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Mann schämt sich und hat Hände vor dem Gesicht

SENDETERMIN Fr, 15.5.2015 | 8:30 Uhr | SWR2

SWR2 Wissen Schamrot! Eine Kulturgeschichte der Peinlichkeit

Von Patrick Batarilo

Peinlichkeit und Scham werden in unserer auf Erfolg und Optimismus getrimmten Gesellschaft oft als Fluch empfunden - ein viel zu gut antrainierter moralischer Reflex, das Korsett unseres Über-Ichs. Peinlichkeit und Scham - weg damit. Aber was ist Peinlichkeit überhaupt, die eigene aber auch die der anderen - und wozu dient sie uns möglicherweise? Können Tiere sich schämen? Gibt es schamfreie Gesellschaften? Peinlichkeit und Scham begleiten Menschen auf der ganzen Welt ein Leben lang, nur wofür man sich schämt, das ist verschieden. In Japan soll man beim Essen schlürfen, in Deutschland ist das eher peinlich. Doch überall gilt: So unangenehm sie sein mögen, peinliche Momente sind für unsere Entwicklung wichtig.

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Jörg Wettlaufer arbeitet als Historiker für die Akademie der Wissenschaften in Göttingen, er forscht unter anderem zu Scham und Peinlichkeit. Kulturen, die frei von Schamgefühlen wären, sagt er, gibt es nicht – auch nicht in Afrika oder auf den Südseeinseln, zu denen die Entdecker vergangener Jahrhunderte sehnsuchtsvoll aufbrachen. Oft mit Bildern schamloser Völker im Kopf.

Scham und Selbstbild

Doch Peinlichkeit und Scham haben nichts mit der Herkunft, sondern mit dem Selbstbild zu tun – und dem Vergleich mit dem Fremdbild, dem Blick anderer Menschen auf uns. Erspart bleibt Peinlichkeit daher eigentlich nur einem einzigen Menschen-Typ – und zwar denen, die nicht imstande sind, sich selbst in den Augen der anderen vorzustellen.

Peinlichkeit ist also quasi ein anerkanntes Unterscheidungsmerkmal des Menschseins. Körperliche Zeichen, die der menschlichen Verlegenheit ähneln, gibt es allerdings durchaus auch bei Tieren. Etwa wenn das Tier den Blick abwendet oder sich klein macht. Auch tierische Haut kann sich rot verfärben. Bei den Primaten, etwa den Schimpansen, dient die "Proto-Scham", eine Art Vor- oder Urform der Scham, in diesem Sinne dazu, soziale Hierarchien zu festigen.

Schimpansen

Auch Schimpansen können rot werden.


Wer gehört dazu?

Aus evolutionsbiologischer Perspektive hat die Scham beim Menschen aber neben der Hierarchiebestätigung noch eine andere wichtigere Funktion angenommen. Die Scham dient der Anpassung des Einzelnen an die Gruppe, in der er lebt, und an die Maßstäbe, die in ihr gelten. Scham motiviert den Einzelnen dazu, mit seinen Mitmenschen zu kooperieren. Sie sorgt dafür, dass Menschen vorhersehbar handeln. Zumindest in der Regel.

Kinder, so zeigt die Säuglingsforschung, brauchen den Blick der Mutter fast mehr noch als ihre Brust. Das Kind will sich im Blick der Mutter spiegeln, etwas über sich selbst erfahren. Es will erleben, dass jemand anderes zuverlässig für es da ist, auf seine Bedürfnisse achtet und auf es reagiert. Es sucht nach dem „liebevoll spiegelnden Glanz im Auge der Eltern“, wie es der österreichisch-amerikanische Psychologe Heinz Kohut ausdrückt.

Trauriges Mädchen

Für Kinder ist es wichtig, ein Schamgefühl zu entwickeln.


Peinlichkeit – global

Peinlichkeit erzieht. Nicht nur in der Familie, auch in der Gesellschaft. Der französische Philosoph Henri Bergson hat eine ganze Theorie des Humors auf dieser Art des Lachens aufgebaut: Lachen im Dienst der sozialen Kontrolle, der belehrenden Erniedrigung vor aller Augen. Lachen als die Rache der Gesellschaft, wie Bergson schreibt. Denn in vielen Kulturen ist Zugehörigkeit zu einer Gruppe der wichtigste Wert.

In England vermeidet man das Auspacken von Geschenken vor anderen Leuten. Das wäre in Deutschland niemandem peinlich – der chinesische Umgang mit Geschenken dagegen vielleicht schon. Dort sollten auf jeden Fall die Preisschilder drauf bleiben. Man will schließlich zeigen, was man investiert hat!

In manchen afrikanischen Ländern fasst man sich während der Unterhaltung an den Händen oder verschränkt die Beine miteinander.

Tuareg

Für Tuareg-Männer wäre das Abnehmen des Gesichtsschleiers in der Öffentlichkeit eine Entblößung.


Spaß oder Verletzung der Persönlichkeit

Sollen wir den Teller leer essen – oder eben nicht? Das kann in Deutschland oder Frankreich zu Peinlichkeit führen – je nachdem, wofür der leere Teller steht: für peinliche Verfressenheit oder kulinarische Pflichterfüllung.

Dann ist da noch der Satz: Sie sind aber schön fett geworden! Zumindest in manchen asiatischen Ländern muss es Ihnen nicht peinlich sein, wenn Sie Ihr Gastgeber derart begrüßt. Es ist als Kompliment gedacht – in einer Gesellschaft, die Hunger noch kennt.

Im Internet bleiben Scham und Peinlichkeit heute erhalten – unabsehbar lange. Zum Beispiel in Portalen, wo man Menschen aus dem eigenen Umfeld denunzieren kann, von der Ex-Freundin bis zum vermeintlich gefährlichen Nachbarn, wie bei dem Portal "Rotten Neighbour". Oder auf Facebook, wenn dort Jugendliche zum Spaß Bilder hochladen, die ihre Freunde betrunken oder gar nackt zeigen. Das kann ernsthafte Konsequenzen bis hin zum Selbstmord nach sich ziehen.

Cybermobbing

Durch soziale Netzwerke bleiben beschämende Bilder unabsehbar lange erhalten.


Das Getriebensein der Moderne

So oft heute über die zunehmende Schamlosigkeit unserer Zeit geklagt wird – tatsächlich sind Scham und Peinlichkeit in unserer Gesellschaft so präsent wie eh und je. Nicht nur im Internet. Früher schämten sich die Menschen, weil sie die Erwartungen anderer nicht erfüllten – heute, weil sie ihre eigenen Erwartungen nicht erfüllen. Selbstoptimierung ist das Stichwort der Zeit.

Lebenslanges Lernen und Selbstverbessern birgt natürlich auch lebenslange Möglichkeiten, vor sich selbst und anderen zu versagen. Wo man sich früher schämte, weil man zu sehr mit sich selbst beschäftigt war, schämt man sich heute, weil man zu wenig mit sich beschäftigt ist – und es mal wieder nicht geschafft hat, Yoga, Zeit mit Freunden, Zeit allein, Sport, Liebe, Meditation, Opernbesuch und den eigenen Blog in zwei Stunden Feierabend unterzubringen.

Scham

Welche Ansprüche haben wir an uns selbst?


Scham macht menschlich

Wenn wir schon mit Scham und Peinlichkeit leben müssen – wie können wir lernen, möglichst gut mit den Schamgefühlen umzugehen?
Friedrich Nietzsche hat es einmal so gesagt: "Was ist dir das Menschlichste? – Jemandem Scham ersparen." Schaffen wir das auch gegenüber uns selbst?

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