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Ein kleines Mädchen in einer Daunenjacke spielt mit Eimer und Schaufel auf einem Spieltplatz.

SENDETERMIN Mi, 3.2.2016 | 8:30 Uhr | SWR2

SWR2 Wissen Rätsel Autismus

Wie Kinder und junge Erwachsene Gefühle lernen

Autisten meiden soziale Kontakte, interpretieren Gefühle des Gegenübers falsch und bilden oft stereotype Verhaltensweisen sowie sehr spezielle Interessen aus. Unter dieser tiefgreifenden Entwicklungsstörung, die keine geistige Behinderung ist, leidet immerhin ein Prozent aller Kinder. Selten verschwindet Autismus im Erwachsenenalter.

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2004 wurde an der Freiburger Uni-Psychiatrie eine Autismus-Forschungsgruppe eingerichtet, die Ludger Tebartz van Elst leitet. Seit Forscher auch auf Autisten ohne Behinderung achten, finden sie weltweit in großen Untersuchungen immer mehr.

Viel mehr Autisten als gedacht

Ein Prozent der Menschen sind autistisch, glauben sie heute. Das sind zehn mal mehr, als noch vor einem Vierteljahrhundert für möglich gehalten wurde. Autisten werden auch immer früher erkannt. Schon bei Zweijährigen kann die Störung heute relativ verlässlich festgestellt werden.

Doch auch früher fielen die normal intelligenten Autisten irgendwann durchaus auf, sie wurden nur verkannt. Sie wurden als depressiv eingestuft, zu Zwangspatienten erklärt oder bekamen eine Persönlichkeitsstörung bescheinigt.

Grafik eines menschlichen Gehirns

Warum tun sich Autisten mit ganz normaler oder sogar hoher Intelligenz so schwer bei Kontakten mit anderen?

Tebartz van Elst glaubt, das fünf bis zehn Prozent der Borderline-Patientinnen auf Spezialstationen in Wirklichkeit Autistinnen sind. Die falschen Diagnosen aber führen zu falschen Behandlungen.

Von Stigmatisierung zu Verständnis

In der Alltagskommunikation führt es zu großen Problemen, wenn andere nicht erkennen, dass die Betroffenen Autisten sind. Im günstigsten Fall führt die richtige Diagnose deshalb nicht zu einer Stigmatisierung, sondern weckt Verständnis.

Warum aber tun sich selbst Autisten mit ganz normaler oder sogar hoher Intelligenz so schwer bei Kontakten mit anderen? Das ist vielleicht die Kernfrage und gleichzeitig das größte Rätsel des Autismus.

berührung

Viele Autisten mögen keine Berührungen, kein helles Licht und keine lauten Umgebungen

Die meisten Wissenschaftler, die zu Autismus forschen, sind mittlerweile überzeugt, dass sie es gelöst haben, zumindest ein Stück weit: Autisten fehlt eine Fähigkeit, die für das Zusammenleben von Menschen enorm wichtig ist.

Sich in jemanden hinein versetzen

Auch im Deutschen hat sich für sie ein englischer Begriff eingebürgert: Theory of mind – die Fähigkeit, bei jedem Kontakt in jedem Augenblick blitzschnell eine kleine Theorie darüber zu entwickeln, was im Kopf des Gegenübers vorgeht. Das führt dazu, dass einem Autisten oft nicht klar ist, dass andere etwas anders sehen als er, weil sie über andere Informationen verfügen.

Wer sich aber nicht vorstellen kann, warum andere so handeln, wie sie es tun, der gerät im Alltag in Schwierigkeiten. Das geht schon früh los. Wenn beispielsweise im Kindergarten alle Kleinen nach draußen dürfen und schnell an ihre Jacken kommen wollen, versteht ein Autist oft nicht, warum er im Gewühl auch mal angerempelt wird.

Junge sitzt vor Laptop und hält sich die Hände vor das Gesicht.

Warum fällt es Autisten so schwer, zu erfassen, was in anderen vorgeht? Es könnte damit zusammenhängen, wie ihr Gehirn funktioniert, vermuten viele Forscher heute

Damit das nicht passiert, hat die Kinder- und Jugend-Psychiatrie der Universität Freiburg das Programm TOMTASS entwickelt. Die letzten drei Buchstaben A, S, und S stehen für Autismusspektrum-Störungen – Fachleute reden nicht einfach von Autismus, da er in verschiedenen Ausprägungen auftritt - die drei ersten Buchstaben T, O, M stehen für Theory of mind.

Hausaufgaben für Autisten

Diese Fähigkeit wird mit acht- bis 16-jährigen Autisten in kleinen Gruppen trainiert. Studien haben allerdings gezeigt, dass autistische Kinder das, was sie in solchen Trainings lernen, nicht automatisch auch im Alltag anwenden können. Deshalb bringt das Freiburger Team den Eltern in einem speziellen Training bei, auch im Alltag kleine Theory of mind-Übungen mit ihren Kindern zu machen.

Warum fällt es Autisten so schwer, zu erfassen, was in anderen vorgeht? Es könnte damit zusammenhängen, wie ihr Gehirn funktioniert, vermuten viele Forscher heute. Die einzelnen Regionen arbeiten weniger zusammen als bei anderen Menschen. Sie sind wohl auch durch weniger Nervenbahnen miteinander verbunden.

Bewerber mit Autismus baut beim Softwarehersteller SAP an einem Lego-Roboter zusammen

Bewerber mit Autismus baut beim Softwarehersteller SAP (Walldorf) an einem Lego-Roboter

Das macht keine Probleme bei Aufgaben, die eine einzelne Gehirnregion gut alleine lösen kann. Da kann es sogar von Vorteil sein. Autisten sind oft sehr gut darin, Details schnell und genau zu erfassen. Menschliche Kontakte klappen aber nur, wenn viele Gehirnregionen nahtlos zusammenarbeiten, ist Tebartz van Elst überzeugt.

