stärkeren vielleicht mit ein paar anderen Übungen auslasten kann, so dass er in dem Moment, wo alle in einem Raum zusammenkommen und tatsächlich miteinander Unterricht haben, alle das Maximum rausnehmen können aus dieser Zeit, die sie da opfern und vor Ort verbringen.

 Online-Lernen mit Webcam

 ... But sometimes I do play LOTTO... better LUCK ....

 

Maximilian Schönherr:
Das ist eine Variante des Online-Lernens, wo der Tutor Hunderte von Kilometern entfernt sitzen kann. Hier sind die Computer mit Mikrofon und Webcam ausgestattet. Der Schüler sieht ein briefmarkengroßes Bewegtbild des Lehrers. Gerade hat er auf die weiße Fläche am Bildschirm sechs Worte geschrieben, die alle mit dem Glücksspiel zu tun haben. Die Schülerin muss nun Sätze formulieren, die all diese Worte abgrasen.

Eine Zeitlang experimentierten viele Hersteller von Sprachlernsoftware mit so genannten Avataren. Das sind 3D-Figuren, die den realen Tutor hinter der Webcam ersetzen sollten, indem sie den Schüler anleiteten, abfragten, führten.

Armin Hopp:
Da, wenn unsere Kursteilnehmer vermuten, dass ein Programm abgespult wird, im Sinne des Wortes, dann schalten sie sehr schnell ab, weil es dann nicht relevant ist, nicht individuell auf das, was die einzelnen Kursteilnehmer brauchen, zugeschnitten. Genau das ist es, was Avatare heute gerade leisten können. Man merkt, dass sie zu allem Hallo sagen, dass sie bei jedem gleich lächeln, dass überall die gleichen Antworten kommen. Und solange es sich auf diesem Niveau abspielt, wird da nichts kommen. Aber wir denken weiter. Wer Second Life kennt, da werden sicher jetzt die ersten Schulen aufgemacht, in Second Life. Das ist schon interessant. Aber da stecken letztendlich Menschen dahinter.

Letzte Änderung am: 04.02.2007, 02.04 Uhr



Digitale LernweltenVorlesungen im Internet

Ein Beitrag von Michael Stein

Weil Schüler und Studenten in den USA oder in Kanada zu den Bildungseinrichtungen oft sehr lange Wege zurückzulegen haben, bieten immer mehr Schulen und Hochschulen ihre Veranstaltungen gewissermaßen als Fernkurs an. Einzelne Vorlesungen lassen sich aus dem Internet auf den Computer laden und von dort aus auf einen der kleinen tragbaren MP3-Player überspielen. Michael Stein berichtet darüber.

Michael Stein:
Von Europa machen wir einen Sprung über den großen Teich nach Nordamerika. Sprachen lernen, das hat in den USA und in Kanada längst nicht den Stellenwert wie bei uns. Fast alle sprechen eben auch Englisch, in den beiden riesigen Ländern. Weil aber zum Beispiel Kanada so riesig groß ist, und die Wege von zu Hause zur Uni unter Umständen ziemlich weit sein können, bieten immer mehr Schulen und Hochschulen ihre Veranstaltungen gewissermaßen als Fernkurs an. Genauer gesagt: Einzelne Vorlesungen lassen sich aus dem Internet auf den Computer laden und von dort aus auf einen der kleinen tragbaren MP3-Player überspielen. So kann man dann sogar beim Bügeln oder bequem auf der Couch der Stimme seines Professors lauschen.

Roy Caldwell: Can you hear me in the back? I'll try one more notch. OK, announcements on sections up here on the board, which hopefully you can read.


Übersetzung:
Können Sie mich da hinten hören? Ich versuche noch mal einen Strich mehr. OK, Ankündigungen finden Sie hier an der Tafel, ich hoffe, Sie können sie lesen.

Michael Stein:
Professor Roy Caldwell ist Dozent an der renommierten kalifornischen Berkeley University. Er ist Biologe und bietet einige seiner Vorlesungen zum Download per Internet an. In dieser hier geht es zum Beispiel um die Evolution. "Lemminge mit Schwimmwesten" heißt die Veranstaltung.

Caldwell: Let me give you an example which started live here at Berkeley about 80 years ago. There was a fellow named 'Toman'. (schreibt hörbar den Namen an die Tafel)..... affect learning in rats?


