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Jugendlicher am Boden zerstört

SENDETERMIN Sa, 4.7.2015 | 8:30 Uhr | SWR2

SWR2 Wissen: Radio Akademie Roboterethik – Darf uns Technik beherrschen?

Aus der 12-teiligen Reihe: "Die Grenzen des Erlaubten" (10)

Die Zugansagen am Bahnsteig hat eine Retortenstimme übernommen, eine eiserne Lady aus dem Computer begleitet uns durch Telefon-Schleifen und Navi-Menus – und immer häufiger versteht sie tatsächlich, was wir wollen. Wir beginnen, Maschinen als Kommunikationspartner zu akzeptieren. Doch welche Folgen hat das?

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Technik soll dem Menschen dienen. Auf diese einfache Formel können wir uns über alle Kulturen hinweg schnell verständigen. Und sie ist durch Erfahrung gedeckt: Der Mähdrescher hat die Knochenarbeit mit Sense, Sichel und Dreschflegel ersetzt, der Elektroherd den verräucherten Feuerplatz, und das Flugzeug die Qual mehrwöchiger Schiffsreisen.

Orientierung verlieren

Auch neue, elektronisch gesteuerte Technik macht unser Leben leichter und bequemer, sie ist uns dabei allerdings zunehmend überlegen – und lässt sich nicht mehr abschalten.

Mann bedient mobiles Navigationsgerät im Auto

Aus unseren Datenspuren entsteht ein virtuelles Abbild, das unsere Vorlieben und Wünsche erkennt, bevor wir sie selber spüren

Weil uns das Navi in fremder Umgebung sicherer ans Ziel bringt, verlieren wir unseren Orientierungssinn.
Roboter fahren besser Auto und erledigen Montagearbeiten zuverlässiger als wir. Aus unseren Datenspuren entsteht ein virtuelles Abbild, das unsere Vorlieben und Wünsche erkennt, bevor wir sie selber spüren. Verschwimmt die Grenze zwischen Mensch und Maschine? Werden wir von Technik beherrscht? Und dürfen wir das zulassen? Weltweit wird darüber nachgedacht.

Fahrrad-Navis

Weil uns das Navi in fremder Umgebung sicherer ans Ziel bringt, verlieren wir unseren Orientierungssinn

Japan, China, Südkorea – es sind diese drei Länder Ostasiens, die die Elektronikmärkte der Welt mit modernster Technik versorgen. In riesigen Industrieparks entstehen all die intelligenten Fernseher, bunten Smartphones und flinken Tablet-Computer, die auch in deutschen Haushalten überall zu finden sind. Erstaunlich, dass das so reibungslos klappt, denn den Ingenieuren, die die elektronischen Geräte entwerfen und herstellen, ist deutsche Technikskepsis völlig fremd.

Technikkritik in Japan

Der Philosoph Kojiro Honda ist an der Erarbeitung einer japanischen Charta für Roboterethik beteiligt. Es ist ein mühseliger Prozess, denn Technikkritik hat keine Tradition in seinem Land. Und technische Geräte werden wie Lebewesen geschätzt.

Roboter erobern den Operationssaal

Roboter bei der Arbeit im Operationssaal

Die Berliner Japanologin Cosima Wagner ist der Frage nachgegangen, warum technische Neuerungen in Ostasien viel positiver wahrgenommen werden als im alten Europa. „Robotopia nipponica – Recherchen zur Akzeptanz von Robotern in Japan“ heißt ihre Doktorarbeit.
Großes Vorbild der japanischen Robotikingenieure ist Astroboy, der sympathische Roboterjunge aus den vor 50 Jahren erstmals erschienenen Mangas des Zeichners Osamu Tezuka. Mit Superheldenkraft kämpft er für das Gute und den Frieden.

Oh Astroboy!

In den Interviews mit Cosima Wagner kamen die Ingenieure immer wieder auf Astroboy zu sprechen. Selbst bei der Beantragung von Forschungsgeldern nahmen sie Bezug auf die Comicfigur. Das hat Folgen für die Politik. Dass künstliche Intelligenz, Elektronik und Robotik ein Segen für die Menschen sind, wird in Japans Ethik-Debatten vorausgesetzt.

Ganz anders in Deutschland. Hierzulande stößt ein Roboter, der sich autonom im öffentlichen Leben bewegt, erst einmal auf Skepsis, wenn nicht gar auf Ablehnung.

Roboter Myon

Myon ist ein humanoider Roboter, der am Forschungslabor Neurorobotik der Beuth Hochschule für Technik Berlin entwickelt wird, er wird zur Erforschung adaptiver Verhaltensweisen eingesetzt, das heißt, der Roboter soll aus Umwelteindrücken lernen und sein Verhalten entsprechend anpassen

Erst wenn die Unbedenklichkeit einer Technik nachgewiesen ist, darf sie eingeführt werden. Auch wenn es in der Praxis keineswegs immer berücksichtigt wird – zumindest theoretisch gehört dieses sogenannte Vorsorgeprinzip zum Kern europäischen Rechtsempfindens.

