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Ein Beitrag von Maximilian Schönherr
Bei uns in Europa wird es immer wichtiger, außer seiner Muttersprache noch andere Sprachen zu sprechen. Zu den vielversprechendsten Möglichkeiten des Sprachenlernens gehören CDs, CD-ROMs und das Internet. Maximilian Schönherr hat eine Firma in München besucht, die Sprachtrainings auf dieser breiten Palette anbietet.
Michael Stein:
Nicht nur wenn wir im Urlaub sind, sondern auch beim kurzen Ausflug ins Nachbarland zum Einkaufen ist es hilfreich, wenn man die dortige Sprache zumindest in Grundzügen beherrscht. Und auch bei uns wird die Chance, einem Menschen zu begegnen, der eine andere Sprache spricht, immer größer. Schön wäre es also, wenn zum Beispiel jeder EU-Bürger die beiden Sprachen seiner Nachbarländer fließend spräche, Französisch und Niederländisch etwa. Die EU fordert genau das von ihren Mitgliedsstaaten. Normale Schulen können das meistens nicht leisten, jedenfalls nicht, wenn das Schulsystem so bleibt, wie es ist. Also ist Eigeninitiative gefragt. Und da kommt natürlich auch der Computer ins Spiel.
Die Welt wächst näher zusammen, und die Chance, heute einen Menschen zu treffen, der nicht Deutsch spricht, ist hoch. Schön wäre es, wenn z.B. jeder EU-Bürger die beiden Sprachen seiner Nachbarländer fließend spräche, Französisch und Italienisch etwa. Die EU fordert genau das von ihren Mitgliedsstaaten. Schulen können das nicht leisten, jedenfalls nicht, wenn das Schulsystem so bleibt, wie es ist. Zu den vielversprechendsten Möglichkeiten des Sprachenlernens gehören CDs, CD-ROMs und das Internet. Maximilian Schönherr hat eine Firma in München besucht, die Sprachtrainings auf dieser breiten Palette anbietet.
Maximilian Schönherr:
Das ist ein historischer Sprachkurs für Engländer, die Deutsch lernen wollen. So läuft es heute nicht mehr. Eine knisternde Schallplatte mit dem Titel „Wie bitte?“, herausgebracht von der BBC im Jahr 1969:
BBC Deutsch für Anfänger: Nummer 11. How to describe someone or something. Wie sieht sie aus? Sie sieht toll aus. Sie hat eine gute Figur.
Maximilian Schönherr:
Heute setzen die Briten radikaler als alle anderen einen EU-Beschluss um, nach dem jeder Europäer die beiden Sprachen seiner Nachbarländer beherrschen sollte. In den Grundschulen wird das Lernen von Fremdsprachen übers Internet, das Online-Lernen, verbindlich eingeführt. Dazu verlängern die Briten die Schulpflicht, während die Deutschen sie verkürzen. Sie übertragen Schulstunden mit Kameras in Krankenhäuser, und zwar nicht als Mediengag, sondern bereits jetzt im Alltag.
Armin Hopp:
Kranke Kinder werden über das Internet mit in den Klassenverband integriert, während sie im Krankenhaus liegen. Es werden große Klassenverbände über verschiedene Standorte zusammengeführt. Jeder Lehramtsbezirk hat sein eigenes Learning Management System, wo Lehrer ihre Inhalte austauschen können. Sehr beeindruckend.
Maximilian Schönherr:
Immer, wenn Armin Hopp aus England zurück nach München kommt, deprimiert ihn die deutsche Lernkultur. Die Initiative „Schulen ans Netz“ hält er für gescheitert: Heute stehen viel zu viele alte Computer in den Schulen, und keiner weiß, was er damit machen soll.
Armin Hopp hat vor über 10 Jahren Digital Publishing gegründet und stellt Sprachlernmedien her. Das Kerngeschäft der Firma ist das Lernen mit Computerunterstützung, also mit CD-ROMs und übers Internet. Aber auch der klassische Tonträger, heute natürlich nicht mehr die Schallplatte, sondern die CD und der mp3-Player, hat seinen Platz im Programm, etwa zum Hören unterwegs. Es ist nur besser gemacht als früher, direkter aus dem Leben gegriffen. Das hier etwa ein Dialog in einem Büro, wie er jeden Tag vorkommen kann. Steve will ins Ausland telefonieren, kommt aber nicht durch; Mary rät ihm, doch mal eine 0 vorzuwählen:
Sprach-CD: Business English - Telephone
Mary, are you sure this number is correct?
Yes, why, what’s wrong?
I can’t get through.
Did you dial 0 to get an outside line?
Oh, let me try that.
Jetzt mischt sich der Moderator ein:
Business English - Telephone
Can you believe that? Steve forgot to dial 0 to get an outside line!
Das ist ja nicht zu glauben, Steve hat vergessen, eine 0 zu wählen, um das Freizeichen zu bekommen!
