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Ein Beitrag von Dirk Asendorpf
Wenn alle der damals an der Geburt des WWW beteiligten Menschen ganz ehrlich sind, dann werden sie sicher eines zugeben: Welche Bedeutung das Internet einmal bekommen würde, das ließ sich trotz der tollen Ideen, der bahnbrechenden Erfindungen und der innovativen Projekte wohl nicht vorhersehen. Denn ursprünglich war das WWW ein Medium, das für den Austausch von wissenschaftlichen Informationen zwischen Wissenschaftlern gedacht war. Aber es sollte alles ganz anders kommen. Dirk Asendorpf.
Dirk Asendorpf:
Mitte der 80er-Jahre war die Medien-Welt noch ausgesprochen übersichtlich. Im Fernsehen hatte man die Wahl zwischen drei öffentlich-rechtlichen Programmen und der 20-Uhr-Gong der Tagesschau trennte in den meisten Wohnzimmern den Nachmittag vom Abend. Als Tim Berners-Lee sich die ersten Gedanken über ein World Wide Web machte, waren DVD und MP3-Player noch nicht erfunden.
Uwe Hasebrink:
In den 80er-Jahren war die Medienlandschaft dadurch geprägt, dass es überwiegend Angebote für große Mehrheiten gab. Was ist heute wichtig? Das sind keine Informationen, nach denen die Menschen gezielt suchen, da kommt es den Menschen
nur darauf an, Hauptsache mitzubekommen, dass sie nichts Wichtiges verpassen – eine neue Grippeepidemie oder ein neuer amerikanischer Präsident oder so etwas.
Dirk Asendorpf:
Der Medienwissenschaftler Uwe Hasebrink leitet das Hamburger Hans-Bredow-Institut für Medienforschung.
Uwe Hasebrink:
In den 90er-Jahren, insbesondere durch kommerziellen Rundfunk dann angetrieben hat sich das Angebot stark ausdifferenziert. Es gab mehr Spartenkanäle, mehr Special-Interest-Zeitschriften, ein starkes Interesse an Zielgruppen und thematisch eingegrenzten Zielgruppen, also Medienangeboten für Menschen, die sich für ein bestimmtes Thema interessieren. Das war eigentlich das Prägende für die 90er-Jahre.
Dirk Asendorpf:
Und ein ideale Voraussetzung dafür, dass sich aus dem zunächst nur für den wissenschaftlichen Austausch konzipierten World Wide Web ein Massenmedium entwickeln konnte. Nachdem das WWW 1993 erstmals außerhalb des Genfer Nuklearforschungsinstituts CERN eingesetzt wurde, explodierten die Nutzerzahlen. Hier konnte jeder finden, was früher nur mit viel Mühe oder überhaupt nicht aufzustöbern war: Fremdsprachige Zeitungsartikel, Reiseinformationen, die Telefonnummern alter Schulfreunde und wenig später auch Musik und Fotos aus aller Welt. Für fast jedes ausgefallene Interesse ließ sich nun ein globales Netzwerk Gleichgesinnter knüpfen.
Doch schnell waren es nicht mehr Informationen und Kontakte, sondern Unterhaltung und Shopping, die als treibende Kräfte das World Wide Web immer vielfältiger und bunter machten. Schon ein Jahr nach dem Verlassen des Labors hatte das neue
Medium mehr kommerziellen als wissenschaftlichen Inhalt zu bieten.
Dein Geschenk hab ich nicht eingepackt, ich hab es noch nicht einmal gesehen, denn ich schick es Dir per Mausklick aus dem Bett. Begleitet von dieser Fernsehreklame stieg der Online-Buchversand Amazon zum weltgrößten Online-Händler mit über 15
Milliarden Dollar Jahresumsatz auf. Übertroffen nur noch von Google. Die Suchmaschine setzt mit den kleinen Reklameeinblendungen neben ihren Trefferlisten über 20 Milliarden Dollar im Jahr um und verdient dabei fünf Milliarden.