Intensive Welt statt mangelnde Fähigkeit

Allerdings glauben nicht alle Wissenschaftler, dass die sozialen und anderen Probleme der Autisten daher kommen, dass verschiedene Gehirnregionen nicht gut zusammenarbeiten.

Viel diskutiert wird die Intensive-Welt-Theorie, die Henry und Kamila Markram verfechten. Er ist Chef des von der Europäischen Union mit über einer Milliarde Euro geförderten Projekts zur Erforschung des Gehirns, beide sind Autismusforscher.

Kinderauge

Eine weitere Theorie: Autisten nehmen die Welt viel intensiver wahr, weil Nervenschaltkreise ihres Gehirns extrem stark auf Reize von außen reagieren

Die beiden kümmern sich um seinen autistischen Sohn. Sie sind überzeugt: Autisten nehmen die Welt viel intensiver wahr, weil Nervenschaltkreise ihres Gehirns extrem stark auf Reize von außen reagieren.

Beruhigende Wiederholungen

Soziale Situationen überfordern Autisten demnach, weil sie mit besonders vielen Reizen verbunden sind. Die Theorie erklärt auch, warum viele Autisten helles Licht und laute Umgebungen gar nicht mögen. Berührungen kommen oft ebenfalls schlecht an.

Angst vor intensiven Erfahrungen machen die Markrams auch dafür verantwortlich, dass autistische Kinder lieber immer wieder das gleiche machen, statt sich mit etwas Neuem auseinanderzusetzen. Autismus-Experten wie die Psychiatrie-Professorin Christine Freitag von der Universität Frankfurt kennen das Phänomen.

Misshandlungs-Vorwürfe gegen Kindertagesstätte

In den USA werden autistische Kinder bis zu vierzig Stunden in der Woche trainiert, in Deutschland sei das nicht finanzierbar

Die Markrams sind so von ihrer Intensive-Welt-Theorie überzeugt, dass sie fordern, autistische Kinder anders zu behandeln als bisher. Dann könnten sie zu "wirklich fähigen und hoch begabten" Menschen heranwachsen. Dazu dürfe man sie aber nicht in intensiven Lernprogrammen fördern, sondern müsse sie mehr in Ruhe lassen, damit sie nicht von zu vielen Reizen überfordert werden.

Autismus in Genen

Andere Experten halten diesen Rat für gefährlich. Sie verweisen auf das Schicksal der Kinder, die in rumänischen Waisenheimen sich selbst überlassen wurden und dadurch schwere Entwicklungsstörungen erlitten. Was wenn die Theorie doch nicht stimmt?

Die besondere Gehirnentwicklung von Autisten fängt mit den Genen an. Das zeigt sich immer klarer, seit Forschergruppen wie die von Christine Freitag das Erbgut von Patienten analysieren und darin nach Änderungen suchen, die von oft nur leicht betroffenen Eltern übernommen wurden oder als Mutationen neu aufgetreten sind.

Durch einen Trichter fallen Pillen in ein Gehirn

Die bisherigen Studien liefern widersprüchliche Resultate, aber im Jahr 2015 verbesserte Oxytocin in einem ersten kontrollierten Versuch das Sozialverhalten von sechsjährigen Autisten

Wenn biologische Veränderungen im Gehirn Autismus verursachen, liegt es nahe, ihn mit Medikamenten zu behandeln. Forscher haben das immer wieder versucht, zum Beispiel mit der Substanz Arbaclofen. Ein zehnjähriger amerikanischer Junge namens Parker erhielt sie in einer Studie.

Viele Studien, wenig Ergebnisse

Seine Mutter war glücklich, dass er zum ersten Mal "Ich liebe dich" zu ihr sagte, statt sie zu beißen und zu schlagen. Doch das war vielleicht Zufall. Unter dem Strich half das Mittel in der Studie nicht und die verantwortliche Pharmafirma gab die Entwicklung im Jahr 2013 auf. So ähnlich erging es etlichen Kandidaten an Studien.

Noch nicht gescheitert ist das als Bindungshormon bekannte Oxytocin, das sich problemlos als Nasenspray verabreichen lässt. Die bisherigen Studien liefern widersprüchliche Resultate, aber im Jahr 2015 verbesserte es in einem ersten kontrollierten Versuch das Sozialverhalten von sechsjährigen Autisten.

Als Routinebehandlung lässt sich Oxytocin aber erst einmal nicht empfehlen. So besteht die Hilfe für Autisten weiter aus pädagogischen und psychologischen Programmen wie dem TOMTASS in Freiburg.

Ein ganz anderer Aufwand in den USA

Therapieprogramme, die wirklich Erfolge nachweisen können, waren lange extrem aufwendig. In den USA werden autistische Kinder bis zu vierzig Stunden in der Woche trainiert. In Deutschland wäre das nicht finanzierbar.

Im Frankfurter Frühinterventionsprogramm werden Vorschulkinder zwei Stunden in der Woche und Schulkinder für eine Stunde pro Woche betreut. Das Programm ist auf drei Jahre angelegt. Die Therapie ist intensiv.

Am Anfang kümmern sich zwei Therapeutinnen um ein Kind. Eine stellt ihm eine Aufgabe, die andere steht hinter ihm und unterstützt es. Später kümmern sich zwei Therapeutinnen um maximal drei Kinder. Auch wenn der Aufwand damit immer noch nicht so hoch ist wie in den USA – das Programm hilft.

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