Business English - Telephone
Shall we move on to the questions now?
Und schon schiebt sich die erste Zwischenfrage ein, eine einfache Frage, nämlich was für einen Anruf Steve machen soll:
Business English - Telephone
What kind of call does Steve have to make?
Pause zum Nachdenken.
Business English - Telephone
He has to make an international call.
Maximilian Schönherr:
Einen internationalen Anruf soll Steve machen. Und schon geht’s weiter mit den Begriffen für Nebenstelle, Durchstellen, Verbinden, sich freundlich Vorstellen, nach jemandem Bestimmten verlangen, einen Rückruftermin ausmachen.
Es gibt Sprach-Lern-CDs, die man in den Großstädten anhören kann. Ich stelle mich z.B. hinters Naturhistorische Museum in New York City und höre dann im Kopfhörer einen Muttersprachler von der Bronx schwärmen. „Ich komme aus der Bronx, ich mag die Bronx, die Bronx ist mein Favorit hier in Manhattan. Aus der Bronx kommt der Hip Hop usw…“
Fernweh – New York
Purnell Thomas grew up in the Bronx. Yeah, well, I come from the Bronx, and I like the Bronx, that’s my number one borough in the city…
Auch eine alte Idee kommt wieder, nämlich das Lernen im Schlaf oder zumindest im entspannten, nur halb-bewussten Geisteszustand. Mandarin-Chinesisch etwa, mit leicht dahinfließendem Soft-Jazz.
The Grooves – Chinesisch lernen
Sind Sie Herr Müller?...
Was das Lernen von Sprachen mit Computermedien, also CD-ROMs angeht, meint Armin Hopp, hat sich didaktisch nichts, technisch viel getan. Anders als die Audio-CD hat die multimediale CD-ROM, also das Lernprogramm, einen Rückkanal: Der Computer reagiert auf Eingaben:
Armin Hopp:
Das heißt, der Computer kann im Rahmen einer begrenzten Intelligenz beispielsweise Aussprache bewerten. Wenn ich das berühmte englische th, also die Zunge zwischen die Zähne, nicht kann – das bringen deutsche Sprecher häufig nicht auf die Reihe, kann ein Computer das heraus „hören“. Das ist neu. Damit kann man am Computer tatsächlich Aussprache trainieren. Nicht nur nachhören, abhören, wie das Ihr Großvater gemacht hat, von der Schallplatte möglichst gut nachsprechen, nach dem eigenen Verständnis. Sondern Sie haben eine neutrale Instanz. Das ist eine ganz andere Qualität im Selbstlernen.
Maximilian Schönherr:
Was kein Computerprogramm beurteilen kann, ist, ob der Sprachenschüler etwas richtig betont, ob er freundlich oder gelangweilt spricht.
Armin Hopp:
Das kann ein Mensch, ein Lehrer gut machen. Was ein Computer aber gut kann, ist, dazu anregen, anleiten, mal überhaupt zu sprechen. In der Schule sitzt man 45 Minuten. Es gibt Untersuchungen, dass von den 45 Minuten die Lehrer mindestens die Hälfte reden, wenn nicht noch länger. Das heißt, für 20 oder 30 Kinder bleiben ungefähr 20 Minuten übrig, in denen sie überhaupt etwas sagen können. Das ist die Realität, pro Englischstunde rein rechnerisch 1 Minute, wenn’s hoch kommt. 3 Englischstunden hat man normalerweise pro Woche, da kann man sich also ausrechnen, was ein Schüler pro Woche an theoretischer Sprech- und Redezeit hat. Das kann man mit einem Computerlernsystem praktisch endlos ausweiten.
Maximilian Schönherr:
35.000 Kunden hat Digital Publishing allein im professionellen Lernfeld. Dahinter stecken meist Firmen, die ihre interne Kommunikation auf Englisch umstellen - etwa die französische U-Boot-Marine - und ihre Mitarbeiter in wenigen Monaten fit in der neuen Sprache machen wollen. Die Matrosen haben auf ihren PCs die Lernsoftware installiert, bekommen jede Woche per E-Mail von ihren Tutoren individuelle Aufgaben gestellt, und nehmen immer wieder an virtuellen Unterrichtsstunden teil.
