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Stevia hat keine Kalorien, ist 300-mal süßer als Zucker und für Diabetiker völlig unbedenklich. Die "Wunderpflanze" wartet schon lange auf ihren Siegeszug. Indios süßen seit Jahrhunderten ihren Matetee mit Ka'a He'ê, dem "süßen Kraut", doch ihr Marketing war schlecht bis nicht vorhanden. Inzwischen halten internationale Konzerne wie Coca Cola Patente auf die Herstellung eines Stevia-Konzentrats. Die EU plant, Stevia in Südeuropa anzupflanzen. Und die Latinos gehen leer aus. Ein klassischer Fall von Biopiraterie.
Stevia stammt aus Paraguay, ist aber auch in der "Alten Welt" lange bekannt. Im Zweiten Weltkrieg wurde sie in Großbritannien als Zuckerersatz verwendet, geriet aber wieder in Vergessenheit. Anders in Asien. Die Japaner begannen schon in den Fünfzigerjahren das süße Kraut anzubauen und Getränke, Kuchen, Bonbons und Zahnpasta damit zu süßen. In den Siebzigern zog die Volksrepublik China nach. In vielen Ländern Südostasiens hat sich Stevia inzwischen als natürlicher Zuckerersatz durchgesetzt - allerdings die in Asien angebaute Stevia, nicht die aus Paraguay.
Mit dieser Wunderpflanze hätten lateinamerikanische Staaten den europäischen Markt - mit Millionen kaufkräftiger, gesundheitsbewusster Verbraucher - erobern können, geschicktes Marketing vorausgesetzt. Doch 1997 verbot die so genannte "Novel-Food-Verordnung" der Europäischen Union Stevia als Lebensmittel und Lebensmittelzusatz. Die EU führte mit dieser Verordnung eine Zulassungspflicht für Lebensmittel aus anderen Kulturkreisen ein, um europäische Verbraucher zu schützen.
Erst nach einem Antrag des Agrarmultis Cargill, eines japanischen Importeurs und des deutsch-spanischen Vereins EUSTAS – European Stevia Association – kam Bewegung in die Sache. 2010 hat die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit grünes Licht gegeben. Anfang Dezember 2011 tritt eine Verordnung in Kraft, nach der Stevia als Süßstoff in der EU zugelassen wird.
Peter Grosser (EUSTAS) "Ich glaube, hier in Deutschland ist man sehr gut über Stevia informiert, und wer heute von Stevia überzeugt ist, der kann es auch bekommen, nicht nur übers Internet, sondern mittlerweile auch über Apotheken, Drogerien und in Biomärkten."
Hauptproduzent der Stevia ist China und nicht ihr Heimatland Paraguay. Doch die paraguayische Regierung hat noch nicht einmal einen Markt im eigenen Land geschaffen. Bislang kann man die Blätter nur auf der Straße kaufen.
Im Nachbarland Brasilien sind bereits Stevia-Produkte im Handel, ebenso in Argentinien, dort gibt es Stevia-gesüßte Softdrinks zu kaufen.
Agraringenieur Andres Wehrle ist der zweite Mann im Landwirtschafts-Ministerium. Jahrelang hat der Parteilose der Landbevölkerung technische Hilfe für den Stevia-Anbau angeboten.
Warum bildet das Ministerium Kleinbauern, die campesinos, nicht gezielt aus? Wehrle zuckt mit den Schultern. Er sagt, was alle wissen: "Die Stevia ist für Paraguay von strategischer Bedeutung. Sie ist eine einheimische Pflanze. Aber nicht alle Paraguayer können mit der Pflanze umgehen und sie kultivieren."
Das würde die Bauernbewegung gerne ändern, erzählt die Sprecherin der Bäuerinnen-Gruppe Conamuri, Julia Franco: "Wir nutzen die Blätter des Süßkrauts als Medizin, bei Diabetes, und wir süßen unseren Tee damit. Aber uns fehlt Wissen, um Stevia im großen Maßstab anzubauen oder gar zu exportieren. Für den Anbau des Süßkrautes bräuchten wir Bewässerung, davon träumt die Landbevölkerung aber nur. Und wir wissen auch nicht, welche Patente im Umlauf sind, und was das für uns bedeutet."
Coca-Cola soll für Herstellungsverfahren flüssiger Stevia-Produkte zwei Dutzend Patente besitzen, japanische Unternehmen ähnlich viele. Und Paraguay? Eins.
Noch findet Stevia in Europa nur eine kleine Käuferschicht. Doch jetzt sind die Weltkonzerne eingestiegen, der Agrarriese Cargill (Teil von Monsanto) und Coca Cola, das eine neue Generation kalorienarmer Getränke vermarkten – und Milliarden damit verdienen – will.
"Man sieht jetzt schon, dass diese Global Player in den lateinamerikanischen Ländern die Kleinbauern zurückdrängen, dass praktisch mit der Stevia dort schon eine Monokultur beginnt, dass dann eben auch Regenwälder abgeholzt werden, Pestizide im großen Umfang eingesetzt werden", sagt Peter Grosser, "so etwas ist immer eine sehr bedenkliche Situation, wenn große internationale Konzerne sich plötzlich so einer Pflanze annehmen."
Vermutlich wird man die Südamerikaner sogar beim Anbau der Pflanze austricksen, fürchtet Peter Grosser. Die Subventionen der Tabakbauern in Südeuropa laufen aus, und da Stevia ähnliche klimatische Bedingungen wie Tabak benötigt, schlug das Europäische Parlament im Juni 2009 vor, dass Tabakbauern in Griechenland, Italien, Spanien und Portugal auf Stevia umstellen. Maschinen und Know-How haben sie bereits, und an Subventionen aus Brüssel für die Umstellung wird es sicher nicht fehlen.
So werden die künftig wohl hohen Gewinne aus der Stevia-Produktion in anderen Staaten eingestrichen – und Paraguay, die Heimat dieses süßen Wunderkrauts, wird leer ausgehen.
Was Stevia kann:
Ein Gramm Stevia ist so süß wie 300 Gramm Zucker. Das Honigkraut, wie es im Deutschen auch genannt wird, hat keine Kalorien, und Nebenwirkungen sind bislang unbekannt. Die Stevia-Blätter können getrocknet und als Pulver verrieben werden. Zudem enthalten die Blätter noch Spurenelemente wie Eisen, Silicium, Kalzium und Vitamin C. "Stevia rebaudiana" befindet sich zurzeit noch in der Forschung und ist in der EU als Süßungsmittel offiziell noch nicht zugelassen. Für die Zukunft erhofft man sich durch Stevia eine ganz neue und natürliche Süßungsmethode.
Autorin: Gaby Weber; Internetversion: Arndt Reisenbichler
Letzte Änderung am: 18.11.2011, 17.23 Uhr