Navigation

Volltextsuche

SWR2 bei facebook SWR2 bei Twitter SWR2 bei YouTube SWR2-App SWR2 bei Facebook, Twitter und YouTube und als App

Sendungen A-Z

Radio im SWR

Seite vorlesen:

Erziehung in Zeiten des InternetWie gefährlich sind "Killerspiele" wirklich ?

Michael Stein im Gespräch mit Thomas Hartmann

Im Zusammenhang mit den Amokläufen in Schulen ist viel darüber diskutiert worden, ob so genannte "Ego-Shooter" oder "Ballerspiele" Gewalttaten auslösen können. Thomas Hartmann ist evangelischer Pfarrer und hat kürzlich ein Buch veröffentlicht mit dem Titel "Schluss mit dem Gewalt-Tabu - warum Kinder ballern und sich prügeln müssen". Michael Stein hat den Autor interviewt.


Michael Stein:
Eine Gefahr, die im Internet, aber auch in Computerspielen "lauert", ist die Gewalt. Viel ist im Zusammenhang mit den Amokläufen in Schulen darüber diskutiert worden, ob Spiele wie ein so genannter "Ego-Shooter", in dem sich der Spieler in der Rolle eines Bewaffneten sieht, der durch die Gegend läuft und auf alles schießt, was sich bewegt, ob solche Spiele solche Taten auslösen können. Einen direkten Zusammenhang nach dem Motto „jeder, der ein Killerspiel spielt, wird zum Killer“ gibt es nicht, aber auffällig ist, dass einige der Täter der letzten Jahre gerne derartige Spiele gespielt haben. Kürzlich ist mir ein Buch mit dem Titel „Schluss mit dem Gewalt-Tabu - warum Kinder ballern und sich prügeln müssen“ in die Hände gefallen, und ich wollte den Autor Thomas Hartmann kennen lernen. Er ist evangelischer Pfarrer und Interviews zum Thema Killerspiele mit ihm sind derzeit in vielen großen Zeitschriften und Zeitungen zu lesen. Ich begrüße ihn jetzt in unserem Studio in Wiesbaden. Herr Hartmann, den Begriff „Killerspiel“ mögen Sie nicht, warum nicht?

 

Thomas Hartmann:

Weil der sehr schwer abzugrenzen ist. Also, wo beginnt es, dass man sagen kann, das ist ein Killerspiel. Ich finde, wenn man sagt, das sind Ego-Shooter, die gewaltverherrlichend sind oder Gewalt verharmlosen, dann würden die auch unter das Strafgesetzbuch fallen und verboten sein. Aber das sind eben Spiele, die nicht geeignet sind für Jugendliche. Also frühestens ab 18, dann finde ich, hat man mehr davon. Es ist eine klarere Kategorisierung solcher Spiele. Killerspiele ist halt etwas sehr Tendenziöses. Das klingt so, als ob diejenigen, die das spielen würden, zumindest klammheimlich Killer werden oder dazu mutieren könnten.

Michael Stein: Und das ist nicht so?

 

Thomas Hartmann:
Also: Eine Computerspiel-Vergangenheit und auch eine -Gegenwart hat heutzutage fast jeder Jugendliche, auch viele unter den Erwachsenen, auch viele eben, die Spiele ohne Altersfreigabe also ab 18 spielen. Sie haben aber an den Schulen zum Beispiel real einen Rückgang von physischer Gewalt, teilweise auch von verbaler Gewalt. Auch wenn es oft anders behauptet wird, aber die Expertenuntersuchungen, die Statistiken belegen das ganz eindeutig. Also, wenn es so wäre -  seit 1993 gibt es im klassischen Sinn diese Ego-Shooter mit Doom - dann müssten wir eigentlich einen fürchterlichen Zuwachs an Gewalt an Schulen haben und auch an solchen Amokläufen. Das ist ja eben aber nicht der Fall. Dass natürlich umgekehrt eine Korrelation besteht, dass also besonders gewaltbereite Jugendliche, die auch oft tief verzweifelt sind in ihrer Seele, das muss man sich auch mal genauer anschauen, besonders zu violenten Medien neigen, sei es nun Computerspiele, Gewaltvideos, dass sie sich in Waffenvereinen besonders gerne tummeln, um mit echten Waffen in Kontakt zu kommen, dass sie satanistische Literatur lesen, dass sie entsprechende Musik hören und andere Dinge mehr, so herum passt es, aber nicht umgekehrt.

