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Vor der Tür des Medical Camps in der Wüste Rajasthans drängen sich die Patienten.

SENDETERMIN Sa, 18.3.2017 | 8:30 Uhr | SWR2

Voluntourismus Helfen »all inclusive«

SWR2 Wissen. Von Nina Marie Bust-Bartels

Jedes Jahr verbringen etwa 10 Millionen Menschen ihren Urlaub als Voluntouristen. Sie arbeiten für ein bis vier Wochen in Hilfsprojekten im Ausland. Doch wem hilft das wirklich?

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Längst haben Reiseveranstalter das Bedürfnis nach sinnvollem Tourismus erkannt und bieten Rundreisen mit integrierter Freiwilligenarbeit an. Der Voluntourismus verspricht einen authentischen Zugang zum Land und seinen Menschen. Aber wie geht es den Waisenkindern mit den ständig wechselnden Bezugspersonen? Und wer hilft hier eigentlich wem?

Helfende "Erlösungsreiter"

Der Raum ist dunkel, eng und riecht nach Desinfektionsmittel. Auf einem Zahnarztstuhl in der Ecke ist gerade ein Zahn gezogen worden, die Patientin hält sich ein kühlendes Tuch an die Wange. Vor der Tür drängen sich schon die nächsten Patienten. In dieser Gegend in der Wüste des indischen Bundesstaates Rajasthan gibt es wenig Ärzte, ins 60 Kilometer entfernte Krankenhaus zu fahren, können sich die wenigsten hier leisten.

Alexander Souri steht neben dem Zahnarzt. Alexander Souri ist 47 Jahre alt und lebt in den USA, nach Indien kommt er jedes Jahr für ein paar Monate.  Dass die Menschen hier heute Zahnbehandlungen bekommen, ist ihm zu verdanken. Er bezahlt die Ärzte, die Medikamente, er hat das Camp organisiert. Das Geld dafür kommt von Touristen, denen Alexander Souri die Wüste Rajasthans zeigt. Zwei Wochen reiten sie auf Pferden von Dorf zu Dorf. Sein Tourismusunternehmen heißt Relief Riders - Erlösungsreiter. In jedem Dorf verteilen die Reisenden Hefte und Stifte an Kinder, verschenken Ziegen an Witwen. Das Medical Camp heute ist der Höhepunkt der Tour.

Mit dem Reiseveranstalter "Relief Riders" reiten die Touristen zwei Wochen durch die Wüste und machen dabei Halt in Dörfern, um dort in Hilfsprojekten zu helfen.

Mit dem Reiseveranstalter "Relief Riders" reiten die Touristen zwei Wochen durch die Wüste und machen dabei Halt in Dörfern, um dort in Hilfsprojekten zu helfen.

Die Helfer zahlen etwa 8.000 Dollar für die zweiwöchige Tour durch die Wüste, dazu kommt noch der Flug. Etwa 1.000 Dollar gehen direkt in die Organisation des Medical Camps. Alexander Souri verdient sein Geld mit den Touren, die er anbietet. Das Helfen ist ein Nebeneffekt – und eine Marketingstrategie.

Ehrenamt im Ausland gibt es schon lange. Das Programm Weltwärts des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung zum Beispiel schickt jedes Jahr gut 3.000 junge Menschen in Entwicklungsprojekte im Ausland. Nun aber entdecken kommerzielle Tourismusunternehmen den Markt der Freiwilligendienste. Voluntourismus heißt diese Form des Reisens. Es ist eine Verbindung zwischen Freiwilligenarbeit und Urlaub.

Eine junge europäische Frau steht vor einer Gruppe sitzender indischer Mädchen und erklärt ihnen etwas an einer Tafel

In einem indischen Frauenzentrum gab Hannah Englischunterricht.

"Und damit lässt sich sogar Geld verdienen"

Allein aus Deutschland gehen schätzungsweise 10.000 bis 20.000 Voluntouristen pro Jahr für ein paar Tage oder Wochen in ihrem Urlaub helfen. Weltweit wird die Zahl auf 10 Millionen geschätzt, die meisten kommen aus den USA. Während die Programme von Weltwärts fast ein Jahr dauern und eine intensive Vor- und Nachbereitung beinhalten, verbringen Voluntouristen meist nur wenige Tage oder ein oder zwei Wochen in einem Projekt. Dieses Kurzzeit-Helfen ermöglicht einerseits vielen Menschen die Mitarbeit in sozialen Projekten im Ausland, die sich aufgrund beruflicher Verpflichtungen nicht die Zeit für einen Freiwilligendienst nehmen können. Aber es verändert die Freiwilligenarbeit. Sie wird zu einem Geschäft.