Übersetzung:
Lassen Sie mich ein Beispiel nennen für ein Experiment, das hier in Berkeley vor etwa 80 Jahren begonnen hat. Da gab es einen Mann namens 'Toman'. Er ist ein amerikanischer Psychologe, und er interessierte sich für die genetischen Grundlagen des Lernens von Tieren. Er hat nur wenige Experimente in seinem Leben gemacht, aber eines ist berühmt. Und die simple Frage dabei war: Beeinflussen Gene das Lernen von Ratten?

Michael Stein:
Man hat richtig das Gefühl, dabei zu sein, bei dieser Vorlesung. Im Hintergrund sind andere Studenten zu hören und man merkt, dass es sich dabei um die Aufnahme einer echten Vorlesung handelt. Am besten hört man sich die Aufnahmen mit einem Kopfhörer an, denn dann bekommt man noch mehr den Eindruck, tatsächlich selber im Hörsaal zu sitzen.

Richard Allen:
Welcome to EPS 20, Earthquakes in your backyard. I know that is a big class, but I want to be this lecture as interactive as possible. And I want to start by asking you what earthquakes mean to you. So why are you guys started this class? Why are you interested in taking this class and learning about earthquakes? Yes! (Stimme einer Studentin, leise) OK. So most of you are probably from California.

Übersetzung:
Willkommen zu "Erd- und Planeten-Wissenschaften" 20, Erdbeben in Ihrem Garten. Ich weiß, das ist eine große Klasse hier, aber ich möchte diese Vorlesung so interaktiv wie möglich machen. Und deshalb möchte ich Sie zu Beginn fragen, was Erdbeben für Sie bedeuten. Warum haben Sie diesen Kurs belegt? Warum interessieren Sie sich dafür, etwas über Erdbeben zu lernen? ... Ja! Sie bitte! (er nimmt jemanden dran) ... OK. Also, die meisten von Ihnen sind wahrscheinlich aus Kalifornien.

Michael Stein:
Vorlesungen, wie diese von Prof. Richard Allen von der Universität Berkeley kommen als Podcast zu uns nach Hause – selbst dann, wenn wir hier in Deutschland wohnen. Möglich wird das durch das Internet und die Podcast-Technik. Dabei ist es möglich, etwa die Vorlesungen eines ganzen Semesters automatisch aus dem Internet zu laden und auf einen mobilen Musikspieler wie zum Beispiel den iPod von Apple zu übertragen. Apple stellt dafür den Universitäten jeweils eigene Bereiche in seinem Online-Laden zur Verfügung, aus dem man normalerweise Musik oder Hörbücher gegen Bezahlung laden kann. "iTunes U" nennt sich dieses noch recht neue Angebot. Auch die kanadische Queen's University in Kingston ist in iTunes U zu finden. Richard Seres von der Queen's University:

Richard Seres: There is a lot of other mp3 players. But the iPod really is the dominant mp3 player out there ... and download it.

Übersetzung:
Es gibt viele MP3-Player. Aber der iPod ist der am weitesten verbreitete. Und vor allem junge Leute beschäftigen sich sehr stark mit ihren iPods. Einer der Gründe dafür ist die Infrastruktur, die durch iTunes mit dabei ist. Die Möglichkeit, einen Podcast zu abonnieren und automatisch auf den iPod zu überspielen, wenn es eine neue Folge gibt, also diese Art des passiven Überspielens auf den iPod, das ist wirklich der Unterschied. Viele andere Universitäten oder andere Institutionen bieten Inhalte auf ihren Websites an. Aber sie sorgen nicht dafür, dass immer dann, wenn es neue Inhalte gibt, die Leute sie auch automatisch bekommen. Man muss sich dabei jedes Mal selber darum kümmern, selber nach den Inhalten suchen, und dann daran denken, sich den Lernstoff auch herunterzuladen.

Michael Stein:
Wer die Vorlesungen als Podcast hört, lässt sich zur Zeit noch nicht generell sagen. Es ist ein Mix aus ordentlich eingeschriebenen Studenten und Zufallshörern, die einmal in das entsprechende Fach hineinschnuppern möchten. Unis wie die im kanadischen Kingston nutzen die Technik daher auch intensiv, um für sich selber zu werben und potentielle Studenten für ein Studium zu gewinnen.

Ausschnitt aus Werbevideo

Michael Stein:
Es gibt aber noch etwas, was beim Hören der eigentlichen Vorlesungen auffällt: Das Anbieten von Vorlesungen als Podcast steckt für die Universitäten noch in den Kinderschuhen. Denn nicht immer sind die Aufnahmen so, dass man der Vorlesung tatsächlich folgen könnte.