Alle Verlage, die solches „blended learning“, also abgestuftes Lernen anbieten, müssen die Kursteilnehmer zunächst einmal in das einführen…
Armin Hopp:
... was überhaupt gemacht wird, die Ängste zu nehmen, die Widerstände abzubauen, auch berechtigte Fragen zu beantworten wie: Was passiert mit meinen Lernergebnissen? Wenn das alles geklärt ist und der Kurs tatsächlich läuft, machen wir die Feststellung, dass dann schon die Einsicht kommt, dass es eigentlich besser ist, weil solche Sachen wie die Weihnachtsferien nicht dazu führen, dass man aus dem Kurs rausfliegt, nur weil man zweimal was verpasst hat, sondern da ist am Computer immer der Tutor da, der einen heranführt an die ganze Sache. Und das führt zu einer relativ hohen Motivation. Die Motivation wird vor allem auch dadurch gestärkt, dass der Tutor auch übers Internet auch individuelle Lerninhalte zur Verfügung stellt. Die Kursteilnehmer reden ja auch immer miteinander, und am Ende hat jeder einen anderen Kurs gemacht. Das führt dann dazu, dass wir Aussteigerquoten von unter 5% haben.
Maximilian Schönherr:
Volkshochschulkurse sind dagegen nach einigen Wochen oft gähnend leer.
James Shepard:
Die Teilnehmer bekommen dreimal pro Woche Aufgaben per E-Mail geschickt. Ich als Trainer habe einen Kursplan und sehe ganz genau, Woche für Woche, was für Aufgaben meine Studenten haben.
Maximilian Schönherr:
James Shepard ist Chef-Tutor bei Digital Publishing. Auf seinem Bildschirm sieht er eine Tabelle mit den Leistungen seiner Schüler. Eine davon ist Marianne, Mitarbeiterin in einem Schweizer Konzern. Marianne hat fast alle Ausspracheübungen mit über 70% bestanden, das heißt, sie kommt dem Muttersprachler, übrigens einer Stimme mit Bostoner Akzent, sehr nahe. Nur bei einer Übung ist ein roter Punkt zu sehen und die Quote von nur 21%.
James Shepard:
Ich sehe hier diese Übung, die Sätze sind ziemlich lang. Und wenn man die Sätze übt, muss man den Satz komplett sprechen, ohne Pause. „Here’s an exercise I’m sure you’ll enjoy…“
Maximilian Schönherr:
Zum Konzept des abgestuften Sprachenlernens gehört auch, dass sich die Kursteilnehmer alle 6 bis 8 Wochen für wenige Stunden an einem Ort treffen sollten. Das sind dann kleine Klassen mit maximal 8 Leuten. Kerstin Warweg, Pressesprecherin von Digital Publishing, hat erfahren, wie dieses Präsenztraining das Online-Lernen abrundet:
Kerstin Warweg:
Normalerweise hat man das Problem, wenn viele Lerner zusammen kommen: Der eine lernt schneller, der andere langsamer. Manche langweilen sich, manche sind überfordert, und für die wenigsten ist es genau der Rhythmus, den sie gut gebrauchen können, um Fortschritte zu machen. In diesem Fall kann der Tutor schon im Vorfeld, bevor das Präsenztraining stattfindet, jeden einzelnen Lerner optimal vorbereiten und hinführen, so dass er die Schwachen ein bisschen pushen kann und die Stärkeren vielleicht mit ein paar anderen Übungen auslasten kann, so dass er in dem Moment, wo alle in einem Raum zusammenkommen und tatsächlich miteinander Unterricht haben, alle das Maximum rausnehmen können aus dieser Zeit, die sie da opfern und vor Ort verbringen.
Online-Lernen mit Webcam
... But sometimes I do play LOTTO... better LUCK ....
Maximilian Schönherr:
Das ist eine Variante des Online-Lernens, wo der Tutor Hunderte von Kilometern entfernt sitzen kann. Hier sind die Computer mit Mikrofon und Webcam ausgestattet. Der Schüler sieht ein briefmarkengroßes Bewegtbild des Lehrers. Gerade hat er auf die weiße Fläche am Bildschirm sechs Worte geschrieben, die alle mit dem Glücksspiel zu tun haben. Die Schülerin muss nun Sätze formulieren, die all diese Worte abgrasen.
Eine Zeitlang experimentierten viele Hersteller von Sprachlernsoftware mit so genannten Avataren. Das sind 3D-Figuren, die den realen Tutor hinter der Webcam ersetzen sollten, indem sie den Schüler anleiteten, abfragten, führten.
Armin Hopp:
Da, wenn unsere Kursteilnehmer vermuten, dass ein Programm abgespult wird, im Sinne des Wortes, dann schalten sie sehr schnell ab, weil es dann nicht relevant ist, nicht individuell auf das, was die einzelnen Kursteilnehmer brauchen, zugeschnitten. Genau das ist es, was Avatare heute gerade leisten können. Man merkt, dass sie zu allem Hallo sagen, dass sie bei jedem gleich lächeln, dass überall die gleichen Antworten kommen. Und solange es sich auf diesem Niveau abspielt, wird da nichts kommen. Aber wir denken weiter. Wer Second Life kennt, da werden sicher jetzt die ersten Schulen aufgemacht, in Second Life. Das ist schon interessant. Aber da stecken letztendlich Menschen dahinter.
Letzte Änderung am: 09.02.2007, 19.54 Uhr