Wie sich der Hörsinn immer neu erfindet
Sendung vom Montag, 31.10.2011 | 8.30 Uhr | SWR2
Von Jan Lublinski

Faszination am Rhythmus
Der Hörsinn ermöglicht eine komplexe Wahrnehmung: Geräusche, Melodien im Raum, ein Objekt, ein anderes Wesen, ein Klang. Das Gehirn nimmt alles auf, gleicht es mit dem Gedächtnis ab, verarbeitet, ergänzt fehlende Information, lernt Neues kennen, wiederholt, variiert. Ohren bieten Menschen wie Tieren Orientierung und sie sichern das Überleben.

Neueste Forschungen zeigen, dass besondere Prozesse im Gehirn ablaufen, wenn wir Musik hören. Bei Stücken, die wir besonders mögen, wird im Gehirn Dopamin ausgeschüttet. Das heißt: Das Gehirn reagiert auf den richtigen Rhythmus und die richtige Melodie genauso wie auf Nahrung, Sex oder Drogen. Bereits die Erwartung einer bestimmten Stelle in einem Lied verändert etwas in unserem Körper. Alte, aus der Evolution übertragene Prozesse kommen hier mit kognitiven Leistungen des modernen Menschen zusammen. Wer fühlen will, muss also hören. Und wer das Richtige hört, kriegt manchmal eine Gänsehaut.
Bis in die 90er-Jahre war unter Experten umstritten, ob Blinde wirklich besser hören als Sehende. Viele Fachleute vertraten die Ansicht, dass den Blinden mit dem Sehen eine wesentliche Orientierungshilfe fehle und dass darum ihr Hören nicht besser sein könne. Andere aber waren der Meinung, dass die Blinden den fehlenden Seh-Sinn kompensieren müssten, und dass sie deshalb besonders gut hören lernten. Vertreter der Kompensations-Hypothese lagen richtig: Insbesondere Menschen, die früh erblindet sind, entwickeln besondere Fähigkeiten beim Hören und auch beim Tastsinn.
Der Hörsinn wurde mehrfach entwickelt im Verlauf der Evolution, wie das Beispiel der Gottesanbeterin zeigt. Unter insgesamt 2000 verschiedenen Arten von Gottesanbeterinnen haben Forscher eine ganze Reihe verschiedener Hörsysteme ausgemacht. Manche haben ihr Ohr auf verhältnismäßig hohe Frequenzen spezialisiert. Andere haben gar kein Ohr, weil die Hör-Evolution komplett an ihnen vorbei gegangen ist. Wieder andere verfügen sogar über ein zweites Zentral-Ohr. Offenbar hat die Natur bei den Gottesanbeterinnen diverse Hörvarianten durchprobiert. Auch beim Menschen führt die Kombination alter, aus der Evolution übertragener Prozesse mit den heutigen kognitiven Leistungen zu einer reichen Erlebniswelt. Der Hörsinn trotzt allen Beschränkungen und Störungen. Er nutzt diese sogar – und ist so immer wieder offen für neues Erleben.
Letzte Änderung am: 31.10.2011, 10.55 Uhr