Ausschnitt aus Philosophy 6, Berkeley, Hubert Dreyfus

Michael Stein:
Die technische Qualität dieser Philosophie-Vorlesung von Professor Hubert Dreyfus aus Berkeley ist zum Beispiel recht schlecht. Diese Aufnahme eignet sich allenfalls zum Wiederholen des Stoffs, wenn man die Vorlesung schon einmal besucht hat. Noch sind es nur amerikanische und kanadische Universitäten, die sich dem iTunes U System angeschlossen haben. Ob und wann es nach Europa kommt, ist derzeit noch nicht bekannt.

Letzte Änderung am: 04.02.2007, 02.04 Uhr



Digitale LernweltenAbschreiben verboten - wie Universitäten Plagiate erkennen

Ein Beitrag von Sebastian Krämer

Immer mehr Studenten nutzen das Internet für Recherchezwecke. Wer das mit der Hilfe aus dem Internet aber gar zu wörtlich nimmt und vielleicht ganze Passagen aus anderen Hausarbeiten übernimmt, der wird unter Umständen sein blaues Wunder erleben: Denn auch die Dozenten nutzen Computer und Internet, auch zum Feststellen von Plagiaten. Ein Bericht von Sebastian Krämer.

Nicholas Zahnen:
Ich habe also hier über diese Seite Ephorus meine Arbeit hochgeladen und dann kam eine E-Mail zurück mit folgenden Dateien. Das ist einmal eine Zusammenfassung meiner Datei, welche Stellen sind plagiiert worden und welche nicht.

Sebastian Krämer:
Nicholas Zahnen, Referent für Lehrfragen an der Universität Konstanz, testet zur Zeit Software, die Plagiate aufspüren kann. Denn die Universität Konstanz sucht nach einer fakultätsübergreifenden Lösung, Plagiaten zuverlässig auf die Spur zu kommen. Zahnen lud vor einigen Wochen seine Abschlussarbeit auf den Server eines Software-Anbieters. Nun kam die Auswertung seiner Arbeit als E-Mail zurück - mit genauen Markierungen verdächtiger Textpassagen.

 
Nicholas Zahnen:
Und der Dozent kann aufgrund der Gegenüberstellung dann entscheiden, ob er das als Plagiat ansieht oder nicht.


Sebastian Krämer:
Die Software hatte eine im Internet veröffentlichte Zusammenfassung der Arbeit als mögliches Plagiat erkannt.

Zahnen:
Das ist natürlich der Abstrakt, die Zusammenfassung die im Netz steht. Offensichtlich habe ich beim Rest nicht plagiiert, wie ich sehe-- zum Glück (lacht).

Sebastian Krämer:
Dies sollte eigentlich der Regelfall bei wissenschaftlichen Arbeiten sein. Doch deutsche Universitätsprofessoren beklagen, dass zunehmend dreist abgeschrieben und kopiert wird – begünstigt durch die vielen zugänglichen Angebote im Internet.

So ergab eine soziologische Studie der Universität Leipzig: 90 Prozent aller Studenten würden bei Bedarf abkupfern. Eine weitere Untersuchung eines Bielefelders Soziologie-Professors kam zu dem Schluss, 30 Prozent aller studentischen Arbeiten schmückten sich mit fremden Federn.

An der Universität Konstanz beobachtet man die Entwicklung skeptisch. Die Universität ist ein gebranntes Kind: Vor einigen Jahren gab es zwei schwerwiegende Betrugsfälle bei Diplomarbeiten. Die Universität war damals machtlos, musste die Diplomanden nochmals zur Prüfung zulassen. Danach wurde aber die Prüfungsverordnung verschärft. Die Abschlussarbeiten müssen seitdem auch in digitaler Form – als Word-Datei - vorliegen:

Zahnen:
Die Position ist da ganz eindeutig: Wird da ein Plagiat entdeckt, dann gilt die Prüfung als nicht bestanden. Das kann in schwerwiegenden oder in Wiederholungsfällen zu Sanktionen führen, dass jemand von der Wiederholungsprüfung ausgeschlossen wird, was in diesem Fall das Ende eines Studiums für jemanden bedeutet.

Sebastian Krämer:
Aber Vorsicht: Ein Plagiat ist nicht nur eben „Kopieren und Einfügen“, „Copy and Paste“.Es kann auch ein Übersetzungsplagiat sein

Noch kreativer ist die Methode „schütteln und einfügen“ „shake and paste“: Hierbei werden verschiedene sinnverwandte Textabschnitte unterschiedlicher Quellen zusammengewürfelt: Einmal füllen, kräftig durchmischen und das Ergebnis übertragen.