 

Michael Stein:
Sie selber spielen ja auch gerne Computerspiele und dabei auch solche, in denen es Gewalt gibt. Sie sind evangelischer Pfarrer - wie konnte es so weit kommen?

 

Thomas Hartmann:
Da gibt es Unterschiede. Also wenn’s so ein sinnloses Gemetzel ist, dann finde ich das einfach widerlich. Wenn komplexe Aufgaben damit verbunden sind, dann ist das schon interessanter. Ich beschreibe in meinem Buch zum Beispiel „Deus Ex“ von 2000. Das ist eine Art Ballerspiel, wenn man so will. Aber da kommt man auch völlig ohne Ballern im Grunde durch. Also das sind komplexere Möglichkeiten. Faszinierend ist die Grafik. Faszinierend sind die virtuellen Welten, die da erschaffen werden, die ja auch im Grunde auch die ganze Computerindustrie weiter getrieben haben, weil man immer aufwendigere Grafikkarten entwickeln musste dafür. Also, es gehen auch sehr viele mythologische Elemente mit hinein. Es gehen zum Teil biblische Elemente in diese Ballerspiele mit ein. Aber ist auch immer eine Frage, welches Spiel sie betrachten und natürlich ist irgendwann die Grenze des guten Geschmacks überschritten. Aber wir streiten uns ja nicht über den Geschmack, sondern über die Gefahr, die auf Jugendliche davon ausgehen kann und das ist ein ganz anderer Punkt. Das hat doch nichts damit zu tun, wie ich das persönlich finde. Ich bin doch nun schon erwachsen.

 

Michael Stein:
Wie würden Sie denn den Unterschied zwischen Gewaltdarstellung in einem Buch und in einem Computerspiel beurteilen? Ist man in einem Computerspiel nicht viel unmittelbarer dabei und muss die Phantasie gar nicht mehr bemühen?

 

Thomas Hartmann:
Ich bin mir nicht so sicher. Also, ich glaube, wenn man zum Beispiel früher biblische Geschichten oder solche von Homer irgendwelcher Schlachten von Helden hörte, wie meinetwegen der Stammesälteste am Lagerfeuer erzählte, dann waren das enorm intensive Eindrücke, man identifizierte sich damit und dann kann das durchaus eine Wirkung gehabt haben, die heute vergleichbar ist mit Computerspielen. Heute haben wir uns ja an Bilder, bewegte Bilder, gewöhnt und insofern denke ich, dass Bücher, zumal so viele Jugendliche nicht mehr Bücher lesen, nicht so starke Auswirkungen haben können. Aber auch Computerspiele haben diese extremen Auswirkungen, die auch behauptet werden, eben nicht. Deswegen ist diese Frage auch so ein bisschen verfänglich, weil ich auch nicht sagen würde, dass eben Ballerspiele, Killerspiele Jugendliche zu Gewalttätern oder Amokläufern machen, sofern sie einigermaßen stabil und gesund sind. Wenn sie es nicht sind, dann stecken aber auch ganz andere Faktoren mit drin. Ich wehre mich einfach zu sagen, wir verbieten Killerspiele, weil Verbote keine Erziehung ersetzen und weil sie einfach den Blickwinkel verengen und andere wichtige soziale Faktoren, zum Beispiel auch an den Schulen, ausblenden.

 

Michael Stein:
Thomas Hartmann, Pfarrer und Autor des Buches „Schluss mit dem Gewalt-Tabu - warum Kinder ballern und sich prügeln müssen“ - vielen Dank für das Gespräch.

Letzte Änderung am: 15.08.2007, 16.15 Uhr