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Crowdsurfing

SENDETERMIN Sa, 16.7.2016 | 8:30 Uhr | SWR2

SWR2 Wissen: Radio Akademie Die Utopie vom Teilen

Aus der 12-teiligen Reihe: "Die teilende Gesellschaft" (11)

Egoismus und Wachstumswahn sind überwunden. Die Menschen tauschen und kooperieren ohne Verlangen nach Profit. So klingt der Traum von der wahrhaft teilenden Gesellschaft. Für die einen ist er eine reine Utopie, die sich höchstens in kleinen Nischen der kapitalistischen Gesellschaft verwirklichen lasse. Andere glauben, dass die Idee den Gang der Geschichte verändern könnte. Wie aber soll diese friedliche Revolution vonstattengehen? Welche Ökonomie und welche Eigentumsformen wären nötig und wie viel Verzicht im Tausch für ein neues "gutes Leben"?

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Kritiker meinen, die Beharrungskräfte des kapitalistischen Profit- und Konkurrenzprinzips werden gewaltig unterschätzt. Aber dennoch verleiht die Idee offenbar einer verbreiteten Sehnsucht Ausdruck. Denn Menschen in Deutschland arbeiten längst an dieser Utopie einer teilenden Gesellschaft.

Andris wohnt in einem alleinstehenden Haus mit Blick über den Berliner Urbanhafen. Er trägt Zeitungen aus und war bis vor Kurzem wohnungslos. Jetzt wohnt er im Luxus, denn sein Anwesen erfüllt alle Bedürfnisse. Er wohnt auf fünf Quadratmetern, verfügt über ein WohnEsszimmerKüchen-Bad und ein Schlafzimmer mit Fensterfront.

Das Unreal Estate House, in dem er schläft, isst und liest, gehört Adris nicht. Den Bau des Hauses haben viele Menschen finanziert. Die fünf Quadratmeter gehören ihnen alle zusammen. Van Bo Le-Mentzel gefällt das: nichts besitzen, alles teilen. Er hat das Unreal Estate House entworfen und die 3.000 Euro Materialkosten via Crowdfunding eingetrieben.

Träume vom Teilen

Was motiviert diejenigen, die nicht nur teilen wollen, um Geld zu sparen oder Geld zu verdienen, wie beim Carsharing, beim Taxiportal Uber oder dem Zimmervermittlungsportal Airbnb? Sondern die sich dem Gewinntrend prinzipiell verweigern und eine andere Gesellschaft wollen?

Männer und Frauen pflücken Weintrauben.

KSK-Vinage Winery - Weinmachen zum mitmachen: 2 Winzer aus Stuttgart-Rohracker mit 10 Jahren Erfahrung im Weinbau bieten eine sogenannte "crowd-production" an - jeder kann mitmachen!

Van Bo Le-Mentzel ist Architekt und mittlerweile auch Möbeldesigner und engagierter Wirtschaftskritiker. Mit Möbeln fing 2010 alles an. Der junge Mann hatte kaum Geld, aber wollte seiner Freundin ein schönes Regal schenken. Also lernte er in einem Volkshochschulkurs das Tischlern und baute sein erstes Holzmöbel. Das gefiel.

Er entwarf weitere Stücke frei nach Bauhausvorbild, darunter den vielseitig einsetzbaren Berliner Hocker zu zehn Euro Materialwert und den gemütlichen 24-Euro-Chair – Möbel, die sich alle leisten können, Hartz-IV-Möbel genannt. Die Baupläne stellte der Designer kostenfrei ins Internet.

Ökonomische Not als Triebfeder

Klaus Dörre ist Professor für Soziologie an der Universität Jena und einer der Leiter des dort angesiedelten Forscherkollegs "Postwachstumsgesellschaften", das von der Deutschen Forschungsgemeinschaft gefördert wird.

Person schiebt ihren Einkaufswagen durch die Gänge eines Supermarktes.

Kritiker meinen, die Beharrungskräfte des kapitalistischen Profit- und Konkurrenzprinzips werden unterschätzt- trotzdem herrscht Überdruss statt Überfluss

Überdruss an der Überfluss-, Konkurrenz- und Leistungsgesellschaft, das ist für Klaus Dörre ein wichtiges Motiv für die Suche nach einer teilenden Gesellschaft. Aber er sieht noch ein zweites, ganz anders geartetes Motiv, das mit der anhaltenden ökonomische Krise und der damit einhergehenden Not verbunden ist.

Im ökonomisch darniederliegenden Griechenland tauschen und teilen Menschen nicht nur ärztliche Leistungen, sondern auch Wohnplätze oder Lebensmittel. Auch Mangel und Not können die Wurzel utopischen Denkens sein.

Wer ist dabei?

Es gibt die unterschiedlichsten Motive, sich für eine wahrhaft teilende Gesellschaft einzusetzen. Aber wie viele Menschen sind in der Bundesrepublik Deutschland tatsächlich von diesem Trend erfasst? Harald Heinrichs, Professor für Nachhaltigkeit und Politik an der Universität Lüneburg, hat dazu mit 1.000 Bundesbürgern eine repräsentative Umfrage durchgeführt.

