Navigation

Volltextsuche

SWR2 bei facebook SWR2 bei Twitter SWR2 bei YouTube SWR2-App SWR2 bei Facebook, Twitter und YouTube und als App

Sendungen A-Z

Radio im SWR

Seite vorlesen:

Das Mitmach-NetzVerhaltenskodex für das Web 2.0

Ein Beitrag von Michael Stein

Mitmach-Plattformen gibt es inzwischen im Internet wie Sand am Meer. Seit einiger Zeit ist der Ton in den Blogs, den Web-Tagebüchern merklich schärfer und härter geworden. Angesichts dieser oft mit Kraftausdrücken und Beleidigungen gespickten Kommentare hat sich manch ein Blogger schon aus der Blogosphäre, wie die Weblog-Schreiber die Szene nennen, verabschiedet. Daher wurde und wird auch in der Bloggerszene hitzig über einen Verhaltenskodexdiskutiert.

Michael Stein:
Mitmach-Plattformen gibt es inzwischen im Internet wie Sand am Meer. Menschen von überall auf der Welt stellen ihre Fotos bei Flickr ein und zeigen sie so allen anderen. Zeitschriften setzen auf Leser-Reporter, die ihre Nachrichten und Fotos per Internet anderen Lesern zur Verfügung stellen. Und für wie wichtig große Medienkonzerne die Mitmach-Portale im Internet halten, das zeigte kürzlich ein Geschäftsabschluss: Der Holtzbrinck-Verlag kaufte für eine gigantische Summe, man munkelte von 100 Millionen Euro, das Portal „StudiVZ“, eine Mitmach-Plattform für Studierende, in dem man Kontakte zu anderen Studierenden knüpfen kann. Die Nutzung von StudiVZ ist kostenlos, jeder Teilnehmer verpflichtet sich aber, einige Grundregeln, einen so genannten Verhaltenskodex einzuhalten.

Über einen solchen Verhaltenskodex wurde und wird auch in der Bloggerszene hitzig diskutiert. Denn seit einiger Zeit ist der Ton in den Blogs, den Web-Tagebüchern, merklich schärfer und härter geworden. Zum Verständnis: In den meisten Weblogs  schreiben nicht nur die Betreiber des jeweiligen Online-Tagebuchs über jedes nur erdenkliche Thema. Bestandteil sind meistens auch die Kommentare, geschrieben von Lesern der Blogs. Und in vielen Fällen sind diese Leser auch selber Blogger. Angesichts dieser oft mit Kraftausdrücken und Beleidigungen gespickten Kommentare hat sich manch ein Blogger da schon aus der Blogosphäre, wie die Weblog-Schreiber die Szene nennen, verabschiedet.

 

Zuspielung 1:(Zwei Computerstimmen, abwechselnd, unterlegt mit Tippgeräuschen)

Ich hoffe, jemand stopft dir bald mal dein Maul. Du bist echt eine dämliche Schlampe. Wenn Du nicht bald mit diesen Behauptungen aufhörst, dann würde ich mich nicht wundern, wenn dir irgendwann mal jemand einen explosiven Brief schickt. Wenn man keine Ahnung hat, sollte man vielleicht einfach mal die Fresse halten.

 

Michael Stein:
Kommentare, eben gelesen von zwei Computerstimmen, die so oder so ähnlich in so manchem Weblog zu finden sind. Auslöser für diese und viele andere Entgleisungen waren Texte, die die jeweiligen Betreiber der Blogs geschrieben hatten. Es entstand eine Diskussion, die dann nach einiger Zeit in eine derbe Sprache abglitt und schließlich in Beschimpfungen wie die eben gehörten mündete. Was dabei verwundert: Die Schreiber, die da deutlich die Grenzen des guten Geschmacks überschreiten und indirekte Drohungen ausstoßen, sind nicht anonym. Man könnte sie jederzeit ermitteln. Auch Marco Maas, Fotograf, Journalist und selber Blogger, wundert sich über derartige Blog-Beiträge:

 

Marco Maas:
Es ist ja niemand mehr anonym. Aufgrund der Rechtslage muss jedes Blog ein Impressum haben. Und es gehört zum guten Ton in der Bloggerszene, dass man mit seinem Namen unterschreibt und dass man eine E-Mail-Adresse angibt, dass man also wirklich erkennbar und nachvollziehbar im Netz aktiv ist.

 

Michael Stein:
Natürlich gibt es auch solche Diskussionsteilnehmer, die sich unter falschem Namen an einem Gespräch in einem Blog beteiligen. Viele aber nehmen kein Blatt vor den Mund, obwohl sie ihre Äußerungen vielleicht irgendwann bitter bereuen könnten. Entweder weil es ihnen später, dann mit etwas Abstand vielleicht leid tut, dass sie da so ausfallend geworden sind. Oder aber weil sie befürchten müssen, dass ihnen daraus echte Nachteile entstehen.

 

Marco Maas:
Ich bin mir dessen bewusst, dass das, was ich schreibe, auch in 20 Jahren noch da im Internet steht und ein zukünftiger Arbeitgeber mal meinen Namen googelt und die Inhalte, die ich jetzt schreibe, dann auch noch einmal sieht. Aber ich glaube, ganz viele Menschen sind sich darüber nicht klar, dass das, was sie schreiben, nicht flüchtig ist, sondern bis auf alle Ewigkeiten im Netz steht.

