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Schäferhund liegt auf dem Boden.

SENDETERMIN Di, 17.1.2017 | 8:30 Uhr | SWR2

Bester Freund des Menschen Die Deutschen und ihre Hunde

SWR2 Wissen. Von Detlef Berentzen

Ob als Rettungs-, Therapie- oder Familienhund - der Hund ist für die meisten seiner Besitzer zum Partner geworden. Was sagt diese besondere Beziehung über unsere Gesellschaft aus?

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Die Beziehung von Mensch und Hund ist ein trefflicher Spiegel für die historische Veränderung von Mentalitäten und Gefühlswelten - sie erzählt Geschichte. Und schafft, bei genauerem Hinschauen, dort Aufklärung und klare Sicht, wo Illusion und Romantisierung den Blick verstellen. Vom "besten Freund des Menschen" beispielsweise ist die Rede - das mag der Hund auch sein. Allerdings hat er sich diese "beste Freundschaft" nicht ausgesucht: Ein Hund ist ein Hund ist ein Hund und bleibt ein Hund...Und der Mensch formt und bildet ihn. Nach seinen Bedürfnissen. Lange schon.

Alles fing mit den Wölfen an. Sie sind die Urahnen unserer Gebrauchshunde. Einige von ihnen kamen einst in Kontakt mit jenen nomadischen Volksstämmen, die später im Neolithikum sesshaft wurden, ihre ersten Häuser bauten und Siedlungen anlegten. Über die Tatsache der Entwicklung des Wolfs zum Gebrauchshund, die vor ca. 10-15.000 Jahren begann, ist sich die Wissenschaft weitgehend einig.

Wolf im Gehege

Wölfe sind die Urahnen unserer heutigen Gebrauchshunde

Ein früher Gefährte

Dass es die frühe Partnerschaft zwischen Hund und Mensch tatsächlich gab, belegen z.B. Skelett- und Grabfunde aus der Zeit von ca. 12.000 v. Chr. in Bonn-Oberkassel. Man entdeckte dort und auch in anderen Regionen der Welt Skelette von Hunden, die als Grabbeigabe an der Seite ihrer toten Besitzer bestattet wurden - die Entwicklung des Wolfs zum Schutz- und Hütehund hatte begonnen. Mehr noch, die Anerkennung des Menschen als Rudelführer, die bedingungslose Gefolgschaft des Hundes, die damit verbundene Möglichkeit, ihn für alles und jedes zu nutzen, veranlassten seine Herren schon bald, ihn auch in bewaffneten Kämpfen einzusetzen.

Gleichzeitig etabliert sich der Hund zunehmend als Gefährte von Bettlern oder als Jagdhund der besseren Herrschaften. Der Hund wird auch in der Kunst sichtbar: zunächst auf Reliefs, in Mosaiken, später dann per Holzschnitt, Radierung oder Kupferstich. Das Tier gehört zum Alltag, zur Normalität, zu Haus und Hof. Und ist längst kein angepasster Wolf mehr, sondern sortiert sich zunehmend nach Rassen, die man später gern auch aus anderen Ländern importiert.

Hundefamilie aus einem Baumstamm (Holzskulpturenwettbewerb)

Ein Künstler sägt im Rahmen eines Holzskulpturenwettbewerbs eine Hundefamilie aus einem Baumstamm

Adelige Damen haben ihre Schoßhunde, hohe Herren ihre Leibhunde, um deren Tod sie sogar trauern - offensichtlich ist so etwas wie Tierliebe entstanden. Der Psychoanalytiker Jürgen Körner hat bereits vor Jahren in seinem Buch "Bruder Hund und Schwester Katze" zu ergründen versucht, was uns den Hund so nahe bringt. Dabei stellte er grundsätzlich fest: je weiter die Zivilisation fortschreitet, je größer die Entfernung zur Natur gerät - auch zur eigenen, zur menschlichen Natur -, um so größer wird, wie er es nennt, die "Sehnsucht nach dem verlorenen Paradies". Die Liebe zum Tier soll helfen, die eigene "Natürlichkeit" wiederzugewinnen. Der Hund wird zur Projektionsfläche menschlicher Sehnsüchte.