Für die Kinder in indischen Waisenhäusern besteht laut dem Soziologen Sanjay Srivastava die Gefahr, die Waisen könnten hoffen, von den Voluntouristen adoptiert zu werden.

Für die Kinder in indischen Waisenhäusern besteht laut dem Soziologen Sanjay Srivastava die Gefahr, die Waisen könnten hoffen, von den Voluntouristen adoptiert zu werden.

Einer der weiß, wie das Business funktioniert ist Ninad Sharma. Er ist der Chef des Indian Network for Development Exchange, kurz IDEX. Von seinem Büro im IDEX-Haus in der indischen Stadt Jaipur aus  managet Ninad Sharma seine 80 Mitarbeiter, die jedes Jahr 1100 Urlaubern das Helfen ermöglichen. Eigentlich hatte Ninad Sharma eine ganz normale Reiseagentur, dann organisierte er die Reise von acht Studierenden aus Dänemark, die im Rahmen eines Seminars zwei Wochen in der NGO seiner Mutter arbeiten wollten: „Da habe ich gemerkt: Ich kann hier etwas bewegen und gleichzeitig jungen Reisenden eine Erfahrung ermöglichen. Und damit lässt sich sogar Geld verdienen.“

Ninad Sharma gründete IDEX, ein Tourismusunternehmen, das sich ausschließlich auf Voluntourismus-Angebote spezialisiert. Mittlerweile hat IDEX einen Jahresumsatz von fast einer Million Euro und kooperiert mit 75 Reiseveranstaltern aus 35 Ländern – in Deutschland zum Beispiel mit STA Travel und Travel Works. Wie die meisten Agenturen verlangt IDEX keinerlei Qualifikationen. Die wenigsten Voluntouristen haben eine Ausbildung als Erzieher oder Lehrer. Und doch sollen sie Waisenkinder betreuen und  Schulklassen unterrichten.

Niemand prüft, ob die Freiwilligen qualifiziert sind, mit Kindern zu arbeiten

Bud Philbrook, der Chef der Organisation Global Volunteers, sieht seine Organisation nicht in der Pflicht, die Qualifikationen der Voluntoristen zu prüfen: „Bei uns entscheiden immer die lokalen Projekte. Wir geben ihnen eine Ressource – die Freiwilligen – und sie entscheiden dann, wie sie diese Ressource am besten für sich nutzen.“ Global Volunteers ist der Großvater der Freiwilligenreisen. Bud Philbrook gründete die Organisation 1984 mit seiner Frau nachdem sie ihre Flitterwochen in einem Hilfsprojekt in Guatemala verbracht hatten. Mittlerweile haben sie schon 33.000 Kurzzeithelfer für ein oder zwei Wochen in die Ferne geschickt.

„Die Arbeit mit Kindern ist eine sehr komplexe Angelegenheit. Insbesondere in einem Land, das kulturell so anders ist als das eigene“, erklärt Sanjay Srivastava von der Jawaharlal Nehru Universität in Neu Delhi. Er sieht das Kurzzeit-Helfen in Waisenhäusern kritisch. Der Professor für Soziologie forscht über Kulturen des Konsums und über die kulturellen Auswirkungen der Globalisierung. „In Indien zum Beispiel werden aus vielen Waisenhäusern Kinder nach Europa und in die USA vermittelt. Wenn dann weiße Voluntouristen in diese Waisenhäuser kommen, besteht die Gefahr, dass die Kinder hoffen, sie werden von ihnen adoptiert.“

Es ist nicht nur der Wunsch nach Anerkennung, der die Voluntouristen antreibt. Sie wollen etwas zurück geben, so die häufigste Erklärung der Reisenden.

Es ist nicht nur der Wunsch nach Anerkennung, der die Voluntouristen antreibt. Sie wollen etwas zurück geben, so die häufigste Erklärung der Reisenden.