 

Michael Stein:
Woran aber liegt es, dass vor allem im Internet nicht selten die einfachsten Regeln über Bord geworfen werden und jemand, der sich im Internet bewegt, dort seine Meinung vertritt und verteidigt, sich plötzlich den Angriffen anderer Internet-Nutzer ausgeliefert sieht? Thomas Jungbluth, Journalist und selber seit vielen Jahren Blogger:

 

Thomas Jungbluth:
Meine Vermutung ist, dass Bloggen ja keine neue Form des Lebens an sich ist, sondern dass sich da das abbildet, was man auch im täglichen Leben mitbekommt. Sei es dass Menschen sich profilieren müssen, indem sie andere angreifen, indem sie anderen Sachen vorwerfen usw. Und dann ist es natürlich so, dass die Menge der Blogger in den letzten Jahren natürlich exponentiell angestiegen ist. Das heißt: Es ist nicht mehr so ein überschaubarer Bereich, sondern von allen Seiten kommen neue Teilnehmer dazu. Und da meint natürlich der, der am Anfang eine Stimme hatte, diese auch weiter erheben zu können, um gehört zu werden.

 

Michael Stein:
Solange Weblogs also nur ein Betätigungsfeld für eine überschaubare Gruppe von Nutzern war, regulierte sich da manches von selbst. Genau dieser Selbstregulierungsmechanismus scheint in der letzten Zeit nicht mehr fehlerfrei zu funktionieren. Grund für manche Blogger, einen Verhaltenskodex fürs Bloggen zu fordern. So veröffentlichte der Verleger Tim O‘Reilly im Frühjahr 2007 einen Entwurf für einen solchen Kodex. Unsere Computerstimmen mit ein paar der Regeln:

 

Zuspielung 5: (Computerstimmen)

Wir übernehmen Verantwortung für unsere eigenen Worte und für die Kommentare, die wir in unserem Blog zulassen. Wir sagen nichts online, was wir nicht auch persönlich sagen würden. Wir treten persönlich in Kontakt, bevor wir öffentlich antworten. Wenn wir glauben, dass jemand einen anderen ungerechtfertigt angreift, dann unternehmen wir etwas.

 

Michael Stein:

Hört sich eigentlich doch ganz vernünftig an, oder? Obwohl: Handelt es sich dabei nicht um Selbstverständlichkeiten? Thomas Klotz, Rechtsanwalt und selber aktiver Blogger, findet, dass ein zusätzlicher, spezieller Verhaltenskodex fürs Internet eigentlich nicht nötig ist.

 

Zuspielung 5:

Zum einen sollte man nur über Sachen schreiben, die man einer Person, die einem gegenübersitzt, auch ins Gesicht sagen würde. Sachen wie Beleidigungen oder erweisliche Falschbehauptungen  sollte man vermeiden. Dafür braucht man eigentlich keinen Verhaltenskodex. Rechtlich verbindliche Regeln gibt es ja. Die ergeben sich aus dem Zivil- und Strafrecht. Wie man sich im Internet bewegt, das ist im Prinzip nicht anders, als wie man sich im täglichen Leben bewegt.

 

Michael Stein:

Mit anderen Worten: Was im täglichen Leben, manche Leute sprechen ja beim Internet vom „virtuellen Leben“ und vom Alltag als „realem Leben“, was also im realen Leben verboten oder unerwünscht ist, das ist es auch im Internet. Und trotzdem könnte sich der Blogger Marco Maas mit einem Verhaltenskodex für Blogger durchaus anfreunden:

 

Marco Maas:

Mein Fahrschullehrer hat, als ich meinen Führerschein gemacht habe, gesagt, dass die ganze Straßenverkehrsordnung an sich im ersten Paragraphen geregelt ist. Der sagt irgendwie, man soll Rücksicht auf andere nehmen. Und alle anderen Paragraphen lassen sich daraus ableiten. Und ich denke, dass wir uns hier in demselben Konstrukt bewegen. An sich muss man nur sagen: Leute, verhaltet euch menschlich, geht ordentlich miteinander um. Aber: Wie man bei der Straßenverkehrsordnung sieht: Anscheinend klappt das nicht. Und ich denke, dass so ein Leitfaden gar nicht so verkehrt ist für Leute, die mit dem Medium noch nicht umgehen können.

 

Michael Stein:

Vielleicht sind wir mit dem Internet und dem Umgang damit aber auch einfach nur an einem Punkt angekommen, wo man es gar nicht mehr als etwas Besonderes, als etwas vom normalen Leben Unterscheidbares ansehen muss? Schließlich ist das Netz so normal geworden wie Auto, Telefon, Radio oder einfach der Brief. Der Journalist und Blogger Thomas Jungbluth jedenfalls hat für sich eine gute Lösung gefunden, mit Beleidigungen, Unverschämtheiten oder einfach einem unmenschlichen Umgangston im Internet umzugehen.

 

Thomas Jungbluth:

Nach meiner Auffassung kann das nur jeder Blogger für sich selber versuchen optimal zu regeln. Meine Lösung dafür ist, dass ich im Prinzip die, die mich stören oder ich diesen verschärften Ton feststelle, dass ich die durch Nichtachtung strafe und die Blogs nicht lese. Oder ich lese sie, enthalte mich aber jeglichen Kommentars und versuche mich dort zu beteiligen, wo dieser Ton eben nicht herrscht.

Letzte Änderung am: 15.08.2007, 16.15 Uhr