Der Psychoanalytiker Jürgen Körner

Der Psychoanalytiker Jürgen Körner sieht in der Sehnsucht nach der verlorenen Natur einen der Gründe für die Beliebtheit des Hundes

Rassereine Züchtungen

Bereits im April 1899 hatte der Rittmeister Max von Stephanitz den "Verein für Deutsche Schäferhunde (SV)" gegründet. Nach der Reichsgründung im Jahre 1871 waren viele identitätshungrige Deutsche vom nationalen Pathos regelrecht besoffen, also war es hohe Zeit für die

Zucht eines ganz und gar Deutschen Hundes, der schändlichen Importen, wie englischen Mopsen und dänischen Doggen - die Reichskanzler Bismarck sogar als "Reichshunde" hielt -, Paroli bieten konnte. Selbstverständlich musste in einer Zeit zunehmender völkischer Propaganda auch ein Schäferhund rasserein sein, wenn er deutsche Tugenden wie Mut, Kampftrieb, Stärke, Disziplin und Gehorsam verkörpern sollte.

Adolf Hitler mit Hund

Adolf Hitler mit Hund

Das Jahr 1933 - Nazidämmerung. Der Schäferhund ist inzwischen sehr beliebt und wird als hehres Symbol des Deutschtums gepriesen. Auch Hitlers Schäferhündin "Blondi" war nichts als ein Motiv für die Kameras der Propagandafilmer und für die Fotografen jener kitschigen Ansichtskarten, die millionenfach unter das Volk gebracht wurden: Blondi und ihr Führer. Blondi. Ein Hund übrigens, der unbändige Angst vor seinem "Nazi" hatte, sich dem schwarzhaarigen Österreicher nur mit eingeklemmter Rute und angelegten Ohren näherte - soviel zu Blondi.

Schon in den ersten Nachkriegsjahren werden auf Antrag von "Hundefreunden" die ersten Zuchtvereine durch die Alliierten genehmigt: Neue Hunde braucht das Land. Ob in den West- oder Ostzonen. Bis der passende Nachwuchs gezüchtet ist, helfen den bedürftigen Menschen Hunde wie "Gretelchen" - ein "goldenrotglänzender Langhaarteckel", der in einem Artikel der Zeitschrift "Der Hundesport" vorgestellt wird - ein Dackel, der alles überstanden hat: Krieg und Flucht.

Ein Hund, der lächelt

Wenn es sonst schon nichts zu lachen gibt: Ab 1949 gibt es zwei Deutschländer - BRD und DDR. Ab 1961 kommen die Berliner Mauer und andere mörderische Grenzanlagen hinzu. Hundesportler und Spezialzuchtgemeinschaften der DDR liefern das nötige Wachpersonal - in Form von Hunden. Der Deutsche Schäferhund gehorcht. Was soll er sonst tun? Genau dafür wurde er ausgebildet. Ob bei Grenzpolizei, Nationaler Volksarmee oder auch bei Bundesgrenzschutz und Bundeswehr - der Hund macht alles mit.

Der Hundetrainer hat einen Schäferhund an der Leine, dieser greift gerade einen Mann (in Schutzkleidung) an.

Auch gezielte Angriffe müssen geübt werden.


In Sachen Hundehaltung ist heute in Europa ein deutliches Gefälle wahrzunehmen zwischen den Industrieländern und jenen, die mit massiven wirtschaftlichen Problemen zu kämpfen haben. Die Thematik der Straßenhunde ist beispielsweise in Deutschland kein nennenswertes Problem. In südlichen oder osteuropäischen Ländern ist sie hingegen ein großes Dilemma.

Nicht wenige Deutsche importieren inzwischen solche "Straßenhunde", suchen sie zu retten, geben ihnen lebenslang Asyl und machen sie zu einem Mitglied der mehr als sieben Millionen Mitglieder zählenden Hundepopulation in Deutschland - was indes keine Spitzenposition in Europa bedeutet: Folgt man der "Heimtierstudie" der Universität Göttingen leben in Frankreich, Polen und vor allen in England noch mehr Hunde.

Vollständige Schlichtheit

Ob als Rettungs-, Schutz-, Therapie- oder Familienhund - der Hund ist für die meisten seiner Besitzer zum Partner geworden. Wer verantwortlich und artgerecht mit ihm umgeht, wird eine Menge Freude mit ihm haben. So wie einst Sigmund Freud mit seinen ChowChows, die dem Psychoanalytiker halfen, die eigene Existenz zu verstehen:

Sie schenken uns ihre Zuneigung vollständig und ohne Falsch; die direkte Schlichtheit ihres Lebens ist frei von jenem inneren Widerspruch der Zivilisation, der uns so viele Schwierigkeiten bereitet. Sie besitzen jene Schönheit der Erfahrung, die in sich vollkommen ist.

Drei Möpse auf Wiese

Heißgeliebt - kleine Hunde ganz groß beim Mops-Treffen

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