Nie müde

Roboter sind gut in Dingen, in denen Menschen schlecht sind: Sie rechnen schneller als jedes Mathegenie, werden nie müde und vergessen nichts. Aber Roboter sind noch immer sehr schlecht in Dingen, die schon Kleinkindern leichtfallen, insbesondere fehlt ihnen jede Intuition, jedes Bauchgefühl, aus dem heraus Menschen ihre Entscheidungen treffen. Computer haben kein Weltwissen. Sobald sie den definierten Raum verlassen, für den sie programmiert wurden, sind sie verloren.

Die Gefahr, dass sich Roboter und andere technische Systeme selbständig machen und die Menschheit unterwerfen, scheint unrealistisch – oder zumindest noch Jahrzehnte entfernt. Doch in der Science Fiction-Literatur ist sie schon lange präsent. 1942 hat Isaac Asimov in seiner Erzählung Runaround drei Gesetze formuliert, die Technikentwickler berücksichtigen sollen.

Roboter-Staubsauger

Bereits vielfach im Einsatz: Der automatische Robotsauger

Aus den Asimovschen Gesetzen leitet sich eine zentrale Forderung an die Technikentwicklung ab: Der Knopf zum Ausschalten. Für komplexe vernetzte Systeme wie das Internet oder die Flugüberwachung gilt das allerdings nicht. Würden sie einfach abgeschaltet, hätte das unübersehbare Folgen. In Beruf und Freizeit sind wir zunehmend von ihnen abhängig; always on ist für Computer- und Handynutzer zum Normalzustand geworden.

Tanzende Scheibenwischer

Auch auf der Erfindermesse in Tokio bringt Technik die Menschen zusammen. Besonders lustig geht es am Stand der Aizu-Universität zu. Ein Auto ist dort ausgestellt, Popmusik tönt aus dem Radio und wer genau hinsieht, stellt überrascht fest, dass die beiden Scheibenwischer hinter dem Armaturenbrett genau im Rhythmus der Musik über die Scheibe tanzen. Rasika Ranawida hat das System programmiert.

Die Unbefangenheit, mit der sich die jungen Informatiker und Ingenieure über ihre Ideen freuen, hat allerdings auch in Japan erste Kratzer bekommen. Denn im Alltag erweist sich die Robotertechnik als weit weniger hilfreich und freundlich als in Laboren, Messen und Mangas versprochen wird.

Eine Computeranimation zeigt, wie von einem Rechenzentrum aus den USA über Ramstein Drohnen über Afghanistan gesteuert werden.

Ramstein als Relaisstation für die Drohnen-Steuerung, die Kriegsroboter der Gegenwart

Doch das mit Abstand meiste Geld für die Entwicklung robotischer Systeme kommt aus dem US-amerikanischen Militäretat. Die damit gebauten Kampfmaschinen, Raketen und Drohnen heißen Big Dog, Predator oder Reaper – großer Hund, Raubtier oder Sensenmann. Wen sie töten, wird an einem Computer im sicheren Hauptquartier festgelegt, den dreckigen Rest erledigen sie weitgehend selbstständig.

Saubere Tötungsmaschinen

Zivile Robotik-Experten wollen damit partout nichts zu tun haben – weder in Deutschland noch in Japan. Doch diese Abgrenzung droht zur einfachen Antwort auf die Frage nach den ethisch vertretbaren Grenzen der neuen Technik zu werden.

Für kurze Zeit schien es, als habe die Atomkatastrophe von Fukushima den ostasiatischen Glauben an das Gute der Technik erschüttert. Doch auch heute noch ist zivile Technikkritik in Korea und China fast gar nicht und in Japan wenig verbreitet. Ein Zustand, der dringend verändert werden muss, meint der Philosoph Kojiro Honda. Als Philosoph weiß er, dass Wissenschaft immer zwei Gesichter hat.

Prof. Catherine Disselhorst-Klug bringt dem  Roboterarm eine Alltagsbewegung bei.

Prof. Catherine Disselhorst-Klug, Leiterin des Lehr- und Forschungsgebiets Rehabilitations- und Präventionstechnik in Aachen, bringt dem Roboterarm eine Alltagsbewegung bei, die später bei der Pflege eingesetzt werden kann

Welche Technik wir haben und wie viel Einfluss wir ihr zugestehen wollen – diese Entscheidung müssen wir am Ende selber treffen, als einzelne und als Gesellschaft. Doch das können wir nur tun – und auch das ist eine Erkenntnis der Roboterethik – wenn Technik als Technik erkennbar bleibt, wenn wir also stets wissen, ob wir mit einem Menschen oder einer Software kommunizieren.

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Sa, 4.7.2015 | 8:30 Uhr

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