Die Voluntouristen bezahlen zwischen ein und vier Tausend Euro für eine Woche. Ein Teil geht an die Reiseveranstalter aus Europa oder den USA, den anderen bekommen lokale Agenturen wie IDEX, nur die sozialen Projekte, in denen die Freiwilligen arbeiten, bekommen nichts. Warum öffnen sie trotzdem ihre Türen für die Urlauberinnen und Urlauber? „Die Projekte bekommen von uns kein Geld, aber einen guten Zugang zu den privaten Netzwerken der Freiwilligen, hier können dann Spenden für das Projekt gesammelt werden“, erklärt Ninad Sharma von IDEX.

Es ist nicht nur der Wunsch nach Anerkennung, der die Voluntouristen antreibt. Sie wollen etwas zurück geben. »To give something back« war die häufigste Erklärung der Freiwilligen. Doch Sanjay Srivastava sieht das anders: „Viele Menschen können sich so eine Reise nicht leisten. Und so könnte der Wunsch zu helfen auch ein Versuch sein, zu rechtfertigen, wie man sein Leben führt.“ Oft machen die Freiwilligen mehr Arbeit, als sie selber leisten. Welchen Sinn ergibt die Reise dann überhaupt? Warum spenden sie dieses Geld nicht einfach? Sanjay Srivastava erklärt: „Ein wichtiger Teil des Reisens ist ja, dass man anderen Menschen davon erzählen kann – von den Erlebnissen, den Begegnungen und davon , dass man etwas Gutes getan hat.“

Für die Voluntouristen stehen vor allem die eigenen Reiseerlebnisse, Erfahrungen und Begegnungen im Vordergrund.

Für die Voluntouristen stehen vor allem die eigenen Reiseerlebnisse, Erfahrungen und Begegnungen im Vordergrund.

Die Erlebnisse der Voluntouristen stehen im Vordergrund

Auf ihren Internetseiten werben die Voluntourismus-Organisationen mit dem authentischen Einblick in die Kultur des jeweiligen Landes. IDEX bietet seinen Kunden Hindi-Unterricht, Henna-Tattoo- und Saree-Workshops sowie Yoga- und Kochkurse. Die spektakulärste Erfahrung aber gibt es bei den Relief Riders. Bei den Touren durch die Wüste reiten die Voluntouristen auf Pferden zu den Menschen, denen sie helfen wollen.

Ob hier in der Wüste oder in den Städten, wo die Waisenhäuser stehen: Die Touristen sehen vor allem das arme Indien, die schlechte Infrastruktur in den Slums, die unterversorgten Schulen auf dem Land. Was sie nicht sehen ist das kosmopolitische Indien in den Städten, sie sehen nicht die technologische Innovationskraft, nicht die Universitäten. Professor Sanjay Srivastava sieht beim Voluntourismus die Gefahr, dass die Reisenden mit einem einseitigen Bild von Indien zurückkehren und bemerkt: „Vom Kurzzeit-Helfen profitiert vielleicht mehr der Helfer selbst. Er kann stolz auf sich sein, weil er etwas Gutes für die Welt getan hat."

Das Medical Camp ist der Höhepunkt der "Relief  Riders"-Tour. Das Helfen in solchen Einrichtungen ist vor allem eine Marketingstrategie des Voluntourismus-Veranstalters.

Das Medical Camp ist der Höhepunkt der "Relief Riders"-Tour. Das Helfen in solchen Einrichtungen ist vor allem eine Marketingstrategie des Voluntourismus-Veranstalters.

Die Kommerzialisierung verändert die Freiwilligenarbeit im Ausland. Die verschiedenen Anbieter konkurrieren um die zahlungskräftigen Voluntouristen. Dadurch werden die Bedürfnisse der Helferinnen und Helfer in den Mittelpunkt gerückt, sie sind die Kunden, die es zufrieden zu stellen gilt. Es geht weniger darum, dass die Freiwilligen etwas über die Gesellschaft lernen, dafür stehen Erlebnis und authentische Erfahrungen im Mittelpunkt. Was spektakulär ist und Spaß macht, lässt sich besser verkaufen als kultureller Austausch, der auch mal anstrengend ist und fordert, über sich selbst nachzudenken.

Andererseits ist der Voluntourismus für soziale Projekte eine Möglichkeit an Geld zu kommen. Die Menschen aus den Dörfern in der Wüste Rajastans, die heute zum Camp der Relief Riders gekommen sind, hätten ohne Alexander Souri und das Geld seiner Touristen keine Behandlung bekommen.

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