Im Schatten seiner rasanten Entwicklung zur globalen Shopping-Mall entwickelte sich das WWW auch zur Plattform für Kommunikation und Interaktion. Chats, Blogs, Wikis und soziale Netzwerke machen es möglich, dass jeder vom Konsumenten auch zum Produzenten werden kann. Der Medienwissenschaftler Christoph Neuberger hat die Auswirkungen, die das auf die gesellschaftliche Öffentlichkeit hat, in einem großen Forschungsprojekt untersucht.
Christoph Neuberger:
Die Erwartungen, die Brecht, Enzensberger und viele andere formuliert haben, dass sich jeder Bürger zu Wort melden können soll und zumindest die Chance haben soll, öffentlich wahrgenommen zu werden – diese Hoffnung wurde auf ganz, ganz viele
Medien in der Vergangenheit gerichtet. Von heute aus sieht das absurd aus, die Erwartung an das Radio, an Film, Fernsehen, dass man da irgendwie Rückkanäle einbauen könnte. Das Internet ist das Medium, das diese Vision in die Wirklichkeit
überführt hat.
Dirk Asendorpf:
Allerdings anders, als Enzensberger und Brecht es sich vorgestellt hatten. Nicht das große gesellschaftliche Thema, sondern der kleine Klatsch und Tratsch aus dem Bekanntenkreis steht im Mittelpunkt der allermeisten Veröffentlichungen im Netz.
Sechseinhalb Millionen Studenten haben sich bei Studi-VZ angemeldet, fünf Millionen Kinder und Jugendliche bei Schüler-VZ, den beiden größten sogenannten sozialen Netzwerken, die das WWW in Deutschland knüpft.
Philippe Gröschel:
Was die einen da als anstrengendes Geschwätz und Gebrabbel von Millionen vermuten würden, ist in der Tat eine große Bereicherung unserer Gesellschaft, dass auch kleine Gruppen mit ihren Themen und Einzelpersonen mit ihren Interessen nun Gehör finden können.
Dirk Asendorpf:
Philippe Gröschel ist in dieser Frage eine Art Berufsoptimist. Er verdient sein Geld als Jugendschutzbeauftragter bei Schüler-VZ und freut sich, wenn die Mitglieder sich gegenseitig mit launigen Videoclips an den Verhaltenskodex erinnern: Respektiere
andere Nutzer, melde pornographische oder gewalttätige Inhalte, bleibe ehrlich, verschicke weder Werbung noch Kettenbriefe.
Die Ironie der Geschichte ist, dass sich die populären sozialen Netzwerke zum Gegenteil eines World Wide Web entwickelt haben. Wer dort kommuniziert, tut das vor allem mit Freunden und Bekannten gleich um die Ecke.
Philippe Gröschel:
Wo war letzte Woche die lustige Party, die ich leider verpasst hab, weil ich im Skiurlaub war? Was für Fotos lädt mein bester Freund gerade in sein Fotoalbum hoch und so weiter und so fort. Auch wenn die Jugendlichen sich online vernetzen, den Kontakt
pflegen sie vor allen Dingen zu denjenigen, die sie jeden Tag in der Schule sehen, zur Klasse, zu den Schulfreunden oder natürlich auch zu den Freunden aus dem Sportverein. Wenn dieser Freundeskreis besonders aktiv und produktiv und konstruktiv
im Schüler-VZ ist, wird man selbst natürlich dort auch sein, weil man diesen Anschluss an die Clique und an die Gruppe nicht verpassen will.
Dirk Asendorpf:
Als wäre die Rudi-Carrell-Kultur der 80er-Jahre wiederauferstanden: Wenn alle am Abend die gleichen Clips gucken, können sie am nächsten Morgen herrlich darüber lachen oder lästern.
Philippe Gröschel:
Ein Schüler findet ein tolles Video bei Youtube, kopiert den Link und schickt ihn über Schüler-VZ per Nachricht an alle seine Freunde weiter. Die Freunde gucken das Video auch an und wenn sie es toll finden, schicken sie den Link wieder weiter. So
funktionieren die Effekte im sozialen Netz und innerhalb kürzester Zeit, innerhalb weniger Tage hat das Video möglicherweise ein paar Hunderttausend oder ein paar Millionen Zuschauer gehabt.
Letzte Änderung am: 19.06.2009, 13.40 Uhr