Jürgen Kuri, stellvertretender Chefredakteur von der Computerzeitschrift c't warnt daher vor zu hohen Erwartungen gegenüber der Software.

Jürgen Kuri:
Was sich im Moment findet, sind wirklich reine Abschreiben, was eigentlich auch so relativ einfach zu entdecken ist. Wenn jemand die Idee von einem andern klaut, ist die Software völlig überfordert.

Es wird auch auf absehbare Zeit nur eine Unterstützung des Professors bleiben, der sich die Auswertung, die die Software macht, sehr genau anschauen muss, ob da denn ein Verdacht auf ein Plagiat vorliegt oder nicht.

Sebastian Krämer:
Es gibt zwei Arten von Plagiats-Findern: Lokal installierte Software, die Texte nach Schlüsselbegriffen analysiert und dann anschließend Suchmaschinen nach bestimmten Wortkombinationen abfragt. Die zu analysierende Arbeit bleibt lokal auf dem Rechner. Nachteil: Die Analyse braucht viel Zeit und blockiert den Rechner.

Bei einer zweiten Art von Plagiat-Findern wird die studentische Arbeit auf den Server des jeweiligen Software-Anbieters gespielt und dort geprüft:

Kuri:
Wenn Sie es wie bei „Turnitin“ über einen Server, der alle Arbeiten sammelt, machen, dann haben Sie alle Arbeiten, die schon eingereicht worden sind im Zugriff. Und können das sehr gezielt suchen. 

Sebastian Krämer:
So verlockend einfach sich das darstellt, die serverbasierte Software ist jedoch in die Kritik geraten. Die Universität Hamburg hatte ihre Studenten aufgefordert, ihre Arbeiten durch „Turnitin“ überprüfen zu lassen. Sonst würden die Arbeiten nicht anerkannt. Protest bei den Studenten. Die Studenten würden pauschal als Plagiierer abgestempelt und zudem werde ihr Urheberrecht verletzt. 

Kuri:
Wenn solche Dienste wie „Turnitin“ Pflicht werden, alle Studenten unter Generalverdacht gestellt, dass sie abschreiben. Und ist auch nicht im Sinne des Erfinders. Auf der anderen Seite sagen die Universitäten, ihre Juristen hätten gesagt, das ist kein Problem, das einzureichen bei so einem Dienst. Allerdings gehen diese Gutachten nur darauf ein, auf den konkreten Vorgang. Der Überprüfung einer Arbeit, ob sie ein Plagiat darstellt, die gehen gar nicht darauf ein, dass die Arbeit dann weiter gespeichert wird bei den Dienstleistern und auch in Zukunft benutzt wird, um andere Plagiate aufzudecken. Das ist das eigentliche Urheberrechtsproblem. Und ich glaube, da sind die Universitäten noch etwas blauäugig, dass sie das so einfach machen können, wie sie das im Moment tun.

Sebastian Krämer:
Im Kampf gegen Plagiate wird offenbar das Urheberrecht der Studenten zugunsten einer möglichen Verletzung des Urheberrechts anderer Autoren ausgehebelt. Die unveröffentlichte studentische Arbeit genießt innerhalb der Universität vorerst Schutz geistigen Eigentums. Ist eine Diplomarbeit außerhalb der Universität, kann keiner mehr nachvollziehen, was damit in der Datenbank des Dienstleisters geschieht. Der Industriespionage ist Tür und Tor geöffnet.

Kuri:
Das hängt natürlich von den einzelnen Arbeiten ab, wenn Studenten oder Doktoranden Arbeiten zusammen mit Firmen machen, die dann diese Ergebnisse auch wieder für ihre Produkte nutzen, dann hat das auch ein gewisses Interesse der Konkurrenz solcher Firmen. Wenn solche Daten irgendwo extern gespeichert werden, dann ist die Gefahr natürlich gegeben, dass die natürlich geklaut werden.“

Sebastian Krämer:
Die Universität Konstanz setzt ganz auf Aufklärung und Bewusstseinsbildung. Sie bietet Kurse zum wissenschaftlichen Arbeiten an. Bis die Universität sich endgültig für eine Anschaffung einer einheitlichen Software entschließt, werden die verschiedenen Plagiats-Finder in den verschiedenen Fachbereichen ausgiebig getestet, erklärt Nicholas Zahnen:

Zahnen:
Die Erfahrung wollen wird dann einholen und auf der Basis dann entscheiden, welches Programm gute Ergebnisse liefert und welches Programm aus unserer Sicht und aus Datenschutz-Sicht die Anforderungen erfüllt.“

Letzte Änderung am: 04.02.2007, 02.04 Uhr