Der Crowd Out-Chor bei einer Aufführung vor der Berliner Philharmonie im Juni 2014

Die bittere Wahrheit für diejenigen, die an die Utopie einer teilenden Gesellschaft glauben: Nur eine Minderheit ist bereit, sich aktiv und strategisch für eine neue Gesellschaft einzusetzen

Das erste, ernüchternde Ergebnis der Studie aus dem Jahr 2012: Mehr als die Hälfte der Befragten, nämlich 55 Prozent, hatte kein Interesse am Teilen, weder in gesellschaftskritischer noch in kommerzieller Hinsicht. Aber die andere knappe Hälfte eben doch. Und unter denen unterscheidet Harald Heinrichs zwei Gruppen.

Die eine bildet die Hauptzielgruppe der Sharing Economy, ein knappes Viertel in Deutschland, und wünscht sich Abwechslungsreichtum und Nachhaltigkeit. Die andere Gruppe wird als Konsumpragmatiker bezeichnet, jenen geht es lediglich um Vergünstigungen und zusätzliche Erwerbsmöglichkeiten.

Was können Minderheiten bewegen?

Die bittere Wahrheit für diejenigen, die an die Utopie einer teilenden Gesellschaft glauben, lautet allerdings nach Harald Heinrichs: Von den 25 Prozent, die nicht aus finanziellen Gründen teilen, ist nur eine Minderheit bereit, sich aktiv und strategisch für eine neue Gesellschaft einzusetzen.

lange grüne Zahl 7.527974,87 Euro auf weißem Grund

Die Marke Chucks gehört zum Sportartikelhersteller Nike, und der produziert bei weitem nicht so fair, wie der Berliner Le-Mentzel es gern hätte - also startet er eine eigene Produktion über startnext

Bis heute haben Alt-und Neuheimwerker Van Bo Le-Mentzels Bauanleitungen gut 20.000-mal von seinem Blog heruntergeladen. Ein Viertel von ihnen lebt in prekären Verhältnissen, schätzt der Open-Source-Fan, genau wie er zu Beginn des Möbelprojekts. Er beobachtet gern, wie sich die Möbelstücke durch die Ideen anderer wandeln. Die neuesten Kreationen schickt er sofort hinaus in die Crowd.

Kann eine Minderheit die Gesellschaft verändern? Für Klaus Dörre, den marxistisch geprägten Soziologen aus Jena, könnten eher die Krise und die Not eine solche Entwicklung begünstigen. Er verweist neben Griechenland noch auf andere arme Länder, in denen Menschen Gesundheitsleistungen, Wohnungen oder Nahrungsmittel miteinander teilen: in einer solidarischen Ökonomie.

Gutes Karma von Produkten

Klaus Dörre glaubt jedoch nicht an die Idee von Jeremy Rifkin, dem gedanklichen Vorreiter, dass die ökonomische Entwicklung des Kapitalismus von selbst auf eine Gesellschaft des kooperativen Teilens hintreibt. Der Kapitalismus lebe gerade davon, sich alternative Ideen einzuverleiben und dem Gewinnstreben zu unterwerfen.

im Vordergrund einige Laiber Brot, im Hintergrund Menschen die in einer Schlange anstehen

Kann eine Minderheit die Gesellschaft verändern? Forscher meinen, dass vor allem Krisen und Not eine solche Entwicklung begünstigen könnten

Dagegen helfe nur eine soziale Bewegung mit gemeinsamen Werten, die neue Formen des Eigentums und der Produktion hervorbringt und unterstützt. Was aber, wenn ein solches Netzwerk nicht existiert – wie heute. Kann man da immer noch von der Veränderung des kapitalistischen Systems träumen?

Van Bo Le-Mentzel liebt Chucks, das legendäre Basketballschuhmodell. Allerdings gehört die Marke zum Sportartikelhersteller Nike, und der produziert bei weitem nicht so fair, wie Le-Mentzel es gern hätte. Also machte der Berliner sich selbst daran, eine Herstellung loszutreten, die ökologisch unbedenkliche Materialien verwendet und die Arbeiterinnen gerecht entlohnt.

Über die Crowdfunding-Webseite startnext fand er genügend Leute, die die Karma Chakhs, wie er sein Alternativmodell getauft hatte, finanzieren wollten. Deshalb habe er die Produktion auch nicht allein organisiert, sagt Le-Mentzel, "das hat die Crowd gemacht".

Die Karma Chakhs kommen frei von Gewinnerwartungen zu denen, die sie haben wollen – aber mit deren Hilfe. "Man könnte sagen, ich leite eine globale Möbel- und Schuhfabrik" beschreibt Le-Mentzel lachend seine Rolle. Aber darum ginge es nicht. Vielmehr darum, dass Wirtschaften gutes Karma bringt.

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